Dienstag, 19. Juni 2018

Ein Russisches Sommermärchen - von Gert-Ewen Ungar



19. Juni 2018 um 8:25 Uhr | Verantwortlich: Redaktion

Ein Russisches Sommermärchen



Veröffentlicht in: Das kritische Tagebuch


Gert-Ewen Ungar


Es steht außer Frage, die Stimmung hier ist einzigartig. Wer sich an den Fußballsommer im Jahr 2006 in Deutschland erinnern kann, der hat in etwa eine Ahnung, was aktuell gerade in Russland passiert. Am Samstag bin ich aus Deutschland angereist. Man könnte es auch eine Flucht nennen. Eine Flucht vor einer erschreckend niederträchtigen Berichterstattung in den deutschen Medien gegenüber Russland. Noch in Deutschland habe ich mir am Tag der Eröffnung die Übertragung und das Rahmenprogramm in der ARD angeschaut. Ich war zutiefst erschrocken, zutiefst schockiert. Ein exklusiver Reisebericht aus Russland von Gert-Ewen Ungar[*].

Gert-Ewen Ungar ist während der Fußball-Weltmeisterschaft vor Ort in Russland und berichtet vor Ort für die NachDenkSeiten. Dies ist der erste Artikel unserer WM-Reihe.

Da stellte sich ARD-Moskau-Korrespondent Udo Lielischkies vor die Kamera und zeichnete das Bild einer Diktatur, sprach von Russen, die sich nicht trauen, vor der Kamera ihre Kritik an der Regierung zu äußern. Dabei, das müssten Udo Lielischkies und die Seinen selbst bei guter Abschirmung in ihrem Moskauer ARD-Studio inzwischen aufgefallen sein: die Breite des Sagbaren in Russland ist deutlich weiter als in Deutschland. Russland diskutiert deutlich freier als Deutschland. Es gibt dafür zahlreiche Gründe. Einer davon ist, dass es den deutschen Verlagen und Medienanstalten tatsächlich gelungen ist, in Deutschland die Meinungsvielfalt kaputt zu sparen.

Jedenfalls ist die deutsche Berichterstattung gegenüber Russland inzwischen eine absolute Unverschämtheit. Sie ist eine Unverschämtheit gegenüber Russland und den russischen Bürgern, aber sie ist auch eine Unverschämtheit gegenüber Deutschland und seinen Bürgern, da der einseitige und einfach grottenschlechte Journalismus sie über bedeutende Entwicklungen im größten Land Europas in Unkenntnis lässt, ja sogar absichtlich fehlinformiert.

So floh ich am Samstag vor all der Niedertracht und stellte bereits am Flughafen in Sankt Petersburg fest: Es gibt auch Fußballübertragungen ohne Propaganda. Eine bunte Menge versammelte sich in einem Restaurant vor einem Monitor und fieberte mit den kontrahierenden Mannschaften. Der Kommentator des russischen Fernsehens kommentierte ausschließlich das Spiel und nicht die Politik. Kein Seitenhieb, keine böswillige Unterstellung, keine Überheblichkeit. Es war wohltuend. Entgegen aller Vorwürfe scheint mir, dass es Deutschland ist, das die WM zur Agitation nutzt. Russland tut es nicht. 

Ich fliege weiter nach Moskau. Ich bin gern in dieser größten europäischen Metropole. Es mag in Propaganda geschundenen deutschen Ohren seltsam klingen, aber ich fühle mich dort freier. Das enge Deutsche, der Hang zum Totalitarismus, den wir offenbar haben und der sich aktuell ganz deutlich beispielsweise in der Makroökonomie auslebt, findet sich dort nicht. Es ist die große Gelassenheit gegenüber der Andersartigkeit, die mich beeindruckt. Wo wir als Deutsche missionieren und belehren, gibt Russland Raum zur Entfaltung und Erprobung. Das ist eine große Tugend, die uns völlig fehlt. 

Domodedovo ist einer der drei Moskauer Flughäfen und mein Zielflughafen. Er steht heute ganz im Zeichen der FIFA. Alles ist bunt, alles ist lebendig, alles noch ein bisschen quirliger als sonst. Für den nächsten Monat werde ich bei meinem Freund Pawel unterkommen.

Für den Abend verabreden wir uns mit Freunden. Wir treffen uns für einen Bummel durch die Innenstadt am Puschkin-Platz. Wir treffen Dima und seinen Partner Anton. Sie leben zusammen. Beide sind ganz angetan von der Atmosphäre, von der an diesem frühen Abend bereits Moskau getragen wird. Das letzte Vorrundenspiel ist noch nicht zu Ende, doch die Innenstadt Moskaus ist bereits sehr gut besucht. Überall sind Fans zugegen.

Dima spricht von Völkerverständigung, wie wichtig es ist, sich kennen zu lernen. Ich habe das Gefühl, nicht nur für ihn wird hier gerade eine große Idee Wirklichkeit. Es mag ein Erbe der Sowjetunion sein: Noch heute glauben Russen in einem ganz anderen Ausmaß als wir an die Notwendigkeit von Austausch und Begegnung zwischen den Nationen und Kulturen. Frieden ist Ergebnis der Begegnung von konkreten Menschen.

Wir besuchen ein Restaurant. Es gibt typisch russisches Essen, Pelmeni, Bortsch. Ganz dem Klischee entsprechend, stoßen wir mit Wodka an. Es gibt unglaublich viele Vorurteile über Russen und Russland, eins der wenigen, an dem etwas Wahres dran ist, ist das Vorurteil mit dem Wodka. Man kommt nicht um ihn herum. Das Restaurant ist nahe an seiner Grenze, es ist ein beständiges Kommen und Gehen. Mexikaner, Argentinier, Deutsche. Meine russischen Freunde genießen mit mir die Atmosphäre. Ich glaube, ich interpretiere, es ist Wertschätzung, was sie fühlen und was sie in diesem Moment erfüllt. In mir steigt Freude auf. Ich freue mich für Russland. Die Wertschätzung ist verdient.

Auch die Straße füllt sich, es wird gesungen und getanzt. So ausgelassen habe ich Moskau noch nie erlebt. Wir gehen auf die Straße, lassen uns vom Treiben mitreißen. Überall Landesflaggen. Eine zieht in besonderer Weise meine Aufmerksamkeit auf sich. Es ist die syrische Flagge. Ich frage die junge Frau, die die Flagge hält, ob sie aus Syrien sei. Sie bejaht. Woher ich sei, will sie wissen. Aus Deutschland. Ihr warmes Lächeln kühlt merklich ab. Wir haben uns durch unserer Positionierung offenkundig nicht nur Freunde gemacht.

