Mittwoch, 28. Februar 2018

UNTER BILDUNGS - "ZWANG"

1. März: Glückwunsch zum Tag der NVA 

Karl-Heinz Otto: "Meine Kindheit im Osterland"



UNTER BILDUNGS -"ZWANG"



Buchtipp von Harry Popow

„Wer sich ins Privatleben zurückzieht, ist deshalb kein Feigling, aber wer kämpft, ist kein Narr.“ Diesen so richtigen und in die zerstreute und verwirrende Gegenwart transportiert, schrieb Michael Benjamin (1932-2000), universeller Denker und Zeitgenosse, in seinem Werk „Das Vermächtnis“, Seite 67, herausgegeben bei edition ost. Man kann sie nicht zählen, die nach dem Rücklauf der Geschichte seit 1989 zu den verschmähten „Narren“ zählen. Einer von ihnen: Karl-Heinz Otto mit seinem Buch „Meine Kindheit im Osterland“.

Wer sich diesem „Vorwurf“ aussetzt, der muss tiefgehende Gründe haben. Der Autor, bekannt u.a. durch das großartige Werk „IKARUS“, hat es in seinem Leben fertig gebracht, von einem „Proletensohn“, wie er sich selbst sieht, zu einem höchst angesehenen Offizier der NVA und Geheimnisträger ersten Ranges gebracht zu haben. Er, der mit dem Slogan der „beschissne Kriech“ aufgewachsen war, nahm das ihm angebotene Bildungsprivileg der neuen Macht im Osten Deutschlands an, wurde zu einem Bestschüler, freundete sich mit der Waffe des Wortes an und als Offizier der Waffe der höchst geheimen FLA-Raketensysteme. Um nie wieder so einen „beschissnen Kriech“ vom deutschen Boden aus zuzulassen.



Unbedeutende Fußnote in der Weltgeschichte?

Den Anstoß, nochmals gründlich in seiner Kindheit und seinem Werden und Wirken in der DDR zurückzublicken und zu veröffentlichen, gab ihm eine sehr gehässige Prophezeiung von Stefan Heym, von der DDR werde nicht mehr als eine unbedeutende Fußnote in der Weltgeschichte übrig bleiben. (S. 7) Auch lasse er sich von keinem der modernen Kaffeesatzleser vorschreiben, „wie ich gelebt zu haben habe...“ (S. 190) Auf den Seiten 278 und 290 greift er das primitive Geschreibsel von so genannten Historikern und den Versuch heutiger DDR-Erklärer an, zum Beispiel die Jungen Pioniere „als Kinderorganisation der kommunistischen SED zu disqualifizieren“.

Hätte sich der Autor Karl-Heinz Otto diesem „Zwang“ zur höheren Bildung nicht unterworfen, er hätte weder dieses Buch so schreiben können noch wie ein lahmes Schaf den Verheißungen einer angeblich „BLÜHENDEN LANDSCHAFT“ nach der so genannten Wende widerstehen können. Das besondere Gewicht seines Romans liegt in seiner Authentizität und Ehrlichkeit seiner Erinnerungen, die der einstige DDR-Bürger stets mit verallgemeinernden Einsichten und Erkenntnissen verbindet. So entsteht ein in die Geschichte eingefügtes Mosaik einer aus der unteren Schicht hervorgegangenen intellektuellen Persönlichkeit.

Bevor ich aus dieser interessanten Lektüre zwei Erkenntnisstränge herauskristallisiere, die Brechung des Bildungsprivilegs des Bürgertums sowie der nach 1945 unerbittlich und zum Kalten Krieg hinführende Klassenkampf der westlich dominierten imperialistischen Kräfte gegen das andere, das nach Sozialismus strebende Ostdeutschland, zunächst des Autors Kindheitserinnerungen. Und die sind reichlich bestückt mit eigenen, aber auch mit Erlebnissen und Empfindungen seiner Eltern und Verwandten. Als er 1943 eingeschult wurde, die Mutter in ihrem „unverwechselbaren breiten Leipziger Sächsisch“ über den „beschissnen Kriech“ immer öfter zu fluchen begann, da konnte der Knirps Karl-Heinz damit noch nichts anfangen. Ein Jahr später – es war auf dem Schulweg – stürzte sich ein englisches Jagdflugzeug Spitfire, das konnten die Jungs bereits ausmachen, mit Maschinengewehrfeuer auf ihr „heiter zur Schule schlenderndes Grüppchen...“ Das sollte nicht sein einziges „Erlebnis“ sein, wenig später kriegten die Kinder einen Luftkampf zwischen Flugzeugen mit, den prügelnden Hass von Bauern auf den mit einem Fallschirm gelandeten englischen Piloten „bis er zerfetzt und aus allen Körperteilen blutend reglos im Grase liegen blieb“. „Ich litt deshalb mit – bei jedem Hieb, bei jedem Stich...“, so der Autor. (S. 38) Er litt, als er zusehen musste, wie die so genannten Kettenhunde Deserteure als Volksverräter aufhängten, als die Todesnachricht kam, Vater sei im Krieg gefallen. Er litt lauernd im Bombenkeller, er litt als er hörte, die so genannten Kettenhunde hätten Volksverräter gehängt, er schaute neugierig auf die Befreier, zunächst auf die Amerikaner, dann auf die Russen, die auf Plakaten nur als Unmenschen dargestellt wurden und die sich nun als normale, interessante und hilfsbereite Menschen zeigten.



Brechung des Bildungsprivilegs des Bürgertums

Trotz alledem: Er ging weiter in die Schule und lernte gerne. Sollte Violinist werden, wenn es nach Muttern gegangen wäre, dann schwebte dem Knaben Architektur vor in der Aufbruchstimmung des neuen Staates DDR. Er erlebte ein abwechslungsreiches kulturelles Leben bei den Jungen Pionieren und dann bei der FDJ. Auf Seite 303 berichtet der Autor, wie er angehalten wurde, vom Proleten zum Intelligenzler aufzusteigen. Der Direktor der Dorfschule klopfte bei seiner Mutter an und beschwor sie, der Karl-Heinz möge das Gymnasium besuchen, denn er sei der beste Schüler. Begründung: Das Bildungsprivileg der Bourgeoisie müsse gebrochen werden. Die Mutter wehrte ab, nein, er wird Tischler, wie sein in Russland gefallener Vater. Der Direktor wiederholte seine Überzeugungsgänge und hatte endlich Erfolg, als er Karl-Heinz ein Stipendium zusicherte. Zu seinem erfolgreichen Abitur, findet der Autor auf Seite 323 folgende Worte: „Bis heute bin ich dem kleinen – nun in den Geschichtsbüchern lediglich mit einer hämischen Fußnote erwähnten Ländchen DDR – dankbar, dass es mir eine fundierte Bildung und einen glanzvollen Start ins Leben ermöglichte.“



KLassenkampf des Westens gegen das andere Deutschland

Bevor er sich dazu entschied, Offizier der NVA zu werden, hatte der junge Karl-Heinz auch mit Provokationen des Westens zu tun. Der Autor bezeichnet es als das Ende seiner behüteten Kindheit, als der 17. Juni 1953 ihn vom Träumer zum Handelnden gemacht hat. Nur ein herbeigerufener sowjetischer Panzer hatte es verhindert, das sein Ersatzvater Franz unter dem Druck des entfesselten Mobs sein Ende am Galgen gefunden hätte. Es war im Mai 1954, da Karl-Heinz Otto in der Funktion als freiwilliger Volkspolizeihelfer die Aufgabe übernahm, leistungsstarke niederländische Herdbuchkühe der örtlichen LPG „vor Anschlägen des Klassenfeindes“ zu schützen. Doch am nächsten Morgen war die gesamte kostbare Herde tot. Vergiftet. Die Spur der Täter führte nach Westberlin „wo erwiesenermaßen ihre Auftraggeber residierten, die unter dem irreführenden Namen Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit angetreten waren, die junge DDR zu schädigen“. (S. 358) Damit nicht genug. Als Teilnehmer der III. Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1951 wollte er in Westberlin einen Film ansehen und erlebte, wie „ein paar tausend Westberliner Stummpolizisten mit Schlagstöcken, unterstützt von Wasserwerfern, auf ein paar tausend FDJler einprügelten“. (S. 299) „Damals begriff mein naiver Kinderverstand noch nicht, was sich hinter dem Schlagwort Klassenkampf verbarg. Die hassverzerrten Gesichter dieser Menschen, die wie vom Wahnsinn befallen übereinander herfielen und sich blutige Wunden schlugen, gruben sich allerdings unlöschbar in mein Gedächtnis ein.“

Diese und andere Erfahrungen und Erkenntnisse, auch aus dem intensiven politischen Studium als Gymnasiast, bewirkten, dass die Werbeoffiziere der NVA nicht viel Kraft aufwenden mussten, „den männlichen Teil unserer beiden Abiturklassen zu einem dreijährigen Offiziersstudium zu überreden“. Der Autor fährt mit der verbitterten Aussage fort: „Dass Adenauer und Strauß mit ihrem Drohgebaren (´Ausradieren muss man diese Zonenbolschewisten, ausradieren!´ und ´Lieber tot als rot!´) meinen Lebensplan und die Pläne unzähliger Männer meiner Generation vereitelten, gehört zur tiefgreifenden Tragik auch meines Lebens.“ (S. 364/365)

Diese Haltung zu diesem „beschissnen Kriech“ begleitete den Autor Karl-Heinz Otto ein Leben lang. Als Kind voller Angst im Trubel des II. Weltkrieges, in der Nachkriegsperiode und während des Aufbaus eines friedlichen Lebens in der DDR. Nach dem Niedergang des Sozialismus könne man nur hoffen, so der Autor auf Seite 367, „dass die nächsten Träumer die richtigen Segel setzen und unserem einmaligen wundervollen blauen Planeten Erde mit all seinen vielfältigen Kreaturen und allen Menschen ein Leben in Frieden und harmonischem Miteinander sichern.“


Karl-Heinz Otto: „Meine Kindheit im Osterland. Zwischen Mulde und Pleiße. In Grimma und Altenburg. In Zschernitzsch und Pauschwitz. Im Landschulheim Windischleuba“



Edition Märkische Reisebilder. 367 Seiten. Korrektur: Regine Miks, Vertrieb FON: 0331 270 17 87 / Mail: dr. carlotto@t-online.de, Verlagsprogramm: www.carlotto.de, ISBN 978-3-934232-97-6

Bisher veröffentlichte Bücher des Autors Dr. Karl-Heinz Otto / Pseudonym: CarlOtto:

