Donnerstag, 11. November 2021

Was bleibt? - Stefan Bollinger zur DDR, jW

 

Entnommen: https://www.jungewelt.de/artikel/414183.sozialismus-was-bleibt.html


SOZIALISMUS

WAS BLEIBT?


Die DDR in der deutschen Geschichte – Leerstellen, Irrwege, Anregungen
Von Stefan Bollinger


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imago/Gueffroy

Vielleicht sollten wir es mit dem großen französischen Historiker Marc Bloch halten: »Angesichts der Gegenwart befinden wir uns immer ein wenig in der Situation jenes Chemikers, der ein Experiment protokollieren soll, dessen letzte Reaktion noch gar nicht stattgefunden hat. Trotz all dieser Schwierigkeiten (…) können wir nur durch eine Untersuchung der Vergangenheit zu einer Analyse der (gegenwärtigen) Gesellschaft gelangen.«¹


Hier kann es um keine Ehrenrettung für die DDR gehen. Sie hat das nicht nötig. Aber sie bedarf einer nüchternen, kritischen, in die historischen Zeitläufe, Konflikte und Moden ihrer Zeit hineinpassende Analyse. Natürlich stellt jede Generation – mit ihren Erfahrungen und Einsichten, ihrem Wissen und ihren Vorurteilen – ihre Fragen.

Fremdbestimmte Episode
Für die »Sieger der Geschichte« ist es einfach, den praktizierten Sozialismus zu verdammen, weil sie mit den Angriffen auf das heilige Eigentum, auf die Macht und Privilegien der herrschenden Klassen nichts gemein haben. Der heutige Mainstream hat klare Prämissen:

– Eine sozialistische Perspektive in Deutschland war und ist inakzeptabel für Kapitaleigentümer und herrschende Eliten; ehrlicherweise bestimmte diese Frage (und seltener die, welcher Sozialismus es denn sein sollte) die Frontstellungen deutscher Nachkriegsgeschichte.

– Der ewige Drang nach der Einheit habe Handeln, Denken und Fühlen der Ost- wie Westdeutschen bestimmt, die Teilung war nur eine Episode der Fremdbestimmung.

– Trotz aller Relativierungen wird die Auseinandersetzung mit den »zwei Diktaturen auf deutschem Boden« gepflegt, totalitarismustheorisch der »verordnete Antifaschismus« der DDR abgewertet.

Wir reden über einen Staat, der vor gut drei Jahrzehnten beseitigt wurde und der viereinhalb Jahrzehnte existierte. Er ist beileibe keine »Fußnote in der Weltgeschichte«, wie Stefan Heym befürchtete. Seine Nachwehen sind allgegenwärtig, bestimmen in der einen oder anderen Weise bis heute soziale Spannungen und politische Weichenstellungen. Die DDR ist heute vorrangig aus zwei Gründen nicht in der historischen Versenkung verschwunden: erstens, weil die jüngeren politischen Entwicklungen zeigen, dass ein beachtlicher Teil der Wähler im Osten zu Tabubrüchen bereit ist und mehr oder minder stramm rechts jenseits des akzeptierten Konservatismus wählt; und zweitens, und damit zusammenhängend, weil sich der realsozialistische Staat im Zuge seiner Abwicklung und Transformation weder spurlos in einer westdeutsch definierten Erfolgsgeschichte aufgelöst hat noch aus den Erinnerungen der Ostdeutschen gelöscht ist.

Damit geht es der DDR anders als dem Sozialismus in Osteuropa, der von den heute dort herrschenden Eliten in der eigenen Nationalgeschichte versenkt worden ist. Der Sozialismus erscheint dort oft genug lediglich als eine Art fortgesetzte Okkupationsgeschichte im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg und die deutsch-faschistische Besatzung, die 1989/90 endlich beendet wurde.

