Sonntag, 26. Juni 2022

STICHE INS WESPEN - "NETZ" - NRhZ

 

STICHE INS

WESPEN-"NETZ"...


Passend zum Davoser

Weltwirtschaftsforum


Seit zig Jahren veröffentlichte der Autor Harry Popow in der Neuen Rheinischen Zeitung Buchtipps als auch Exposès eigener Bücher. Dabei erwies sich die Redaktion als äußerst zuverlässig und richtig kameradschaftlich. Man spürte als Autor die enge politische Verbundenheit und das gab und gibt allemal Kraft für die langjährige erfolgreiche Zusammenarbeit. Solche Freunde an der Seite zu wissen, gibt Zuversicht und menschliche Verbundenheit. Kürzlich veröffentlichte der Autor in dieser Online-Zeitung seinen Buchtipp zu Klaus Schwabs Buch „COVID.19: DER GROSSE UMBRUCH“.

Daraufhin bedachte die Redaktion ihren Autor mit folgendem Text:


Lieber Harry,

auch wir möchten uns bei Dir bedanken - insbesondere für die Schwab-Rezension. Große Klasse, wie Du dessen schönfärberischen Wortschwall entlarvst. Was war Auslöser, Dich jetzt mit diesem Buch zu befassen? Dass Du Dich dieses Buches angenommen hast, finden wir auch deshalb so wichtig, weil es in der "Linken" sträflicherweise fast gänzlich ausgespart wird. Bei der Demo am 1. Mai 2022 in Köln wurde bei einem Gespräch mit einem Demo-Teilnehmer (DKP-Miglied und UZ-Leser), den wir seit Jahrzehnten kennen, deutlich, dass dieser noch nie den Begriff "Great Reset" gehört hatte. Und auch Klaus Schwab sagte ihm nichts. Wie ist so etwas möglich? Ein Video mit Ernst Wolff (
https://www.kla.tv/22827?autoplay=true) macht auf seine Weise die Zusammenhange, in dem das WEF eine zentrale Rolle spielt, sehr gut deutlich.

Herzlich grüßen Dich und Cleo

Anneliese und Andreas


Mail vom 26.06.2022:

Übrigens ist das Editorial zur aktuellen Ausgabe vorbereitet. Darin heißt es zu Deiner Besprechung:

Wenn wir uns vor Augen führen, welche Rolle das Davoser Weltwirtschaftsforum mit seinem Aushängeschild Klaus Schwab bei den Machenschaften des internationalen Kapitals mit BlackRock an der Spitze und den damit verbundenen Kapitalgiganten in allen entscheidenden Wirtschaftsbereichen bis hin zu Pharma- und Rüstungskonzernen spielt, dann ist das Buch "Covid-19: Der große Umbruch" (The Great Reset) eine Offenbarung – zumindest wenn wir es mit den Augen von Harry Popow lesen, der unter Bezugnahme auf die Feststellung, dass künftig nur noch 40 Prozent der Weltbevölkerung "gebraucht" würden, ironisch fragt: "Worin sonst sollte die Existenzberechtigung liegen als darin, von den Eliten gebraucht zu werden?" Um dann den schönfärberischen Wortschwall entlarvend zu resümieren: "Das asoziale kapitalistische Modell benötigt nach Schwab eine Marketing-Kur. Die neue Diktatur könne mit ihren bürgerlichen so genannten Qualitätsmedien auf Anordnung eine Pandemie-Panik sowie – ungebrochen wie seit eh und je – eine Kriegs-Hysterie aus dem Ärmel schütteln – wie zur Zeit im Jahre 2022 bereits im vollen Gange."
Herzlich grüßen
Anneliese und Andrea


Freitag, 24. Juni 2022

Der antikommunistische Kreuzzug - Prof. Dr. Anton Latzo

 Entnommen: https://www.freidenker.org/?p=13492


Der antikommunistische Kreuzzug


Der Kalte Krieg begann, bevor der Zweite Weltkrieg endete


von Prof. Dr. Anton Latzo

Erstveröffentlichung in der UZ vom 17.06.2022


Der „Kalte Krieg“, der vor 75 Jahren auf ganzer Front von den USA und den Kräften der internationalen Reaktion begonnen wurde, ist eine Folge ihrer aggressiven Haltung in der Systemkonfrontation zwischen Sozialismus und Kapitalismus beziehungsweise Imperialismus. Die Alternative dazu ist die friedliche Koexistenz zwischen Staaten mit unterschiedlicher Gesellschaftsordnung.

Antikommunismus als Grundprinzip imperialistischer Politik


Konzeption und Politik des Kalten Kriegs werden durch die Ideologie des Antikommunismus geprägt. Dieser ist so alt wie die organisierte Arbeiterbewegung. Heute wie einst zielt er darauf ab, den gesellschaftlichen Fortschritt zu verhindern oder zumindest zu hemmen, die progressiven Kräfte zu spalten, die Gefahren für das kapitalistische System zu minimieren, dieses System zu erhalten.

Elemente des Kalten Kriegs haben schon nach der Oktoberrevolution von 1917 Eingang in die Politik der imperialistischen Hauptmächte gegen die Sowjetunion gefunden. Unter anderem wurde das in ihren Interventionskriegen und in ihrem Verhalten vor Beginn des Zweiten Weltkriegs sowie später auch in der Frage der Verzögerung einer zweiten Front gegen das faschistische Deutschland sichtbar.

Dazu gehört auch, dass Winston Churchill, wie er in einem Interview mit dem „Daily Herald“ vom 24. November 1955 offenbarte, schon Ende April 1945 – noch vor Beendigung des Zweiten Weltkriegs – dem britischen Oberkommandierenden folgenden Befehl gab: „Ich telegrafierte an Lord Montgomery und befahl ihm, die deutschen Waffen sorgfältig zu sammeln und aufzubewahren, damit man sie ohne Schwierigkeiten den deutschen Soldaten wieder in die Hand geben könne, mit denen man zusammenwirken müsste, wenn die sowjetische Offensive noch weiter anhält.“ Dazu sollte der britische Generalstab für die Fortsetzung des Kampfes gegen die Sowjetunion, die ja damals noch Verbündeter war, einen Plan ausarbeiten.

Im Ergebnis des Zweiten Weltkriegs entstanden aber im weltweiten Kräfteverhältnis und hinsichtlich der sozialen und politischen Lage in den europäischen Ländern und in Asien – trotz massiver konterrevolutionärer Aktivitäten – günstige Bedingungen für die Durchsetzung antikapitalistischer und demokratischer Forderungen der Arbeiterklasse und der anderen demokratischen Kräfte.

Veränderte Kräfteverhältnisse


In den osteuropäischen Staaten – in Polen, der Tschechoslowakei, Jugoslawien, Albanien, Bulgarien, Rumänien und Ungarn – sowie in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone in Deutschland wurden entsprechend den Vereinbarungen der Alliierten von Jalta und Potsdam grundlegende sozialökonomische und politische Veränderungen durchgesetzt.

Dazu gehörten die Bodenreform, die Nationalisierung in der Industrie sowie im Banken- und Transportwesen, die Neugestaltung von Kultur und Bildung. Das führte zur Errichtung der volksdemokratischen Ordnung – einer neuen Form der politischen Organisation der Gesellschaft. Der Erfolg dieser Maßnahmen wurde in erster Linie durch die Kommunistischen und Arbeiterparteien gewährleistet.
Aufgrund des herausragenden Anteils der Sowjetunion am Sieg über den Faschismus und der aktiven Beteiligung der Kommunisten am antifaschistischen Befreiungskampf ihrer Völker stieg das Ansehen der Kommunisten auch in Westeuropa steil an. Das zeigte sich sowohl im Anwachsen der Mitgliederzahl der Kommunistischen Parteien als auch in den Wahlergebnissen. Bei den ersten Parlamentswahlen nach Kriegsende erzielten die Kommunisten folgende Ergebnisse: Frankreich 28,6 Prozent (1946), Finnland 20 Prozent (1945), Italien 19 Prozent (1946), Norwegen 11,9 Prozent (1945).

In den ersten Nachkriegsjahren wirkten in vielen westeuropäischen Ländern kommunistische Minister in den Regierungen mit. Aufgeschreckt durch die dabei erzielten demokratischen Veränderungen wurde in konzertierten Aktionen der inneren Reaktion – meist im Zusammenspiel mit den entsprechenden Organen der USA und Britanniens – bis 1948 auf der Grundlage eines scharfen Antikommunismus erreicht, dass alle Minister aus den Reihen der Kommunisten in Westeuropa aus den Regierungen entfernt wurden.