1. Probezeit, Roman, 1985, 1987
2. Die Riesenkuh Agathe, Kunstmärchen, 1995
3. Silberfäden, Erzählungen, 1995
4. Reisen und Speisen in Brandenburg, Reiseführer, 1996
5. Klöster, Schlösser und Burgen in Brandenburg, Reiseführer, 1998
6. Kamerad Parkinson, Roman, 1999
7. Historische Gasthäuser in Brandenburg, Reiseführer, 1999
8. Brandenburg, Reiseführer, 2001
9. Im Schatten der Flämingburg, Kriminalroman, 2003 (unter Pseudonym CarlOtto)
10. Der herbe Duft der Chrysantheme, Kriminalroman, 2007 (unter Pseudonym CarlOtto)
11. Der Windmüller und der Flötenkönig von Sanssouci, Kunstmärchen, 2007
12. Operation Taubenhaus, Kriminalroman, 2012 (unter Pseudonym CarlOtto)
13. Märkische Reisebilder, eine Edition kulturhistorischer Reiseführer zur Berliner und brandenburgisch-preußischen Geschichte (40 Titel)
14. IKARUS – Mein wunderbares richtiges Leben im doch so miesen falschen – Lebensschnipsel eines militanten Pazifisten aus drei Ismen, Autobiografie, 2016
15. Eine Irrenhausromanze und andere unglaubliche wahre irre Geschichten, Roman, 2016
16. Landschulheim Windischleuba – Eine Legende, Anthologie, 2017
17. Meine Kindheit im Osterland … , Autobiografie, 2017


(Erstveröffentlichung des Buchtipps in der NRhZ)


Dienstag, 27. Februar 2018

Die aktuelle Blog-Statistik

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Samstag, 24. Februar 2018

Der "beschissne Kriech"

Karl-Heinz Otto: „Meine Kindheit im Osterland. Zwischen Mulde und Pleiße. In Grimma und Altenburg. In Zschernitzsch und Pauschwitz. Im Landschulheim Windischleuba“

UNTER BILDUNGS - „ZWANG“

Buchtipp von Harry Popow

„Wer sich ins Privatleben zurückzieht, ist deshalb kein Feigling, aber wer kämpft, ist kein Narr.“ Diesen so richtigen und in die zerstreute und verwirrende Gegenwart transportiert, schrieb Michael Benjamin (1932-2000), universeller Denker und Zeitgenosse, in seinem Werk „Das Vermächtnis“, Seite 67, herausgegeben bei edition ost. Man kann sie nicht zählen, die nach dem Rücklauf der Geschichte seit 1989 zu den verschmähten „Narren“ zählen. Einer von ihnen: Karl-Heinz Otto mit seinem Buch „Meine Kindheit im Osterland“.

Wer sich diesem „Vorwurf“ aussetzt, der muss tiefgehende Gründe haben. Der Autor, bekannt u.a. durch das großartige Werk „IKARUS“, hat es in seinem Leben fertiggebracht, von einem „Proletensohn“, wie er sich selbst sieht, zu einem höchst angesehenen Offizier der NVA und Geheimnisträger ersten Ranges gebracht zu haben. Er, der mit dem Slogan der „beschissne Kriech“ aufgewachsen war, nahm das ihm angebotene Bildungsprivileg der neuen Macht im Osten Deutschlands an, wurde zu einem Bestschüler, freundete sich mit der Waffe des Wortes an und als Offizier der Waffe der höchst geheimen FLA-Raketensystem. Um nie wieder so einen „beschissnen Kriech“ vom deutschen Boden aus zuzulassen.

Den Anstoß, nochmals gründlich in seiner Kindheit und seinem Werden und Wirken in der DDR zurückzublicken und zu veröffentlichen, gab ihm eine sehr gehässige Prophezeiung von Stefan Heym, von der DDR werde nicht mehr als eine unbedeutende Fußnote in der Weltgeschichte übrigbleiben. (S. 7) Auch lasse er sich von keinem der modernen Kaffeesatzleser vorschreiben, „wie ich gelebt zu haben habe...“ (S. 190) Auf den Seiten 278 und 290 greift er das primitive Geschreibsel von sogenannten Historikern und den Versuch heutiger DDR-Erklärer an, zum Beispiel die Jungen Pioniere „als Kinderorganisation der kommunistischen SED zu disqualifizieren“.

Hätte sich der Autor Karl-Heinz Otto diesem „Zwang“ zur höheren Bildung nicht unterworfen, er hätte weder dieses Buch so schreiben können noch wie ein lahmes Schaf den Verheißungen einer angeblich „BLÜHENDEN LANDSCHAFT“ nach der sogenannten Wende widerstehen können. Das besondere Gewicht seines Romans liegt in seiner Authentizität und Ehrlichkeit seiner Erinnerungen, die der einstige DDR-Bürger stets mit verallgemeinernden Einsichten und Erkenntnissen verbindet. So entsteht ein in die Geschichte eingefügtes Mosaik einer aus der unteren Schicht hervorgegangenen intellektuellen Persönlichkeit.

Bevor ich aus dieser interessanten Lektüre zwei Erkenntnisstränge herauskristallisiere, die Brechung des Bildungsprivilegs des Bürgertums sowie der nach 1945 unerbittlich und zum Kalten Krieg hinführende Klassenkampf der westlich dominierten imperialistischen Kräfte gegen das andere, das nach Sozialismus strebende Ostdeutschland, zunächst des Autors Kindheitserinnerungen. Und die sind reichlich bestückt mit eigenen, aber auch mit Erlebnissen und Empfindungen seiner Eltern und Verwandten. Als er 1943 eingeschult wurde, die Mutter in ihrem „unverwechselbaren breiten Leipziger Sächsisch“ über den „beschissnen Kriech“ immer öfter zu fluchen begann, da konnte der Knirps Karl-Heinz damit noch nichts anfangen. Ein Jahr später – es war auf dem Schulweg – stürzte sich ein englisches Jagdflugzeug Spitfire, das konnten die Jungs bereits ausmachen, mit Maschinengewehrfeuer auf ihr „heiter zur Schule schlenderndes Grüppchen...“ Das sollte nicht sein einziges „Erlebnis“ sein, wenig später kriegten die Kinder einen Luftkampf zwischen Flugzeugen mit, den prügelnden Hass von Bauern auf den mit einem Fallschirm gelandeten englischen Piloten „bis er zerfetzt und aus allen Körperteilen blutend reglos im Grase liegenblieb“. „Ich litt deshalb mit – bei jedem Hieb, bei jedem Stich...“, so der Autor. (S. 38) Er litt, als er zusehen musste, wie die sogenannten Kettenhunde Deserteure als Volksverräter aufhängten, als die Todesnachricht kam, Vater sei im Krieg gefallen. Er litt lauernd im Bombenkeller, er litt als er hörte, die sogenannten Kettenhunde hätten Volksverräter gehängt, er schaute neugierig auf die Befreier, zunächst auf die Amerikaner, dann auf die Russen, die auf Plakaten nur als Unmenschen dargestellt wurden und die sich nun als normale, interessante und hilfsbereite Menschen zeigten.

Trotz alledem: Er ging weiter in die Schule und lernte gerne. Sollte Violinist werden, wenn es nach Muttern gegangen wäre, dann schwebte dem Knaben Architektur vor in der Aufbruchstimmung des neuen Staates DDR. Er erlebte ein abwechslungsreiches kulturelles Leben bei den Jungen Pionieren und dann bei der FDJ. Auf Seite 303 berichtet der Autor, wie er angehalten wurde, vom Proleten zum Intelligenzler aufzusteigen. Der Direktor der Dorfschule klopfte bei seiner Mutter an und beschwor sie, der Karl-Heinz möge das Gymnasium besuchen, denn er sei der beste Schüler. Begründung: Das Bildungsprivileg der Bourgeoisie müsse gebrochen werden. Die Mutter wehrte ab, nein, er wird Tischler, wie sein in Russland gefallener Vater. Der Direktor wiederholte seine Überzeugungsgänge und hatte endlich Erfolg, als er Karl-Heinz ein Stipendium zusicherte. Zu seinem erfolgreichen Abitur, findet der Autor auf Seite 323 folgende Worte: „Bis heute bin ich dem kleinen – nun in den Geschichtsbüchern lediglich mit einer hämischen Fußnote erwähnten Ländchen DDR – dankbar, dass es mir eine fundierte Bildung und einen glanzvollen Start ins Leben ermöglichte.“

Bevor er sich dazu entschied, Offizier der NVA zu werden, hatte der junge Karl-Heinz auch mit Provokationen des Westens zu tun. Der Autor bezeichnet es als das Ende seiner behüteten Kindheit, als der 17. Juni 1953 ihn vom Träumer zum Handelnden gemacht hat. Nur ein herbeigerufener sowjetischer Panzer hatte es verhindert, das sein Ersatzvater Franz unter dem Druck des entfesselten Mobs sein Ende am Galgen gefunden hätte. Es war im Mai 1954, da Karl-Heinz Otto in der Funktion als freiwilliger Volkspolizeihelfer die Aufgabe übernahm, leistungsstarke niederländische Herdbuchkühe der örtlichen LPG „vor Anschlägen des Klassenfeindes“ zu schützen. Doch am nächsten Morgen war die gesamte kostbare Herde tot. Vergiftet. Die Spur der Täter führte nach Westberlin „wo erwiesenermaßen ihre Auftraggeber residierten, die unter dem irreführenden Namen Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit angetreten waren, die junge DDR zu schädigen“. (S. 358) Damit nicht genug. Als Teilnehmer der III. Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1951 wollte er in Westberlin einen Film ansehen und erlebte, wie „ein paar tausend Westberliner Stummpolizisten mit Schlagstöcken, unterstützt von Wasserwerfern, auf ein paar tausend FDJler einprügelten“. (S. 299) „Damals begriff mein naiver Kinderverstand noch nicht, was sich hinter dem Schlagwort Klassenkampf verbarg. Die hassverzerrten Gesichter dieser Menschen, die wie vom Wahnsinn befallen übereinander herfielen und sich blutige Wunden schlugen, gruben sich allerdings unlöschbar in mein Gedächtnis ein.“

Diese und andere Erfahrungen und Erkenntnisse, auch aus dem intensiven politischen Studium als Gymnasiast, bewirkten, dass die Werbeoffiziere der NVA nicht viel Kraft aufwenden mussten, „den männlichen Teil unserer beiden Abiturklassen zu einem dreijährigen Offiziersstudium zu überreden“. Der Autor fährt mit der verbitterten Aussage fort: „Dass Adenauer und Strauß mit ihrem Drohgebaren (´Ausradieren muss man diese Zonenbolschewisten, ausradieren!´ und ´Lieber tot als rot!´) meinen Lebensplan und die Pläne unzähliger Männer meiner Generation vereitelten, gehört zur tiefgreifenden Tragik auch meines Lebens.“ (S. 364/365)