Gemeinsamkeiten und Widersprüche
Kritische Historiker mögen sich zurücklehnen und gemeinsam mit Politikwissenschaftlern und Soziologen einfach die Lage analysieren. Ein genauerer Blick zeigt aber, dass es um die Menschen geht, die DDR, »Wende« und anschließende Transformation erlebt haben, nicht um eine gerechtere Bewertung der DDR in der deutschen Geschichte. Aleida Assmann, eine Kennerin der Vergangenheitspolitik, hat recht: Die westdeutsch dominierte »Wiedervereinigung« hatte Folgen. »Während die Revolution dem Osten gehörte, gehört die Wiedervereinigung dem Westen. Ab jetzt wird wieder von oben gehandelt und verordnet. Der Beitritt der DDR ist ein Verwaltungsakt. Dafür steht symbolisch der 3. Oktober, der kein historisches, sondern ein geschäftsmäßiges Datum ist. Mit dem Beitritt war die Wende gewendet und ihr Ende besiegelt. (…) Die Kolonisierung des Ostens durch den Westen geschah nicht nur durch Akte wie die Einführung der D-Mark, die Privatisierung von Kollektivbesitz durch die Treuhand oder den Elitentransfer von West nach Ost. (…) Die Geschichte der Wende wurde in der Sprache der Sieger erzählt und verbreitet.«² Genauer, die Enteignung des Versuchs einer demokratisch-sozialistischen Revolution für eine neue, aber sozialistische, demokratische und souveräne DDR wurde und wird auf die ganze Geschichte dieses anderen Deutschlands ausgedehnt.

Das jahrzehntelange Geschwätz von der »Einheit der Nation«, der anzustrebenden »Wiedervereinigung«, um »in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden«, wie es im Grundgesetz von 1949 heißt, war letztlich immer Tarnung für die allein der Bundesrepublik zustehende Befreiung des »kommunistischen« Teils Deutschlands. Den Vergesslichen sei die klare Ansage des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer ins Stammbuch geschrieben: »Die Bundesregierung unterstützt jederzeit und mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln den Willen der Bevölkerung in der Sowjetzone nach Befreiung von dem kommunistischen Joch der Sozialistischen Einheitspartei (…) und nach einer wahrhaft demokratischen Vertretung. Die Wühlarbeit des Kommunismus in der Bundesrepublik wird sie energisch unterbinden.« Dieser Kernsatz der Regierungserklärung vom 14. September 1950 löste »lebhafte(n) Beifall auf allen Seiten des Hauses mit Ausnahme der KPD« aus.³ In den folgenden Jahrzehnten wurde mit beiden Aufgabenstellungen so Ernst gemacht, wie es das internationale Kräfteverhältnis zuließ: Wiederbewaffnung, Westintegration, Propaganda- und Geheimdienstkrieg, KPD- und Berufsverbot.

Erst die Kuba- und die Berlin-Krise 1961 und 1962 machten Washington vorsichtiger. Die SPD begriff dies und ihr Vorstoß zu einer »neuen Ostpolitik« weichte diese unerbittliche Frontstellung auf. Willy Brandt wollte, so sein Anspruch beim Regierungsantritt 1969, »ein weiteres Auseinanderleben der deutschen Nation verhindern, also versuchen, über ein geregeltes Nebeneinander zu einem Miteinander zu kommen«.⁴ Die »Kulturnation« sollte das einigende Band zwischen BRD und DDR sein, rückversichert in gemeinsamer Sprache und Geschichte.

Nur Repression und Mauer
Die Zeiten haben sich zweifellos geändert. Heute besteht kein Bedarf mehr, mit der DDR ins Gespräch zu kommen und sich der gesamtdeutschen Gefühle und Verbindungen zu versichern. Die DDR steht in den meisten Geschichtsdarstellungen heute nur noch für Repression und Mauer. Deutschland konnte in seiner Geschichte – bei allen Irrtümern und blutigen Konflikten – nur dem Westen verpflichtet sein, der für Heinrich August Winkler unausgesprochen zwangsläufig mit dem Kapitalismus verbunden war und ein Hort der Menschenrechte sei.⁵ Auch wenn Winkler die DDR bekannt ist – bei ihm wie bei vielen Kollegen seiner Zunft ist die DDR lediglich die Folie, von der sich die westdeutsche und seit 1990 gesamtdeutsche Erfolgsgeschichte leuchtend und nur mit wenigen Makeln behaftet abhebt. Der Anspruch, gar die Notwendigkeit einer linken, radikalen sozialistischen Abkehr von der kapitalistischen Entwicklungslogik, die in zwei von Deutschland wesentlich ausgehenden Weltkriegen, in eine faschistische Diktatur über das eigene Volk sowie die Völker Europas, in Mord und Völkermord an Juden, Sinti und Roma, Slawen, »Lebensunwerten« gipfelte, bleibt unverstanden oder wird zur machtpolitischen Fassade einer kommunistischen Diktatur degradiert. Der Westen, so Edgar Wolfrum, ist geadelt durch eine »geglückte Demokratie«.⁶

