Donnerstag, 27. April 2017

Gleichgesinnte - ROTER WEBMASTER ist verstorben

27.04.2017:
Soeben lese ich mit Erschrecken: Der ROTE Webmaster Günter Ackermann ist verstorben. Auf seiner Plattform „Kommunisten-online.de“ hat er auch von mir unzählige Beiträge veröffentlicht. Wir kannten uns nur per Mail. Und welch eine Verbundenheit zwischen Gleichgesinnten! Erst das zählt so richtig. Im Nachhinein herzlichen Dank. Tiefe Traurigkeit! Wer bleibt in seinen Spuren?
Harry Popow

Mittwoch, 26. April 2017

Bluff oder Drohung?


Aus: Ausgabe vom 26.04.2017, Seite 7 / Ausland


Trump lädt zum Briefing


US-Regierung heizt Korea-Krise weiter an. U-Boot und Flugzeugträger vor die Küste der DVRK entsandt. China ruft alle Seiten zur Mäßigung auf


Von Knut Mellenthin

Ist es nur ein Bluff oder eine echte Drohung? Die US-Regierung scheint kurz vor einer Verschärfung ihrer Aktivitäten gegen die Demokratische Volksrepublik Korea (DVRK) zu stehen. Am Montag abend (Ortszeit) wurde bekannt, dass alle 100 Mitglieder des Senats eingeladen wurden, am heutigen Mittwoch an einem »Briefing« im Weißen Haus über die Lage auf der Koreanischen Halbinsel teilzunehmen. Hochkarätige Präsenz verstärkt den offenbar gewollten Eindruck, dass die Senatoren mit wichtigen Neuigkeiten konfrontiert werden sollen. Laut Ankündigung von Pressesprecher Sean Spicer sollen Verteidigungsminister James Mattis, Außenminister Rex Tillerson, Generalstabschef Joseph Dunford und der Koordinator aller US-Geheimdienste, Daniel Coats, zugegen sein.

Das anscheinend kurzfristig angesetzte »Briefing« ist vor allem aus zwei Gründen eine auffällige Ausnahmeerscheinung: Erstens werden normalerweise zwar ausgewählte Kongressmitglieder über aktuelle Einschätzungen und Entscheidungen des Präsidenten und seines politisch-militärischen Führungsteams informiert, aber nicht der gesamte Senat. Zweitens finden solche Treffen in der Regel in besonders gesicherten Räumen des Kongresses im Kapitol statt, aber nicht im Weißen Haus. Rätselhaft ist außerdem, warum nur die Senatoren eingeladen wurden, nicht aber die über 400 Mitglieder des Abgeordnetenhauses. Aus dessen Reihen kam sofort das Verlangen, in der gleichen Weise informiert zu werden.

Über die zu erwartenden Inhalte der heutigen Besprechung am Wohnsitz des Präsidenten wurde zunächst nichts bekannt. Senator Lindsey Graham, gemeinsam mit seinem Kollegen John McCain der aktivste republikanische Hardliner, forderte in einem ersten Kommentar, die Regierung solle dem Senat ihre »rote Linie« gegenüber Nordkorea erläutern, sofern sie eine habe. Benjamin Cardin, der ranghöchste Vertreter der Demokraten im Außenpolitischen Ausschuss des Senats, erklärte: »Ich hoffe, wir werden etwas über ihre Politik hören, darüber, was ihre Ziele sind und wie wir diese hoffentlich erreichen können, ohne Bomben abzuwerfen.«

Gerade das ist im gegenwärtigen Moment eine entscheidende Frage. Am Dienstag traf das atomgetriebene U-Boot »Michigan« im südkoreanischen Hafen Busan ein. Das US-Kriegsschiff könnte bis zu 154 Lenkraketen vom Typ »Tomahawk« an Bord haben. Bei ihrem Militärschlag gegen Syrien am 6. April hatten die US-Streitkräfte 59 solcher Waffen eingesetzt. Außerdem wird in den nächsten Tagen der Flugzeugträger »Carl Vinson« mit drei begleitenden Kriegsschiffen in den Gewässern um die Koreanische Halbinsel erwartet. Auf dem Träger können sich bis zu 90 Kampfflugzeuge und Hubschrauber befinden.

Aktueller Hintergrund der US-amerikanischen Aktionen und Drohgesten ist, dass am Dienstag in der DVRK der 85. Jahrestag der Gründung der nationalen Streitkräfte gefeiert wurde. Aus diesem Anlass erwartete die Trump-Administration zumindest einen Raketenstart, wenn nicht sogar den sechsten nordkoreanischen Atomwaffenversuch. der US-Staatschef hat mehrfach erklärt, dass er die »Entnuklearisierung« der DVRK am liebsten durch wirtschaftliche Zwangsmittel in Zusammenarbeit mit China erreichen würde. Sollte das aber nicht möglich sein, so Trump, sei seine Regierung auch zu einem Alleingang bereit. Der chinesische Präsident Xi Jinping hat die Bereitschaft seines Landes zur Kooperation versprochen, ließ aber am Montag durch das Außenministerium erneut »alle Seiten« zur »Mäßigung« aufrufen. Es müsse »alles vermieden werden, was die angespannte Lage verschärfen könnte«.

Die Führung der DVRK hat indessen angekündigt, auf jeden militärischen Angriff in großem Maßstab zu reagieren. In diesem Zusammenhang wurde auch die Versenkung des Flugzeugträgers »Carl Vinson« angedroht.