Diese Haltung zu diesem „beschissnen Kriech“ begleitete den Autor Karl-Heinz Otto ein Leben lang. Als Kind voller Angst im Trubel des II. Weltkrieges, in der Nachkriegsperiode und während des Aufbaus eines friedlichen Lebens in der DDR. Nach dem Niedergang des Sozialismus könne man nur hoffen, so der Autor auf Seite 367, „dass die nächsten Träumer die richtigen Segel setzen und unserem einmaligen wundervollen blauen Planeten Erde mit all seinen vielfältigen Kreaturen und allen Menschen ein Leben in Frieden und harmonischem Miteinander sichern.“






Karl-Heinz Otto: „Meine Kindheit im Osterland“. Edition Märkische Reisebilder. 367 Seiten. Korrektur: Regine Miks, Vertrieb FON: 0331 270 17 87 / Mail: dr. carlotto@t-online.de, Verlagsprogramm: www.carlotto.de, ISBN 978-3-934232-97-6

Bisher veröffentlichte Bücher des Autors Dr. Karl-Heinz Otto / Pseudonym: CarlOtto:

  1. Probezeit, Roman, 1985, 1987
  2. Die Riesenkuh Agathe, Kunstmärchen, 1995
  3. Silberfäden, Erzählungen, 1995
  4. Reisen und Speisen in Brandenburg, Reiseführer, 1996
  5. Klöster, Schlösser und Burgen in Brandenburg, Reiseführer, 1998
  6. Kamerad Parkinson, Roman, 1999
  7. Historische Gasthäuser in Brandenburg, Reiseführer, 1999
  8. Brandenburg, Reiseführer, 2001
  9. Im Schatten der Flämingburg, Kriminalroman, 2003 (unter Pseudonym CarlOtto)
  10. Der herbe Duft der Chrysantheme, Kriminalroman, 2007 (unter Pseudonym CarlOtto)
  11. Der Windmüller und der Flötenkönig von Sanssouci, Kunstmärchen, 2007
  12. Operation Taubenhaus, Kriminalroman, 2012 (unter Pseudonym CarlOtto)
  13. Märkische Reisebilder, eine Edition kulturhistorischer Reiseführer zur Berliner und brandenburgisch-preußischen Geschichte (40 Titel)
  14. IKARUS – Mein wunderbares richtiges Leben im doch so miesen falschen – Lebensschnipsel eines militanten Pazifisten aus drei Ismen, Autobiografie, 2016
  15. Eine Irrenhausromanze und andere unglaubliche wahre irre Geschichten, Roman, 2016
  16. Landschulheim Windischleuba – Eine Legende, Anthologie, 2017
  17. Meine Kindheit im Osterland … , Autobiografie, 2017


Kommentare zu „Meine Kindheit...“ und „Gefragter Visionär“
(Notiert von Lotti, Mitautorin von „EISZEIT-BLÜTEN“)

Zum Buch „Meine Kindheit“
von Karl-Heinz Otto

Vor uns entwickelt sich die Kindheit und Jugend eines Menschen, der aus der Arbeiterklasse/Kleinbürgertum stammt. Es werden die Verhältnisse beschrieben, die die Generation der in den dreißiger Jahren Geborenen erlebten, erleben mussten. Der Verfasser erzählt die Ereignisse in seinem Leben, die ihn zur Ablehnung des Krieges und der Diener des kriegsführenden Systems brachten. Diese Erkenntnisse dienten ihm zu Anfangs vorsichtigen, bald immer intensiver werdenden Blicken auf das Neue: Sozialistischer Staat. Und das packte ihn. Es brachte ihm, dem Kind kleiner Leute, eine gründliche und niveauvolle Ausbildung, derer eingedenk er sich sehr weit entwickeln konnte. Diese Ausbildung war in ein breites Angebotsspektrum von kulturellem Leben, Sport und Menschlichkeit - keine "Ausländerfeindlichkeit", keine Vertiefung sozialer Gegensätze - eingebettet. Hier zeigt er genau die Maximen, die für alle Menschen, besonders eben Heranwachsende, galten.

Das Berührende an dem Buch sind die dargestellten Erfahrungen mit dem neuen Staat, die wir heute noch erinnerungsfreudig "ja, so war es" und "es war eine gute Zeit" unserer Nachkommenschaft weitergeben. Mit leichtem Humor/Ironie wird dem Leser sein Erleben verständlich gemacht. Ganz besonders jungen Lesern kann es Antwort auf die Fragen "Oma/ Opa, wie war das?" geben. Das Buch erklärt, warum heute noch von großen Mengen der ehemaligen DDR-Bevölkerung rückwärts positiv gedacht wird, eben weil es keine Kriegseinsätze, keinen Fremdenhass, keine Zweiklassenmedizin, keine soziale Ober- und Unterschicht in großem Stil gegeben hat. Die Entstehung und weitere Entwicklung der menschlichen Werte im Staat DDR erzählt der Autor mit Freude an der Sache, verstecktem Lächeln und seiner klaren Position für dieses Leben. Das materiell Bescheidene, aber in geistigem und zu leistendem Bezug anspruchsvolle Leben, brachte den meisten Menschen eine Erwartung auf eine sichere Zukunft, die die Bundesbürger heutzutage nicht mehr finden können. Dies alles präsentiert er gekonnt mit kritischen Hinweisen auf Veränderungswürdiges.

Zum Buchtipp „Gefragter Visionär“

Zur Buchbesprechung, die ich heute froh noch vor Deiner Mail zu Marx im Blog fand: Mir gefällt sehr gut der Einstieg mit der 11.Feuerbachthese. Du weißt ja, wie sehr ich möchte, dass die Linke vom Interpretieren weg und zu Aktivitäten kommt (der Vergleich hinkt). Die 11. Feuerbachthese ist der fundamentale Ansatz in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Situationen, richtige Wege zu zeigen, besser noch: zu gehen. Da stimme ich Dir voll zu. Sie ist ja eine der wichtigsten programmatischen Erklärungen und immer wieder als eine Basis der marxistischen Forderungen zu sehen, schließlich in einem Manifest aufgestellt. Das ist auch in meinem Anliegen Sarah Wagenknecht und Weiteres enthalten. Ganze Völkerscharen werden mit den verrücktesten Erscheinungsformen, Ansichten, beschäftigt und vernebelt. Das geht von der "bedeutsamen Frauenfrage", dem Einsatz von Botox zur Entwicklung der Frauenpersönlichkeit aus bis zu "epocheprägenden wichtigen Untersuchungen der Kapriolen Präsident Trumps in seinen oder anderen Betten".

Die Frage, welche Gefahr der rote Knopf an seinem Schreibtisch unter seiner Macht bringen kann, läuft am Rande. Oder, was Du auch sehr gut aus dem Buch herausbringst, ist die Darstellung der latenten, schnell gefährlich umschlagenden Kriegsgefahr. Diese Gefahr ist vielleicht noch gar nicht so im Volk angekommen, und es ist lachhaft, mit welchen Mitteln die drohend anstehenden Kosten am Volk vorbeigemogelt werden. Da kam in allen Medien, die wir ernst nehmen müssen, großes Geschwafel über die „ärmliche" Ausrüstung der Bundeswehr. Es ist doch mehr wie anrüchig und nicht zufällig, wenn nach den massiven Wehretatsforderungen, deren Erhöhung durch Deutschland, von Amerika und den anderen Natostaaten verlangt wurden, der Wehrbeauftragte vorgeschickt wird, die schlechte technische Ausrüstung der Bundeswehr zu beklagen und dass die Soldaten keine oder runtergewirtschaftete Stiefel haben. Das sieht das Volk bis zum letzten Mütterchen ein, dass für die Bundeswehr/die armen Soldaten, viel Geld locker gemacht werden muss. Was für dieses Geld dann gekauft wird, ob damit die Aufrüstung intensiviert wird, erfahren wir höchstens beim nächsten Skandal. Wäre die Bundeswehr eine Armee für allenfalls Verteidigung, dann müssten die Soldaten nicht "Neue Stiefel" bekommen, und einige Kriegsgeräte wären auch noch einsatzfähig. Wer´s glaubt, mag selig werden. Es gibt aber auch Leute, die ihre Hosen nicht mit der Beißzange anziehen. So aktuell ist das Buch. Die beendende Überlegung, viel intensiver hinter die Erscheinung zu sehen, um Wahrheiten zu erkennen, gesellschaftliche Prozesse auch vom Fußvolk der Demokratie begreifbar zu machen, ist ein Mittel, auch die elfte Feuerbachthese durchzusetzen. Eine gelungene Rezension und so wichtig.

Harry, in die Tiefe wird heutzutage in gesellschaftlichen, sozialen und politischen Fragen nicht gegangen, weil nicht rauskommen darf, was nicht rauskommen soll. Wo kämen wir denn da hin, wenn die große Masse begreifen würde, welcher inakzeptabler menschlicher Kräfte sie Spielball ist! Nach der Wende habe ich zwar meine rote Haut erkennen lassen, aber mich bemüht, weder zu jammern noch zu keifen. Sondern ich habe immer das Menschenbild, das ich von der sozialistischen Gesellschaft mitbekommen habe, durch mein Auftreten unters Volk gebracht. Für mich waren immer die größten persönlichen Triumphe, wenn es hieß: „Woher wissen Sie denn das alles? Wenn mir jemand den Sozialismus so erklärt hätte, wie Sie, hätte ich mir ein ganz anderes Bild vom Osten gemacht.“ Oder mein Physiotherapeut, mit dem ich während der Lympfdrainage große Politik mache, wurde nachdenklich und meinte: Ihre Schule hatte schon ein bisschen mehr Niveau. Kürzlich hatte ich ein niedliches Kärtchen im Briefkasten, mit dem sich ein Ehepaar bedankte, weil ich die Hausleute aufgescheucht habe, unserer grauen Eminenz, die jetzt mit 97 in eine Seniorenresidenz ging, über Fleurop zum Einzug ein Blumentöpfchen zu schicken. An ihren Taten sollt ihr sie erkennen! Natürlich sind es kleine Schisschen, aber stell Dir mal den Haufen von zehn Millionen kleiner Schisschen vor, was das für ein DDR-Bild geworden wäre!



DER LEERE - SEITEN - WITZ

DER ANREGENSTE (ernste) WITZ DES TAGES

24.02.2018: Soeben aus dem Briefkasten gefischt! Der Westend Verlag GmbH bittet um eine Rezension!!!!