Es kam aber auch zu einer Veränderung des Kräfteverhältnisses zwischen den imperialistischen Hauptmächten. Die USA übernahmen die Rolle des Hegemonen in der kapitalistischen Welt und strebten danach, sich den ganzen übrigen Globus zu unterwerfen. Dabei ging es nicht um eine „einfache Neuaufteilung“ der Welt, sondern um eine ungeteilte Weltherrschaft – und daran hat sich nichts geändert! Auch in dieser Hinsicht ging es um den Einsatz des Antikommunismus als Mittel in der Konkurrenz und als Mittel zur Disziplinierung aller politischen Akteure der kapitalistischen Seite. Der Antikommunismus ist zum Grundprinzip imperialistischer Politik geworden – und die USA hatten das letzte Wort, sowohl bei der Erarbeitung als auch bei der Verwirklichung der Konzeption.

„Verdeckte Operationen“ zur Eliminierung des Sozialismus


Für die Planung, Ausarbeitung und Durchführung von Aktionen im Ausland wurde im Juli 1947 der Nationale Sicherheitsrat (NSC) der USA geschaffen. Laut NSC-Direktive 10/2 trat er mit dem Auftrag an, „verdeckte Operationen“ im Ausland durchzuführen. Darunter waren laut Direktive „alle Aktivitäten zu verstehen, die von der Regierung durchgeführt oder unterstützt werden gegen feindliche ausländische Staaten oder Gruppen oder zur Unterstützung befreundeter Staaten oder Gruppen, die jedoch so geplant und durchgeführt werden, dass für nicht autorisierte Personen dabei keine Verantwortlichkeit der Regierung der Vereinigten Staaten nachweisbar wird und dass bei der Aufdeckung dieser Operationen die Regierung der Vereinigten Staaten glaubhaft jede Verantwortung dafür zurückweisen kann. Insbesondere geht es um solche Operationen, die verdeckte Aktivitäten umfassen auf den Gebieten der Propaganda, der wirtschaftlichen Kriegführung, der vorbeugenden direkten Aktionen, wie Sabotage, Gegensabotage, Zerstörungen und Maßnahmen zur Evakuierung, der Subversion gegen feindliche Staaten, wie Hilfe für Widerstandsbewegungen im Untergrund, Guerilla-Kämpfer, Befreiungsgruppen aus Flüchtlingen beziehungsweise Unterstützung von einheimischen antikommunistischen Elementen in allen befreiten Ländern der Welt.“
Das ist die Geburtsurkunde des Kalten Kriegs, mit dem die USA und ihre Verbündeten den Kommunismus und die Kommunisten in der ganzen Welt bekämpfen, den Völkern ihre „Demokratie“ aufzwingen und auch heute noch ihre „freiheitliche“ Welt verteidigen!

Der ganze Mechanismus wurde bis in die heutige Zeit immer wieder „vervollkommnet“ und in neue Dimensionen ausgeweitet. Noch im Jahr 1947, am 14. Dezember, autorisierte der NSC die Central Intelligence Agency (CIA), geheime psychologische Operationen durchzuführen – insbesondere Aktivitäten, welche die Nutzung von anonymen, gefälschten und/oder subventionierten Publikationen beinhalteten.

Mit der NSC-Direktive 20/4 vom 23. November 1948 über die „Aufgaben der Vereinigten Staaten im Hinblick auf die UdSSR“ wird offiziell bestätigt: „Hätten die Vereinigten Staaten in den vergangenen zwei Jahren nicht rigorose Maßnahmen ergriffen, um den Widerstand in den westeuropäischen Staaten und den Mittelmeeranrainern gegen den sowjetischen Druck zu stärken, wären heute die meisten der westeuropäischen Staaten bereits von der kommunistischen Bewegung politisch erobert worden.“

Antikommunistische Offensive


Schließlich wurde am 14. September 1949 die NSC-Direktive „Politik der Vereinigten Staaten bezüglich der sowjetischen Satellitenstaaten in Osteuropa“ verabschiedet. Es sei „die Zeit reif, größere Aufmerksamkeit auf die Offensive zu richten, um zu beurteilen, ob wir nicht mehr tun können zur Eliminierung oder wenigstens zur Zurückdrängung des vorherrschenden sowjetischen Einflusses in den Satellitenstaaten Osteuropas“. Es gehe um den „Kampf der zwei Welten“, um das „Weltbild“ derjenigen, die „vereint in der gemeinsamen Ablehnung der Bourgeoisie“ sind, das „leninistisch-stalinistische Modell der Ergreifung und Festigung der Macht“ vertreten und den Zusammenschluss um die Sowjetunion als Bedingung für die Sicherheit der Entwicklung des Landes betrachten.
Die Direktive verkündete weiter: „Bei der Suche nach Möglichkeiten, die Sowjetmacht in den Satellitenstaaten zu beseitigen, stehen uns zwei prinzipielle Wege für unser Handeln offen. Der eine ist der Krieg, der andere Maßnahmen unterhalb der Schwelle eines Krieges.“ Das Ziel bestand in der Errichtung solcher Regime, „die willig sind, sich der Gemeinschaft der freien Welt anzupassen und an ihr teilzunehmen“.

Auf dem Weg zum Ziel sollte ein erster Schritt darin bestehen, dass „abtrünnige kommunistische Regime die gegenwärtigen stalinistischen Regierungen ersetzen“. Zweitens sollte laut Direktive „die Entstehung eines ketzerischen Prozesses des Abdriftens bei einem Teil der Satellitenstaaten“ erreicht werden.

Eine „entscheidende Vorbedingung“ sei „die Herbeiführung von Bedingungen, die zu einem Rückzug der sowjetischen Truppen von den Territorien der Satellitenstaaten führen können“. Parallel dazu „könnte eine Vereinbarung der Vier Mächte über Deutschland, sollte diese erreicht werden, auch Bedingungen einschließen, die im günstigsten Falle einen Abzug, aber zumindest eine Reduzierung der sowjetischen Truppen in Deutschland und Polen absichern könnten“. Man orientierte darauf, so zu handeln, „dass der Kreml (…) zunehmend Positionen einbüßt“. Das, was erst 1989 realisiert werden konnte, wurde also schon 1949 geplant!

Der skizzierte Weg sei „direkt verbunden mit und teilweise abhängig vom dritten Weg unserer Aktivitäten – einem Angriff an der ideologischen Front“. In diesem Zusammenhang „sollte das Gegenteil dieses stalinistischen Dogmas – der Nationalismus – gestärkt werden“. Ausdrücklich hieß es: „Diese Angriffe sollten sowohl in offener als auch in verdeckter Form vorgetragen werden.“

„Frieden mit den Kommunisten ist undenkbar“


Zusammen bestätigen diese Ausarbeitungen der CIA und des NSC die Aussage von Henry Morgenthau, einem der damals führenden Köpfe bei der Ausarbeitung der US-amerikanischen Politikkonzepte, der erklärte: „Der antikommunistische Kreuzzug ist zugleich zum moralischen Prinzip des gegenwärtigen Globalismus und zum Grundgehalt unserer globalen Außenpolitik geworden.“ Laut Morgenthau hieß es also von Anfang an: „Frieden mit den Kommunisten ist undenkbar (…) In dieser Hinsicht kann unser Friede nur in einem totalen Sieg bestehen.“

Für eine solche Außenpolitik fand Churchill in Harry S. Truman, der nach dem Tod von Franklin D. Roosevelt im April 1945 Präsident der USA geworden war, und in dessen außenpolitischem Berater John Foster Dulles, der später US-amerikanischer Außenminister wurde, aktive Gesinnungsgenossen und Mitstreiter.

Die „Truman-Doktrin“, die vom US-Präsidenten im März 1947 verkündet wurde, machte „Containment“ und „Befreiung“ zur Grundlinie der US-amerikanischen Außenpolitik. Dafür war der Marshall-Plan eine der entscheidenden Maßnahmen auf dem Weg zur Errichtung eines militärischen Blocks zur Durchsetzung imperialistischer Politik.

Auf dieser Grundlage wurden die USA und die dann 1949 eigens dafür geschaffene NATO zum strategischen Zentrum des Kalten Kriegs gegen den Sozialismus und gegen alle, die den Vorstellungen der USA nicht folgten.

Zwei Hauptziele der US-amerikanischen Außenpolitik wurden angestrebt. Das eine bestand darin, unter Ausnutzung der durch den Krieg geschwächten Position der anderen Länder eine unangefochtene Vormachtstellung der USA auf ökonomischem, militärischem, politischem und ideologischem Gebiet in der Welt des Kapitalismus zu errichten.

Mit der Verwirklichung des ersten strategischen Hauptziels sollten günstige Voraussetzungen für die Realisierung des zweiten, für den Imperialismus wichtigsten Ziels geschaffen werden: die Beseitigung der sozialistischen Welt. So sollten die USA zum Zentrum und Bollwerk der kapitalistischen Welt gemacht werden. Und das durch den Kalten Krieg!