Samstag, 22. April 2017

USA - Machtpolitik


Das Imperium schlägt um sich


VERÖFFENTLICHT VON EGESTER ⋅ 22. APRIL 2017


von Rüdiger Rauls – https://ruedigerraulsblog.wordpress.com

Trump lässt losschlagen. Er greift Syrien mit Marschflugkörpern an, lässt seine Flotte auslaufen gegen Nordkorea und bringt erstmals die sogenannte Mutter aller Bomben gegen Afghanistan zum Einsatz. Aber! Welchen Feind will er treffen? In Syrien legt er sich mit dem eher weltlich und westlich orientierten Assad an, in Nord-Korea mit den Kommunisten, in Afghanistan mit den Taliban oder IS oder Al Kaida oder welchen Namen auch immer der Westen den Aufständischen der jeweiligen Region gibt. Welches politische Ziel soll damit erreicht werden? Welche langfristige Strategie wird da umgesetzt? Die mächtigste Militärmacht  der Welt fühlt sich bedroht von solchen, gemessen an ihrer militärischen Stärke, doch eher unbedeutenden Kräften? Mit seinem Vorgehen hinterlässt Trump den Eindruck von Realitätsferne und verwirrter Planlosigkeit. Dieses Bild wird verstärkt durch sein unpolitisches und emotionales Verhalten. Er scheint weder Freund noch Feind zu kennen, und wer gestern noch Freund war, kann morgen schon Feind sein.



Nun sieht die Gemeinde der apokalyptischen Reiter darin natürlich nichts anderes als eine bis ins kleinste Detail durchdachte und vorbereitete Verschwörung zur Vorbereitung eines Dritten Weltkriegs. Auf fast allen Kanälen wird darüber spekuliert, als könnten sie, die Washington der Kriegstreiberei beschuldigen, es nicht erwarten, dass es endlich losgeht, das große Hauen und Stechen. Aber wie die Vorbereitung eines Weltkriegs sieht das nicht aus, was Trump da veranstaltet. Das gleicht doch eher einem kopflosen Agieren. Er verzettelt seine Kräfte mit dem Herumzündeln an verschiedenen Konfliktherden der Welt, ohne klare Vorstellungen zu haben, was erreicht werden soll.


Natürlich sind die amerikanischen Militärs zum großen Teil begeistert davon, endlich mal wieder losschlagen zu können, zeigen zu können, was in ihnen und ihren Waffen steckt. Zu sehr haben die Misserfolge in Afghanistan, wo sie sich nach jahrelangem Kampf sieglos zurückziehen, am Selbstbewusstsein der größten Militärmacht der Welt genagt. Auch die Bilanz im Irak sieht ernüchternd aus, ganz zu schweigen von Libyen und Syrien. Natürlich will man auch einmal die „Mutter aller Bomben“ testen, wenn man schon über sie verfügt, um zu wissen, was man mit ihr taktisch umsetzen und erreichen kann. Sicherlich ist das amerikanische Militär auch nicht unglücklich über einen Präsidenten, der ihm freie Hand lässt, der keine politischen Rücksichten nimmt und wenig Vorbehalte hat, vielleicht sogar auch all dem zustimmt, was das Militär vorschlägt. Vermutlich ist man es im Pentagon leid, aus Rücksicht auf Menschenrechte und die Weltöffentlichkeit immer mit angezogener Handbremse kämpfen zu müssen.


Ja, den Militärs dürfte dieser Präsident sehr gelegen gekommen sein. Aber ob sie deshalb auch den Dritten Weltkrieg wollen, ist fraglich. Denn noch besteht keine strategische Überlegenheit gegenüber den Russen oder Chinesen, die sicherstellen könnte, dass bei einem eigenen Angriff nicht auch der tödliche Gegenschlag auf das eigene Territorium erfolgen würde. Denn auch die Kriegstreiber werden vorsichtiger, wenn der Krieg vor der eigenen Haustür stattfindet, statt in den entlegenen Wüsten Afghanistans oder des Nahen Osten. Trotzdem bietet das keine Sicherheit, dass nicht eine Situation entstehen kann wie vor dem 1. Weltkrieg, wo keine der beteiligten Kräfte mehr glaubt, umkehren zu können, zu dürfen oder zu sollen. Nicht umsonst warnen besonders Russland und China mit dem Verweis auf den Ersten Weltkrieg zur Besonnenheit und Mäßigung.

Wenn es aber nicht die Vorbereitung des Dritten Weltkriegs ist, welche Erklärungen gibt es dann für das Vorgehen Trumps und der Leute, die ihm zuarbeiten? Eines kann vorab mit Sicherheit gesagt werden: Mit Menschenrechten hat es nichts zu tun, auch wenn Trump öffentlich Krokodilstränen vergießt über die schönen Babies, die bei Assads vorgeblichem Gasangriff getötet wurden. Was ist mit den Babies in Mossul? Es gibt vermutlich nur wenige, die ihm dieses Mitgefühl als echt abkaufen werden. Aber der Schleier der Menschenrechtsgefasels ist zerrissen worden, wie er vermutlich seit dem Ende des Vietnamkriegs noch nie gelüftet worden ist. Und dahinter zeigt sich die Fratze der menschenverachtenden Machtpolitik, die auf nichts mehr Rücksicht nimmt, wo sie nicht gezwungen ist, Rücksicht zu nehmen. Denn um nichts anderes handelt es sich bei den letzten Aktionen Trumps seit der Entlassung seines Ideologen und Strategen Bannon.

Auch dieser war kein Chorknabe, sondern interessengetrieben wie die andern auch, die nun stärkeren Einfluss auf die Politik Trumps genommen haben und damit auf die Politik der USA. Aber Bannon hatte einen Makel: Seine Vorschläge hatten keinen Erfolg. Unter der Losung „America first“, riet er zu einer Konzentration auf die amerikanischen Interessen. Er sah sich und den Präsidenten dabei unterstützt von einem Großteil der amerikanischen Bevölkerung, der in seiner Verbitterung und Hoffnungslosigkeit offenbar zu allem bereit zu sein scheint, solange es Aussicht bietet auf eine Rückkehr zu den guten alten Zeiten amerikanischer Wirtschaftsmacht mit Vollbeschäftigung und den Segnungen des American Dream.