Zur Ehrenrettung der Historikerzunft sei auf die Einsicht des Freiburger Historikers Ulrich Herbert verwiesen, der trotz aller Kritik am DDR-Sozialismus dessen Platz in der deutschen Geschichte zutreffend verortet: »Der Aufbau des Sozialismus in der DDR war nicht allein ein Element der Ausdehnungs- und Stabilisierungspolitik der Sowjetunion im Kalten Krieg. In der Perspektive der deutschen Kommunisten erfüllte sich damit eine Hoffnung der Menschheit ebenso wie eine Gesetzmäßigkeit der Geschichte, und nur vor diesem Hintergrund ist die Entwicklung der DDR verständlich.« Politische Macht der Arbeiterklasse respektive ihrer Partei, die Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln und die Erziehung eines neuen Menschen sollten in einem Prozess des Klassenkampfes zu einer sozialistischen Gesellschaft führen. Vor diesem Hintergrund könne man die »Perspektive überzeugter Kommunisten im Jahre 1949/50 vor Augen haben, um die zahlreichen Widersprüche und Enttäuschungen, aber auch den zukunftssicheren Enthusiasmus und den Fanatismus der Anhänger und Kader der kommunistischen Bewegung in der DDR nachvollziehen zu können.«⁷

Eine Durchsicht der historischen Arbeiten über die Zeit zwischen 1945 und 1990 lässt den Blick auf eine gemeinsame Geschichte vermissen. Im Kontext von »neuer Ostpolitik« und widersprüchlicher Erfahrung des Kalten Kriegs der 1960er Jahre unter dem nuklearen Damoklesschwert gab es indes durchaus Ansätze des Umdenkens. So wandte sich der Politologe Peter Christian Ludz gegen die bis dahin dominierende (und heute wiederbelebte) Totalitarismustheorie. Er sah den DDR-Sozialismus im ständigen Wandel und setzte auf empirische, vergleichende Untersuchungen.⁸ Dieser Forschungsansatz schlug sich auch in den »Handbüchern zur DDR« nieder, insbesondere auch in dem am Vorabend des Untergangs der DDR noch fertiggestellten, aber dann in die hintersten Regalplätze verdammten »Handbuch zur doppelten Bilanz 1949–1989« nieder.⁹

Bei den Historikern leistete Christoph Kleßmann mit seiner vergleichenden und verbindenden Geschichte der deutschen Staaten eine bis heute nicht ernsthaft fortgesetzte Pionierarbeit.¹⁰ Manche Kollegen sprechen seit einigen Jahren vom Ansatz einer »asymmetrischen Parallelgeschichte«.¹¹ Aber das sind Ausnahmen innerhalb der westdeutsch dominierten Historikerschaft. Ein wirkliches Interesse für einen doppelbiographischen Ansatz ist nicht zu erkennen.

Doppelbiographie
Dieser Ansatz blieb Historikern überlassen, die aus dem anderen Teil Deutschlands in die neue staatliche Einheit finden sollten und nicht bereit waren, die Geschichte der DDR von einem gesamtdeutschen Bezug abzukoppeln. Nicht zufällig stellte die damalige PDS in Gestalt ihrer Historischen Kommission dem Wiedervereingungs- und Einheitsgeschwätz widerständig die Idee von der »Doppelbiographie« beider deutscher Staaten entgegen.¹² Dieses Diskussionsangebot spielt für die Mainstreamhistoriker, aber leider auch für die meisten linken Diskussionszusammenhänge bis heute keine Rolle.

Es gilt zu begreifen, dass die Anerkennung der DDR als Teil der deutschen Nationalgeschichte die Anerkennung des Versuchs einer sozialistischen Gesellschaft einschließt. Das bedeutet ebenso zu begreifen, dass es den erbitterten Versuch der im Westen Deutschlands herrschenden Klassen und der ihr hörigen Intellektuellen wie des Staatsapparates gab, diesen Ausbruch aus dem Kapitalismus scheitern zu lassen. Damit sollte natürlich gleichzeitig auch verhindert werden, dass das im Westen Nachahmer finden könnte. Die antikapitalistischen Momente des Ahlener Programms der West-CDU von 1947 blieben eben nur eine Episode, genauso wie die Utopien der Studentenbewegung.