Alle diese Entwicklungen kann man nur zum Teil mit dem Hass einzelner Politiker wie Churchill, Truman und Dulles auf den Sozialismus erklären. Sie wurzeln letztendlich in den materiellen Interessen ihrer Klasse. Der Kalte Krieg entsprang also nicht allein aus dem Hass einzelner Politiker gegen den Sozialismus, sondern aus den materiell bedingten Interessen der herrschenden Klasse der kapitalistischen Staaten, welche das Ziel verfolgen, die Herrschaft des Kapitals über die menschliche Gesellschaft zu verewigen.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs war es nicht mehr möglich, dieses Ziel mit einem „Heißen“ Krieg – mit militärischer Gewalt – durchzusetzen. Man proklamierte den „Kalten“ Krieg, mit dem man das gleiche Ziel in längeren Zeiträumen erreichen wollte.

Eine wirksame Konzeption dagegen darf nicht übersehen, dass es den USA stets primär, aber nicht allein um die Eindämmung des Sozialismus ging. Es ging ihnen immer auch um die Eroberung und Sicherung der Dominanz als alleinige „Supermacht“, welche das ökonomische und politische Weltgeschehen allein bestimmen kann.

Es darf nicht übersehen werden, dass kein einziges Element der nach dem Zweiten Weltkrieg erarbeiteten Konzeption der USA (siehe NSC-Direktiven) und ihrer NATO-Verbündeten aufgehoben wurde. Es wurde stets an der Anpassung und Vervollkommnung an neu entstandene Bedingungen gearbeitet, die den schon immer erstrebten Erfolg gewährleisten sollten.

Prof. Dr. Anton Latzo ist Historiker und Mitglied des Beirats des Deutschen Freidenker-Verbandes



Der Westen rüstet zum Weltkrieg - RotFuchs

 Entnommen: https://rotfuchs.net/files/rotfuchs-ausgaben-pdf/2022/RF-293-06-22.pdf



RotFuchs, Juni 2022


Der Westen rüstet zum Weltkrieg


Vor kurzem las ich wieder einmal den einzigen Roman Oscar Wildes, sein 1890 erschienenes Meisterwerk „Das Bildnis des Dorian Gray“. Es ist nicht nur eine sozialkritische Auseinandersetzung des Autors mit den gesellschaftlichen Zuständen seiner Zeit. Die Figur Dorian Gray, so scheint mir, steht gleichsam als Metapher für ein ganzes Gesellschaftssystem. Dorian Gray ist ein sehr schöner junger Mann, der es schafft, durch seine auf den ersten Blick einnehmende Erscheinung jeden Menschen zu beeinflussen, zu manipulieren und am Ende, wenn er sein Gegenüber bis zur Neige emotional ausgeplündert hat, zu zerstören. Dabei ist die Schönheit des Mannes nur das Werk teuflischer Kräfte. Sein wahres Ich ist in einem Porträt gefangen, das an seiner statt altert und deshalb verborgen im Dunkel eines Dachbodens ein geheimes Dasein fristet. Gray meidet den von Jahr zu Jahr abstoßender werdenden Anblick seiner selbst auf der Leinwand und stürzt sich immer hemmungsloser in ein Leben des Genusses und Rausches, wobei er gewissenlos jeden aus dem Weg räumt, der seiner Sucht nach grenzenloser Bereicherung und absolutem Vergnügen im Wege steht. Unfähig zu selbstloser Liebe und echter Freundschaft vermag er nichts dem Leben Zugewandtes zu erschaffen. Schließlich aber kann er seinem eigenen Ich nicht entkommen. Die Maske aus Lüge und Täuschung fällt, der trügende Schein kann nicht mehr blenden. So wird Dorian Gray dann doch noch durch den Anblick seiner monströsen, wahren Fratze auf dem Bildnis vernichtet.


Wer denkt da nicht an das äußerlich schillernde Gewand des Kapitalismus, der selbstzerstörerische Egozentrik zur Tugend erklärt und der den Narzismus seiner moralisch verkommenen „Eliten“ als Selbstverwirklichung verkauft.


Nun geht es diesem System ähnlich wie Dorian Gray. Es sind ihm Konkurrenten erwachsen, die seiner rauschhaften Hemmungslosigkeit Grenzen setzen. Da er unfähig ist, im Einklang mit anderen zu leben, weil das die Fähigkeit zu teilen voraussetzen würde, bleibt ihm nur der wahnsinnige Gedanke an die Zerstörung jedes Widersachers, der es wagt, ihm entgegenzutreten. Moralisch eigentlich schon lange innerlich tot wie Dorian Gray, flüchtet er sich in immer apokalyptischere Szenarien, die sein eigenes Überleben sichern sollen. Eine solche aberwitzige Idee des „Wertewestens“ gipfelt in dem Glauben von der Begrenzbarkeit und Gewinnbarkeit eines Atomkrieges gegen die Rivalen Rußland und China. Es ist, als würden USA und NATO nun, wie es Hitler mit seinen „Wunderwaffen“ tat, nach dem Strohhalm greifen, an den man sich klammert, um wider jede Vernunft an eine eigene Zukunft glauben zu können. Doch so wie sich Hitler am Ende in seinem Bunker in einem Rausch aus Lebenslügen und Selbstbetrug über die von ihn selbst geschaffene Apokalypse hinwegretten wollte, scheinen auch Führungseliten der USA und der NATO dem Wahn verfallen zu sein, einen begrenzten Atomkrieg führen und gewinnen zu können.


Eine Umkehr, weg von totaler Bereicherung, Machtbesessenheit und Gewalt, ist im Denken der Herrschenden nicht vorgesehen. Es ist höchste Zeit, daß ein großes Aufstehen und ein Erwachen einsetzt, wenn wir nicht Opfer dieses verbrecherischen Wahnsinns werden wollen.

Ulrich Guhl Strausberg




Mittwoch, 22. Juni 2022

Dr. Wolfgang Bittner zum West-Ost-Konflikt - Vortrag bei Youtube

Dr. Wolfgang Bittner hielt kürzlich einen Vortrag zum

West-Ost-Konflikt – eine Inszenierung

hier der Link auf ein Video, das Sie gerne aufrufen können:



Der West-Ost-Konflikt – Eine Inszenierung - YouTube



Sonntag, 19. Juni 2022

MORGENROT - Buchtipp von Harry Popow

 

MORGENROT


LEBENS-TRÄUME

IN

TITANIC-ZEITEN


Unter diesem Titel veröffentlicht der Autor Harry Popow im Juni 2022 aus aktuellem Anlass sein neues Buch.



Sprache: Deutsch

Format: DIN A5 hoch

Seiten: 480

Altersempfehlung: Erwachsene (18 - 99)

Erscheinungsdatum: 18.06.2022

ISBN: 9783756506316


Zu bestellen:

 https://www.epubli.de//shop/buch/MORGENROT-Harry-Popow-9783756506316/127368?utm_medium=email&utm_source=transactional&utm_campaign=Systemmail_PublishedSuccessfully



Klappentext:


Das von Harry Popow vorgelegte Werk nennt sich nicht ohne Grund „MORGENROT“. Ein Titel, der vor allem an jene Generation erinnern soll, die nach der Befreiung vom Faschismus mit viel Mühe aus den Trümmern an materiellen Werten und denen in den Köpfen versucht haben, zunächst mit viel Erfolg, einen neuen Staat zu errichten, dem als wichtigstes Anliegen nicht nur die Entmachtung der einst herrschenden Geldeliten, die Beerdigung sämtlicher Kriegsgelüste als geschichtliche Notwendigkeit oblag, sondern vor allem dem friedlichen Aufbau sowie dem militärischen Schutz des Arbeiter- und Bauern- Staates.


Die 480 Seiten umfassende Lektüre teilt der Autor in fünf Abschnitte: Mit "Vorkriegszeit" skizziert er die erneute brandgefährliche Vorkriegssituation des Jahres 2022. In den weiteren Kapiteln berichtet er vom persönlichen Erleben vor und nach 1945, den neunjährigen Aufenthalt in Schweden nach der Annexion der DDR, die Rückkehr nach Deutschland sowie die nach wie vor geistig intensiven Jahre am Rande Berlins als Blogger, Rezensent und Autor.


Der bald 86-Jährige versteht dies als sehr kleinen persönlichen Beitrag im Widerstand gegen die Diktatur der Kapitalmacht, als Traum von einem Neubeginn hin zu einem neuen MORGENROT.


Das Buch ist gleichzeitig ein nach über 60 Ehejahren sehr authentischer Liebesroman zwischen seiner Frau Cleo und ihm, zwischen allen Kindern, Enkeln und Urenkeln einer großen und wunderbaren Familie.


Kurzvita

Geboren 1936 in Berlin Tegel, erlebte Harry Popow noch die letzten Kriegsjahre und Tage. Ab 1953 war er Berglehrling im Zwickauer Steinkohlenrevier. Eigentlich wollte er Geologe werden, und so begann Harry Popow ab September 1954 eine Arbeit als Kollektor in der Außenstelle der Staatlichen Geologischen Kommission der DDR in Schwerin. Unter dem Versprechen, Militärgeologie studieren zu können, warb man ihn für eine Offizierslaufbahn in der KVP/NVA. In den bewaffneten Kräften diente er zunächst als Ausbilder und danach 22 Jahre als Reporter und Redakteur in der Wochenzeitung „Volksarmee“. Das Zeugnis Diplomjournalist erwarb der junge Offizier im fünfjährigen Fernstudium an der Karl-Marx-Universität Leipzig. Nach Beendigung der fast 32-jährigen Dienstzeit arbeitete er bis Ende 1991 als Journalist und Berater im Fernsehen der DDR. Von 1996 bis 2005 lebte der Autor mit seiner Frau in Schweden. Beide kehrten 2005 nach Deutschland zurück. Sie sind seit über 60 Jahren sehr glücklich verheiratet und haben drei Kinder, zwei Enkel, zwei Enkelinnen und einen Urenkel.


