Freitag, 22. April 2016

BILD - Dünnschiss entlarvt

Aus: Ausgabe vom 22.04.2016, Seite 8 / Inland

»Einige haben sich totgelacht, andere waren erschrocken«

Bild hat mal wieder eine Sensationsstory: Ein geheimes Terrornetzwerk Putins überzieht Europa. Gespräch mit Jürgen Köhler

Interview: Peter Wolter


(Jürgen Köhler ist verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit des Fallschirmjäger-Traditionsverbandes Ost)

Als ehemaliger NVA-Soldat gehören Sie einem Traditionsverband der DDR-Fallschirmjäger an. Bild online hat vorige Woche unter Berufung auf ein neues Buch des Journalisten Boris Reitschuster berichtet, dass Sie und Ihre Freunde insgeheim für den russischen Geheimdienst arbeiten. Was ist da dran?

Als wir diese Phantastereien über ein angebliches Terror- und Sabotagenetz des russischen Präsidenten Wladimir Putin gelesen hatten, waren wir alle ziemlich verdattert – einige haben sich totgelacht, andere waren erschrocken. Natürlich fragen wir uns jetzt, wie wir mit einer solchen Unterstellung umgehen. So gut wie nichts, was wir in dieser Bild-Story gelesen haben, hatte mit uns zu tun.

In besagtem Artikel kam auch die angeblich ebenfalls von Moskau unterstützte junge Welt ins Spiel. Bei deren Rosa-Luxemburg-Konferenz haben Sie und einige andere aus Ihrer Truppe als Ordner ausgeholfen.

Da kann man nur sagen: Viel Feind’, viel Ehr’. Mit unserer Unterstützung der jungen Welt wollen wir dazu beitragen, dass deren Veranstaltungen nicht durch Neonazis gestört werden. Wir sind auch freundschaftlich mit dem Traditionsverband der russischen Fallschirmjäger verbunden. Dessen Mitglieder sind frühere Mannschafts- und Unteroffiziersdienstgrade, die ihre neue Heimat in der BRD gefunden haben. Es sind nur wenige frühere Offiziere dabei. Sie treffen sich drei-, viermal im Jahr. Etliche nehmen auch an Treffen unseres Verbandes teil, um beim Fallschirmspringen mitzumachen. Wir sind mit vielen von ihnen befreundet.

Reitschuster hat auch herausgefunden, dass der russische Auslandsgeheimdienst ein Netz von Kampfsportschulen über Europa gezogen hat, wo ominöse »Systema«-Praktiken gelehrt werden. Was ist denn das schon wieder?

Von meinen Freunden hatte auch niemand zuvor davon gehört. Ich musste mich also erst einmal schlau machen. Also: »Systema« ist eine Kampfsportart mit Elementen von Taekwondo, Judo, Boxen und Ringen. Sie wurde in der sowjetischen Armee für den Nahkampf geübt. Irgendwann haben sich ein, zwei Sportlehrer selbständig gemacht, sind nach Westeuropa umgesiedelt und haben dort entsprechende Sportschulen gegründet.

Wie wird dieser Bild-Artikel unter Ihren Freunden diskutiert?

Manche sagen, wir sollten diese Anwürfe einfach ignorieren. Andere überlegen, offiziell bei der Redaktion nachzufragen, wie sie diesen geistigen Dünnschiss belegen kann. Ich meine, wir sollten der Sache nicht allzuviel Bedeutung beimessen. Tatsache ist, dass wir die junge Welt unterstützen – alles andere ist erstunken und erlogen. Vor allem dieser Schwachsinn, wir würden aus Russland finanziert.

Bild beruft sich ferner auf Berichte, Freiwillige aus besagtem Putin-Netzwerk wollten ein Bataillon aufstellen, um die Aufständischen im Donbass zu unterstützen. Was hat es damit auf sich?

Das ist auch so eine Luftnummer. Wenn ich nicht selbst dabeigewesen wäre, würde ich nicht glauben, wie dieses Gerücht entstanden ist. Auslöser war ein Journalist der Literaturnaja Gaseta, der dabei war, als wir über den Bürgerkrieg in der Ukraine sprachen. Einer von uns zog eine Parallele zum spanischen Bürgerkrieg in den Jahren 1936 bis ’39. Da an dem Gespräch auch einige Enkel russischer Veteranen teilnahmen, die davon noch nie gehört hatten, erläuterte er, dass damals Sozialisten und Kommunisten aus aller Welt nach Spanien gingen, um die Republik gegen die Faschisten zu verteidigen. Diejenigen, die aus Deutschland kamen, bildeten dann das Thälmann-Bataillon.

Der russische Journalist schrieb über dieses Gespräch in seiner Zeitung und plötzlich tauchte in allerlei Internetforen das Gerücht auf, es könne sich ein neues Thälmann-Bataillon für den Donbass bilden. Alles Quatsch! Ich kenne weder in unserem noch im russischen Traditionsverband jemanden, der sich Gedanken darüber macht, auf seiten der Aufständischen im Donbass zu kämpfen. Abgesehen davon: Im Traditionsverband der DDR-Fallschirmjäger haben wir ein Durchschnittsalter von 57 Jahren – für eine Sabotage- und Diversionstruppe wären wir wohl ein wenig zu alt. Und was wir in unserem Verband treiben, lässt sich gut auf unserer Website nachverfolgen.

http://kurzlink.de/bild-story

www.fallschirmjaeger-nva.de/