Aber die Stammtischbrüder Bannon und Trump mussten erkennen, dass ein Staat kein Unternehmen ist, das man nach patriarchalischer Unternehmermanier führen kann. Es gibt im Staat Gruppen und Institutionen, die sich der Macht des Präsidenten entziehen und sogar erfolgreich Widerstand leisten können. Und so kassierten die Gerichte jede der Trump’schen Verordnungen. Die eigene Partei versagte ihm die Unterstützung bei der Abschaffung von Obama-Care. Von seinen großmäuligen Ankündigungen während des Wahlkampfes war nicht viel geblieben. Die Verhältnisse in den USA und der Welt zu verändern,  war offensichtlich nicht so einfach, wie Trump seinen Wählern und sich selbst vorgemacht hatte. Offensichtlich hing nicht alles einzig und allein ab vom guten Willen des Präsidenten, sondern es gab auch andere Kräfte und Interessen, die über Gewicht und Macht verfügten. Diese Misserfolge schadeten seinem Ruf als erfolgreichen Macher und kratzten am Lack seines ohne hin nicht sehr gut polierten Ansehens im eigenen Land. Die innenpolitischen Niederlagen konnten nicht wegdiskutiert werden. Sie lagen offen vor aller Welt auf dem Tisch.


Auch in der Wirtschaftspolitik lief es nicht so einfach, wie die simplen Theorien, nach denen er Wirtschaft beurteilte, glauben machen wollten. In den Gesprächen mit anderen Staatsmännern wurde ihm anscheinend allmählich bewusst, dass seine wirtschaftspolitischen Maßnahmen zur Abwehr der Konkurrenten der US-Wirtschaft wie  die Erhöhung von Zöllen und die Bevorzugung amerikanischer Produkte durch die heimischen Wirtschaft mehr Schaden als Vorteile bringen würden. Selbst der symbolische Akt der Aufkündigung des Klimaschutzabkommens zur Förderung der amerikanischen Kohleindustrie wird den Konkurrenzvorteil ausländischer Kohle kaum wettmachen können.


Was also bleibt, wenn man den Nimbus des Machers nicht verlieren und sich ständig mit den Vertretern anderer Interessen auseinandersetzen will, um zu Einigungen zu kommen? Das Militär. Hier kann der Präsident anordnen, und es wird gehorcht. Er befielt den Angriff von Marschflugkörpern, und schon schlagen sie in Syrien ein. Er beordert die Flotte nach Korea und schon läuft sie aus. Er will die Taliban oder den IS das Fürchten lehren und schon zerreißt die „Mutter aller Bomben“ den Himmel über Afghanistan. Das sieht nach Macht und Erfolg aus und bedient die Phantasien derer, die von der alten Stärke der USA träumen. Wenn auch nicht in der Wirtschaft oder in der Innenpolitik, aber bei Militär gilt, wonach ein Großteil der Trump-Wähler sich sehnt: „Make America great again“.


Aber deutet dieses Verhalten auf wirkliche Stärke und Kraft hin oder handelt es sich nicht vielmehr um Kraftmeierei? In Wirklichkeit gehen die USA der Auseinandersetzung mit den großen Rivalen China und Russland aus dem Wege. Im Korea-Konflikt sucht man die Unterstützung Chinas, um den nord-koreanischen Präsidenten in der Atomfrage zum Einlenken zu bewegen. Beim Raketenangriff auf Syrien warnt man vorher die Russen, um ihnen nicht ins Gehege zu kommen, und beteuert nach dem Angriff,  dass es sich um einen einmaligen Schlag handelt. Und die „Mutter aller Bomben“ wirft man dort ab, wo kaum Gegenwehr zu erwarten ist, bei den Schwächsten der Schwachen, und wo zudem die Interessen der großen Rivalen nicht berührt werden.


Trotz aller großen Worte und geheimnisvollen Drohungen, die sowohl im Falle Nord-Koreas als auch in Syrien noch zur Wahrung des Gesichts nachgeschoben werden, wird immer deutlicher: Im Gegensatz zum russischen oder chinesischen Präsidenten ist der amerikanische Präsident schwach, denn er hat nicht die volle Unterstützung seines Landes und seiner Bürger. Es fehlt ihm im eigenen Lande die Basis, tiefgreifende Veränderungen durchzusetzen. Und um einen Dritten Weltkrieg zu planen und durchzuführen, bedarf es mehr als der Symbolpolitik mit einigen Marschflugkörpern, einer auslaufenden Flotte und der Detonation einer Megabombe, die zudem trotz aller amerikanischer Prahlerei immer noch kleiner ist als die russische Megabombe.

https://ruedigerraulsblog.wordpress.com/2017/04/16/das-imperium-schlaegt-um-sich/








Donnerstag, 20. April 2017

Aus dem Herzen gesprochen...



NACHDENKEN ÜBER DIE MORAL DER RAUBTIERE…
von Ljubow Pribytkowa

Übersetzung und Zwischenüberschriften: Florian Geißler, Jena

Ein Hundeleben


Irgendwann wurde jetzt im Fernsehen gezeigt, wie ein Wettbewerb zwischen Modehündchen stattfand. Da sind eine kleine modische Hundedame im Samtkleidchen mit sorgfältig frisiertem Köpfchen und ein kleiner Rüde in einer sportlichen Hose… Und alles Ernstes wurde doch die Frage besprochen, wie man sein Wauwauchen noch schöner machen kann, um einen Preis zu bekommen. Auf einer riesengroßen Reklametafel in Irkutsk steht die Werbung – das Atelier für unsere treuesten Freunde ist geöffnet. Es ist nicht das erste Mal, daß mitgeteilt wird, daß im Jaroslawler Gebiet ein Hotel für Hunde eröffnet wurde, wo für eine gute Ernährung gesorgt ist und die „Lieblinge“ sogar mit Musik empfangen werden. So kann Herrchen sich in dieser Zeit unbesorgt auf Dienstreise begeben oder einen Besuch abstatten.