Zum Inhalt

Nach dem obligatorischen Prolog fällt der Autor dem Leser mit der Tür ins Haus. Im Buch I schreibt er von der “Vorkriegszeit” im Jahre 2022. Sodann blättert er zurück bis vor 1945 und das Erleben in der SBZ/DDR als Berglehrling, Offizier und Militärjournalist in der NVA und nach Beendigung der Dienstzeit als Berater im Fernsehen der DDR, wo alle der Mauerfall erwischte. Vor allem durchzieht das gesamte Buch die große Liebe zu seiner Frau, die er Cleo nennt, mit der er bisher über 60 glückliche diamantene Jahre erlebte.

In allen Lebensdetails erfährt der Leser vor allem die Motive der handelnden Personen kennen, der Eltern von Cleo und von Henry und ihre eigenen. Vor dem Hintergrund des Bemühens in der DDR, endlich die Fesseln der einstigen nazistischen Gewaltherrscher ein für allemal abzuschütteln und einen sozialistischen Staat aufzubauen, geraten Jung und Alt in eine gesellschaftlich und politisch aufregende Zeit.

Der Autor Henry, den seine spätere Cleo bereits beim ersten Anblick als Träumer zu identifizieren weiß, erfüllt mit viel Nachdenklichkeit und auch innerer Genugtuung seine Arbeit, sowohl im Bergbau, in der Arbeit als zukünftiger Geologe als auch später als Militärjournalist. Was er von seinem Vater als Maschineningenieur und von seiner russischen Mutter an Lebenserfahrungen und politischen Haltungen erfährt und erlebt, prägt auch sein späteres Handeln.

So ist zu erfahren, dass Henry nach der Rückkehr aus Schweden emsig am Computer sitzt und mehr als 8o Buchrezensionen zu politischen und gesellschaftskritischen Sachbüchern schreibt und in seinem Blog und in den Portalen NRhZ und in Linke Zeitung veröffentlicht. Nicht nur das, er greift nochmals Erinnerungen auf über das Leben in der DDR. So zum Beispiel, wie er nach dem Abschied aus der NVA den Umbruch im Fernsehen erlebt, deren Mitarbeiter er in einer Abteilung wird, die sich mit der Unterstützung des Fernsehens in militärischen Fragen befasst.


Leseproben


Seite 38:

Träumender Trommler


Mama Tamara arbeitet inzwischen als Personalchefin beim 2. Gleisbau, eine wichtige Strecke für die WISMUT von Johanngeorgenstadt nach Aue im Erzgebirge. Henry und seine Geschwister werden von Tante Lotte versorgt. Mit ihr fahren sie im Sommer 1949 nach Rathen im Elbsandsteingebirge. Sie wohnen in der romantischen Burgruine Rathen, direkt über der Elbe. In der Burg ist ein Hotel untergebracht. Früher gehörte sie einem Schweizer Bankier, so ist zu erfahren. Später wird sich eine Sparkasse aus Berlin die „Ruine“ als Ferienheim einrichten. In Erinnerung bleiben die Wanderungen zum Amselsee und zur Bastei, in der Felsenbühne Rathen begeistert sie die Operette „Schwarzwaldmädel“. Die Burgkost ist schmal, deshalb holen sie beim Fleischer für fünfzig Pfennige heiße Knochenbrühe, denn der Hunger ist noch ein ständiger Begleiter. Henry zeichnet eine Skizze von der Burg. Außerdem will er „wissenschaftlich“ arbeiten, so beobachtet er mit seinem einrohrigen Fernglas, das er von seinem Papa hat, die täglichen Wolkenbewegungen und notiert`s in einem Heftchen. Er fühlt sich wohl. Schließlich ist eine Karte an Mama fällig: Ich schreibe Dir den ersten Gruß aus Kurort Rathen. Sei bitte nicht traurig, dass ich solange nicht geschrieben habe. Eben kommen wir von einem Spaziergang zurück. Es geht uns hier sehr gut. Ich freue mich sehr über die herrliche Gegend. Gestern waren wir trotz schlechtem Wetter mit Eberhardt zum Felsen ‚Talwächter‘. Mama, ich bin wirklich schreibfaul. Herzliche Küsse von Deinem Henry.


Zurück nach Berlin-Friedrichshagen. In der Bölschestraße, der Hauptstraße, wird ein Jugendklub gegründet. Der gehört der neuen Pionierorganisation. Dort trifft man sich und bekommt auch blaue Halstücher. Henry will auch mitmachen. Er geht einfach hin. Der soeben gegründete Fanfarenzug zieht ihn an, vor allem das Trommeln. Man übt oft. Erst im Keller des Klubs, dann auf der Straße, wo viele interessiert zusehen. Das gefällt Henry. Und dann heißt es: „Wir bereiten uns auf eine große Sache vor ...“ Nach der Schule wird tüchtig geprobt. Fast jeden Abend. Dann ist es soweit. Ein neuer Staat wurde am 7. Oktober 1949 gegründet – die DDR! Der Fanfarenzug trifft sich am 11. Oktober mit Tausenden anderen im Lustgarten. Fackeln, Fanfaren, Menschen über Menschen. Und alle fröhlich und voller Erwartung. Extra für diesen Anlaß wurden viele kleine Bäumchen am Rande des Platzes gepflanzt. Dieser historische Abend war ein unauslöschliches Erlebnis. Wenige Tage danach bekommt auch Henry sein blaues Halstuch. In der Pioniergruppe geht es lebendiger zu als in der Schule. Da gibt es Bücherabende, man übt sich im Laienspiel, man lernt Lieder wie „Du hast ja ein Ziel vor den Augen“, „Dem Morgenrot entgegen“ und „Dunja unser Blümelein ...“ Er fühlt sich wohl, ist mittenmang. „Disziplin Pioniere!“, ermahnt oft der Gruppenleiter. Neue Worte für die Schüler. Langsam nisten sie sich ein in den Köpfen. Im Kino von Karlshorst besuchen die „Jungen Pioniere“ eine Veranstaltung mit Erich Weinert. Wer das ist? Der Gruppenleiter erklärt, es ist ein Schriftsteller, der in die Sowjetunion emigrieren musste und dort im Nationalkomitee Freies Deutschland gegen die Faschisten gekämpft hat. Dieser Mann beeindruckte Henry ungemein. Er tastet sich unbewusst vor zur Schönheit eines friedlichen Lebens auf der Erde... Aphrodite ist noch nicht in Sicht, dem Symbol für hohe Menschlichkeit.


Henry ist seit der Scheidung der Eltern mit seinen Geschwistern oft alleine. Mama arbeitet im Erzgebirge, zum Vater gibt es keine Kontakte und Tante Lotte hat andere Sorgen, als die vielen Fragen zu beantworten, besonders die von Henry. Es interessiert ihn, warum wird denn soviel aufgebaut, wenn doch wieder Krieg kommen könnte, wie man im

Radio immer hört... Aber er bleibt alleine mit seinen Fragen. Er weiß noch nicht, dass das Denken mit Fragen beginnt. So geht er in die Spur auf der Suche nach Aphrodite, von der er noch nie etwas gehört hatte.


Seite 32:


1945: Weiße Armbinden


Donnerwetter, so ein Glück, sagen Mama und Papa, als sie ihr Mietwohnhaus in Berlin–Schöneberg unzerstört wiedersehen. Hier hat die Familie vor der Evakuierung gewohnt. Aber deren Wohnung in der dritten Etage links ist inzwischen besetzt, die Ziebells dürfen in die zweite Etage rechts. Aber noch heulen herzzerreißend und furchterregend die Sirenen. Nacht für Nacht, manchmal auch tagsüber. Sie müssen im Keller bleiben. Provisorisch sind Bettgestelle aufgebaut, manchmal liegen nur Matratzen da. Brot auf Zuteilung, gleich für mehrere Tage. Wenn irgendwo Bomben heulend und krachend in Häuser schlagen und die Erde bebt, dröhnt und stöhnt, dann bleibt das Herz stehen vor Angst. Jede Sekunde kann es auch das eigene Miethaus erwischen, jede Minute ... Papa muss nun doch noch an die Front, zum Volkssturm, wie er sagt. Nach drei Tagen ist er wieder da. Dort, wo er sich melden sollte, seien schon die Russen. Wie froh die Kinder sind ... Henry hört, wie er Mama von Menschen berichtet, die an Laternen aufgehängt wurden, an ihnen ein Schild mit der Aufschrift: Ich bin ein Verräter. Es ist alles so schrecklich und gruselig. Eines Nachts nimmt Papa seinen Größten mit aufs Dach des Hauses. Der Ängstliche sieht die langen bläulich-weißen Strahlen der Scheinwerfer, die den Himmel nach Flugzeugen abtasten. Dann schrillen wieder die Sirenen. Henry schaut tapfer und zitternd. Papa lässt ihn wieder frei und Mama schimpft unten im Keller.



