Donnerstag, 4. November 2021

AUF DER STRAßE... (3. Textauszug: siehe "Der Mensch im Teufelskreis)

 Aus dem Buch "Der Mensch im Teufelskreis - Dr. FAUSTUS Auferstehung" / Autor: Harry Popow


AUF DER STRAßE...


Diese Geschichte begab sich, sagen Zeitzeugen, als sich in jüngster Zeit (2020/2021) über Land und Leute, gar über den ganzen Planeten, eine unheimliche Stille ausbreitete – eine tödliche. Ein Virus ging um, und die Menschen verschanzten sich hinter Mundmasken und hinter den Mauern ihrer Häuser. Wie so oft in Gefahrensituationen beschlich den einen oder anderen diese oder jene Erinnerung, als es noch menschengemachte tödliche und maschinell betriebene Abschlachtungen gab.

Dritter Textauszug:

S: 32 - 35

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S. 12: Er ist sich mit Kant darüber klar, daß, wie er selbst sagt, kein „Beschauen ohne Denken“ möglich ist, so daß wir, wie er ebenfalls ausdrücklich betont, „schon bei jedem aufmerksamen Blick in die Welt theoretisieren“. 6)


(Goethe und die Philosophie, Bruno Bauch (1877-1942), 1st Edition / ISBN: 978-9-92500-378-5)


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FAUST, im langen Oberkleid recht altertümlich gekleidet, begibt sich auf Suche nach einem Unterschlupf. Doch er hat kein Geld, keinen Taler oder Gulden, wie früher üblich. Was tun? Wie manche ihn auch anschauen - „wie der schon aussieht, so verlottert“. Neben einem Hauseingang hockt ein in die Jahre gekommener Bürger, neben sich einen Hut. Darin wenige Geldstücke. Der tut dem FAUST Leid, denn andere Leute beachten ihn nicht. Ein Ausgestoßener. FAUST tritt näher, zeigt seine leere Kleidertasche. Da winkt der Mann, so um die dreißig Jahre alt, den neugierigen FAUST zu sich heran und lädt ihn ein, an seiner Seite Platz zu nehmen. So wie er aussehe sei er wohl ebenfalls ein Obdachloser. FAUST überrascht diese Einladung nicht, denn Nächstenliebe hat er auch zu Goethes Zeiten erlebt. Er nimmt das Angebot dankend an und setzt sich neben ihn auf den Betonfußboden, auf dem sein Gastgeber eine Decke ausgebreitet hat. „Woher kommste denn, ick heiße übrigens Willi“, sagt dieser und FAUST sieht in ein freundliches Gesicht und antwortet: „Und ich bin FAUST. Woher ich komme? Das ist eine lange Geschichte“.

Sie reichen sich die Hand.


Der Obdachlose grinst: „FAUST? Das ich nicht lache. Der lebte doch gar nicht, war doch nur eine literarische Gestalt, ich glaube von Goethe. Das weiß ich noch von der Schule. Aber schieß los. Alle haben in diesem Land ihre sehr persönlichen Geschichten, mal traurig, mal der Erinnerung wert. Wie du ausschaust, könntest du direkt von der Bühne kommen, auf der sich neuerdings alle möglichen Leute in seltsamen Kostümen präsentieren wollen, um sich interessant zu machen und um ein bissel Kohle zu machen.“


FAUST ist froh, wenigstens ein paar Worte mit diesem Städter wechseln zu können. Und so erzählt er von einem Land, das vor über 150 Jahren so wie heute noch gar nicht existierte: „Das waren über 300 Fürstentümer und es herrschte Elend und Not. Und die Orthodoxe Kirche hatte das Sagen.“ Die würden sich als eine Vereinigung alles Seienden sehen, dazu bestimmt, alles was da ist, Gott und die Schöpfung, in sich zusammenzuschließen. Sie sei die Erfüllung des ewigen Planes Gottes, fügte FAUST hinzu.

Willi schüttelt den Kopf. Vom Glauben an Gott halte er nicht viel. Er habe es mit der Realität. Und baue auf die eigene Kraft.


FAUST stimmt ihm zu. Auch der Urfaust am Ende des 16. Jahrhunderts rebellierte gegen die Macht Gottes, vor allem gegen die Herrschaft des Patriarchats. Das bedeutete früher die "Herrschaft der Väter". Man hatte es mit Herrschern und Beherrschten zu tun, mit Unterdrückern und Unterdrückten, Tätern und Opfern. Und die Frauen litten darunter.


Der Urfaust? Willi kann sich nur an Goethes FAUST erinnern, aus der Schulzeit, als er Abitur machte. „Wie hat die Kirche reagiert, wenn dieser Urfaust angeblich so gegen sie kämpfte?“


FAUST: „Er wurde beschimpft und gejagt. Er stünde mit dem Teufel im Bunde.“

Willi lacht: „Dann müssten ja heute in diesem längst vereinigten Deutschland während der Corona-Pandemie ja tausende Protestanten gegen die Willkür des Staates als Teufel gestempelt und gejagt werden.“

Der Obdachlose unterbricht sich, denn sein neuer Bekannter mit langem Bart und unbekanntem Gewand ist unversehens eingeschlafen.