Zu gleicher Zeit werden in Rußland von Tausenden hungriger und entwurzelter Menschen – Erwachsener wie auch Kinder – die Abfalltonnen auf der Suche nach den Speiseresten durchwühlt. Und im Sommer sitzen Bettler mit ausgestreckter Hand in den Straßen, scharenweise ziehen durch die Wohngebiete hungrige Kinder: „Tantchen, geben Sie uns was zu Essen…“ Und jetzt erlaubt es das Gesetz,  die Armen, die längere Zeit ihre Miete nicht bezahlen können, einfach auf die Straße zu setzen. Ach, wie ist das Hundeleben für viele Menschen doch beneidenswert!


Habt ihr kein Gewissen, ihr Scheißkerle?

Nicht selten kann man heute im Fernsehen sehen, wie die Reichen sich vergnügen, wie sie mit dem Geld um sich werfen – zu Hause und auf den Kanaren. Regelmäßig kommen im Rundfunk und im Fernsehen Ratgebersendungen, wie man sein Grundstück in einen blühenden Garten mit Springbrunnen verwandeln und den Gartenteich mit dekorativen exotischen Pflanzen verschönern kann, oder wie man den Truthahn mit Mayonnaise aus Wachteleiern zubereiten kann.

Natürlich wäre es dumm zu sagen: „Habt ihr denn kein Gewissen, ihr Scheißkerle!“ Das Gewissen ist für diese bourgeoisen Lakaien nicht gerade ein gebräuchliches Wort. Wozu braucht man ein Gewissen, wenn seine Majestät der Markt die Regeln bestimmt. Mit dem Gewissen kann man nichts verdienen. Verdienen kann man nur, wenn man es verloren hat. Anders geht es nicht. Rundfunk und Fernsehen stehen diesen satten Herrschaften zu Diensten, sie befriedigen deren Bedürfnisse und Interessen. Und die Journalisten verkaufen den Herrschaften ihr Wissen und ihr Talent, naja – und das Gewissen bringt nichts ein. Sie passen sich an, um im Trend zu bleiben, und um ihren „Arbeitgeber“ – den Besitzer des Fernsehsenders oder der Zeitung – zufriedenzustellen. Die Starken dieser Welt sind diejenigen Angestellten, die ihren Herrschaften am Munde hängen, die halb gebeugt vor ihnen stehen, die alle ihre Anordnungen ohne Widerwort erfüllen: „Wie Sie wünschen, mein Herr!“

Die Reichen brauchen in den Medien keine Wahrheit, denn sie könnte ihnen gefährlich werden, könnte das schlafende Volk wecken, könnte ihrem Business schaden, könnte sie daran hindern, zu verdienen.


Das verführte Volk

Am leichtesten sind diejenigen Lohnarbeiter auszubeuten, die nicht viel brauchen, um sich zurechtzufinden, die alles nur oberflächlich beurteilen, die nicht nachdenken, die nicht zum Wesen einer Sache vordringen, die nicht schwarz und weiß, das Gute nicht vom Bösen, die Lüge nicht von der Wahrheit zu unterscheiden vermögen. Für die Bourgeoisie ist es von Vorteil, wenn sich die Menschen Illusionen hingeben, an Utopien glauben und sich von einer Welt verlogener Werten beeinflussen lassen. Sollen sie doch in ihrer arbeitsfreien Zeit in den Nachtklubs herumhängen, ihre schwerverdienten Rubel in den Spielotheken verplempern, irgendwelchen Klamotten, den neuesten Handys oder Computern hinterherjagen, ihre Genitalien mit Piercings verzieren, den Wanst voller Bier schütten und sich nachts in der Glotze die Ärsche nackter Weiber anschauen! Sollen sie doch! Nun ist auch Rußland von dem Virus „GIER“ gepackt. In seinem Artikel hat der amerikanische Schriftsteller John de Graaf dieses Verbraucher-Syndrom treffend beschrieben. („Society“, 14. Februar 2005).

Die vieltausendfache Armee der Medienmacher, besonders des Fernsehens, verführt und betrügt schon zwei Jahrzehnte lang das russische Volk, manipuliert geschickt sein Bewußtsein und führt erfolgreich einen psychologischen Krieg. Sie entführt die Menschen in eine virtuelle Welt, verkrüppelt ihre Seelen und verwandelt sie in Zombis.


Die verwilderten Kinder…

Wirkliche Kunst ist von den Bildschirmen verschwunden. Das schöpferische Prinzip des sozialistischen Realismus hat den Lesern und Zuschauern echte Kultur des menschlichen Daseins, höchste Moral und Ethik vermittelt. Deren Stelle haben nun billige westliche und einheimische Massenbedarfsartikel eingenommen, die auf verblödete Spießer berechnet sind, denen der Nervenkitzel in Szenen von Sex, Mord, Gewalt, Extremsport und das Gekaspere ganzer Heerscharen dümmlicher Comedians und unbegabter Schauspieler gerade genug sind.

Na, schön – und so zerstechen die verwilderten Kinder die verschiedensten Körperteile mit irgendwelchem „Schmuck“ und „verzieren“ ihren Körper mit Tattoos. Auch viele uns bekannte Sänger verhalten sich jetzt auf der Bühne wie die Papageien. Und wenn sogar der mehr ganz junge, schweißtriefende Sänger Waleri Leontjew, der von Putin einen Orden erhielt, auf der Bühne mit einem Piercing im Nabel herumsprang wie im tiefsten Dschungel Afrikas … kann man noch tiefer fallen?