Warum mit der russischen Flagge, frage ich. Russland hilft uns im Kampf gegen den Terrorismus. Hier eröffnet sich einem Satz eine ganz andere Sicht auf die Vorgänge in Syrien. Eine, von der wir in Deutschland durch die Verweigerung der deutschen Medien, echten Journalismus zu liefern, gut abgeschirmt sind. Doch die Position hat ihre Berechtigung hat. Unser Diskurs ist sehr verengt.

Ich würde das mit meiner syrischen, russischsprachigen Gesprächspartnerin gerne weiter vertiefen, aber es ist offenkundig weder der Ort noch die Zeit, das zu tun. Der Strom zieht uns weiter. Wir besuchen zunächst eine, dann eine weitere Gay-Bar in der Moskauer Innenstadt. Auch hier dreht sich alles um Fußball. Dima wird mit jeder Minute euphorischer.

Was die FIFA mit seiner Stadt machen würde, war ihm bisher nicht klar. Wer kann es auch wissen, ohne es erlebt zu haben? Doch auch andere wissen die FIFA zu nutzen. Zu Beginn der Weltmeisterschaft, ein bisschen verborgen im Schatten der Berichterstattung über Fußball, erhöht die Duma das Renteneintrittsalter für Männer auf 65 Jahre, für Frauen auf 63 sowie die Mehrwertsteuer deutlich. Es ist, als würde die Politik überall auf der Welt auf die Weltmeisterschaft warten, um unpopuläre Maßnahmen durchzusetzen. Auch wenn man das natürlich kritisieren muss, in Deutschland ist es nicht anders. Was wurde im Schatten der WM 2006 nicht alles durchgesetzt? 

Die Erhöhung des Renteneintrittsalters findet im Rahmen der von Putin nach seiner Wiederwahl ausgerufenen Entwicklungsoffensive statt, die unter anderem zum Ziel hat, die Armut in Russland zu halbieren, die Lebenserwartung weiter zu erhöhen, die Bildung und Infrastruktur auszubauen. Man kann darüber diskutieren, ob die Maßnahme zum Ziel führt, braucht dafür aber saubere Informationen. Diese zu liefern ist der deutsche Journalismus derzeit allerdings nicht in der Lage. Wir müssen uns daher ehrlicherweise aus der Diskussion heraushalten. Uns hat der deutsche Qualitätsjournalismus ja schon dahingehend informiert, dass Homosexualität in Russland verboten ist. Wer diesem Text bis hierher folgte, weiß, wie falsch das ist, und fragt sich hoffentlich, wie diese breite Streuung einer Fehlinformation passieren konnte.

In Bezug auf Russland jedenfalls ist den deutschen Medien nicht zu trauen. Das ist gefährlich. Denn wenn nachweislich die Informationen zu einem Thema falsch sind, sind sie es mutmaßlich zu anderen Themen auch und das Vertrauen erodiert massiv, vor allem aber berechtigt. Dies allerdings ist der aktuelle Zustand des deutschen Mainstreams. Er befindet sich in Erosion.

Doch er kann aus eigenem Antrieb die Fehlentwicklung nicht korrigieren. Die Berichterstattung über die Fußball-WM in Russland ist stehender Beweis. 

Inzwischen ist es drei Uhr morgens. Dima ist auf den Geschmack gekommen und möchte mehr, ich dagegen kann nicht mehr. Pawel bestellt ein Taxi, wir fahren nach Hause, Dima zieht mit einer Freundin weiter in die Mono-Bar, eine Gay-Disco. Wir sitzen in einem Taxi und fahren durch Moskau. Ich schaue aus dem Fenster – ich liebe diese Stadt, ihre Vielfalt und ihr Potential. Ich wünsche Russland aus tiefem Herzen ein Fußball-Sommermärchen und die Erfüllung all seiner Träume, denn ich weiß: sie sind friedfertig.

[«*] Gert-Ewen Ungar: Ein Anagramm, das bei unserer Abifeier im Jahr 1988 entstand und das ich seitdem nutze, wenn ich Kreatives produziere. Mit meinem ersten Reisebericht über Russland wurde dieser Name einem breiteren Publikum bekannt.

Ich studierte Philosophie und Germanistik in Frankfurt am Main, lebe in Berlin und arbeite als Pädagoge in der Sozialpsychiatrie. Seit 2014 reise ich häufig nach Russland und berichte über meine Erfahrungen dort. Ich schreibe regelmäßig für RT Deutsch.



Montag, 18. Juni 2018

KRITISCHES zu DDR-Zeiten - Leseproben



Maßstäbe so oder so

Einst Kritisches in der Wochenzeitung „Volksarmee“

Leseproben aus dem Buch „WIR SONNENKINDER“

Von Harry Popow

1978. August. „Maßstäbe so oder so“. Eine Überschrift in der VA-Nr. 36/78. Wieder einmal auf der Spur von widerwärtigem Betrug in der Ausbildung. In einer Panzerkompanie stellt Harry auf recht kriminalistische Art fest, vor einem Gefechtsschießen wurden - entgegen den Richtlinien in der Schießvorschrift - alle Ziele vorher gründlich „aufgeklärt“ und alle Richtschützen damit vertraut gemacht. Außerdem „vergaß“ man, Zielvarianten aufzubauen, ebenfalls ein Beweis für risikofreies Schießen. Nach der Veröffentlichung, bei der der Chefredakteur möglicherweise Bauchschmerzen bekommen hat, sagte dem Reporter einer, den er von der Offiziersschule her kennt und der jetzt General ist, er habe gedacht, man hätte dem Oberstleutnant Popow wegen dieses offenen und kritischen Artikels die „Beine weggesäbelt“. Monate später wurde dieser kritische Bericht in einem Buch über Probleme der Gefechtsausbildung nachgedruckt.

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Dalai Lama soll gepredigt haben, achtjährigen Kindern möge man das Meditieren lehren. Nach drei Generationen gäbe es keine Gewalt mehr. So so!! Achtsamkeit, so sage ich mir, ist doch wohl eine der großen Verführungsmethoden zum Stillhalten, zum Innehalten, zum Schnauze halten zu dem, was die Politik zum Niederhalten von sozialen Protesten und für höhere Gewinne so treibt. Daniel Strassberg (Psychiater, Psychoanalytiker und Philosoph) meinte kritisch: Man fühlt sich fremdbestimmt und besinnt sich wieder auf sich. Doch letztlich haben auch solche Aussagen über den Zeitgeist etwas Triviales. Ein politischer Protest ist zudem nicht erkennbar, ebenso wenig eine gemeinsame Utopie, dafür wird Achtsamkeit zu selbstbezüglich ausgelegt. Und der Soziologe Hartmut Rosa kritisiert, die Achtsamkeitsbewegung sei unpolitisch und schiebe das Problem, sich in einem beschleunigten System der Arbeit zu behaupten, dem Einzelnen zu.