Indessen war es später Abend geworden. Auch dem Willi falllen die Augenlider zu, denn auch Passanten blieben aus, die etwas Geld in seine Mütze hätten werfen können. Er deckt seinen neuen Freund, den FAUST, mit ein paar Kleidungsstücken zu und so schlafen sie beide seelenruhig in den späten Abend hinein.

Bremsen quietschen plötzlich am Straßenrand. Ein Wagen der Obdachlosenhilfe. Beide noch Schlummernden schrecken hoch. Polizei? Ein Mann und eine Frau entsteigen dem Auto. Sie nähern sich den noch Schlummernden. Sie schütteln sie am Kragen und stellen sich vor: Versorgung für die Obdachlosen. Sie reichen den beiden ein Päckchen mit Lebensmitteln. „Donnerwetter!“, ruft der wieder hellwache FAUST. „Ja, man kümmert sich um uns hilflose Menschen“, erklärt Willi. So etwas habe er schon öfter mit Freude erlebt. FAUST, des Strebens nach Wahrheit etwas müde geworden, stellt noch keine Frage. Er isst die wenigen Mitbringsel, trinkt ein wenig Tee und schwört kurz vor dem erneuten Einnicken, der Sache auf den Grund zu gehen.

Warum gibt es Obdachlose? Warum speist man sie mit Almosen ab, statt ihnen Arbeit und Brot zuzugestehen? Was riet der Bogenschütze Stunden zuvor im schönen Park Sanssouci? Er solle sich im Straßengewühl umsehen und sehen lernen. Ja, er sieht bereits ein wenig, und nun? Wickelt sich in sein langes Gewand aus dem Jahre 1830 und nickt ein, voller Hoffnung, am nächsten Tag eine Bleibe zu finden und Entdeckungen über Ursachen und Wirkungen machen zu können.

Morgendämmerung. Der Gestank von blechernen und schnell fahrenden Kisten, die Autos genannt werden, breitet sich zügig aus. Leute eilen zu Haltestellen oder direkt zur Arbeit oder zum Einkauf.

Zurück zu FAUST im Hauseingang und seinem „Gastgeber“. Mit Mühe schlagen sie die Augen auf, um das Elend bei sich selbst nicht zu sehen. Der Magen knurrt. Der Obdachlose kramt in seiner Tasche und angelt sich einige Stücken Geld heraus, prüft sie in seiner Hand und nickt. Das reiche für paar Schrippen, wie Berliner ihre Brötchen liebevoll nennen. Beim Bäcker um die Ecke jedoch die Enttäuschung. Man dürfe den Laden wegen der Pandemie nur nach telefonischer Anmeldung und Bestellung betreten. Entsetzt schütteln beide den Kopf. Wer habe sich denn solch einen Schwachsinn ausgedacht. Der Obdachlose brüllt laut von Sch..., während FAUST wieder einmal versucht, hinter den Sinn des Ganzen zu kommen.


Der Zeitzeuge


Der aufmerksame Leser des Buches „Angst und Macht“, Autor Rainer Mausfeld, so findet es auch der Buchnarr, wird auf Seite 64 folgenden wichtigen Satz finden: „In Gesellschaften, in denen die Wirtschaft gesellschaftlich eingehegt ist, sind zentrale Bereiche, wie Ausbildung, Gesundheitswesen, Sozialversorgung, Alterssicherung, Umweltschutz etc., den kapitalistischen Marktkräften entzogen. Ihre Organisationsformen basieren auf vielfältigen Handlungsmotiven jenseits von Konkurrenz und materiellem Egoismus und unterliegen Kriterien, die sich nicht auf ökonomische reduzieren lassen.“ Der Kapitalismus tendiere durch die Ökonomisierung aller menschlichen Verhältnisse zur Zerstörung derselben. Es müsse gesellschaftlich sichergestellt werden, „dass die Marktkräfte kontinuierlich eingehegt werden und sich innerhalb der Gesellschaft nicht verselbständigen“.

In diesen knapp formulierten Sätzen, von Vernunft und Geschichtswissen diktiert, mag mancher Leser seine DDR wiedererkannt haben. Das geht auch dem Buchnarr so. Deshalb beruft er sich auf interessante Aussagen seiner literarischen Zeitgenossen. 6B)


Harry Popow: "DER MENSCH IM TEUFELSKREIS", Sprache: Deutsch, ISBN: 9783754166666, Format: DIN A5 hoch, Seiten: 384, Erscheinungsdatum: 18.09.2021

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