Seite 45:

Steinkohlen-Zeit


Als Berglehrling „Unter Tage“


Zwickau, Seminarstraße 1. Ein großes graues Gebäude - die Bergbauberufsschule. Glück für Henry. Die Lehrzeit beginnt erst Mitte September, also noch über zehn Tage Zeit. Er meldet sich jedenfalls an und wohnt ab 15.9. im Lehrlingswohnheim. Das Bergwerk der Steinkohle heißt „Karl Marx“. Es gibt noch ein zweites Bergwerk - „Martin Hoop“. In den Schaufenstern der Stadt sieht er die ersten Fernsehapparate mit den kleinen Bildschirmen. Aber so etwas Technisches macht ihn nicht an. Zuerst paukt er nur Theoretisches. Über die Geschichte des Bergbaus, über die Untertagearbeiten, wie die Technik heißt, die die jungen Leute da unten erwartet, und dass die Steinkohlenflöze noch Vorräte für weitere siebzig Jahre im Berg festhalten. Also ganz schöne Aussichten. Im Sommer beginnt die praktische Arbeit unter Tage. Zuvor Kleider wechseln in einer großen Halle. Von der Decke herab baumeln an langen eisernen Ketten wie geräucherte Ware die dunklen Arbeitsklamotten. Der Lehrling öffnet das Sicherheitsschloss, lässt die Kette herunter. Sein sauberes Zeug kommt an den Haken, alles hochziehen, fertig. Grubenlampe empfangen. Rein in die Fahrt, so nennt sich der „Fahrstuhl“, und ab in die Tiefe. Kribbeln im Bauch, denn die Mannschaftsfahrt hat eine Sinkgeschwindigkeit von sechs Metern pro Sekunde. (Die Produktenfahrt ist doppelt so schnell.) 900 Meter Tiefe (Teufe). Eine unheimliche Stille empfängt die jungen Bergleute. Irgendwo kreischt ein „Hunt“ in den Weichen, so heißen die kleinen Wägelchen für den Kohletransport. Langsam tasten die Lehrlinge sich vorwärts, die elektrisch betriebenen Grubenlampen in ihren Händen werfen nur ein spärliches Licht auf den dunklen Stollenboden. Manchmal blitzt eine kleine Wasserpfütze auf. Dann und wann müssen die Männer eine „Schleuse“ passieren, ein Wetter, durch die der Grubenwind geregelt wird. Endlich am Ziel, man sagt „vor Ort“. Aus einer Kiste holt Henry sein Gezähe (Werkzeug), lockert mit dem Picker das Schwarz aus der Grubenwand, haut Stempel (Stützbalken) zurecht, hilft mit, den neu entstehenden Stollen abzusichern, übt sich im Handversatz, verletzt sich an der Schüttelrutsche, trinkt schwarzen Kaffee aus der großen Blechkanne, wartet sehnsüchtig auf das Ende der Schicht, auf den hellen Himmel über der Stadt ... Nach der Ausfahrt unter die Dusche. Er lernt, sich richtig zu waschen. Beim zweiten Mal glaubt er, jetzt geht‘s. Ein Blick in den Spiegel überzeugt ihn vom Gegenteil: Die Augenbrauen, der Haaransatz am Kopf, die Ohrmuscheln – alles ist noch pechrabenschwarz. Zum Teufel noch mal! Das ganze noch einmal.



Seite 52:

Knobelbecher-Zeit


Was ist also zu tun? Das wissen sicherlich die da oben. Henry denkt an die großen Zusammenhänge noch nicht. Jetzt ist er auf den nächsten Augenblick fixiert. Was wird ihn erwarten, den Ahnungslosen? Es ist der 23. November 1954. Erfurt. Ein Jüngling, schmal, etwas blass, knapp 18 Jahre alt, im hellen und dünnen Sommermantel, ein kleines Köfferchen in der Rechten, meldet sich an einem Kasernentor. Dann ist er drin. Noch weiß er nicht, dass ein Rückzug nicht mehr in Frage kommen wird, selbst bis zum ersten Ausgang werden Wochen vergehen. Eine Schule für zukünftige Offiziere – sie wird ihn und all die anderen Schüler festhalten für drei Jahre, soviel ist klar. Am nächsten Tag geht es bereits in die B/A- Kammer, das heißt Bekleidung und Ausrüstung. Henry sieht die Knobelbecher und ihm zieht sich das Herz zusammen. „Die sollen nun mein Schuhwerk sein, diese klobigen Dinger“, denkt er. Damit nicht genug. Die von der Aufnahmekommission haben wegen der „Militärgeologie“ kaum merklich gegrinst. Ja, bei den Pionieren, da beschäftige man sich mit so etwas, aber dazu wiederum sei er zu schwach gebaut, solle er doch allgemeiner Truppenkommandeur werden, da habe man Befehlsgewalt über alle, über die Infanterie, die Flugzeuge und über die Schiffe, und einer der Offiziere breitet weit die Arme aus ... Dem sensiblen jungen Mann wird beinahe schwarz vor Augen, über andere herrschen, das will er ja gar nicht.

Er spürt, da kommt was auf ihn zu. Doch nun ist es wohl zu spät. Soll er sich zurückziehen? Feige und kleinmütig? Zurück in den Betrieb, der ihn so „patriotisch“ verabschiedet hat? Der ihm das restliche Gehalt von November, etwa 50 DM, erlassen und ihm eine gute Beurteilung mitgegeben hat? „Nach Aussagen des Leiters der Außenstelle kann seine Arbeit mit sehr gut bewertet werden“, so steht es in dem Papier. Nein, ausgeschlossen. Er wird, er muss sich durchbeißen. Sich abhärten, sich standhafter machen. Bedenkt er, dass sich hinter ihm mit dem Kasernentor auch seine noch nicht einmal gelebte Jugendzeit schließt, nahezu eingegrenzt und beschnitten wird? Nein, das erscheint ihm nicht wichtig genug. Und so soll’s denn sein ... Henry stürzt sich in die Zeit der Fußlappen und der Stiefel. Aus dem im Sternenbild Schütze geborenen soll nun ein echter Schütze werden.



Seite 249:

Kampfplatz“ Adlershof


Es ist der erste Dezember 1986, da geht Henry das erste Mal wieder seit dem Herbst 1954, also seit 32 Jahren, in Zivil zur Arbeit. Mit der S-Bahn von Friedrichshagen nach Köpenick, von dort fährt er mit der Straßenbahn nach Adlershof, betritt dann diesen riesigen Gebäudekomplex des Fernsehens der DDR: Sein neuer Arbeitsplatz. Konkreter: Die Räume der Beratergruppe. Die ist im grauen Verwaltungsgebäude im obersten Stockwerk untergebracht. Einige Mitarbeiter sind dafür verantwortlich, dass in Drehbüchern über die Armee und bei allen zu bearbeitenden militärischen Problemen keine fachlichen und politischen Unebenheiten stehen. Ein Oberst ist Henrys Vorgesetzter, sehr korrekt im Umgang mit seinen zwei Zivilleuten, zu denen auch Detlef gehört, ein äußerst beweglicher Geist mit immer neuen Ideen. Vor allem: Er hilft Henry, in der für ihn fremden Welt des Fernsehens allmählich Fuss zu fassen, die einzelnen Bereiche wie Unterhaltung und Dramatik kennenzulernen, aber auch die Leute von „Radar", dem militärpolitischen Magazin. Er muss an „Abnahmen“ – seien es die Radar-, seien es publizistische Beiträge, seien es Spielfilme mit Armeeproblematik – teilnehmen und den jeweiligen Inhalt mit begutachten.


Seite 257:


Aufruhr in Leipziger Kinosälen


Neubrandenburg - Henry liebt diese Stadt, in der er mit Cleo und den drei Kindern so gute Jahre gelebt hatte. Nun ist er erneut hier – vom 10.10.-13.10.88 zum 11. Nationalen Festival des Dokumentar- und Kurzfilms der DDR. Er stellt fest: Besonders beeindruckend: die Beiträge „Die Karbidfabrik“, „Das Singen im Dom“, „Winter ade“, „Erich Fried, ein Porträt“. Dann ein Streifen über die Armee - „Was jeder muss“. Ein junger Mann zwischen Verweigerung, Hoffnung und berechtigten Fragen. Aber das Schlussbild: Im Hintergrund die Kaserne in der Abenddämmerung, im Vordergrund ein Ausschnitt der Sturmbahn, und zwar so gefilmt, dass er wie ein Galgen aussieht. Widerlich. Welch ein Bild wird da suggeriert! Ich rege mich auf. Innerlich! Soll ich in der Diskussion dazu etwas sagen? Andererseits, habe ich den Film überhaupt richtig verstanden? Würde ich mich, der ich von der Filmsprache im Grunde wenig Dunst habe, mich mit giftigen und unqualifizierten Bemerkungen nicht absolut lächerlich machen? Ich unterdrücke mein „Pflichtgefühl“. Manchmal muss man schweigen. Oder feige sein? So reibungslos geht’s nicht mehr wie gedacht... Was deutet sich an?