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Inzwischen ist es Mai geworden. Harry hat etwas mehr Zeit am neuen Arbeitsplatz zum Nachdenken, Grübeln, Ideen entwerfen für die Darstellung von Armeeproblemen. Doch die wiederum sind eingebettet in die politische Weltlage, in die Zusammenhänge auch philosophischer Art. Er liest u.a. in der Zeitschrift für Philosophie 1/87 zu aktuellen Problemen der philosophischen und soziologischen Forschung in der SU, Seite 6: Die Ursachen für das Zurückbleiben der Philosophie sehen die Autoren u.a. im „Fehlen von gründlichen Forschungen zu den dialektischen Prozessen unter den Bedingungen des Sozialismus und von Untersuchungen der Eigenart des Erscheinens allgemeiner dialektischer Gesetzmäßigkeiten unter qualitativ neuen Bedingungen. Sehr bezeichnend ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass die Kategorie Negation und das Gesetz der Negation der Negation, angewandt auf die Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft, faktisch nicht ausgearbeitet ist. (...) Die Folge des ‚Vergessens der Notwendigkeit, die Entwicklung (...) dialektisch und kritisch zu betrachten, ist eine vereinfachte, begrenzte, einseitige Vorstellung vom Inhalt selbst und dem Wesen der Produktionsverhältnisse im Sozialismus.“ Die Autoren zitieren die Klassiker ( M/E Werke, Bd. 23, S. 28): Karl Marx erklärte, dass die materialistische Dialektik „in dem positiven Verständnis des Bestehenden zugleich auch das Verständnis seiner Negation, seines notwendigen Untergangs einschließt, jede gewordene Form im Flusse der Bewegung, also auch nach ihrer vergänglichen Seite auffaßt, sich durch nichts imponieren lässt, ihrem Wesen nach kritisch und revolutionär ist.“ Harry merkt dazu an in seinem Tagebuch: Wenn etwas in Bewegung ist, gehört dazu – vom Subjekt aus gesehen - die Kritik und die Fähigkeit dazu! Einbringen bei nächsten Seminaren …

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Paroli bieten


Wer keine Fragen stellt, bleibt einseitig. Harry stellt einige Erscheinungen und Gewohnheiten in der Armee wiederholt in Frage. So das unsägliche Notendenken. Man flunkert sich etwas vor. Man will den Erfolg um fast jeden Preis, denn das bringt erst die wichtigen Pluspunkte im Wettbewerb, die Prämien und Auszeichnungen. Mit dem Abteilungsleiter ist man sich schnell einig: Da gehen wir ran. Harry wird in die Spur gesetzt. Das Ziel: Bad Frankenhausen, der Truppenteil „Robert Uhrig“. Dort beobachtet der Reporter wie ein Luchs die Vorbereitungen zum Schießen und die Munitionsausgabe. Und tatsächlich. Nur die besten Schützen werden mit ausreichender Munition (lt. Vorschrift) bedacht, die „Schlummschützen“ bekommen weniger. Der Artikel wird in der VA 16/78 gedruckt. Es macht Freude, den Notenjägern eins auszuwischen. Aber: Es fällt leicht, die Oberfläche mit der Feder zu kritisieren. Die Ursachen für „Schmuh“ liegen tiefer, sehr viel tiefer ... Doch darüber liegt – wie man so sagt - der Mantel des Schweigens. Hier ist weiterhin öffentliches und offensives Bohren vonnöten.

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Spiegelfechterei? Dienstreise nach Schwerin. Einige Soldaten hatten der Redaktion geschrieben. Sie seien nicht einverstanden mit der Methode „Ausgang streichen“ als Strafmaßnahme. Es reizt Harry, diesen vorschriftswidrigen Willkürakten auf den Grund zu gehen. Wie kann man auf eigene Faust Strafen verhängen, die in keiner Vorschrift stehen? Also auf zu den Absendern des Briefes. Dort fand der Reporter die Beschwerde der Soldaten bestätigt. Der Artikel wurde in der Nr. 16/65 der Militärbezirksseite veröffentlicht unter der Überschrift „Ausgang streichen - eine Privatsache?“ Tage darauf soll der Chef des Militärbezirkes getobt haben: „So eine Spiegelfechterei!!“ Na ja, wenigstens etwas, Harry freut sich ehrlich über diese Reaktion. Etwas Wirkung, und wenn es der Ärger einiger Vorgesetzter ist, muss sein. Mehr aber kann er nicht erwarten, er weiß inzwischen, sehr oft läuft man gegen Wände.

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Wieder in Berlin. Bin aufgeladen. Stehe noch unter Strom. Will einen Diskussionsbeitrag für die Parteiversammlung über Erlebnisse in Leipzig halten. Vor allem über den Widerspruch zwischen dem vom Politbüro hochgejubelten Mikroship-Film und der gar nicht rosigen Resonanz bei jungen und sehr kritischen Zuschauern. Man macht sich was vor!! Den Vorgesetzten fährt der Schreck in die Glieder, ich sehe in ablehnende, verständnislose Gesichter meiner Genossen: „Um Gottes willen, bleibe bei der Militärpolitik, willst du etwa gegen die Einschätzung von ganz oben wettern?“ Mir ist richtig unwohl. So offensichtliche Fehleinschätzungen, so ein hausgemachter „Erfolg“, so viel Mittelmäßigkeit, so drastisch und niederschmetternd.




Harry Popow: „WIR SONNENKINDER. AUTHENTISCHE LEBENSBILDER“, Texte: © Copyright by Harry Popow, Umschlaggestaltung: © Copyright by Harry Popow, Verlag: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin, ISBN: 978-3-746719-09-2, Seiten: 504, Preis: 26,99 Euro

Donnerstag, 14. Juni 2018

Satire: Dem Morgenrot entgegen...


DIE NEUE WENDE...