Der Klappentext:

Ein satirisches Weißbuch in Rot mit den wichtigsten Leitgedanken der SPD-Führung zur überfälligen sozialen und ökologischen Erneuerung der Partei.

Mit ohne Nachwort von Willy Brandt.

"Wenn man nicht haargenau wie die CDU denkt, fliegt man glatt aus der SPD."
Wolfgang Neuss

MAIL-ANTWORT: 

Ich bedanke mich sehr herzlich für die Zusendung des Büchleins "RÜCKWÄRTS! Das Strategiepapier zur Erneuerung der SPD". Treffender kann heutzutage keine Lektüre die Realität widerspiegeln als diese LEERSEITEN/LEHRSEITEN. Möge diese kluge Idee wenigstens einige Leute ins tiefere Nachdenken versetzen... Man darf dabei ja ruhig des Lesens unkundig sein.

Bravo!!! Ihr Harry Popow 

Mittwoch, 21. Februar 2018

Karl Marx lebt...

NRhZ – Rezi_Staatsfeind

STAATSFEIND BIS HEUTE“ - Gunter Pirntke

Gefragter Visionär

Buchtipp von Harry Popow

Wir sind ja so frei in unserem Land unter dem Motto „Weiter so“. Die Große Koalition verspricht keinen dauerhaften Frieden, plant höhere Rüstungsausgaben und gedenkt, das Volk wie einst in zwei Kriegen, wieder einmal zur Schlachtbank zu führen. Ja, wir sind so frei, dass jeder seine Meinung sagen darf, nicht nur die AFD, sondern auch die Publizisten im Bildband „Auf den Spuren GROSSER DEUTSCHER“ vom Verlag Wolfgang Kunth GmbH & Co KG. München. Dort prangt in großen Lettern auf Seite 188 der berühmte Satz: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“

Angesichts von Gefahren, weltweit, tut es Not, auf das Wort Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse allerhöchsten Wert zu legen sowie auf das Wort Ursachen von Kriegen und Faschismus. Es sind die beiden Erkenntnisse gewinnenden Wörter, die den Gegenwärtigen nicht mehr von den Lippen kommen, desto größer das weltweite Bedürfnis nach Alternativen.

Einer, dem dies am Herzen liegt, ist Gunter Pirntke mit seinem 2017 veröffentlichten Buch „STAATSFEIND BIS HEUTE“. Auf dem Cover das Bildnis von Karl Marx.

Mit einem sehr verständlichem Schreibstil und gut lesbarer Schrift spannt der Autor den Bogen von der Frage, was Kapitalismus sei, über die Jagd der preußischen Geheimpolizei auf Marx und Engels, über die Bedeutung der Industriealisierung Englands für das Wachsen des Proletariats, über den schwierigen und aufopferungsvollen Erkenntnisweg von Marx und Engels, über die Frage von Bündnissen und zur marxschen Theorie, über die Behandlung der Klassiker in der DDR bis zu Denkanstößen für die Weiterentwicklung der weltverändernden Theorie. Dieses Buch – das sei vorausgesagt – ist ein Geschichts- und Philosophieabriss allererster Güte mit entsprechendem Tiefgang.

Bereits auf Seite 5 trifft der Autor eine überaus wesentliche Feststellung, die aktueller nicht sein kann: „Marx´ Interesse galt den Strukturen hinter dem Augenschein. Er wollte von der `Erscheinungsform` zum ´Wesen der Dinge´ durchdringen. Betont wird auf Seite 43, Marx und Engels betrachteten die menschliche Geschichte nicht als Entwicklungsgang des Geistes, sondern „als Geschichte menschlicher Praxis und der sozialen Beziehungen. Daraus folgernd sei die Grundlage für das Denken und Handeln der Menschen die Produktion der „unmittelbaren materiellen Lebensmittel und damit die jedesmalige ökonomische Entwicklungsstufe...“ (S. 114) Fundamental diese Erkenntnis von Marx, der „tief in das Getriebe der kapitalistischen Waren-Gesellschaft“ blickte, siehe Seite 157: „Das Privateigentum an Produktionsmitteln ist nach Marx dabei die Quelle allen Übels. Sie führt zur sogenannten Klassengesellschaft und schafft nur dem Besitzer einen Mehrwert, von dem der Arbeiter nichts hat.“

Was sei aus dem Werk der Klassiker geworden, aus dem Kapital, das alles erklären könnte, in dem aber nicht steht, dies und jenes müsst ihr tun, und so wird sie sein, „die künftige bessere Welt“. (S. 150) Doch Gunter Pirntke stellt nach dem folgenschweren Niedergang des sozialistischen Systems und der Absage an die Idee des Kommunismus auf Seite 154 beruhigend fest, dass diese Idee für eine „neue Generation von Philosophen, Künstlern und politischen Aktivisten wieder interessant“ geworden sei. „Sie suchen Antworten, ob es eine Alternative zum Kapitalismus gibt, seit die Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008/2009 das Bankensystem an den Rand des Zusammenbruchs geführt hat“.

Wenn festgestellt wurde, dass die kapitalistischen Produktionsverhältnisse, als das Privateigentum an Produktionsmitteln, das Ausschlaggebende waren und sind für die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft, dann darf es nicht verwundern, dass das Kapital gegen das „Verbrechen der DDR“ und der gesamten einstigen Welt des Sozialismus mit Lügen und Diffamierungen bis in die Gegenwart mit zunehmender kriegerischer Schärfe zu Felde zieht. „Der Kapitalist tut, was er tut, um zu bleiben, was er ist. Er bleibt sozial das Geschöpf der Verhältnisse, ´sosehr er sich subjektiv auch über sie erheben mag´.“ (Seite 105)

Das Werk der Klassiker des Marxismus, so lesen wir auf Seite 99, sei eine Fundgrube für Generationen, von dem eine gewaltige Sprengkraft ausgeht, so heißt es an anderer Stelle. Das betrifft die notwendige – bislang ungenügend weiterentwickelte Theorie des Marxismus anhand der strengen ökonomischen und politischen Analyse des Zustandes der Welt als auch die Organisierung der widerständigen Kräfte, nicht nur der Arbeiterklasse.

So gesehen ist dieses Buch von Gunter Pirntke ebenfalls eine Fundgrube, um nicht nur den Zustand unserer zerissenen Welt tief gedanklich auszuloten, sondern auch für eigenes Handeln Schlussfolgerungen zu ziehen. Da möge jeder tun, was er kann, wobei die Sucht nach Erkenntnisgewinn wie bei Marx und Engels durchaus als Antrieb eigenen Strebens dienen möge. Von der Erscheinung in die Tiefe dringen, darum geht es. Es ist das, was der Kapitalelite und ihrer politischen Marionetten nie in den Sinn kommen wird. Bei Strafe des eigenen Untergangs, der ohnehin unvermeidlich sein wird. Der heute lebende Marx stünde längst unter Beobachtung des Bundesverfassungsschutzes, seine Werke aber werden leben müssen – ebenfalls bei Strafe des Unterganges, aber nicht nur der obersten Herrscherkaste.





Gunter Pirntke: „Staatsfeind bis Heute“Taschenbuch:160 Seiten, Verlag: Independently published (10. Oktober 2017), Sprache: Deutsch, ISBN-10: 1549939351, ISBN-13: 978-1549939358, Größe und/oder Gewicht: 14 x 1 x 21,6 cm, 7,50 Euro

Der Autor: Studierter Staats- Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler. Seit 2000 auch Autor. Dozent an den Universitäten und Hochschulen des Freistaates Sachsen. Mit seinen Büchern mehrfach in den Bestsellerlisten. Inhaber des BROKATBOOK Verlag.


(Erstveröffentlichung des Buchtipps in der Neuen Rheinischen Zeitung. Die Redaktion bedankt sich: "
Mal wieder sehr anregend geschrieben!!! Und hochaktuell zum 200sten..."
)






Samstag, 17. Februar 2018

Desinformation für den Krieg


Lügen für den Krieg


In allen Kriegen versuchen die Konfliktparteien, die Öffentlichkeit durch Desinformation und Propaganda auf ihre Seite zu ziehen.


von Joachim Guilliard

Die Berichterstattung zu Syrien ist hierzulande aber in einem Maß davon dominiert wie vermutlich seit dem Ersten Weltkrieg nicht mehr. Einen Höhepunkt bildete dabei der Kampf um Aleppo, für den westliche Regierungen und Medien alle Register zogen. Kaum etwas verdeutlicht das Ausmaß der Propaganda, die wir konsumieren müssen, deutlicher als eine diesbezügliche Medienanalyse.

Fake News und andere Formen der Desinformation

„Fake News“ sind in letzter Zeit zum Top-Thema geworden, meist in Zusammenhang mit dem neuen US-Präsidenten Trump, „den Russen“ und den sogenannten Sozialen Medien. Die öffentlich-rechtlichen Medien und die großen Medienkonzerne reagieren mit der Gründung von Abteilungen für „Faktencheck“. (1)

Unter „Fake News“ werden dabei meist nur frei erfundene oder stark verfälschte Nachrichten, also Falschmeldungen oder Falschnachrichten im engeren Sinne verstanden, die politisch motiviert und gezielt auf Täuschung angelegt sind. Sie werden zudem nur in den sogenannten Sozialen Medien verortet, sowie in den Nachrichtenportalen gegnerischer Staaten. Geht es nach dem politischen Mainstream, so könnte man „Fake News“ als die Falschmeldungen und Unwahrheiten definieren, die nicht von den etablierten Medien selbst verbreitet werden. Angesichts des Glaubwürdigkeitsverlusts, den sie in den letzten Jahren erlitten, sind ihre Einrichtungen zur Faktenprüfung daher auch ein Mittel, die Definitionshoheit darüber, welche Informationen noch innerhalb eines als seriös anerkannten Spektrums liegen, zu bewahren.


Kriegslügen — die verhängnisvollsten Fake News



Nun steht natürlich außer Frage, dass die „Sozialen Medien“ einen besonders guten Nährboden für „Fake News“ bilden, wo sie sich leicht säen und sehr schnell verbreiten lassen, bei Bedarf durch Computerprogramme, den sogenannten Social Bots auch automatisiert.