Die Konsequenzen der Konfrontation von Kapitalismus und Sozialismus für die deutsche Geschichte und Gesellschaftspolitik zwischen 1945 und 1990 liegen auf der Hand: Erstens manifestierte sich nun die Konfrontation der Klassen als Konfrontation von Staaten und Gesellschaftskonzepten. Die Geschichte Deutschlands war nun gespalten an der Klassenlinie und der Entscheidung für oder gegen den Sozialismus als Gesellschaftsziel mit all seinen Konsequenzen an vergesellschaftetem Eigentum an den Produktionsmitteln, der Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums wie der Bildungschancen zu Lasten der Besitzenden, in dem Anspruch, dass die arbeitenden Menschen, die Arbeiterklasse, demokratisch ihre Verhältnisse in Staat, Kommune und Betrieben selbst entscheiden sollten. Wir wissen um die Schwierigkeiten und Fehlentwicklungen des Realsozialismus, um die Kluft zwischen diesem Anspruch und der Realität, aber auch, dass es über lange Zeiten, namentlich nach dem Mauerbau 1961 gelang, nicht wenige DDR-Bürger für das tatkräftige Mitwirken an der Gestaltung ihrer Gesellschaft zu gewinnen.

Zugleich verabschiedeten sich die einflussreichsten Teile der nun westdeutschen Großbourgeoisie von der starren und unbeweglichen Frontstellung gegen die Arbeiterbewegung und wählten einen flexibleren Weg, der den westdeutschen Staat und seine Gesellschaft neu ausrichtete. Eine »soziale Marktwirtschaft«, d. h. die möglichst weitreichende soziale Absicherung der Beschäftigten und die Eröffnung eines mehr oder minder bescheidenen, aber stetig wachsenden Wohlstandes sollten die Klassenkämpfe der Vergangenheit vergessen machen und gleichzeitig gegen die Verheißungen des Sozialismusversuchs jenseits der Elbe immunisieren. In der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften fanden Bourgeoise und konservative Politik Partner. Die Studentenbewegung ab 1968 wurde dank der »repressiven Toleranz«, wie es Herbert Marcuse nannte, in den »Marsch durch die Institutionen« – und viel wichtiger – in die Individualisierung geschickt.

Zweitens waren beide deutsche Staaten Teil der Block- und Systemkonfrontation. Sie erwiesen sich als jeweils beste Schüler ihrer Super- und Garantiemächte USA und Sowjetunion. Sie entwickelten beispielhafte Strategien in ihren Blöcken, die sie nicht nur zu wertvollen militärischen Garanten der Spaltung Europas machten. Sie waren zugleich Vorreiter einer jeweils modernen Gesellschaftsgestaltung, die offen für die wirtschaftlichen und wissenschaftlich-technischen Herausforderungen ihrer Zeit war und eine enge soziale Bindung ihrer Bürger garantieren sollte. Die erheblichen Rüstungsanstrengungen beider Seiten belasteten die Volkswirtschaft und die soziale Lage der Bevölkerung, wurden aber unterschiedlich verarbeitet. Profite aus der Rüstungsproduktion kamen der DDR ebenso wenig zugute wie die Bindung von Ressourcen für Verteidigung ihren Spielraum beeinträchtigte.

Die Resultate dieser Unterordnung unter die Interessen des Blocks und ihrer Führungsmacht waren unterschiedlich. Für die DDR wurde die Einbindung in den wirtschaftlich weniger innovativen, weniger leistungsfähigen Teil der Weltwirtschaft zunehmend zum Hemmschuh, auch wenn sie versuchte daraus das Beste zu machen. Gleichzeitig war die Systemauseinandersetzung auch mit harten ideologisch-propagandistischen wie geheimdienstlichen Konflikten verbunden. Die sorgten nicht zuletzt dafür, dass die Unterstützung der jeweils anderen Seite durch oppositionelle Personen oder Gruppen stets als Arbeit einer »Fünften Kolonne« denunziert und mögliche Entwicklungspotentiale aus dieser Opposition heraus zerstört wurden. Das hatte besonders für die DDR mit ihrer immer beharrlicher werdenden Reformverweigerung fatale Konsequenzen.