Dem Morgenrot entgegen?
Ein satirischer Blick auf die Wirklichkeit
Es ist nicht zu fassen, ja, es scheint, die Welt wird umgekrempelt. Nicht NEU GEORDNET, wie es offiziell heißt, mit „Neuer Verantwortung“ und so. Nein, es sieht nach einer neuen Wende aus? Die Erleuchtung kommt von ganz unten. Von einem Mann, der ganz unpolitisch sein wollte. Und nun hat er sich doch eingemischt. Mit einem Buch. Einem Protokoll, das ehrlicher nicht sein kann. Der Titel: „Stein auf Stein dem Himmel entgegen“. Und das Absonderliche: Es wurde gedruckt. Mehr noch, es wurde unter die Leute gebracht. Vorneweg in einigen online-Plattformen, so in der Linken Zeitung. Vor allem auch in der NRhZ. Dem schlossen sich nicht wenige der fortschrittlichsten Printmedien an. Und schließlich packte die ARD, das ZDF und auch der rbb in sensationellen Abendsendungen zu. Nur Anne Will rümpfte noch die Nase.


Das alles blieb nicht ohne Wirkung. Die SPD steht nicht mehr Kopf bei der Beurteilung der Arbeiterklasse, sondern räumt grundsätzlich mit der Anbiederung an das Kapital auf. Mit der rückwärts gewandten und nichtssagenden Tagespolitik zur Stärkung des Marktsystems soll Schluss sein. Die Linke klopft sich an den Kopf und bemüht verstärkt Marx, an den Diskussionen teilzunehmen. Die zahlreichen Autoren von kritischen Sachbüchern frohlocken: Endlich finden sie Gehör auch in den Printmedien. Es brodelt im Volk. Neue Rufe „Wir sind das Volk“ sind zu vernehmen.

Die Obdachlosen beschweren sich, keine Liegeplätze auf Vorbestellung mehr zu erhalten. Ihnen drohen Arbeit und zu bezahlende Mieten in extra gebauten Unterkünften. Die Miethaie demonstrieren erfolglos, da nahezu aller Privatbesitz an Wohnungen ab sofort wegen Menschenrechtsverletzungen untersagt ist. Auch wird der „Runde Tisch“ wieder eingeführt, um so die Quatschbude „bürgerliches Parlament“ zum Teufel zu jagen.

Wenn es bisher hieß, besonders für junge Leute, sie sollen sich in „Selbstverwirklichung“ üben, kommt rasant das neue Umdenken. Sie schließen sich zu Jugendbündnissen zusammen, zu sogenannten philosophischen Rundtischgesprächen und schwören den buddhistischen Kreisen, dem  Achtsamkeitsverein und anderen Fluchten aus der Wirklichkeit wie auch der sogenannten ENTSCHLEUNIGUNG ab. Mehr noch: Die Enkelkinderchen stellen Fragen an die Großeltern, wie es denn so war früher im Antikapitalismus. Es ist schon so, irgendetwas ist ihnen zu Kopf gestiegen, sie wollen – wie in den 65er Jahren - ,wieder ernst genommen werden.

Arme Kirche: Sie stellen wiederholt eine Abwesenheit von Querdenkern fest, die den Glauben verloren haben, dass sich alles mit Gottes Hilfe bessern ließe. Zu früh jubelten die Kirchenleute darüber, dass der Industrieschornsteinmaurer, der Mann von der Arbeiterklasse, bis in die Höhe des Himmels bauen wollte.

Auch wirbelt es die Leute so richtig im Politikbetrieb durcheinander. Die Regierungschefin erinnert sich an ihre Studienzeit in der DDR und gesteht, sich in westlichen Gefilden zu sehr verbiegen zu müssen. Die Verteidigungsministerin stoppt das Programm mit den Morddrohnen und beschäftigt sich mit der Auflösung der Bundeswehr, denn trotz mancher Unkenrufe sollen die Russen ja doch friedliche Absichten haben. Also wendet sich Deutschland von den Möchtegern - Weltbeherrschern USA ab und richtet den Blick immer mehr nach Osten, wo zur Zeit das sportliche Jubeln die Herrschaft inne hat. Dorthin, wo nach wie vor zum Schrecken des Abendlandes nun doch die Sonne aufgeht. Und das schönste Geschenk für den Schornsteinmaurer, der stets in die Höhe strebt: Marx hatte recht: Wenn die Idee die Massen ergreift, wird sie zur materiellen Gewalt... Auch hierzu hat der Arbeiter sein Ja gegeben: Die BRD erhält in einer Volksabstimmung den Namen AWG - ALLE WERDEN GLÜCKLICH.

Bevor es soweit kommt, klopft es noch zu nachtschlafender Zeit recht polternd an der Wohnungstür des Autors...



Das Morgenrot muß warten!
Harry Popow





Mittwoch, 13. Juni 2018

Lotti zu Manfred Ottos Buch


Lottis Gedanken, Mitautorin von „EISZEIT-BLÜTEN", zu Manfred Ottos Buch

Stein auf Stein dem Himmel entgegen“


Fest gemauert in der Erden“ oder „Schicksal eines Menschen mit Blick vom Fabrikschornstein auf sein Leben in drei deutschen Reichen“

Nimmt man Manfred Otto´s Buch in die Hand, glaubt man zuerst, eine ganz normale, zunehmend eine kritische, sehr sachliche Biografie als Lesestoff gewählt zu haben. Die Familiengeschichte, Kindheit und Jugend, im Hauptteil das eigene, vorrangig berufliche Leben, mit allen menschlichen Bindungen und Ereignissen, belegt mit vielen Fotozeugnissen, wird im Fortgang der Geschichte immer interessanter.

Anfangs hat man das Gefühl, auf eine Maurerlehre vorbereitet zu werden. Nur die vielen menschlichen Beziehungen, die auch immer der eigentliche Gegenstand von Literatur sind, schauen bald als interessante und bedenkenswerte Phänomene des Lebens von Manfred Otto aus allen geschilderten Erlebnissen hervor. Die zweite Schicht des Erzählten, die eigentliche Biografie, die Bedeutung, den Hintersinn, das „Warum wird bekanntgemacht“ drängt sich ins Blickfeld und macht aus der Biografie eines Einzelnen auch eine Gesellschaftsgeschichte. Seine Kindheit und Jugend im Kriegs– und Nachkriegsdeutschland, die schweren Lebensverhältnisse, die er mit seiner Familie durchstehen musste, haben ihn für sein ganzes Leben geprägt.