Die deformierte „Zivilgesellschaft“

Das russische Fernsehen erhöht die Menschen nicht, es demütigt sie. Es macht ihre Seele nicht reiner, reicher und schöner, sondern stößt sie in den Schmutz. Die Bourgeoisie braucht keine Lohnarbeiter mit hoher Kultur und vielseitigem Wissen, mit Seele, Herz  und Verstand, die sich in der Politik zurechtfinden, die sich als Mensch fühlen. Sie fürchtet die Solidarität der Arbeiter, das entwickelte soziale Bewußtsein, den Klassenstolz der Werktätigen, die Kollektivität und den Internationalismus wie das Feuer.

Die Bourgeoisie braucht keine gebildete Arbeiterklasse. Allein das Wort „Klasse“ jagt ihr einen Schauder über den Rücken. Sie braucht nur eine amorphe Menschenmasse unter dem schönen Titel „Zivilgesellschaft“. Doch die nationale Vielfalt der Gesellschaft ist vorhanden, und die Bourgeoisie nutzt sie in ihrem Interesse. Sie wiegelt die Völker gegeneinander auf. Der Nationalismus dient ihr als psychologische Waffe. Seitdem sie in Rußland an der Macht ist, befaßt sie sich mit dem Schüren nationaler Konflikte, um die Aufmerksamkeit der Menschen von den sozialen Problemen, von der Pest des „demokratischen“ Kapitalismus abzulenken.


Religiöse Intoleranz

Dabei hilft ihr die Russische Orthodoxe Kirche. Eine Hand wäscht die andere. Anfang der neunziger Jahre haben die Kirchen den „Demokraten“ geholfen, haben die Kommunisten von der Macht entfernt, haben ihre atheistische Stimme der Vernunft und der Wissenschaft zum Schweigen gezwungen. Aus Dankbarkeit verschleppt die Kirche nun die Menschen immer mehr in die Finsternis, ins Mittelalter zurück, ruft sie auf zur Demut, zur Ergebenheit und zum Einverständnis.

Die Pfaffen selbst dulden keine Toleranz. Und der Staat unterstützt sie dabei. Der bekannte orthodoxe Missionar  Sergij (Rybko) hat als Vorsteher der Gemeinschaft des Heiligen Geistes der Apostel dem Korrespondenten des Regionalsenders ein Interview gegeben: „Ich hoffe nur, daß sich noch einige normale russische Leute finden, die etwas ähnliches tun. Alles was mit Lenin und mit dem Kommunismus überhaupt verbunden ist, das ist für mich als russischen Menschen, zweifellos ein Übel. Die Toleranz hat ihre Grenzen. Es ist allerhöchste Zeit, Lenin hinauszuwerfen. Ich segne diese Menschen, die das gemacht haben, und ich wiederhole: Hoffentlich finden sich noch irgendwo in Rußland Menschen, die etwas ähnliches tun. In jeder Stadt, und sogar in kleinen Ortschaften gibt es eine Leninstraße, überall steht dieses Idol. Mir ist es als russischem Menschen äußerst unangenehm, das zu sehen, und mir juckt es in den Fingern, etwas abzuschlagen oder mit ihn mit Farbe zu begießen.“

Das ist sehr offen gesprochen. Doch es war ohnedies bekannt, daß die Kirche immer der Klasse der Besitzenden zu Diensten stand. Sie half, die Menschen auszuplündern und auszubeuten, sie rief die Menschen dazu auf, ihr Elend und die Ungerechtigkeiten zu ertragen und den verlogenen Versprechungen ihrer Unterdrücker zu glauben. Die verdummten und eingeschüchterten Menschen verstanden es nicht, auf der Erde einen Weg zu finden, und sie begannen, ihn im Himmel zu suchen.


Der Antikommunismus des Pfaffen Rybko

Doch in der heutigen Klassengesellschaft gibt es einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen den reichen und den armen Menschen. Zwischen ihnen kann weder Frieden noch Einvernehmen herrschen. Solange sich der Arbeiter mit der Ungleichheit und der Ungerechtigkeit abfindet, ist er Sklave und Lakai. Die Peitsche sehnt sich nach einem gekrümmten Rücken und einem ergeben gebeugten Haupt. Und die Pfaffen verstehen ihre Sache gut. Niemals werden sie das Volk zum Widerstand, zum Protest, zur Kampf aufrufen. Vielmehr werden sie die Kämpfenden verurteilen, sie zwingen. Wir haben unsere Geschichte noch immer nicht vergessen, als der große Lew Tolstoj wegen seines Freisinns vom Synodalen exkommuniziert wurde.

Der Pope Sergij (Rybko) gibt sich großmütig: „Wenn jemand den Kommunismus sehen will, dann soll er in kommunistischen Reservaten leben…“ Vielen Dank, Herr Abt! „Ich habe eine Kirche in der Straße der Sowjetischen Armee, das ist mir sehr unangenehm“, so schwatzt er weiter. „Sie müßte in der Straße der russischen Armee stehen, besser noch – der weißen Armee.“

Wer wo leben wird, und wer wo stehen wird oder auf dem Glockenturm hängen, wird das Leben zeigen. Noch ist nicht aller Tage Abend. Glaubt dieser Herr Rybko wirklich, daß die Konterrevolution alle Menschen zu gehorsamen Untertanen gemacht hat, alle in Angst erstickt hat. Die Antwort auf seinen steinzeitlichen Antikommunismus, auf seine offene und finstere Bosheit gegenüber den bis heute noch der lebenden sowjetischen Menschen, wird nur der Haß sein. Die Offenbarungen eines solchen Feindes werden sie ehren – und sie machen uns stärker. Es wird eine Zeit kommen – und wir werden wissen, was wir zu tun haben, wenn jemand ein Stück des Marmor von einem sowjetischen Denkmal abschlagen will, und wir werden die Kalaschnikow fester an uns drücken… Wie heißt doch das russische Sprichwort? Wer zuletzt lacht, lacht am besten.