November 1988 in Leipzig. Bin das dritte Mal hier zur Dokumentar- und Kurzfilmwoche. Soviel Kritisches zum Leben in sozialistischen Ländern habe ich überhaupt noch nie gesehen. Ein großer Lacher bei studentischem Publikum, als der Film über den Zeiss-Biermann und die DDR-Ships gezeigt wurde. Stinkendes Eigenlob, das zu selbstherrlich daherkommt – das will man nicht, denn das ist unehrlich. Und hinter dem Lachen hört man das Knistern steigender Unzufriedenheit. Ich staune nur, und das Staunen wird zum Nachdenken. Mehr als bisher. Ein Mitarbeiter vom Magazin „Radar“, er sitzt in der Jury, kommt zu mir, flüsternd, sich fast schon vorsichtig umsehend: „Du, da soll noch ein Streifen aus Moskau eintreffen, aber ob der gezeigt wird?“ Ich sitze oft bis früh zwei Uhr im Saal, großartige Stimmung, auch als „Winter ade“ abläuft, Beifall auf offener Szene.


Wieder in Berlin. Bin aufgeladen. Stehe noch unter Strom. Will einen Diskussionsbeitrag für die Parteiversammlung über Erlebnisse in Leipzig halten. Vor allem über den Widerspruch zwischen dem vom Politbüro hochgejubelten Mikroship-Film und der gar nicht rosigen Resonanz bei jungen und sehr kritischen Zuschauern. Man macht sich was vor!! Den Vorgesetzten fährt der Schreck in die Glieder, ich sehe in ablehnende, verständnislose Gesichter meiner Genossen: „Um Gottes willen, bleibe bei der Militärpolitik, willst du etwa gegen die Einschätzung von ganz oben wettern?“ Mir ist richtig unwohl. So offensichtliche Fehleinschätzungen, so ein hausgemachter „Erfolg“, so viel Mittelmäßigkeit, so drastisch und niederschmetternd.



Seite 314:

Schwedische Gastfreundschaft


Silvester 1996. 17 Uhr sind Erna und Gerd bei uns, die älteren Nachbarn. Sie ist eine weltoffene, charmante, weißhaarige Frau, liebenswert und gastfreundlich, versteht sich mit Cleo sehr gut. Er zeigt mir auf der Karte, dass in der Nähe des Stjönsees (Steinsee) sein Vater gewohnt hat. Gegen 22 Uhr ruft Cleo bei Diana und Thomacz an, sie möchten herüberkommen. Auch die Familie von Johannes, unsere deutschen Nachbarn, ist kurz bei uns. Wir tanzen nach Herzenslust bis in den schwedischen Morgen. Wir fühlen uns frei und glücklich wie noch nie. Habe ich nicht die für mich tollste Frau? Beste Geliebte und guter Kamerad? Haben wir Sorgen? Gibt es Termine? Müssen wir etwa noch die hohe deutsche Miete bezahlen? Haben wir nicht sehr schnell neue schwedische Bekannte gefunden? Winken uns nicht etwa interessante Jahre? Im Haus, in den endlosen Wäldern, an Seen, in der Hafenstadt Kalmar und anderswo?


Nach Neujahr 1997. Wir schnallen vor der Türe die Skier an. Plötzlich entdeckt Cleo im Schnee einen Flaschenhals, zieht eine noch halbvolle „Korn“ heraus, hält sie fragend in die Höhe. Ich hatte die Flasche in der Silvesternacht kalt gestellt und dann glatt vergessen. So tun sich nichtsahnend Reserven auf. Wir jubeln.



Seite 389:


Am „Ortsrand“ Berlin


Pünktlich zu Cleos Geburtstag treffen wir, von Schweden kommend, mit unserem Skoda in Schöneiche bei Berlin ein. Große Überraschung: Unsere Kinder haben nicht nur unsere neue Wohnung gemalert, sondern auch Helfer mitgebracht, die Möbel in den zweiten Stock dieser hübschen Drei-Zimmer-Wohnung zu tragen. Großartig fühlen wir uns. Der wievielte Umzug ist es für uns? Leider kein Sinn dafür, nachzuzählen...


Seite 447:

Innerlich gesteht er sich ein, ein Träumer zu sein. So, wie Fjodor Dostojewski (1821-1881) seinen Helden in seinem Roman „Der Traum eines lächerlichen Menschen“ beschreibt? Dem russischen Autor ging es um die unermüdliche Suche nach „Erneuerung des untergegangenen Menschen“.

Nun aber stürzen die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg ins Hirn. Soll das nach der Befreiung vom Faschismus eine Erneuerung des Menschen sein? Es ist zweifelsohne ein Rückfall in die kriegerische Barbarei, diese Tragödie in der Ukraine.

Im Klappentext des Buches von Dostojewski heißt es: Es sei die Enttäuschung „über die Ergebnisse der bürgerlichen Revolutionen Westeuropas und über das Scheitern der utopischen sozialistischen Versuche, die Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft zu überwinden...“

Ergibt sich die Frage: Kann der „lächerliche Mensch“ auch nach diesem Rückfall wieder zum Propheten eines humanistischen Menschheitsideals werden, gänzlich ohne Kriege?





Samstag, 18. Juni 2022

DER TITANIC - PROPHET - Buchtipp von H.P

Klaus Schwab / Thierry Malleret: "COVID-19: DER GROSSE UMBRUCH"



DER TITANIC - PROPHET

Buchtipp von Harry Popow



Man möchte nicht in seiner Haut stecken. Da veröffentlichte der Gründer des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, im Juli 2020 gemeinsam mit dem Autor Thierry Malleret ein Buch mit dem Titel "Covid-19: DER GROSSE UMBRUCH". Darin schreiben sie: "Es geht darum, die Welt weniger gespalten, weniger verschmutzend, weniger zerstörerisch, integrativer, gerechter und fairer zu machen, als wir sie in der Zeit vor der Pandemie hinter uns gelassen haben."

Handelt es sich um eine saftige Gesellschaftskritik, zu der allerdings bürgerliche Anhänger des Finanzkapitals kaum nennenswerte Aussagen treffen könnten? Oder kam den Autoren die Pandemie wie gerufen, um ihre weltverändernden Ideen zugunsten der Kapitalherrschaft in die Welt zu posaunen? Kürzer gesagt: Wurde die Pandemie für ihre eigene Programmatik vereinnahmt? Besser: Hilft dies, die Zukunft besser zu meistern?

Eine klare Aussage lässt sich nur treffen, wenn man sich der Mühe unterzieht, dieses 331-seitige Sachbuch gründlich zu lesen. Es enthält drei Hauptkapitel. Erstens, wie sich die Pandemie auf die Wirtschaft, die Gesellschaft, die Geopolitik und auf die Umwelt und Technologie auswirkt. Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit den Auswirkungen auf bestimmte Branchen und Unternehmen. Danach geht es um die Auswirkungen auf individueller Ebene.

Und nun? Seit der Drucklegung 2020 ist einiges passiert. Nachdem es den kriegerischen Übersee-Machthabern gemeinsam mit ihren Vasallen in Europa gelungen ist, den Volksmassen einen angriffslustigen Putin zu präsentieren, nachdem sie ihn ohne vorherige Verhandlungsbereitschaft zum Angreifer in der Ukraine gestempelt, provoziert haben? Unter diesen Umständen gewinnt die Idee einer grundlegenden Wende in den internationalen Beziehungen, Umbruch genannt, eine äußerst zugespitzte Kraft. Was ist passiert, dass plötzlich nicht die althergebrachten imperialistischen Aggressoren am Pranger stehen, sondern jene, die sich den Angriffsgelüsten der Westmächte zu widersetzen gezwungen sind?

Vorneweg sei festgehalten: Auch der Autor Klaus Schwab ist in die Falle gegangen. Er, der in seinem Buch den Stakeholder-Kapitalismus, mit dem eine neue Art des Kapitalismus vorgegaukelt werden soll mit sozialem Gefüge, dermaßen hochgejubelt hat und dabei die Pandemie als Verursacher des größten bisherigen Unglücks in der Weltgeschichte darzustellen versuchte? Real geht es dabei aber um die Errichtung einer von wenigen Milliardären ausgeübten totalitären und technokratischen Weltherrschaft, die eine noch höhere Arbeitslosigkeit, eine unfassbare Deindustrialisierung und ein wirtschaftliches Tief zur Folge hätte.
 