Er berichtet vom Fleiß und Leistungswillen vieler DDR – Bürger, dargestellt an seinem Leben als Maurer und seiner menschlichen Zufriedenheit, wenn die gestellten Aufgaben erfüllt worden sind. Immer wieder läuft die Schilderung des jeweiligen Arbeitsvorganges parallel mit der Darstellung der gemeinsam geschafften Leistung der Brigade. Das geht nicht ab ohne das Aufzeigen der Schwierigkeiten im gemeinsamen Arbeitsprozess mit seinen Kollegen. Eine nicht geringe Rolle spielen dabei die Schwierigkeiten in der DDR, zum Beispiel die Bereitstellung von Material. Hintersinnig und mit Ironie werden die subjektiven, nicht immer legalen Beschaffungswege der verschiedensten Baumaterialien durch die mit der Zeit entwickelten findigen Tricks der einzelnen Arbeiter dargestellt und man kommentiert sie heute mit einem Schmunzeln. Den Begriff des „Organisierens“, seinen eigentlichen Sinn, kennen wir heute alle noch. Wie „Ersatzlösungen“ gefunden wurden, Überstunden Produktionsstockungen überwanden und auch mal Arbeitsschutzanordnungen für die Zeit der Mängelbehebungen außer Kraft gesetzt wurden, ist noch sehr gut erinnerlich. Dabei steckt auch viel Humor dahinter.

Sehr kritisch setzt er sich auch mit den Kampfgruppen auseinander, die für ihn viel zu unproduktiv waren. Die Heilkur, zu der er gemeinsam mit anderen 120 Arbeitern nach Pomorije an die bulgarische Schwarzmeerküste geschickt wurde, ist in ihm noch lebendig. Ebenso denkt er immer wieder gern an die Gemeinsamkeiten mit seinen jeweiligen Arbeitskollegen nach der Arbeitszeit, wobei die Geschichte vom eingetauschten Spanferkel gegen ein paar Schamottesteine, die ein Bauer für Reparaturen an seinem Hauskamin brauchte, den Leser zum Lächeln bringt.

Ein einschneidendes Erlebnis in seinem Leben war die Wende. Er musste mit ansehen, dass die vielen Schornsteine, die er in seinem Leben gebaut hatte, auf die er sehr stolz war, verschwanden und so mancher blühende Industriestandort, wie Regis – Breitingen oder Zeitz, wurden deindustrialisiert und versanken in die Bedeutungslosigkeit. „Doch unsere gesamte Arbeit war für die Katz“…

Viele Bildbeigaben und eine interessante Tabelle der Arbeitsorte erhöhen die Authentizität des Berichtes. Er wird dadurch noch einprägsamer. Sein „unpolitischer Nachsatz“ gibt eine auch kritische Sicht auf seine gegenwärtigen Befindlichkeiten. Interessant auch die Frage, warum das Saarland nach seinem Beitritt keine niedrigeren Löhne und Renten aufgedrückt bekam. Aber er will kein “Jammer - Ossi“ sein. Er blickt auf sein erfülltes Arbeitsleben in seinem für ihn wunderbaren Beruf zurück.

Das Buch endet mit einem Blick auf den im Anfang beschriebenen, schlimmen „Kriech“ - den 2. Weltkrieg - mit dem Wunsch: „Meine Kinder und Enkel sollen nie einen Krieg erleben, denn ohne Frieden hat alles andere keinen Sinn“. Er wünscht sich, dass er, seine Kollegen und die Familie weiterhin im Frieden leben können.

Dienstag, 12. Juni 2018

Ein DDR-Arbeiter gibt zu Protokoll


Manfred Otto: Stein auf Stein dem Himmel entgegen. Aus dem Arbeitsleben eines Schornsteinmaurers / Zwischen Aufstieg & Abstieg / Zwischen Aufbruch & Abbruch


Ein DDR-Arbeiter gibt zu Protokoll:
Mit Presslufthammer
& Maurerkelle

Buchtipp von Harry Popow

Kaum zu glauben: Ein Mann erbaute 70 Schornsteine, reparierte 45 und riss 12 voller Schmerz nach der Wende 1989 wieder ab, genannt die Abbruchzeit. Von 1959 bis 1990 schuftete er im Schweiße seines Angesichts an 324 Baustellen in der DDR. Legte 527.020 laufende Meter im Steigegang zurück. War stolz auf seinen Beitrag, volkswirtschaftlich wichtige Betriebe mit in Gang zu halten. Und stellt nüchtern und ohne Gehabe am Schluss seiner arbeitsreichen Zeit, die keine Arbeitslosigkeit kannte, fest: „Ich habe mein ganzes Leben hart gearbeitet und mich nie um die große Politik gekümmert. Erst heute juckt es mich bisweilen, mich doch noch einzumischen.“ Er kann zum Beispiel nicht verstehen, weshalb es die 600 Bundestagsabgeordneten, die sich selbst so großzügig ihre eigenen Diäten erhöhen, in 30 Jahren nicht geschafft haben, eine gerechte Lohn- und Rentengleichheit für Ost- und Westdeutsche durchzusetzen. (S. 362)

Also mischt er sich ein, und wie! Das gibt der Autor Manfred Otto in seinem 370-seitigem Buch „Stein auf Stein dem Himmel entgegen“ auf Seite 362 zu Protokoll. Nach dem Lesen dieses großartigen Buches im Berichtsstil kann der Rezensent dies feststellen: Er ließ und lässt nicht mit sich spielen. Er behauptete sich in der Arbeit, im Kollektiv, bei Mängeln und gegenüber jenen, die stets alles besser wissen wollten. Er war ein Arbeiter von Schrot und Korn, er war ein Politiker in der Arbeitswelt.

Hoffnungszeiten

Das Buch hat 115 Kapitel. Jedes beginnt mit der Ortsbestimmung und der Einordnung des jeweiligen Betriebes im Wirtschaftsgefüge der DDR. Auffallend der Stolz des Manfred Otto, dabei sein zu dürfen. Er, der aus einfachen Verhältnissen kam, Vater Tischler, gefallen im Zweiten Weltkrieg, Mutter Plätterin, er, der sich nach der Schulzeit für die Vielfalt des Berufes Maurer begeisterte. Ihn lockten Arbeitsabenteuer und wohl auch die Gewissheit, Arbeit zu finden, „denn Arbeitslose gab es wegen des verfassungsmäßig verbrieften Rechts auf Arbeit nicht“, wie auf Seite 74 zu lesen. Industrieschornsteinmaurer haben es dem jungen Mann besonders angetan. Und so wundert es nicht, wenn er stolz davon berichtet, am damals größten und modernsten Porzellanwerk Europas in Kahla und an anderen bedeutenden Industrieanlagen mitgewirkt zu haben. Was den DDR-Arbeiter auszeichnete? Auf Seite 86 heißt es: „Gute Arbeit zu leisten gehörte ohnehin von Anfang an zu meinen Grundsätzen. Das verdanke ich wohl meinem Opa Ptak, der immer streng zu mir war und keinerlei Schlampigkeit durchgehen ließ.“

Der Rezensent kann nicht die unzähligen Goldkörner von Fakten und Details aufzählen, die durch die berichtenden Zeilen dieses Schornsteinmaurers hindurch glänzen. Ob es um den mitunter selbstlosen geistigen und körperlichen Einsatz beim Schornsteinbau geht, um Vorschläge der Arbeiter, kostengünstiger zu produzieren, um die mutige Verteidigung eines Brigademitglieds, als Manfred Otto als Gesellschaftlicher Verteidiger fungieren musste. Wobei auch die Poesie des Schreibers nicht zu kurz kommt, wenn er von 100 Meter hohen Schornsteinen aus seine Augen über die Weite der Landschaften schweifen ließ...