Katastrophale Auswirkungen der Konterrevolution

Über zwanzig Jahre hat nun der „zivilisierte“ Markt auf dem Territorium der UdSSR gewütet. Er hat fast alles ruiniert – die Industrie, die Landwirtschaft, die Kultur, die Wissenschaft, die Bildung, das Gesundheitswesen und die Armee. Doch das tragischste Ergebnis der Konterrevolution ist die Zerstörung der Moral, des geistigen Lebens des einstigen Vortrupps der Menschheit unseres Planeten – des sowjetischen Volkes. Die hohe Moral der Kameradschaftlichkeit und des Kollektivismus, der Solidarität und der gegenseitigen Hilfe, des proletarischen Internationalismus und der Völkerfreundschaft – das alles wurde zerschlagen.

Einst in meiner Zeit als Dozentin an der Irkutsker Pädagogischen Universität, äußerte sich ein Student der Geschichtswissenschaft bei einem Philosophie-Seminar sehr befremdet darüber, als er von mir hörte, daß letzten Endes die gesellschaftlichen, und nicht die persönlichen Interessen, das Verhalten des Menschen bestimmen, weil der Mensch ein soziales, nicht nur ein biologisches Wesen ist. Er sagte mir: „Aber Ljubow Andrejewna, das ist doch längst widerlegt…“ Sogar seine Kommilitonen haben darüber gelacht.

Die Äußerungen dieses jungen Wirrkopfes haben mich nicht überrascht. An der historischen Fakultät gibt es einen Wissenschaftler namens Iwanow, der sich herzlich wenig an seine Verwandtschaft erinnert – ein Speichellecker der heutigen Machthaber. Seit Jahren wird er nicht müde, auf die sowjetische Vergangenheit zu spucken. Bei einer Studentenkonferenz hatte eine Dozentin voller Stolz verkündet, daß ihr Großvater ein Kulake gewesen sei. Und der Vater ebendieses Jungen, ein hier arbeitender Kunstwissenschaftler, war überhaupt glücklich, daß mit der Sowjetmacht endlich Schluß gemacht wurde, wo er doch selbst ein großes Scherflein zu dieser „gottgewollten“ Sache beigetragen hat. Und heute schreitet er hoch erhobenen Hauptes durch die Fakultät. Wie sollte man sich da über die Ansichten seines Söhnchens, dieses unreifen Jünglings wundern?!


Die Allmacht der bürgerlichen Massenmedien

In russischen Medien wird Tag für Tag die Schlauheit des Menschen besungen, Cleverness, geschäftliches Geschick und die Fähigkeit, mit allen Mittel Erfolg erzielen. So prägen sich den Menschen ein, daß jeder nur für sich selbst verantwortlich ist, stärker als andere zu sein hat und es verstehen soll, andere zu überholen. Geb’s Gott, daß er nicht „ein schwaches Glied“ wird, um nicht aus dem menschlichen Rudel hinausgeworfen, zertreten und zerstört zu werden. Drisch mit dem Ellbogen deine Umgebung auseinander, denn nur der Starke hat ein Lebensrecht in dieser wahnsinnigen Marktwelt.

Es wäre nicht so tragisch, wenn die Psychologie des Individualismus nur eine Einzelerscheinung, eine Ausnahme von der Regel wäre. Doch leider hat Rußland den Weg der kapitalistischen Entwicklung eingeschlagen. Und das bedeutet, daß im Land die Bourgeoisie herrscht: die Besitzer der Betriebe und Fabriken, der Bergwerke und Minen, der Banken und des Bodens. An der Macht ist eine Klasse der Raubtiere, obwohl leider noch nicht alle Menschen deren Wesen erkennen. Sie glauben noch an die guten Millionäre, die Wohltäter, an einen „guten“ Präsidenten, gute Minister und Abgeordnete. Sie gehen voller Naivität zu den kostenlosen Veranstaltungen, die Wahlen genannt werden, und hoffen mit deren Hilfe, ihr Leben danach „einzurichten“…

In den Händen der Bourgeoisie befinden sich Rundfunk und Fernsehen, die Zeitungen und Zeitschriften, die Verlage und die Theater. Wenn es auch den Leser nicht wundert, die Bourgeoisie bestimmt die Schul- und Hochschulprogramme, und nicht das Bildungsministerium mit Onkel Fursenko an der Spitze. Die Geldsäcke bestimmen jetzt unsere Psyche, unsere Moral und die Kultur. Natürlich auf ihre Art und Weise. Und sie bedauern darum keineswegs die Millionen Menschen, wenn sie die räuberische Moral der Herren zu unserer Moral machen. Nicht nur westliche, sondern auch einheimischen Fernsehserien, sondern auch das Leben überzeugen uns davon, daß durch die „Zivilisation“ des Marktes, zu der wir jetzt das „Glück“ haben, auch dazuzugehören, der Mensch dem Menschen ein Wolf ist. Und obwohl die satten Herrschaften ihre eigene Moral haben, und die Sklaven und Lohnarbeiter eine andere – beeinflußt der bürgerliche psychologische und informative Druck destruktiv die Geisteswelt des einfachen Volkes.


Krämerseelen – und die aufkeimende Wut im Volk

Natürlich „erzieht“ in erster Linie das Leben selbst den Menschen. Gerade der Markt, die Macht des Kapitals, die Spaltung der Gesellschaft in einander feindlich gegenüberstehende Klassen, in Reiche und die Arme, in Satte und Hungrige und die ausgeprägten privatkapitalistischen Kleinkrämerbeziehungen – hier muß man die Erklärungen suchen, was mit uns geschieht.