Wenn wir aber in der Geschichte zurückblicken, müssen wir feststellen, dass die Falschmeldungen, die die schlimmsten Schäden anrichteten, aus der Politik und etablierten Medien selbst kamen beziehungsweise von ihnen verbreitet wurden. Ein berühmt-berüchtigtes Beispiel dafür ist die sogenannte Brutkasten-Lüge, die von einer Werbeagentur kreierte Story über Babys, die irakische Soldaten 1990 in Kuwait aus Brutkästen gerissen hätten. Sie wurde damals von den meisten Medien weiter verbreitet und auch von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International. Sie trug damals maßgeblich dazu bei, die öffentliche Meinung in den USA zugunsten des ersten US-Krieges gegen den Irak zu drehen. Weitere berühmte Beispiele sind die angeblichen Belege über irakische Massenvernichtungswaffen, die 2003 der damalige Außenminister Colin Powell dem UN-Sicherheitsrat vorlegte, oder die angeblichen Massaker im Kosovo und der „Hufeisenplan“, den Rudolf Scharping der jugoslawischen Regierung angedichtet hatte, um den NATO-Krieg gegen Jugoslawien zu rechtfertigen. Noch gut in Erinnerung sind sicherlich auch die Propagandameldungen über afrikanische Söldner und angeordnete Massenvergewaltigungen in Libyen, mit denen Stimmung für den Libyenkrieg gemacht wurde.

Weit häufiger als mit eindeutigen Falschmeldungen wird jedoch mit sehr einseitigen oder stark übertreibenden Beiträgen versucht, die gewünschte Stimmung für ein politisches Anliegen zu schaffen. Auch wenn es nicht so gewertet wird und auch leicht abzustreiten ist, ist das Weglassen essentieller Teile einer Geschichte, die zum Verständnis und zu ihrer Einordnung nötig sind, letztlich ebenfalls Fake, das heißt eindeutige, klare Desinformation. Im Folgenden wird es daher um alle Formen von Desinformation gehen.

Aleppo und Mossul — Beispiele für Doppelmoral und Propaganda



Wie stark solche Desinformationen zur Durchsetzung herrschender Politik hierzulande eingesetzt werden, lässt sich sehr gut am Umgang von Politik und Medien mit den Kämpfen um Mossul und Aleppo zeigen. Beide zählen zu den schlimmsten Schlachten in jüngster Zeit. Sie stehen aber nicht nur als drastische Beispiele für die Brutalität der Kriege in Syrien und dem Irak, sondern auch für eine extreme Doppelmoral in ihrer Bewertung und für eine Berichterstattung, die weit mehr an den strategischen Interessen der herrschenden Kreise im eigenen Land, als am tatsächlichen Kriegsgeschehen ausgerichtet sind.

„Die Berichterstattung über den Syrienkrieg wird als eine der schändlichsten Episoden in der Geschichte der US-amerikanischen Presse eingehen“, schrieb der renommierte Journalist und Autor Stephen Kinzer in der US-Zeitung Boston Globe. Die Reportagen über Aleppo seien die jüngsten Beispiele dafür, so der einstige langjährige Auslandskorrespondent der New York Times.(2) Wer Berichte über Mossul und Ost-Aleppo vergleiche, könne sehr viel über die Propaganda lernen, die wir konsumieren, meint auch der erfahrene Nahost-Korrespondent des britischen Independent, Patrick Cockburn. (3)

Ein Vergleich der beiden Militäroffensiven zeigt zudem auch große Unterschiede im Vorgehen der syrischen Armee und ihrer Verbündeten und dem der US-geführten Allianz in Syrien und im Irak.

Die Ausgangslage war in den beiden großen Metropolen ähnlich: Sowohl Ost-Aleppo als auch Mossul standen unter Kontrolle radikaler islamistischer Kräfte. Beide wurden von Regierungstruppen mit ausländischer Unterstützung belagert, bombardiert und schließlich gestürmt. Die Darstellung von Politik und Medien hätte jedoch unterschiedlicher kaum sein können.

Die Schlacht um Mossul, wo sich nach Schätzung westlicher Geheimdienste 7.000 bis 10.000 Dschihadisten des sogenannten Islamischen Staat (IS oder arabisch despektierlich Daesch) unter rund eineinhalb Millionen Einwohner verschanzt hatten, wurde durchgehend als Feldzug für die Befreiung begrüßt. Die Offensive zur Rückeroberung Ost-Aleppos hingegen, wo noch 150.000 bis 250.000 Bewohner verblieben waren, aus den Händen von rund 8.000 islamistischen Kämpfern, als ungerechtfertigter, grausamer, verbrecherischer Angriff auf die „Opposition“, die „Rebellen“ oder gar die gesamte Bevölkerung der Stadt verurteilt.

Aleppo — „Inbegriff des Schreckens“



Den Charakter dieser „Opposition“ oder „Rebellen“ im Ostteil Aleppos blendete man dabei völlig aus, wie auch ihr tatsächliches Verhältnis zur Bevölkerung der Stadt. Man ließ so den Eindruck entstehen, es handele sich um fortschrittliche Kräfte und um Stadtviertel, die von der Mehrheit der Einwohner als „befreit“ angesehen würden. Ausgehend von diesem Narrativ entwickelte sich die wohl größte Propagandaschlacht im Rahmen des Krieges in und gegen Syrien. „Aleppo!“ — der Name wurde in deutschen Medien, so Daniela Dahn, geradezu zum „Synonym für einen mythischen Kampf zwischen Gut und Böse.“ (4)




Freitag, 16. Februar 2018

Mitautorin Lotti zu Sahra Wagenknecht

Mitautorin Lotti von „EISZEIT-BLÜTEN“ zu Sahra Wagenknecht

Hallo, lieber Harry! Gratuliere zur Veröffentlichung des Interviews mit Sahra Wagenknecht. Ich stehe voll hinter Ihren Aussagen, in der Form freue ich mich zu dem auch noch, wie sie den Fußangeln des Focus den Garaus macht und nicht am kleinsten Häkchen hängen bleibt. Das können eben nur wirklich kluge Leute / auch Frauen. Es ist ein wahrhaft linkes, intellektuelles Vergnügen, zumal man den Ernst und die Richtigkeit aller ihrer Antworten beim Nachdenken erkennen kann. Ihr Gedanke der Sammlungsbewegung ist das Nötigste, was die Linke (weit gesehen) braucht. Schon das Gift, das in den letzten Wochen darob verspritzt wurde, zeigt, wie richtig, einzig richtig, ihre Gedanken sind. Wir wollen nie vergessen, wenn Dich Deine Feinde loben, hast du Fehler gemacht, wenn sie Gift sprühen, liegt derjenige, der für die Lebensverbesserung der Sozialschwachen eintritt, mehr wie goldrichtig. Du kannst alle Thesen des Focus nehmen, ich will sie nicht im einzelnen wiederkauen, vor 30 Jahren hätte ich sie mit tiefem Ernst und großem Engagement ins Parteilehrjahr gebracht, es gibt keine fußanglerische Focusthese, der sie nicht sachlich, richtig souverän gegenhält. Und das hier Eine gegen das "divide et impera" der Konservativentaktik angeht, ist ja auch unerhört.


Die Sammlungsbewegung hätte schon nach der Wende beginnen müssen. Die vielen Meinungsgruppen und -grüppchen, die nach der Wende entstanden sind, waren nicht immer produktiv. Ich getrau mich gar nicht Engels anzuführen, aber schon der rot unverdächtigte Schiller hat festgestellt: „Vereint sind auch die Schwachen mächtig!" Schade, dass eigentlich so kluge Köpfe wie Gysi in die ein bisschen bräunliche Brühe gegen die Wagenknecht mit rein hüpfen müssen. Schade, solche Leute sind im Zusammengehen voll im wagenknechtschen Sinne Potentiale. So, nun werde ich meinen Mailpartnerinnen und -partnern den absoluten Hinweis und ernsthafte Aufforderung mailen, das Wagenknechtinterview zu lesen und weiterzuleiten. Gruß von Lotti

Interview mit Sahra Wagenknecht


Offene Grenzen für alle – das ist weltfremd“



VERÖFFENTLICHT VON LZ ⋅ 16. FEBRUAR 2018


von http://www.sahra-wagenknecht.de
Interview mit Sahra Wagenknecht, erschienen im FOCUS am 10.02.2018



FOCUS: Frau Wagenknecht, angenommen, Juso-Chef Kevin Kühnert schafft es, den Koalitionsvertrag der SPD mit der Union zu kippen – bekommt er dann von Ihnen eine Einladung zu der neuen linken Sammlungsbewegung, die Ihnen vorschwebt?

Sahra Wagenknecht: Wenn er es schafft, eine neue Große Koalition zu verhindern, dann würde das zeigen, dass noch Leben in der SPD ist. Ich drück ihm die Daumen. Ich habe der SPD nie den Untergang gewünscht.
Aber für die große linke Sammlungsbewegung, für die Sie werben, müssten Sie doch genau das hoffen. Wie soll die Bewegung entstehen, wenn nicht aus den Bruchstücken von niedergehenden Parteien im linken Lager?

Die SPD arbeitet seit Jahren an ihrem Niedergang. Wer ständig Politik gegen seine Wähler macht, muss sich nicht wundern, dass sie ihm abhandenkommen. Als Martin Schulz nach der Wahl eine Erneuerung ankündigte, hatte ich eine vage Hoffnung, dass die SPD ihren Kurs korrigiert. Aber das hat sich ja auch zerschlagen. Wenn die SPD jetzt wirklich noch mal in eine GroKo geht, ist sie nicht mehr zu retten. Aber sie hinterlässt eine große politische Leerstelle – und ich möchte nicht, dass die von rechts gefüllt wird.  Deshalb der Vorschlag einer neuen Sammlungsbewegung. Wir brauchen politische Mehrheiten, die den Zerfall des sozialen Zusammenhalts stoppen. Die Partei Die Linke allein schafft das nicht.


Die Idee liegt ja in der Luft: In vielen Ländern lösen Bewegungen die traditionellen Parteien ab: ob der Grieche Alexis Tsipras mit seiner Allianz aller möglichen Linken, ob Emmanuel Macron in Frankreich mit „En Marche!“ oder Sebastian Kurz mit seiner „Liste Sebastian Kurz“. Wann kommt eine solche Bewegung in Deutschland?

Die Bedingungen sind unterschiedlich, das Wahlrecht auch. Aber trotzdem brauchen wir auch in Deutschland eine Sammlung all der Kräfte, die Politik für die Mehrheit, für die Arbeitnehmer, für die Rentner, für kleine Selbständige machen wollen. In den letzten Jahrzehnten wurde vor allem Politik für Großunternehmen, Banken und sehr Wohlhabende gemacht. In der Bevölkerung gibt es Mehrheiten für eine Vermögenssteuer für Multimillionäre, für einen höheren Mindestlohn, für einen Staat, der seine Bürger nicht dem globalisierten Finanzkapitalismus  ausliefert, sondern sie vor Dumpingkonkurrenz schützt. Aber diese Mehrheiten bilden sich politisch nicht ab, weil derzeit allein die Partei Die Linke solche Positionen vertritt.