Als geduldiger und neugieriger Leser wirst du Erkenntnisse gewinnen, die man sonst nirgends findest. Du wirst Spaß haben am Witz unseres Arbeitshelden, du wirst erfahren, wie sich unser Mann der herrschenden Klasse im guten kameradschaftlichen Arbeitsklima der gegenseitigen Hilfe wohlfühlt,wie er nicht nur wegen der Knete darum ringt, sein Tagewerk mit der Brigade stets ordnungsgemäß und oft genug mit der Note „sehr gut“ an die jeweilige Betriebsleitung zu übergeben.

Unduldsam geht er an gegen Diebe, zum Beispiel, als einmal ein Trabbi erwischt wurde, der mit volkseigenen Zementsäcken beladen war, gegen dogmatische Irrtümer, gegen Materialmangel oder auch gegen eine übertriebene „Überwachung“ durch „Horch und Guck“. Aber auch das gab es: Auf Seite 285 erzählt er von einem Mann, der um ein neuerbautes Kesselhaus schlich. Er suchte händeringend nach Schamottematerial für seinen Hauskamin. Dem Mann war zu helfen: Schamotte gegen ein 60-Kilo Spanferkel.

Alle Achtung vor den Arbeitern, die oft genug – auch in unzähligen freiwilligen Arbeitseinsätzen – sozusagen aus Scheiße Bonbons gemacht haben. An dieser Stelle nochmals Hut ab auch vor diesem Industrieschornsteinmaurer, der beispielsweise mit seinen Brigadeleuten dem Produktionsverlust, entstanden wegen des Erdölstopps durch die Sowjetunion, mit größter Mühe begegnen konnte.


Abbruchzeiten

Der sich bislang als unpolitisch bezeichnende Schornsteinmaurer äußert sich in seinem Protokoll über seinen Lebensweg etwa über ein viertel hundert Mal zu politischen Ereignissen, besonders – wie kann es anders sein, über die schmerzliche Deindustrialisierung in der DDR nach dem Mauerfall. Nein, er sei kein „Jammer - Ossi“, dazu sei er zu real denkend, mit beiden Beinen auf dem Boden stehend. Sein Rentnerleben genießt er mit seiner Münz- und Briefmarkensammlung, mit Gartenarbeit, an der Seite seiner Freundin mit Kuren in Marienbad oder an der polnischen Ostseeküste. Und er schrieb ein Minibuch mit dem Titel „INGO. Spaziergänge im Niemandsland“, in dem er gegen die seit der Wende durch die Medien geisternden schießwütigen Grenzer angeht.

Und dennoch. Nicht kalt lässt es ihn, was nach dem Mauerfall geschah. Bei einem traditionellen Treffen mit ehemaligen Kollegen im Jahre 2016 in Brandenburg/Havel, hält der Autor auf Seite 204 fest: „Von all den Industriebauten, in denen unsere Kraft, unser Herzblut und unser Schweiß steckten, fanden wir nichts mehr vor.“ Dem gestandenen Arbeiter wurde der Titel Meister der volkseigenen Bauindustrie aberkannt. Er denkt an Frankfurt/Oder, wo nach der Wende „wegen der massiven Deindustrialisierung“ die Einwohnerzahl auf die Hälfte schrumpfte, „sodass Tausende Wohnungen geschreddert wurden. Für einen Bauarbeiter ein sehr trauriger Vorfall“. (S. 144) Bei Verhandlungen mit einer Westfirma musste Arbeiter Otto resigniert feststellen, die brauchten nur ein paar spezialisierte Facharbeiter, „das unqualifizierte Fußvolk und unsere Technik nicht“. Hin und wieder bekam er Arbeit, vermittelt durch alte Freunde, doch auch Manfred Otto musste tippeln und betteln, was er und Millionen DDR-Bürger nicht erspart blieb: Tut uns leid – Sie sind zu alt und zu qualifiziert, also zu teuer.(S. 343)

Einmal war ein Chef mit der Tagesleistung unzufrieden. Manfred Otto schlug ihm deshalb vor, selbst hochzusteigen und einen Tag lang wie früher mitzuarbeiten. „Nach einem halben Tag“, so schreibt der Autor, „stieg Burkhardt geschafft ab und gab mir Recht“. (S. 361)
Diese Autobiografie - nennen wir sie mal Arbeitsprotokoll eines ehrlichen Schwerstarbeiters - dem kann man nicht den Stolz und Würde auf Geleistetes nehmen. Er ruft auf Seite 363 den Lesern entgegen: Einen Wunsch habe er noch: Seine Kinder und Enkel „sollen nie einen Krieg erleben, denn ohne Frieden ist alles andere ohne Sinn“. Danke für seine mit Herzblut geschriebenen Zeilen. Ihm, dem Mann mit Presslufthammer und Maurerkelle. Dem Mann mit Charakter. Dem Arbeiter mit politisch hellwachem Geist. Auf Seite 315 bekennt er: Lass dir nichts gefallen, denn in dieser Ellenbogen-Gesellschaft ist sich jeder selbst der Nächste.





Manfred Otto: Stein auf Stein dem Himmel entgegen. Aus dem Arbeitsleben eines Schornsteinmaurers/Zwischen Aufstieg & Abstieg / Zwischen Aufbruch & Abbruch, Edition Märkische Reisebilder, 1. Auflage 2018, 370 Seiten, Verlagsprogramm: www.carlotto.de, ISBN 978-3-934232-98-3, Telefon: 0331/270 17 87, Preis: 25 Euro






INGO. Spaziergänge im Niemandsland“, 232 Seiten, unter der oben genannten Adresse zu bestellen. Preis: 12 Euro

Erstveröffentlichung NRhZ: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24940



Auslaufmodell Nationalstaat?