Am Scheideweg steht nicht die Pandemie contra Menschheit, sondern die westliche Kapital-Elite mit ihrer seit Jahrzehnten provozierten Schlacht um Gewinne und Landraub contra Großmächten wie Russland und China. Auf dem Spiel stehen die gesamte Menschheit auf diesem einzigartigen Planeten.

Sicher, so dumm sind die Völker auch nicht. Manche kluge Autoren bezeichneten den Autor als Schwätzer und Verleumder. Dem ist entgegenzuhalten: Nein, so einfach geht das nicht...

Der Analyst


Für Klaus Schwab und andere „Experten“ ist es ein Glück, dass ihnen die Pandemie den Vorstoß in eine angeblich neue Welt ermöglicht hat. Und so wird er in seinem Buch nicht müde, die „guten“ Folgen und die „Unglücksfälle“ aufzuzählen. Alles mit dem Ziel, die Menschen zu verunsichern, ihre Ängste zu schüren und ihre Bereitschaft, alles für den großen „Umbruch“ zu tun. Die folgenden Stichworte mögen den Blick dafür schärfen.
So betitelt er die Pandemie als „Krieg“, der die gesamte Menschheit bedroht. Damit ist bereits klar, dass die gesellschaftlichen Bedingungen, die bisherigen Kriege, die der Imperialismus zu verantworten hat, keine Rolle mehr spielen. Alles sei subjektiv lösbar, wenn man nur wolle.

Und unter diesem Aspekt wird wohl jeder Leser dem Autor zustimmen, wenn er mit Hilfe von Covid-19 sozusagen den Teufel an die Wand malt: Ob Krisen, soziale Unruhen, technologische Entwicklungen, geopolitische Umbrüche oder das Auftreten von Infektionskrankheiten - „alles passiert jetzt im Schnelldurchlauf“. Es herrsche die „Diktatur der Eile“.  (S.29/30). Kriege vernichten Kapital, „Pandemien tun dies nicht, denn sie würden „niedrigere Realzinsen verursachen, wodurch die Wirtschaftstätigkeit einbricht.“ (S. 42)

„Der Arbeitsmarkt wird sich zunehmend polarisieren zwischen gut bezahlter Arbeit und vielen Jobs, die von der Bildfläche verschwinden oder schlecht bezahlt und nicht sehr attraktiv sind.“  (S. 63) Er schreibt von der Verschärfung gesellschaftlicher Probleme in ärmeren Ländern: Armut, Ungleichheit, Korruption. (S. 87) Er warnt vor einem „Gegenschlag“ durch Ungerechtigkeiten. (S. 95/96)
Welchen Schluss zieht der Autor? „Existenzielle Krisen wie die Pandemie konfrontieren uns mit unseren eigenen Ängsten und Befürchtungen und bieten große Möglichkeiten zur Introspektion und Selbstreflexion. Sie zwingen uns, die Fragen zu stellen, auf die es wirklich ankommt.“ (S. 277)

Die Pandemie würde „einen Systemwandel beschleunigen.“ Rückzug aus der Globalisierung, zunehmende Entkopplung zwischen USA und China, Beschleunigung der Automatisierung, verstärkte Überwachung, zunehmender Nationalismus, wachsende Macht der Technologie, eine stärkere online-Präsenz von Unternehmen.(S. 19)


Über Ursachen und Visionen

„Die wesentlichen Gründe für den Glaubensverlust in unsere Gesellschaftsverträge sind Fragen sozialer Ungleichheit, die Unwirksamkeit der meisten Umverteilungsmaßnahmen, die Wahrnehmung von Ausgeschlossenheit und Ausgrenzung und ein allgemeines Gefühl der Ungerechtigkeit“ (S. 111) Deshalb der Ruf nach einem fairen Gesellschaftsvertrag.“ (S. 112)

Es sollten institutionelle Veränderungen in die Wege geleitet und politische Entscheidungen in Richtung einer gerechteren und „grüneren“ Zukunft getroffen werden. Schwab vergleicht dies mit dem radikalen Umdenken nach dem Zweiten Weltkrieg, in dessen Folge internationale Organisationen wie die Bretton-Woods Institutionen, die Vereinten Nationen oder die Europäische Gemeinschaft gegründet wurden.

"...außer Kontrolle geratene Wirtschaftsmächte ohne Aufsicht (könnten) den Sozialstaat zerstören..." Es sei sicherzustellen, "dass bei Partnerschaften mit  Unternehmen unter Beteiligung öffentlicher Mittel nicht die Gewinnorientierung, sondern die öffentlichen Interessen im Vordergund stehen." (S. 105) Notwendig sei ein stärkeres staatliches Eingreifen. (S. 108) Und "Ohne einen globalen, strategischen ordnungspolitischen Rahmen kann es keine anhaltende Erholung geben." (S. 131)

"Je stärker die Weltpolitik von Nationalismus und Isolationismus durchdrungen wird, desto höher stehen die Chancen, das globale Ordnungspolitik ihre Bedeutung verliert und unwirksam wird." (S. 132)

Philosophische Frage, wie das Gemeinwohl maximiert werden kann: Können "Konflikte zwischen konkurrierenden Moraltheorien wirklich gelöst werden?" BIP-Wachstum um jeden Preis oder sich kümmern um schwächste Mitglieder "unserer Gemeinschaft"? Um welche Kompromisse geht es? (S. 259)

Allgemeinplatz: "Letztendlich ist es eine moralische Entscheidung, ob  den Werten des Individualismus oder denen, die das Schicksal der Gemeinschaft begünstigen, Vorrang eingeräumt wird."  (S. 262)
Fragt sich an dieser Stelle, welchen Stellenwert Klaus Schwab dem Kapitalismus, dem Finanzkapital einräumt?


Vorgegaukeltes „Neues“ Wirtschaften

Die Pandemie ist laut Schwab eine Gelegenheit, um Wirtschaft neu zu denken. Er und Malleret betonen in ihrem Buch, dass der "Stakeholder-Kapitalismus" in Zukunft immer wichtiger werde. Das heißt, dass Unternehmen nicht mehr nur daran interessiert sein sollten, ihre Profite zu maximieren, sondern auch anderen Gruppen bzw. Themen, den "stakeholdern", eine zentralere Rolle einzuräumen, etwa Nachhaltigkeit und Umweltschutz - aber auch den Beschäftigten. (S. 217)
Ein nachhaltiger Wirtschaftsaufschwung nach der Pandemie ergebe sich die Schlußfolgerung, „dass Staaten im Interesse unserer Gesundheit und unseres kollektiven Wohlstands alles tun müssen, koste es was es wolle, damit sich die Wirtschaft nachhaltig erholt. (S. 49)

 „Die größte Grundursache von sozialen Unruhen ist Ungleichheit. Es gibt politische Instrumente zur Bekämpfung inakzeptabler  Ungleichheit und sie liegen häufig in den Händen der Regierungen.“

 Im Übrigen verweist der Autor auf akute Krisen in den letzten fünfhundert Jahren, die stets zur Stärkung der Staatsmacht beigetragen haben, was auch bei der Pandemie so zu sehen sei. „Historiker verweisen darauf, dass die steigenden Finanzressourcen der kapitalistischen Länder seit dem 18. Jahrhundert immer eng mit der notwendigen Austragung von Kriegen verbunden waren...“  (S.102)

Hier liegt der Hase im Pfeffer: Auf die Problematik Imperialismus und Kriegsgefahr der Machterweiterung wegen geht der Autor leider nicht näher ein. Er kann nicht, sonst müsste er sein Buch anders anlegen.

Klaus Schwab besteht auf eine verstärkte und „beinahe sofortige Regierungskontrolle über die Wirtschaft“, die übrigens bereits vorhanden sei. „Nur die Regierungen hatten die Macht , die Fähigkeit und die Reichweite, solche Entscheidungen zu treffen, ohne die eine wirtschaftliche Katastrophe und der vollständige gesellschaftliche Zusammenbruch eingetreten wären.“ (S.106)

Sehr hoch bewertet Klaus Schwab das ESG. Denn das weist auf die Unschuld des Kapitalismus hin. “Die grundlegenden Veränderungen, die sich unter den Makrokategorien vollzogen haben, haben in den letzten ca. zehn Jahren das Unternehmensumfeld tiefgreifend verändert. Sie haben dafür gesorgt, dass Stakeholder-Kapitalismus sowie Umwelt-, Sozial- und Governance (ESG)-Kriterien für die nachhaltige Wertschöpfung immer  relevanter werden. (ESG kann als Maßstab für den Stakeholder-Kapitalismus angesehen werden).“ Es gehe nicht mehr nur um „zügelloses Streben nach Gewinnmaximierung.“ Alle sollen „ihren Stakeholdern dienen, nicht nur ihren Aktionären.“ (S.219)

Alles im Allen: Auf den Grundwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit geht Schwab nicht ein, alles löst sich in Wohlgefallen auf, im Gegenteil, er schreibt nur von Schwächen und Fehlern, den Begriff „dialektischer Widerspruch“ kennt er nicht, denn das klingt nach Marxismus. Wie er generell diese Thematik auch nicht auf den Geschichtsverlauf anwendet.  Es ist wie es ist: Es geht um eine neue totalitäre Weltherrschaftsform.