Einerseits hat der Markt die Moral der Menschen durch seine Konsumpsychologie besiegt – Habgier, Neid und Egoismus, Gleichgültigkeit und Individualismus und eine wahnsinnige Jagd nach illusorischen Freuden. Die Moral verfault. Andererseits ist das Erwachen der Menschen schon bemerkbar – immer mehr Menschen sind von Ungleichheit und Ungerechtigkeit betroffen. Es reifen die Früchte des Hasses, es wächst die Empörung und der Unmut wird deutlicher hörbar. Im Bus sagte ein angetrunkener Mann, aus dem Fenster auf Solnetschny-Wohnbezirk von Irkutsk, auf die prächtigen Villen an der Mündung der Angara schauend, dort, wo die Städter sich einst erholten, voller Bosheit: „Wahrscheinlich werden sie bald brennen!“


Über die Dummheit des individuellen Terrors

Sehr langsam, aber sicher entwickelt sich bei den Arbeitern das Verständnis, daß es in dieser Welt, wo das Geld regiert, wo der Kult der Raffgier und des Profits herrscht, für ihn und seine Kinder keine Zukunft gibt. Vor gar nicht allzu langer Zeit hat im Gebiet von Lugansk in der Ukraine im Betrieb „Lissitschansker Soda“ der Reparaturschlosser Roman Kamynin „seinem Gewissen folgend“ den stellvertretenden Direktor erschossen. Das Elend hatte ihn an der Gurgel gepackt. Monatelang hatten die Herren den Lohn nicht bezahlt. Den Arbeitern wurde wegen Nichtbezahlung das Telefon abgeschaltet. Die Kinder wurden aus demselben Grund aus dem Kindergarten verwiesen – wegen Nichtbezahlung. Die liebedienerische Gewerkschaft hat (ganz wie bei uns!) es abgelehnt, zu helfen … und offenbar war das Maß der Geduld überfüllt.

Der Arbeiter sah für sich keinen anderen Ausweg. Er hatte auch nicht verstanden, daß man mit der Bourgeoisie, mit einem so starken Klassenfeind, als Einzelner nicht zurechtkommen kann. Den Reichen hilft nicht nur ihr Geld, dank dessen sie sich ganze Sicherheitsfirmen leisten können. Zu ihrem Schutz wurde auch ein riesiger Staatsapparat geschaffen – die Duma, die Verwaltungen, die Regierung, die Polizei, die Sicherheitskräfte und Spezialeinheiten, die Gerichte und die Armee. Die Menschen sollten begreifen, daß die Parlamentarier die Gesetze nicht in unserem Interessen verfassen, und daß dieses riesige Rechtsschutzsystem nicht unserem Schutz dient. Der Staatsapparat wurde von den Reichen für die Reichen geschaffen, für die Regelung ihrer Angelegenheiten und zum Schutz ihrer Interessen.


Die „neuen Russen“ und die Armut des Volkes

Nicht alle diese Satten, die wir fast liebevoll als „die neuen Russen“ bezeichnen, verstehen, daß sie auf einem Pulverfaß sitzen. Auch ihr Personal – die Politiker und Journalisten – verstehen das nicht. Deshalb werden sie immer frecher. Nachdem sie uns nun bestohlen haben, stellen sie ihren Reichtum, ihren Wohlstand, ihre Macht und ihren Einfluß immer offener zur Schau. In Irkutsk wurde das Kino „Freundschaft“ in ein Kultur- und Bildungszentrum des Lyzeums № 47 umgewandelt. Bei gewöhnlichen Kulturveranstaltungen kommen Dutzende protziger Wagen angerauscht, und die geschniegelten Eltern in teuren modischen Klamotten setzen ihre fetten Welpen ab, korrigieren noch liebevoll die Schleifchen und schneeweißen Hemdkragen auf deren Kostümchen.

Und ein paar hundert Metern von diesem Kultur- und Bildungstempel entfernt graben hungrige und bettelarme Kinder in den Abfalltonnen. Freilich, man braucht darauf nicht so viel Aufmerksamkeit zu verwenden, in Rußland sind es nicht gar so viele, irgendwie um die 5-6 Millionen…

Die Behörden können da natürlich nichts machen. Die Hauptsache war zu jener Zeit ein lautstarkes Kikeriki, daß jetzt der Kampf gegen die Armut anfängt. Und dann hat man als erstes Millionen Geringverdienern die Ermäßigungen entzogen, die sie hatten. Das hat wieder einmal gezeigt, daß hier nicht der Kampf gegen die Armut geführt wird, sondern daß der Kampf gegen die armen Menschen in eine neue, grausamere Phase eingetreten ist.


Wie tief sind sie gesunken … !

In der Zeitschrift „Sowjetskaja Rossija“ rief eine Studentin in einem Leserbrief dazu auf, darüber nachzudenken, wer moralisch tiefer gesunken ist, derjenige, der bettelt und in Abfalltonnen wühlt oder derjenige, der zur Arbeit ins Büro, ins Labor, in die Schule, die Poliklinik oder in den Hörsaal geht, seinen Lohn abkassiert und sagt: „Alles ist o.k.!“. Seltsamerweise liegt die Antwort nicht auf der Hand.

Meine alte Bekannte aus Sowjetzeiten war Sekretär der Parteiorganisation in der Fakultät – prinzipienfest und unversöhnlich gegenüber Mängeln. Jetzt arbeitet sie in einer Bildungsfirma und ist, wie es scheint, sehr beunruhigt über die Intrigen dort. Sie lebt jetzt von einem bescheidenen Gehalt, wie die Mehrzahl der Pädagogen. Doch ein paar Monate hat sie gespart, um mit Eleganz ihr Jubiläum zu feiern. Vierzigtausend (660 €) hat sie zusammengekratzt, um ihren Kollegen Sand in die Augen zu streuen, auch denen, die sie nicht respektieren und ihr ständig irgendwelche Schwierigkeiten machen.