12. Juni 2018 um 8:36 Uhr | Verantwortlich: Jens Berger

Nun stimmt auch noch Gregor Gysi in den Schwanengesang vom Auslaufmodell „Nationalstaat“ ein



Veröffentlicht in: DIE LINKE, einzelne Politiker, Globalisierung, Sozialstaat

Rhetorisch äußerst eloquent, aber inhaltlich erstaunlich schwach präsentierte sich Gregor Gysi auf dem Parteitag der Linken in Leipzig. Seine befremdliche Rede hatte vordergründig die angebliche Spaltung der Linken in die Befürworter nationaler und die Befürworter internationaler Antworten auf die politischen Fragen unserer Zeit zum Inhalt. Und Gysi bezieht hierbei auch klar Position und stimmt fröhlich in den allgemeinen Schwanengesang ein, nach dem die Globalisierung den Nationalstaat überflüssig gemacht habe und die Fragen der Gegenwart und Zukunft nun nur noch auf multi- oder gar internationaler Ebene angegangen werden könnten. Ein grandioser Denkfehler, der schlussendlich die Linke in eine politische Sackgasse führen würde. Von Jens Berger.

Gregor Gysi ist voll am Puls der Zeit. Von „Pulse of Europe“ über den SPIEGEL bis hin zu „Vordenkern“ wie Ulrike Guérot ist man heute im liberalen Lager der Meinung, der Nationalstaat sei vor allem ein „Hindernis“ für ein gemeinsames Europa und in Zeiten der Globalisierung ohnehin überholt. Doch anders als Gysi geben die üblichen Apologeten des neuen „Internationalismus“ nicht vor, politisch dem linken Lager zuzugehören. Links und rechts werden von den liberalen Nationalstaatsgegnern eher als eine Art ewiggestrige Querfront wahrgenommen – „Populisten“, die sich rückwärtsgewandt der besseren Zukunft verschließen. Gysi will die Linke zum Mitglied eines Clubs machen, der sich selbst in der politischen Mitte verortet.

Gregor Gysi sei ohnehin einmal ein Blick ins Parteiprogramm empfohlen. Gefühlte 90% der sozial-, bildungs-, gesundheits-, wirtschafts- oder auch innenpolitischen Forderungen der Linkspartei sind keine Forderung auf EU- oder gar UN-Ebene, sondern Forderungen, die sich an die Landes- und Bundespolitik richten. Dies ist ja auch kaum überraschend, da im föderalen System der Bundesrepublik die allermeisten Themen eben nicht an internationale Gremien ausgegliedert wurden.

Die Hartz-Gesetze sind kein internationales, sondern ein nationales Thema. Über die Rentenpolitik wird nicht in Brüssel, sondern in Berlin entschieden. Bildungspolitik und Polizei sind gar Ländersache. Und wie sieht es mit den Themenfeldern aus, auf denen die Linkspartei in den kommenden Wahlkämpfen besonders punkten will? Die hohen Mieten in urbanen Lagen sind zwar ein internationales Phänomen, man wird aber nicht über die UN oder die EU hier zu Lösungen finden, sondern über die Bundes- und Länderpolitik. Das Mietrecht ist ein nationalstaatliches Gesetz und gemeinnütziger Wohnungsbau ist ein nationalstaatliches Thema. Und wie sieht es mit dem Pflegenotstand aus, der von der Linken – vollkommen zu Recht – zum neuen Kernthema auserkoren wurde? Die Schaffung neuer Stellen im Pflegebereich, die Einführung verbindlicher Personalschlüssel oder die Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Kranken- und Altenpfleger sind doch keine Themen, die die Linke „internationalistisch“ lösen will.

Auf der anderen Seite gibt es selbstverständlich auch Themen, die man nur auf internationaler Ebene lösen kann. Die Klimapolitik und die Friedenspolitik sind da gute Beispiele. Aber auch hierbei sind internationale Abkommen doch nur ein Teil der Aufgaben. Ansonsten müsste sich die Linke keine Gedanken mehr darum machen, wie man konkret aus der Kohle aussteigt oder eine Abrüstungspolitik anstrebt. Denn all dies ist nationalstaatliche Politik, die sich in diesem Fall freilich an internationalen Vorgaben orientiert. Die künstliche Trennung von Nationalstaat und internationaler Politik ist nicht zielführend. Auf allen Ebenen werden Teile der Politik umgesetzt, auf allen Ebenen muss man daher auch progressive Forderungen stellen. Das ist doch keine Frage des „Entweder-Oder“. Und vor allem: Wer den faktisch vorhandenen nationalstaatlichen Rahmen ohne Not ausblendet oder als „rückwärtsgewandt“ wegwischt, der beschneidet sich doch letztlich ebenfalls ohne Not um seine Handlungsmöglichkeiten.

Gregor Gysi behauptet nun, dass „die soziale Frage durch die Globalisierung zu einer Menschheitsfrage geworden“ sei. Das ist freilich ziemlicher Unsinn. Die soziale Frage war schon immer eine Menschheitsfrage. Das hat doch nichts mit der Globalisierung zu tun. Die Antworten auf die „soziale Frage“ wurden und werden jedoch zuallererst auf nationalstaatlicher Ebene gegeben. In einigen Ländern, wie zum Beispiel den skandinavischen, klappt dies – auch und vor allem dank guter sozialdemokratischer und linker Politik – eher gut, in anderen Ländern, wie zum Beispiel Großbritannien und seit einigen Jahren auch Deutschland, klappt dies – auch und vor allem dank schlechter sozialdemokratischer und linker Politik – eher schlecht.

Auch hier gibt es aber doch eigentlich gar keinen Widerspruch zwischen nationalstaatlicher und internationaler Regulationsebene. Die meisten Teilbereiche und Gesetze, die man zur „sozialen Frage“ zusammenfassen kann, sind nationalstaatliche Gesetze, die von nationalen Parteien in nationalen Parlamenten beschlossen und von nationalen Regierungen umgesetzt werden. Übergeordnete Regulationsmechanismen werden in internationalen Gremien und Parlamenten beschlossen. Aber man sollte doch bitte nun nicht so tun, als habe das Europaparlament mehr Entscheidungsmacht in sozialen Bereichen als der Bundestag.