Wo immer die neuen politischen Sammlungen erfolgt haben, steht eine möglichst charismatische Person an der Spitze. Anführerin einer solchen Sammlungsbewegung: das klingt doch wie eine perfekte Jobbeschreibung für Sie, oder?

Wenn eine solche Sammlungsbewegung Erfolg haben will, braucht sie mehr als prominente Köpfe. Sie braucht vor allem eine breite gesellschaftliche Basis, die sie stützt.


Nehmen wir einmal an, die große Koalition kommt doch, und enttäuschte Sozialdemokraten pilgern zu Ihnen und sagen: Sahra, bitte bau eine neue linke Kraft auf. Was würden Sie antworten?

Ich wünsche mir, dass linke Sozialdemokraten dann sagen: Lasst uns zusammen eine starke linke Kraft aufbauen.


FOCUS hatte gerade Wähler befragt und wollte wissen: Welcher Parteien trauen Sie zu, die aktuellen Probleme des Landes zu lösen? Keine Partei kam auf mehr als 50 Prozent – auch Ihre nicht.  Ist das nicht eine Krise des gesamten Parteiensystems?

Ja. Die Menschen haben zu Recht das Gefühl: sie können wählen, was sie wollen – die Politik bleibt immer die gleiche. Von Rot-Grün über die diversen Koalitionen unter Angela Merkel hat sich ja nichts wirklich geändert. Die soziale Spaltung ist größer geworden, viele haben heute Jobs, von denen sie nicht leben können, es gibt eine große Lebensunsicherheit und die Zustände in öffentlichen Einrichtungen, von Schulen bis zu Krankenhäusern, sind eines reichen Landes unwürdig. Die Vermögenden sind heute sehr viel reicher als vor 20 Jahren, aber die mittleren Löhne sind kaum gestiegen und die Renten gesunken.


Nun kommt auch aus den eigenen Reihen heftige Kritik an Ihrer Idee einer neuen linken Bewegung. Etliche Genossen – beispielsweise Gregor Gysi – finden: Das gefährdet den Bestand der Linkspartei.

Ich bin froh, dass es links von der SPD eine Partei gibt, die stabil etwa zehn Prozent der Menschen erreicht. Das will ich nicht gefährden, aber damit kann man doch auch nicht zufrieden sein. Wie soll es denn weitergehen: jahrelang große Koalitionen? Irgendwann die AfD an der Regierung, wie in Österreich die FPÖ? Wir würden dann vielleicht auch jedes Mal bei Wahlen ein, zwei Prozent zulegen. Aber das kann‘s doch nicht gewesen sein. Es gibt in unserem Land nicht wenige Menschen, die sich von der Demokratie völlig abgewandt haben. In armen Wohlvierteln liegt die Wahlbeteiligung teilweise bei 30 Prozent. Und nicht wenige wählen aus Wut rechts, weil sie das Gefühl haben, dass sie von der Politik völlig vergessen wurden. Da kommt doch irgendwann eine Bruchstelle, niemand sollte denken, dass das einfach so weitergeht.


Apropos Bruchstelle: Für viele Lohnempfänger und Leute in prekären Verhältnisse bildet die Migrationsfrage die entscheidende Trennlinie zu den Linken. Sie sind fast alle gegen unbegrenzte Masseneinwanderung. Die meisten Linken verfechten eisern offene Grenzen.

„Offene Grenzen für alle“ ist weltfremd. Und wenn das Kernanliegen linker Politik ist, die Benachteiligten zu vertreten, dann ist die no-border-Position auch das Gegenteil von links. Alle Erfolge bei der Bändigung und Regulierung des Kapitalismus wurde innerhalb einzelner Staaten erkämpft, und Staaten haben Grenzen. Der BDI trommelt nicht ohne Grund seit Jahren für ein Einwanderungsgesetz.  Arbeitsmigration bedeutet zunehmende Konkurrenz um Jobs, gerade im Niedriglohnsektor. Dass Betroffene davor Angst haben, ist verständlich. Es gibt auch nicht unbegrenzt Wohnungen, schon gar nicht bezahlbare. Menschen, die verfolgt werden brauchen Schutz. Dafür ist das Asylrecht da, und das darf nicht ausgehöhlt werden. Aber wer den Fachkräftemangel überwinden will, sollte lieber mehr Geld in unser Bildungssystem investieren.


Fast alle Linken – Grüne, SPD, Linkspartei -sehen Einwanderung als ihr Kernthema. Das fängt schon damit an, dass sie jeden als Flüchtling bezeichnen, der über die Grenze kommt – ganz gleich, welche Motive er hat.

Linke Politik ist es, die Gründe für Flucht und Migration zu beseitigen. Ich weiß, dass Angela Merkel in Sonntagsreden auch gern davon spricht, Fluchtursachen zu bekämpfen. Sie tut aber das Gegenteil. Schauen Sie sich die so genannten Partnerschaftsabkommen mit afrikanischen Ländern an, die diese Länder zwingen, ihre Zölle für Importe zu senken. Das zerstört ihre lokale Wirtschaft, denn kein afrikanischer Bauer kann mit Hähnchenflügeln oder Tomatenkonserven aus Europa konkurrieren.  Dann machen die Menschen sich auf, weil sie zu Hause keine Jobs mehr finden. Oder nehmen wir den endlosen Streit um den Familiennachzug: das Thema wäre erledigt, wenn der Krieg in Syrien beendet wäre. Aber jetzt marschiert unser NATO-Partner Türkei mit deutschen Panzern dort ein, und die Lage eskaliert wieder. Auch andere Kriege werden mit deutschen Waffen munitioniert. Das ist schäbig.


Die Integration vieler Einwanderer aus arabischen und afrikanischen Ländern in Deutschland funktioniert schlecht. Ist das nicht auch eine kulturelle Frage?

Integration scheitert, wenn Parallelwelten entstehen und sich die hier geborenen Kinder und Enkel immer noch nicht als Staatsbürger unseres Landes fühlen. Dafür gibt es auch soziale Gründe. Die Privatisierung des Wohnungsmarktes führt dazu, dass die Ärmeren in abgehängte Viertel verdrängt werden. Weil viele Einwandererfamilien arm sind, sind sie dort oft in der Überzahl. Seit Einführung von Hartz IV ist die Armutsquote von Kindern aus Einwandererfamilien auf knapp 50 Prozent gestiegen. Wer arm aufwächst, fühlt sich ausgeschlossen. Das fördert die Hinwendung zu einem radikalisierten Islam, die durch soziale Netzwerke im Umfeld bestimmter Moscheen verstärkt wird.


Der Rechtsphilosoph Reinhard Merkel warf seiner Namensvetterin kürzlich in der FAZ vor, den Falschen zu helfen: Mit den Milliarden, die Deutschland hier für Asylbewerber und Flüchtlinge aufwendet, könnten wir einer ungleich höheren Zahl von Bedürftigen an Ort und Stelle helfen. Hat er Recht?

Ja. Frau Merkels Entscheidung 2015 hatte vor allem jungen Männern den Weg nach Deutschland geöffnet. Echte Hilfe würde sich stattdessen vor allem um Frauen, Kinder, Alte, Schwache und die Ärmsten kümmern. Aber die können keine Schlepper bezahlen und keine lange Flucht überstehen. Sie leben vor Ort oft unter grauenhaften Bedingungen, – und sie werden seit Jahren alleingelassen.


Die gesamte Flüchtlingspolitik Deutschlands und anderer westlicher Länder funktioniert allerdings völlig anders.

90 Prozent aller Flüchtlinge weltweit leben in den Nachbarländern ihrer Heimat. Um sie kümmert sich außer dem chronisch unterfinanzierten UN-Flüchtlingshilfswerk praktisch niemand. Linke Politik ist immer Politik für die Mehrheit, sie sollte sich also vor allem um diese 90 Prozent kümmern. Diesen Menschen kann nur vor Ort geholfen werden. Migration macht die armen Länder übrigens noch ärmer, denn laut Migrationsforschung ist es überall die besser ausgebildete Mittelschicht, die abwandert. Das darf man nicht begünstigen, sondern muss sich bemühen, Lebenschancen vor Ort zu schaffen.


Viele jüngere Linke – ich könnte auch sagen: regressive Linke – scheinen sich dafür aber nicht zu interessieren. Sondern eher für die Frage, ob es rassistisch ist, wenn Weiße Rastalocken tragen. Oder für angeblich sexistische Gedichte. Von der Fassade einesr Berliner Hochschule müssen deshalb harmlose Verse von Eugen Gomringer getilgt werden. Das ist sicher nicht das Thema einer Aldi-Kassiererin.

Da haben Sie Recht. Das sind auch nicht Kernanliegen meiner Partei.


Aber ein Phänomen der Linken insgesamt. Dort zerreißen sich viele, wenn es um 60 verschiedene Geschlechter und den Kampf gegen alte weiße Männer geht. Ökonomie kommt kaum noch vor.

Der Kampf um Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung ist links. Aber den kann man nicht führen, wenn man die wichtigste Form der Diskriminierung, die ökonomische Diskriminierung, ausblendet. Ein Feminismus, der für Frauenquoten in Aufsichtsräten kämpft, aber gegen die Arbeitsmarktreformen der Agenda 2010 nichts einzuwenden hat, obwohl dadurch Millionen Frauen in Niedriglohnjobs und schlecht bezahlte Teilzeit abgedrängt wurden, ist hohl und heuchlerisch.


Was ist für Sie links?

Der Einsatz für die, denen kein großes Vermögen in die Wiege gelegt wurde, und die in der heutigen Wirtschaftsordnung von vornherein benachteiligt sind. Ich will, dass jedes Kind die gleichen Chancen hat.


Chancen worauf?

Chancen auf sozialen Aufstieg. Jeder, der sich anstrengt, muss auch zu Wohlstand kommen. Und er muss abgesichert bleiben, wenn er krank wird oder das Rentenalter erreicht.


Das sagt die FDP nicht anders.

Wenn die FDP Steuersenkungen durchgesetzt hat, dann nicht für die arbeitende Mitte, sondern für die sehr Reichen. Und sie hatte nie etwas einzuwenden gegen soziale Kürzungen, Leiharbeit und Tarifflucht, die das Leistungsprinzip untergraben.


Und was ist für Sie rechts?

Rechts ist für mich etwas anderes als konservativ. Rechts ist die Ablehnung liberaler Freiheiten, die Rechtfertigung auch extremer sozialer Ungleichheit und die Herabsetzung, ja Verachtung anderer Kulturen bis hin zu rassistsischen Ressentiments.