Ähnliche Herausforderungen
Beide deutsche Staaten standen drittens Zeit ihrer Existenz vor ähnlichen Herausforderungen, denen sie sich stellen mussten – über Geschichte und Sprache verbunden, sich jeweils durch den Widerpart legitimierend, sich bekämpfend, voneinander unausgesprochen lernend, in der Schlussphase auch kooperierend.

– Sie mussten aus eigenem Willen und getrieben durch die Besatzungsmächte mit dem Faschismus abrechnen und demokratische Verhältnisse nach Washingtoner oder Moskauer Duktus etablieren und die Deutschen dafür gewinnen. Das schloss den wirtschaftlichen Wiederaufbau und die Integration in eine internationale oder doch zumindest blockbestimmte Arbeitsteilung ein, nicht zuletzt im Interesse der Verbesserung der Wohn-, Lebens- und Arbeitsbedingungen.

– Schnell standen die Westzonen/BRD und die SBZ/DDR vor dem Zwang, sich im Kalten Krieg auf der »richtigen« Seite zu verorten, einen eigenen Beitrag für den jeweiligen Block zu leisten und soweit es ging – und es ging für die BRD schneller – eigene außenpolitische Interessen zu entwickeln.

– Das bedeutete auch eine gewisse Abnabelung von der jeweiligen Führungsmacht, in dem Bewusstsein, dass Deutschland sich nicht auf ein künftiges Schlachtfeld im Dritten Weltkrieg reduzieren lassen durfte. Die »neue Ostpolitik« der BRD und das Entgegenkommen der DDR in den 1970er Jahren, schließlich das Konzept einer Sicherheitspartnerschaft im »neuen« Kalten Krieg der 1980er Jahre gehörten dazu.

– Beide Staaten waren nur zu stabilisieren und politisch zu beherrschen, wenn es gelang, sozialen Wohlstand, ein akzeptiertes Maß an sozialer Gerechtigkeit und Sozialpolitik zu gewährleisten. Gerade hier achteten BRD und DDR sehr genau darauf, was die andere Seite erfolgreicher praktizierte. Für die DDR blieb es aber immer ein Wettbewerb, in dem sie die schlechteren wirtschaftlichen Voraussetzungen hatte.

– Als historisch hochentwickelte Wirtschafts- und Wissenschaftsstandorte waren beide Staaten besonders der Meisterung der wissenschaftlich-technischen Revolution verpflichtet. Das entschied über ihren Platz im eigenen Bündnis, über die Attraktivität für ihre Bürger, aber auch ihre Position gegenüber dem jeweils anderen Deutschland.

– Beide öffneten sich für die Staaten der »Dritten Welt« im Kontext der Systemauseinandersetzung und im Spannungsfeld von Neokolonialismus und internationalistischer Solidarität, auch mit Blick auf die Konkurrenz untereinander.

– Viertens verstanden sich beide deutsche Staaten über lange Zeit als Ausdruck einer deutschen Nation, die sich in der DDR seit den 1970er Jahren allerdings zu einer sozialistischen deutschen Nation der DDR weiterentwickeln sollte.

Die 45 Jahre SBZ und DDR stehen in der deutschen Geschichte für einen Auf- und Ausbruch aus der langen Geschichte der Ausbeutergesellschaften, für den Versuch, ein besseres Deutschland ohne Ausbeutung und Unterdrückung zu verwirklichen. Es gelang tatsächlich, was gerade nach dem Ende der DDR immer wieder angegriffen wird: einen Antifaschismus zu praktizieren, sowohl verordnet als auch für eine überwiegende Mehrheit der DDR-Bürger verinnerlicht. Nationalismus und Rassismus schienen ausgerottet, die Liebe zur Arbeit, zur kollektiven Gesellschaft konnten lange dominieren und über die Konstruktionsmängel des Realsozialismus hinwegtäuschen: die Vorherrschaft einer allwissenden und alles lenkenden Partei, die ebenso paternalistisch wie patriarchal die Geschicke der Gesellschaft lenken wollte, bis die Arbeiterklasse und das Volk reif genug wären, eine umfassende sozialistische Demokratie zu verwirklichen. Sie ließen den Sozialismusversuch schließlich scheitern.