Zentraler noch ist hierbei die Problematik, dass die EU in ihrer realexistierenden Form äußerst undemokratisch ist und vor allem die politische Linke auf EU-Ebene kaum etwas umsetzen kann. Aber das weiß Gysi, der in Leipzig stolz als „Präsident der Europäischen Linken“ vorgestellt wurde, ja selbst nur all zu genau. Diese „Europäische Linke“, der er vorsteht, besteht außer der deutschen Linkspartei doch nur noch aus der griechischen Syriza, die artig exekutiert, was aus Brüssel vorgegeben wird, und einigen Kleinstparteien. Die starken neuen linken Strömungen, wie Podemos in Spanien, La France insoumise in Frankreich, die Fünf Sterne aus Italien oder Jeremy Corbyns Labour Party aus Großbritannien werden doch allesamt gar nicht von Gregor Gysi auf europäischer Ebene vertreten. Bei ihm heißt es dann: Es gäbe eine „Spaltung in jene, die vornehmlich nationale und jene, die vornehmlich internationale Antworten suchen“. Ja, die neuen starken linken Parteien und die namhaften internationalen linken Politiker der Gegenwart haben in der Tat sehr unterschiedliche Positionen in dieser Frage. Jeremy Corbyn, Jean-Luc Mélenchon, aber auch Bernie Sanders vertreten hier explizit nicht die Position eines Gregor Gysi – sondern eher die Position von Gysis parteiinternen Gegnern Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht.

„Kann man überhaupt von Chancengleichheit sprechen, wenn sie nur in einem Land gilt?“, fragte Gregor Gysi in seiner Leipziger Rede und dies ist nur ein Beispiel der seltsamen Rabulistik, die dem geübten Rhetoriker natürlich nicht fremd ist. Die Antwort wäre: Es kommt auf den Bezugsrahmen an. Aber auch das hilft nicht weiter. Politisch viel interessanter wäre daher doch die Frage: Kann man die Chancengleichheit in verschiedenen Ländern eher dann verbessern, wenn man koordiniert in jedem dieser Länder auf nationaler Ebene tätig wird und das Ganze über internationale Regelwerke flankiert oder sollte man sich lieber auf die internationale Ebene beschränken, da der Nationalstaat ja in Zeiten der Globalisierung ein Auslaufmodell sei? Die Antwort sollte nicht allzu schwer sein.

Gysi macht es sich viel zu leicht, wenn er sagt, der „Internationalismus“ sei eine „zwingende Voraussetzung für die soziale Frage und Chancengleichheit“. Denn wenn eine vor allem national vertretene Partei ihre Optionen auf eine höhere Ebene verschiebt, auf der sie aber überhaupt keine Handlungsmöglichkeiten hat, ist dies ein Betrug an ihren Wählern. Gysis „Europäische Linke“ stellt zurzeit 21 der 751 Abgeordneten des Europaparlaments. Der Einfluss auf parlamentarischer Ebene ist damit marginal, der Einfluss auf EU-Kommissionsebene ist sogar de facto überhaupt nicht vorhanden und daran wird sich auch auf absehbare Zeit nichts ändern. Wer also Politik auf einer internationalen Ebene betreiben will, auf der er selbst fast überhaupt nicht präsent ist, betreibt Augenwischerei und verweigert sich dem Wählerauftrag. Mehr noch: Wer seinen Wählern sagt, dass die Lösungen für die anstehenden Probleme nur auf einer Ebene zu lösen seien, auf der man selbst gar keinen Einfluss hat, der zieht sich aus der Realpolitik zurück. Politiker – gleich welcher Partei – werden aber nicht gewählt, um schöngeistige Phantomdebatten zu führen, sondern um ihre Wähler und deren Interessen aktiv zu vertreten. Warum sollte man dann aber jemanden wählen, der mit dem Amt gar nichts anfangen kann?

Es ist daher auch fraglich, ob Gregor Gysi seine oberflächliche inhaltliche Analyse überhaupt ernst meint. Wahrscheinlicher ist, dass er sich in Leipzig schlicht innerparteilich positionieren wollte und zugunsten von Katja Kipping und Bernd Riexinger in den offenen Konflikt mit dem Flügel rund um Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht eingreifen wollte. Kipping vertritt schließlich schon längere Zeit die abstruse These, dass Sozialpolitik nicht mehr national, sondern nur noch international gelöst werden könne. Und auch in der unseligen „Migrationsdebatte“ argumentiert die Kipping-Fraktion ja, dass offene Grenzen für alle ja auch deshalb geboten seien, da Grenzen ein Element des überkommenen Nationalstaats seien.

Es wäre nicht das erste Mal, dass Gregor Gysi, der sich gerne als Übervater der Linken inszeniert, gänzlich profan und unter der Gürtellinie in einen Flügelkampf der Partei eingreift. 2012 nahm er auf dem Göttinger Parteitag in infamer Art und Weise Oskar Lafontaine ins Visier. Wir erinnern uns: In Göttingen wurden dann als „Kompromiss“ zwischen dem „Bartsch-Flügel“ und dem „Lafontaine-/Wagenknecht-Flügel“ der damals noch weitestgehend unbekannte Bernd Riexinger und die junge Katja Kipping als neues Führungsduo gewählt. Heute ist es Kipping selbst, die offen gegen Bartsch und Wagenknecht intrigiert und abermals Schützenhilfe von Gysi bekommt. Zynisch könnte man sagen: Wenn sich die Partei durch derlei Intrigen selbst in Aus manövriert, muss sie sich zumindest keine Gedanken mehr machen, ob sie ihre Inhalte national oder international nicht mehr durchsetzen kann. Denn beides geht nur dann, wenn man die Menschen überzeugt und gewählt wird.





Montag, 11. Juni 2018

WER SCHWEIGT VERLIERT - neue Bücher


Der Mensch schreit nach Widerstand gegen das Schweigen. Hiermit zur Orientierung drei Bücher, kürzlich von Harry Popow veröffentlicht:


WIR SONNENKINDER“, Der wahre Reichtum, Rezension von Lotti M. zu „WIR SONNENKINDER“

Die Verzauberung, Leseprobe aus „WIR SONNENKINDER“

STICH-PROBEN, alle bisher über 80 veröffentlichten Buchrezensionen:

DIE CLEO-IKONE, Taschenbuch,


Hier die Meinung eines Users zu „Die Verzauberung“
Ich fand`s bis dato beim Spontanbesuch in Museen bei bestimmten Werken irgendwie schade, nicht auf Knopfdruck an der Gedankenwelt des betreffenden Malers bei deren Entstehung teilhaben zu können. Und bin daher begeistert - sowohl vom Bild, das mich in Stil, Farbgebung und Symbolik ohne Umschweife ungemein anspricht - als auch vom informativen Begleittext, welcher mit (zum Unterschied zu mir ) überwiegend kurzen Sätzen so ziemlich alles vermittelt, was ein interessiert Betrachter auf die Schnelle wissen möchte. Und wegen dem nun dank dieses Beitrages vorhanden Background natürlich s Verlangen weckt, beizeiten intensiver in besagtem Buch zu stöbern ... herzlichen Dank für die vorzüglich gelungene Kostprobe. R.