Noch einmal zurück zum linken Lager. Der amerikanische Politologe Mark Lilla unterscheidet in seinem heftig diskutierten Buch „Identity Politics“ zwischen traditionellen und neuen Linken. Die Traditionellen, sagt er, seien persuasiv: Sie verfolgten Ziele außerhalb ihrer selbst. Die Neuen nennt er expressiv – Leute, die eigentlich nur noch über sich selbst reden wollen. Was meinen Sie dazu?

Selbstverwirklichungszirkel haben sicher für die Beteiligten psychologischen Nutzen, aber linke Politik wendet sich den Mitmenschen zu. Die klassische Linke ist im 19. Jahrhundert als Vertreterin der Arbeiter entstanden. Sie hat im 20. Jahrhundert wesentlich zur Entstehung des Sozialstaates und zur Begrenzung von Ausbeutung beigetragen.


Und das sehen Sie heute immer noch als Ziel linker Politik, wie Sie sie verstehen?

Mehr soziale Sicherheit, Wohlstand für alle statt Reichtum für wenige, das ist für mich das Ziel linker Politik. Die ehemaligen Arbeiterparteien haben in vielen Ländern die Seite gewechselt und so den Begriff „links“ entleert. „In den Jahren, in denen die alte Industrie auf den Hund kam, debattierte man in der Öffentlichkeit der USA vor allem über ‚Diversität‘, ‚Gleichberechtigung‘ und den ‚Kampf gegen Diskriminierungen‘.“, kritisiert die amerikanische Philosophin Nancy Fraser.


Das schreibt so ähnlich auch Donna Brazile, ehemals Chefin der US-Demokraten,  in ihrem Buch „Hacks“: Hillary Clinton habe fest daran geglaubt, dass die Arbeiter sie sowieso wählen – und hat sich ganz darauf konzentriert, um alle möglichen Minderheiten zu werben.

Clinton war für viele die Inkarnation von Korruption und sozialer Ignoranz.  Mit Bernie Sanders hätten die Demokraten Donald Trump wahrscheinlich verhindert.


Warum glauben Sie das?

Hillary Clinton war durch ihre Nähe zur Wall Street völlig unglaubwürdig. Sanders kam bei Studenten genauso gut an wie bei Arbeitern.


Noch eine ganz andere Frage: Nach unserem Gespräch gehen Sie zur Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Reichstag. Sie hatten 2010 für Schlagzeilen gesorgt, als Sie es bei der damaligen Gedenkveranstaltung ablehnten, sich für den israelischen Präsidenten Schimon Peres zu erheben. Angenommen, ein israelischer Politiker würde heute wieder reden – würden Sie wieder sitzen bleiben?

Ich hatte mich auch damals vor Peres erhoben, wie es dem Anlass angemessen war. Vor seiner Rede. Ich habe mich nicht an den Standing Ovations danach beteiligt, weil er in seiner Rede die israelische Nahostpolitik gerechtfertigt hat, die ich für falsch halte.

http://www.sahra-wagenknecht.de/de/article/2713.offene-grenzen-f%C3%BCr-alle-das-ist-weltfremd.html



Donnerstag, 15. Februar 2018

Mitautor ALEX zu "EISZEIT-BLÜTEN"

Mitautor ALEX von „EISZEIT-BLÜTEN“ zu Judith´s „Schlaflosigkeit“

Lieber Harry, auch mich bewegen die gleichen Gedanken und verursachen Schlaflosigkeit wie bei Judith. Und ich glaube, es geht vielen Menschen so. Die Stimmen, etwas tun zu müssen, werden aber nur langsam mehr, vielfältiger und lauter. Das genügt nicht.

Zu Deinen und Judith´s Gedanken kommen bei mir die Fragen nach den Zielen des unsinnigen Mordens in den rund um uns herum tobenden und zunehmend eskalierenden kriegerischen Auseinandersetzungen sowie die immer stärker werdende Bedrohung Russlands durch die Nato hinzu. Und da Du und ich, und immer weniger Zeitzeugen vergangener Kriege, insbesondere die, die den letzten Weltkrieg noch erlebten und berichten können wie es war, verbleiben, dürfen wir nicht schweigen.

Ich füge Judith´s Gedanken den Gedanken nach der Unsinnigkeit des Krieges in Afghanistan hinzu. Was soll dieses Bekenntnis der Kanzlerin, der Verteidigungsministerin und der deutschen Außen- und Militärpolitik, wie man bei U.Gellermann in „Groko-Imperialismus“ zitiert lesen konnte: "Wir sind überzeugt, dass Afghanistan weiter unterstützt werden muß .... " und "in Afghanistan wollen wir (es) unverändert fortsetzen".

Afghanistan-Kontingend aufstocken? Wozu ? Wofür ?
Wie lange? Krieg gegen den Terror? Entmachtung der Taliban?

Ich empfehle Folgendes zu bedenken und einmal nachzulesen, was Theodor Fontane in seinem Gedicht "Das Trauerspiel von Afghanistan"
am Schluß sagte :

"Die hören sollen, sie hören nicht mehr,/
Vernichtet ist das ganze Heer,/
Mit dreizehntausend der Zug begann,/
Einer kam heim aus Afghanistan."

Das war das Ergebnis der Afghanischen Kriege:

Von 1979 bis 1989 waren sowjetische Truppen in Afghanistan.

15 000 tote Sowjetsoldaten waren das Ergebnis nach 10 Jahren.
Ich hatte in Jalta die Gelegenheit, mich mit einem im Ergebnis des Afghanistaneinsatzes fußamputierten Soldaten zu unterhalten und seine ungeschminkte Meinung zu diesem Krieg zu hören... Bedenke: Der junge Mann sagte mir, dass es dort nichts zu gewinnen gibt. Er stimmte mich sehr nachdenklich.

Den Aghanistan - Spezialisten Jürgen Todenhöfer zu den Kriegen in diesen Kriegsgebieten zu lesen kann auch nichts schaden . Seine umfangreichen und belegten Kenntnisse dazu kann man zur Genüge nachlesen und sollte das auch tun.


Interessant und entlarvend bilanzierend ist sein "Krieg als Terrorzucht Programm": Seine Meinung und Fazit hierzu: Die NATO hat keines ihrer Kriegsziele erreicht! ALEX

Sonntag, 11. Februar 2018

Konzernkapitalismus nicht reformierbar - Hedges


Der Bankrott der Linken



VERÖFFENTLICHT VON LZ ⋅ 11. FEBRUAR 2018


von Chris Hedges  –
http://www.rubikon.news
Linke begeistern heute niemanden mehr. Kein Wunder, übersehen sie doch in aller Regel, dass Konzernkapitalismus nicht reformierbar ist.



Eine mit Identitätsfragen beschäftigte Linke zielt nicht mehr auf die Wurzeln gegenwärtiger Probleme. Stattdessen begnügt sie sich mit Fragen des Respektes und der Anerkennung von Partikulargruppen. So spielt sie einzelne Gruppierungen gegeneinander aus und ignoriert den zentralen Antagonismus von Arbeit und Kapital. Der ist als Wurzel der neoliberalen Zerstörungen von Gemeinschaft und Umwelt anzusehen. Linke Bewegungen verkommen hierdurch zu Reparatureinrichtungen des Systems. Diese Diagnose von Chris Hedges zielt zwar primär auf die amerikanische, gilt jedoch gleichermaßen für die europäische und insbesondere deutsche Linke.

Die Linke in den USA hat das große Ganze aus dem Blick verloren: Den Klassenkampf. Stattdessen versucht sie, Nischenpolitik zu betreiben und innerhalb des kapitalistischen Systems kleine Verbesserungen für einzelne Untergruppen herauszuschlagen. Eine Strategie, die zum Scheitern verurteilt ist.

Innerhalb des globalen Konzernkapitalismus wird es keine wirtschaftliche oder politische Gerechtigkeit für die Armen, die Nicht-Weißen, für Frauen oder Arbeiter geben. Der Konzernkapitalismus, der Identitätspolitik, Multikulturalismus und Rassengerechtigkeit als Politik ausgibt, wird niemals der wachsenden sozialen Ungleichheit, dem ungebändigten Militarismus, dem Ausweiden von Bürgerrechten und der Allmacht der Sicherheits- und Überwachungsorgane Einhalt gebieten. Der Konzernkapitalismus kann nicht reformiert werden, und wenn er sich noch so oft ein neues Image verpasst. Je länger diejenigen, die sich selbst als Linke und als Liberale definieren, versuchen, innerhalb eines Systems zu arbeiten, das der politische Philosoph Sheldon Wolin als „umgekehrten Totalitarismus“ bezeichnet, desto enger zieht sich die Schlinge um unseren Hals. Wenn wir nicht aufstehen, um die Regierung und die Finanzsysteme unter öffentliche Kontrolle zu bringen – und dazu gehört die Verstaatlichung der Banken, der fossilen Brennstoff- und der Waffen-Industrie – werden wir immer Opfer bleiben.

Der Konzernkapitalismus ist überstaatlich. Er schuldet keinem Nationalstaat Loyalität. Er nutzt die US-Projektion militärischer Macht, um seine ökonomischen Interessen zu schützen und zu befördern. Gleichzeitig jedoch schlachtet er die Vereinigten Staaten aus, reißt ihre demokratischen Strukturen ein, gibt ihre Infrastruktur dem Verfall preis und deindustrialisiert ihre industriellen Zentren, um die Produktion ins Ausland zu verlagern, in Regionen, wo Arbeiter wie Sklaven behandelt werden.

Der Widerstand gegen diese globalen Kabale von unternehmerischen Oligarchen muss sich ebenfalls überstaatlich formieren. Er muss Bündnisse mit den Arbeitern auf der ganzen Welt eingehen. Er muss liberalen Institutionen die Stirn bieten, auch der Demokratischen Partei, die die Arbeiter verrät. In diesem Verrat liegt die Ursache für den Vormarsch faschistischer und protofaschistischer Bewegungen in Europa und Ländern anderswo. Donald Trump wäre nie gewählt worden, hätte es diesen Verrat nicht gegeben. Wir müssen eine weltweite Bewegung aufbauen, die stark genug ist, den Konzernkapitalismus in die Knie zu zwingen, oder wir werden Zeuge des Aufstiegs eines neuen, überstaatlichen Totalitarismus werden.