In einer feindlichen Umwelt und unter erheblichem Druck kehrte die DDR in den Schoß des kapitalistischen Deutschland zurück. Die Bürger dieses Staates wollten jetzt und hier materiell besser leben, reisen, mit harter Währung etwas darstellen in der Welt. Sie mussten erst lernen, welchen Preis sie dafür zu entrichten hatten – und sie lernen es nach wie vor, denn die Spaltung der Gesellschaft zwischen Ost und West, die soziale Spaltung wirkt ja unverändert fort. Nur, Lernprozesse können dauern und nicht jede Schlussfolgerung muss stimmen.

Bleibende Herausforderung
Bei mancher Hoffnung, dass der Osten Deutschlands die Hefe für eine »doppelte Transformation« des nun vereinten Deutschland sein könnte, vergessen diejenigen, die solche Hoffnungen äußern, dass weder der unvollständige, aber störende Sozialismus der DDR noch existiert, noch eine starke, geschlossen agierende Linke in Form von Parteien, Bewegungen und Sympathisanten diesen Prozess befördert. Vielleicht auch deswegen ist die Forderung nach einem angemessenen historischen Platz der DDR als eines anderen, im Anspruch besseren Deutschlands, nicht nur für die Geschichtswissenschaft so wichtig. Um mit Stefan Heym den Gedankenkreis zu schließen: »Der Sozialismus (…) ist unser Baby. Wenn der arme Wurm schielt, O-Beine hat und Grind auf dem Kopf, so bringt man es deshalb doch nicht um, sondern man versucht, es zu heilen.«¹³ Das scheiterte 1989. Die Herausforderung ist geblieben – auf neue Weise und sicher nicht als alte DDR – aber irgendwann: als ein sozialistisches Deutschland zwischen Oder und Rhein.

Anmerkungen

1 Marc Bloch: Aus der Werkstatt des Historikers. Zur Theorie und Praxis der Geschichtswissenschaft. hg. u. mit einem Nachw. v. Peter Schröder, Frankfurt/M./New York/Paris 2000, S. 55

2 Aleida Assmann: Die Wiedererfindung der Nation. Warum wir sie fürchten und warum wir sie brauchen, München 2020, S. 202

3 Deutscher Bundestag. Protokoll 85. Sitzung. Bonn, 14. September 1950. BT-Drs. 1/085, S. 3184

4 Deutscher Bundestag. Protokoll 5. Sitzung. Bonn, 28. Oktober 1969. BT-Drs. 6/005, S. 21

5 Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Vom Kalten Krieg zum Mauerfall, München 2014

6 Edgar Wolfrum: Die geglückte Demokratie. Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, Bonn 2007

7 Ulrich Herbert: Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, ­München 2014, S. 625 u. 627

8 Siehe damals methodisch stimulierend: Peter Christian Ludz: ­Parteielite im Wandel. Köln-Opladen 1968.

9 Siehe Werner Weidenfeld/Hartmut Zimmermann (Hg.): Deutschland-Handbuch. Eine doppelte Bilanz 1949–1989, Bonn 1989

10 Siehe Christoph Kleßmann: Die doppelte Staatsgründung. Deutsche Geschichte 1945–1955, 5. überarb. Aufl., Bonn 1991; ders.: Zwei Staaten, eine Nation. Deutsche Geschichte 1955–1970, 2. überarb. u. erw. Aufl., Bonn 1997

11 Siehe Udo Wengst/Hermann Wentker (Hg.): Das doppelte Deutschland. 40 Jahre Systemkonkurrenz, Bonn 2008

12 Dazu: Die Doppelbiographie der Bundesrepublik. Zum Phänomen der deutschen Zweistaatlichkeit. Thesenpapier der Historischen Kommission vom 6. März 1999 (erarbeitet von Jürgen Hofmann). In: Ronald Friedmann/Jürgen Hofmann (Hg.): Den Sozialismus am humanistischen Ansatz messen. Erklärungen der Historischen Kommission beim Vorstand der Partei Die Linke, Berlin 2020, S. 49 f.

13 Stefan Heym: Nachruf, Frankfurt/M. 1990, S. 573


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