Ins Blickfeld nimmt Schwab kurz die USA. Statt deren aggressive Aktivitäten des militärisch-industriellen Komplexes seit 1945, vor allem gegen Russland, anzugreifen, um das gegenwärtige Denken und Tun der Völker gegen Russland anzuprangern, greift er auf Nebenplätze zurück.

Das Vertrauen zum Dollar. Es gehe um eine vernünftige Wirtschaftspolitik Unhaltbare Verschuldung. Keine Sicherheit. Abkopplung der USA „von der globalen Geopolitik zugunsten einer autarken Binnenpolitik.(S.82/83) Geopolitische Instabilität. Grund: „...die progressive Schwerpunktverlagerung vom Westen in den Osten – ein Wandel, der Belastungen und in der Folge weltweite Unordnung erzeugt.“ (S.120) Rivalität und Konkurrenz zwischen USA und China wurde durch Pandemie verschärft. Orakeln wer Recht hat? (S. 138/139) Sichtweise der USA wurzelt in der „konkurrenzlosen Dominanz“ über den „Rest der Welt“ (S.140) Demnächst keine Alternative dazu. (S.144)

Versprechungen&Illusionen

Für einen Weg „in eine gerechtere, grüne Zukunft“ mit Verweis auf den Ausbau des Wohlfahrtsstaates der BRD und der EU. (S. 65) Für „ein grundlegendes Überdenken der Märkte und deren Rolle in unserer Wirtschaft und Gesellschaft...“ (S. 71) Es sei denkbar, „dass Regierungen in Zukunft versuchen werden, ihren Einfluss auf die Zentralbanken geltend zu machen“, um öffentliche Großprojekte zu finanzieren. (S. 76) In der Ära nach der Pandemie komme es „zu einer massiven Umverteilung des Reichtums, von den Reichen zu den Armen und „vom Kapital zur Arbeit.“ Dies wird als Beleg gesehen, dass die Akteure des "Great Reset" den Sozialismus bzw. Kommunismus ein führen wollen. Es werde der Tod des Neoliberalismus eingeläutet. (S. 89) Mehr staatliches Eingreifen als bisher. (S. 215)

„Da wir jetzt alle im selben Boot sitzen, muss sich die Menschheit um dieses eine Boot als Ganzes kümmern.“ Also doch: Es gibt kein OBEN und kein UNTEN mehr. WIR alle!! (S. 25) Also: Das wirtschaftliche Risiko bleibe nicht mehr auf den „wirtschaftlichen Bereich beschränkt.“

Mit anderen Worten: dieser bisher wohl ausschlaggebenste Bereich von Unterdrückung und Kriegen trage bei dieser großen Vernetzung in der Welt nicht mehr die Verantwortung?

Wer der Geschichte von Schwab und Malleret glaubt, wird sich ohnehin fragen, wozu man noch demonstrieren soll. Nachhaltigkeit und Umwelt, Wachstum und Globalisierung, viel zu kleine Löhne für die, „die die Gesellschaft am meisten braucht“ (S. 93) Wenn die Leute weniger Fleisch wollen, weniger Flüge und überhaupt weniger Konsum, dann soll das eben so sein, schon dem Klima zuliebe (S. 72).

Nach der Pandemie könne „die Gelegenheit genutzt werden, um institutionelle Veränderungen in die Wege zu leiten und politische Entscheidungen zu treffen, die die Volkswirtschaften auf einen neuen Weg in eine gerechtere, grüne Zukunft führen.“ (S. 65) Der Autor verweist dabei auf den Wohlfahrtsstaat BRD.

Bisher allerdings auch kein Wort zur Demokratie. Dafür nur Schlagwörter:  Beraten, abwägen, streiten, Kompromisse finden. Aber akzeptieren, dass mein Gegenüber das bessere Argument hat? Streit um Wahrheit und dialektische Widersprüche? Warum? Nicht nötig im Zeitalter der „großen“ Regierungen, „aufgeklärter Führung“ und einer „globalen Ordnungspolitik“, die neben UNO und WHO gleich das gesamte „zerbrochene Gefüge“ zum Verschwinden bringt, das nach 1945 entstanden ist? Hoch lebe das Weltwirtschaftsforum als Diktator.


Resümee

Eines ist klar: Es geht schlicht darum, um jeden Preis eine Revolution zu vermeiden sowie sich selbst (die Konzerne) an die Spitze jeder möglicherweise gefährlichen Bewegung und vor allem jeder „Reformdiskussion“ zu setzen. Es geht um ein demokratisch vorgegaukeltes  Diktat des in die Enge getriebenen Imperialismus. Der  nach wie vor unerbittliche Drang nach Gewinnmaximierung soll durch Reste  von menschlichen Gebaren maskiert werden.

Auch das muss gesagt werden: Rechtschreibung, Silbentrennung, überhaupt die Sprache: All das ist in der ganz neuartigen Welt nicht mehr nötig und wichtig. Im Gange ist eine große Transformation, des Great Reset. Geplant ist die Zerstörung der bestehenden Ordnung. Der Mensch soll zu einem Zwischending aus Lebewesen und Maschine herabgewürdigt und in Schach gehalten und dirigiert werden von so genannter 'künstlicher Intelligenz' (KI).

Sven Böttcher - als Advocatus Diaboli - rechnet vor, dass die Eliten nach dem Great Reset nur noch höchstens 40 Prozent der sonstigen Menschen werden „brauchen“ können. Und worin sonst sollte die Existenzberechtigung liegen als darin, von den Eliten gebraucht zu werden? Diese Überlegung kombiniert er mit der bewiesenen Tatsache, dass Menschen notorische CO2-Ausstoßer und somit gefährlich sind.

Das asoziale kapitalistische Modell benötigt nach Schwab eine Marketing-Kur. Die neue Diktatur könne mit ihren bürgerlichen „Qualitätsmedien“ auf Anordnung eine Panik wegen der Pandemie sowie – ungebrochen wie seit eh und je - eine Kriegs-Hysterie aus dem Ärmel schütteln. Wie zur Zeit im Jahre 2022 bereits im vollen Gange.  So lange, wie man den Titanic-Propheten in den USA und ihren kapitalen Mit-Schuldigen, den Vasallen in Europa das Steuer überlässt …


(Klaus-Schwab-Great-Reset-Pandemie-Plandemie-World-Economic-Forum-WEC-Weltwirtschaftsforum-Neue-Weltordnung-Cologny-Davos-Kritisches-Netzwerk-Neoliberalismus)


PRODUKTINFORMATION [TASCHENBUCH]

Autor: Klaus Schwab / Thierry Malleret: "COVID-19: DER GROSSE UMBRUCH", Seiten: 332, Maße: 10.9 x 1.2 x 18.3 cm, Format: Taschenbuch, Sprache: Deutsch, Erschienen: 25. September 2020, Herausgeber: Forum Publishing, ISBN-10: 2940631190, ISBN-13: 9782940631193











Donnerstag, 16. Juni 2022

Unter der Asche die Glut - Gedichte von Wolfgang Bittner

Unter der Asche die Glut


Von Wolfgang Bittner


Gedichte


Allitera Verlag

ISBN – 978-3-96233-348-5


Kontakt und Bestellungen: info@allitera.de



Totengräber


Sie lesen unsere Mails,

sie kennen unsere Kontakte,

sie lesen, dass wir sie

Verbrecher nennen.


Sie hören, worüber wir traurig sind,

sie hören, dass wir wütend sind,

sie hören, dass wir sie

gewissenlos nennen.


Sie kennen unsere Vorlieben,

sie kennen unsere Abneigungen,

unsere Krankheiten,

unseren Kontostand,

sie wissen, was wir kaufen,

sie wissen, wen wir lieben.


Sie sammeln und registrieren,

sie spitzeln und diffamieren,

sie zerstören Existenzen,

verantwortlich für Umsturz und Mord,

sie sind legal-illegal,

Hunderttausende.


Sie wissen, was sie tun,

sie kennen die Verfassung,

die sie missachten,

sie wissen, dass wir sie hassen,

aber sie machen, was sie wollen

und was geduldet wird.


Wolfgang Bittner lebt als Schriftsteller in Göttingen. Der promovierte Jurist erhielt mehrere Preise und Auszeichnungen und ist Mitglied im PEN. Er schreibt für Erwachsene, Jugendliche und Kinder, war freier Mitarbeiter bei Zeitungen, Zeitschriften, Hörfunk und Fernsehen und veröffentlichte etwa 80 Bücher, darunter die Romane „Niemandsland“ und „Die Heimat“, „Der Krieg und der Goldene Westen“, den Erzählband „Am Yukon“ sowie die Gedichtbände „Der schmale Grat“ und „Südlich von mir“.