Die Linke, verführt von Kulturkämpfen und Identitätspolitik, ignoriert zu großen Teilen den Vorrang des Kampfes gegen den Kapitalismus und des Klassenkampfes. Solange der schrankenlose Kapitalismus die Alleinherrschaft hat, werden alle sozialen, ökonomischen, kulturellen und politischen Veränderungen kosmetischer Natur sein. Der Kapitalismus legt es in seinem Kern darauf an, die Menschen und die Natur zur Ware zu machen, um sie auszubeuten und Profit daraus zu schlagen. Um die Gewinne zu steigern, strebt er fortwährend danach, die Arbeitskosten zu senken, Regulierungen und Gesetze niederzureißen, die das Allgemeingut schützen. Doch je mehr der Kapitalismus den sozialen Zusammenhalt zerschleißt, desto mehr schädigt er wie jeder Parasit seinen Wirtskörper, auf dessen Kosten er lebt. In der aufgebrachten Bevölkerung entfesselt er dunkles, unkontrollierbares Verlangen, das den Kapitalismus selbst bedroht.

“Diese Krise hat eine globale Dimension“, sagte mir David North, der Vorsitzende der Socialist Equality Party in den USA, als wir uns in New York unterhielten. „Es ist eine Krise, die jedes Element amerikanischer Politik dominiert. Das Echo, das wir bekommen, die erstaunlichen Veränderungen im Zustand der Regierung, im Verfall des politischen Lebens, das verblüffend niedrige Niveau des politischen und intellektuellen Diskurses, all dies ist in gewisser Weise Ausdruck der Verwirrung der herrschenden Elite angesichts dessen, was sie derzeit erlebt.“

“In den Vereinigten Staaten ist ein massiver Ausbruch des Klassenkampfes zu erwarten“, sagte er. „Ich halte dieses Land für ein soziales Pulverfass. Es herrscht Wut über die Arbeitsbedingungen und die soziale Ungleichheit. Die Arbeiter, so verwirrt sie auch in vielen Fragen sein mögen, glauben fest an demokratische Rechte. Das Narrativ von einer rassistischen Arbeiterklasse lehnen wir strikt ab. Meiner Ansicht nach wird dieses Narrativ von der Pseudo-Linken propagiert, von Leuten aus der Mittelklasse, die trunken sind von lauter Identitätspolitik, die ein Eigeninteresse daran haben, die Menschen von den grundlegenden Klassenunterschieden in der Gesellschaft abzulenken. Wenn man alle auf der Grundlage von Rasse, Geschlecht oder sexueller Ausrichtung auseinanderdividiert, geht man das Hauptproblem gar nicht an.“

Völlig zu Recht argumentiert North, dass der Kapitalismus seiner Anlage nach von einer Krise in die nächste stolpert. Deshalb ähnelt unsere aktuelle Notlage früheren Krisen.

“Alle unbeantworteten Fragen des 20. Jahrhunderts – das grundlegende Problem des Systems der Nationalstaaten, der reaktionäre Charakter des Privateigentums an den Produktionsmitteln, die Konzernmacht, all diese Probleme, die zum Ersten und Zweiten Weltkrieg geführt haben – stellen sich uns heute wieder und tragen zu diesem Faschismus bei“, so seine Worte.

“Wir leben in einer globalen Ökonomie, alles hängt mit allem eng zusammen. Wir haben einen globalisierten Produktionsprozess, ein globalisiertes Finanzsystem. Die herrschende Klasse verfolgt eine internationale Politik. Sie organisiert sich auf internationaler Ebene. Die Arbeiterbewegung dagegen ist weiterhin auf rein nationaler Ebene organisiert. So war sie bislang vollkommen außerstande, der Politik der herrschenden Klasse etwas entgegenzusetzen. Und daher stellt sie sich hinter die ganzen nationalen protektionistischen Programme. Die Gewerkschaften unterstützen Trump.“

Dem stimmt der Soziologe Charles Derber zu, mit dem ich mich ebenfalls in New York unterhalten hatte:

“Wir haben eigentlich keine Linke, weil wir über den Kapitalismus gar keine Gespräche führen. Wie oft kommt es vor, dass man einen Mainstream-Nachrichtensender wie CNN anschaltet und dort dann eine Diskussion über den Begriff ‚Kapitalismus‘ zu hören bekommt? Bernie [Sanders] tat eines: Er bezeichnete sich als demokratischen Sozialisten, das bewirkte rein rhetorisch einen kleinen Wandel. Damit sagt er, es gibt da noch etwas anderes als den Kapitalismus, und darüber sollten wir sprechen.“

“Genauso wie das [kapitalistische] System allgemein Tritt fasst und zunehmend intersektional wird, brauchen wir intersektionalen Widerstand. Ende der 1960er, als ich meine politische Bildung erfuhr, löste sich der Anspruch der Linken auf Allgemeingültigkeit auf, der in den 60ern gewachsen war. Frauen hatten zunehmend den Eindruck, dass ihre Themen nicht angesprochen wurden. Sie wurden von weißen Männern, von Studentenführern schlecht behandelt. Schwarze, [Black] Panthers, bekamen das Gefühl, dass Weiße das Problem des Rassismus nicht thematisieren konnten. Sie gründeten also eigene Organisationen. Mit dem Ergebnis, dass die Linke ihren Blick aufs große Ganze und damit ihre universalisierende Rolle verlor. Sie befasste sich nicht mehr mit der Schnittmenge all dieser Problemfelder im Kontext eines militarisierten, kapitalistischen hegemonialen US-amerikanischen Imperiums. Sie behandelte Politik als voneinander isolierte Gruppenidentitätsprobleme. Frauen stießen an gläserne Decken. Ebenso Schwarze. Desgleichen Schwule.”

„Eine moderne Version davon“, so Derber, „verfolgt Sheryl Sandberg, die Geschäftsführerin von Facebook, die den Weg des Feminismus der „Dritten Welle“ einschlug. Sie sagte: „lean in“. Diese Haltung ist der Inbegriff der Identitätspolitik, die bei der Linken so einen Schaden anrichtet. Was bedeutet „lean in“? Es bedeutet, dass sich Frauen in einem Konzern hocharbeiten sollen, soweit sie können. Sie sollen, wie es der Autorin selbst gelungen ist, wichtige, reiche Führungskräfte in führenden Unternehmen werden. Als man den Feminismus in diese Art des „Hineinlehnens“ verwandelte, hat er eine Identitätspolitik geschaffen, die genau das System legitimiert, das kritisiert werden muss. Die frühen Feministen waren ganz offen Sozialisten. Genauso wie [Martin Luther] King. Aber all das wurde ausgelöscht.

Die Linke ist zu einer Art Wundertüte separater, voneinander isolierter Identitätsbewegungen geworden. Das hängt eng mit dem Streben nach sittlicher Reinheit zusammen. Man ist besorgt um das eigene Fortkommen im bestehenden System. Man konkurriert mit anderen im bestehenden System. Jeder andere genießt Privilegien. Man selbst ist nur bedacht darauf, seinen angemessenen Teil abzubekommen.

Die Menschen in den Bewegungen sind Produkte des Systems, das sie bekämpfen. Wir alle sind in einer kapitalistischen, individualistischen, egoistischen Kultur aufgewachsen, insofern ist das nicht überraschend. Man muss es sich aber bewusst machen und diesem Trend den Kampf ansagen. Jedes Mitglied einer Bewegung ist in den Systemen aufgewachsen, die sie abstoßend finden. Daraus entstand eine strukturelle Umformung der Linken. Die Linke bietet keine groß angelegte Kritik der politischen Ökonomie des Kapitalismus. Sie ist vor allem eine Partei der Identitätspolitik. Sie nimmt Reformen für Schwarze und Frauen, etc. in den Fokus. Sie bietet jedoch keine Kontextanalyse innerhalb des Kapitalismus.“

Wie North ist Derber der Auffassung, dass die kurzsichtige Politik mit ihren voneinander isolierten Politikfeldern den Weg für rechtsgerichtete, nativistische, protofaschistische Bewegungen weltweit, wie auch für den Aufstieg Trumps bereitet hat.

“Wenn man Politik darauf reduziert, lediglich der eigenen Gruppe ein Stück vom Kuchen zu sichern, verliert man die systemische Analyse. Man ist zersplittert. Man hat keine natürliche Beziehung oder Solidarität zu anderen Gruppen. Es entgeht einem der größere systemische Zusammenhang. Wenn ich als homosexueller Mensch sage, dass ich beim Militär kämpfen will, legitimiere ich auf eine seltsame Art das US-amerikanische Imperium. Lebte man in Nazi-Deutschland, würde man dann wohl auch sagen: Ich möchte, dass Schwule das Recht haben, zusammen mit den Nazi-Soldaten ins Gefecht zu ziehen?

Damit will ich nicht sagen, dass wir jedwede Identitätspolitik verbannen sollen. Doch jede Identitätspolitik muss innerhalb des Rahmens eines Verständnisses der größeren politischen Ökonomie stehen. Dieser Rahmen wurde weggerissen und ausgelöscht. Selbst in der Linken lässt sich kein tiefgehender Diskurs über den Kapitalismus und den militarisierten Kapitalismus finden. Das wurde einfach getilgt. Und darum ist Trump ins Spiel gekommen. Er verbindet eine sehr einflussreiche rechtsgerichtete Identitätspolitik, die rund um den Nationalismus aufgebaut ist, mit dem Exzeptionalismus des US-amerikanischen Imperiums.

Identitätspolitik ist zu einem hohen Grade ein rechter Diskurs. Im Mittelpunkt steht eine Art Stammessystem, welches in der Moderne mit dem Nationalismus verknüpft ist, der immer militaristisch ausgerichtet ist. Wenn man die Linke in diese separaten Identitätspolitiken unterteilt, die nicht in Zusammenhang gebracht werden, landet man leicht in diesem dogmatischen Fundamentalismus. Die Identitätspolitik der Linken reproduziert die schlimmsten soziopathischen Züge des Systems als Ganzem. Das macht Angst.

Wie viele von der Linken reproduzieren genau das, was wir in der Gesellschaft bekämpfen?“

Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „ The Bankruptcy of the American Left „. Er wurde vom ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzungsteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratsteam lektoriert.

Chris  Hedges
Chris Hedges ist Journalist, Pulitzer-Preis-Gewinner und Autor der New York Times- Bestsellerliste. Er war früher Professor an der Princeton Universität, Aktivist und ordinierter presbyterianischer Pastor. Unter seinen Büchern befinden sich Bestseller wie „Der Lohn des Aufstands: Der moralische Imperativ der Revolte“, „Das Reich der Illusion: Das Ende der Bildung und der Triumph des Spektakels“ und „Amerikanische Faschisten: Die christliche Rechte und der Krieg mit Amerika“. Sein Buch „Krieg ist eine Kraft, die uns Bedeutung verleiht“ wurde 40.000 Mal verkauft und war Finalist des Nationalen Preises des Buchkritiker-Verbandes für Sachliteratur. Er schreibt eine wöchentlich erscheinende Kolumne für das Internet-Magazin Truthdig und moderiert die Sendung „On Contact“ bei RT America.

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