Quo vadis, Rossija?

Währenddessen sitzen junge Kommunisten, mutige Burschen aus der nationalbolschewistischen Partei in irgendwelchen Gefängnissen, weil sie einen Aufruf gegen die volksfeindliche russische Macht gestartet haben. Sie brauchen dringend moralische und materielle Hilfe. Doch es ist sehr schwer, da etwas zu erwarten, weil bei den ehemaligen Kommunisten das schützende Dach weggeflogen ist…

Hier und da gibt es spontane Hungerstreiks, dort streiken die Arbeiter, die Lehrers, die Ärzte. Doch der größte Teil unserer Intellektuellen ist sich dazu zu fein. Sie können niemanden zu etwas bewegen, niemanden kann begeistern, sich verstehen es nicht einmal, dem Volk den Ausweg aus seiner Tragödie zu weisen. Der größte Teil dieser sogenannten Intellektuellen lebt vor sich hin wie Gras. Sie haben kein Solidaritätsgefühl mit den Kämpfenden, kein Mitgefühl und keine Anteilnahme. Es fehlt ihnen die wichtigste Komponente, die moralische Reife ihrer Persönlichkeit.

Die Intelligenz wurde zum selbständigen Denken erzogen, doch nun fürchten sie sich davor. Angesichts der Leiden des Volkes zerreißt es ihnen nicht das Herz. Sie verharren in der Pose des „Bald-auch-Almosenempfängers“, vor Angst gelähmt, die Reihen der Arbeitslosen aufzufüllen. Und noch ist der Gedanke nicht verflogen, daß man ja auch zur russischen „Elite“ hätte gehören können – wie der Präsident und die Minister, die Abgeordneten und die Banker, wie allerlei Direktoren, Richter und Notare und wie die übrigen Kapitalisten. Objektiv gesehen sind sie unsere Feinde. Doch nicht um sie geht es hier. Es geht um diejenigen, die zur Armee der Lohnarbeiter hinzugekommen sind, die sehen können, in welche Katastrophe unser Land geraten ist, die aber schweigen, kuschen und sich zurückhalten. Das ist Verrat! Sie verraten sich selbst, ihre Kinder, ihr Volk und ihre Heimat. Oh, unglückseliges Rußland!

Quelle:

Ljubow Pribytkowa: Materialnaja sila dolshna bytj… Polititscheskaja publizistika, Irkutsk, 2011, S.228-236 (russ.)

Übersetzung und Zwischenüberschriften: Florian Geißler, Jena.



Meine Meinung in diesem Blog:

Aus dem Herzen gesprochen


Liebe Frau Ljubow Pribytkowa, mit Ihrem Beitrag über die Moral der Raubtiere habe ich mich persönlich sehr gefreut, sicherlich auch sehr viele aufrechte Deutsche, insbesondere einstige DDR-Bürger. Sie halten allen jenen einen Spiegel hin, die unter kapitalistischen Bedingungen ihr Leben und Dasein fristen müssen. Ein Zustandsbericht allererster Güte. Herzlichen Dank. Zu bedenken gebe ich allerdings, dass der Ausweg aus diesem Dilemma, vor allem der Widerstand gegen jegliche neuerliche Kriegsgefahr, die von den USA , der NATO und dem kriegslüsternen Deutschland ausgehen, nur von den Völkern kommen kann. Vom Subjekt der derartig entmoralisierten Schichten, von Gegnern des kapitalistischen Systems. Ich betrachte Russland und China – trotz auch bei ihnen herrschenden privaten Eigentumsverhältnissen -, als die Garanten für die Stabilisierung der internationalen Lage. Bei aller kritischen Betrachtungsweise der verkommenden Moral, ist und bleibt die Frage nach Krieg und Frieden die entscheidende. Es ist die Klassenfrage, die gelöst werden muss, erst dann kann man die Moral wieder näher unter die Lupe nehmen. Nochmals ganz herzlichen Dank, mögen die Bundesbürger diesen Artikel in den richtigen Hals bekommen... Herzlichst, Harry Popow

Mittwoch, 19. April 2017

Wohl dem, der kritisch bleibt

Nicht alles einreden lassen...

User Lotti zu „Nicht jede Gewalt ist sichtbar wie ein Pflasterstein“

Mir ist an dem Artikel „Nicht jede Gewalt ist sichtbar wie ein Pflasterstein“ vom 18.04.2017, den Du aus der linken Zeitung entnommen hattest, eine sehr gute Argumentation aufgefallen. Der Aha - Effekt bei diesem Beitrag: Auf die Gewalt von oben im täglichen Leben hinzuweisen. Es ist die gestreute Gewalt, die ob ihrer lokalen oder in Nebensachen auftretenden Erscheinung als solche gar nicht vom normalen Bürger als systematisch auftretende Gewalt erfasst wird. Sie gehört mehr ins Spektrum verschiedener Unannehmlichkeiten. Sobald sie - ob von politischen oder wirtschaftlichen Mächten ausgeübt - ,wird allenfalls als unangenehme Einzelerscheinungen, die ja zunächst nicht gravierend sind, lediglich mit einem Schulterzucken ertragen. Sicher werde ich dem Artikel mit meinen Betrachtungen nicht gerecht, es geht ja wirklich um die Diskriminierung jeder ernsthaften Protestbewegung, die zumindest Unruhe und "Aufmüpfige" noch aufmüpfiger machen könnte. Man kann ja lesen oder anhören was man will, in jeder Sache wird erst nach links geklopft, wie bei dem Busanschlag in Dortmund. Da hieß es erst, Verursacher seien entweder Terroristen oder linke Gruppierungen, die nächste Verlautbarung deutete auf Terroristen, Rechte, (Linke ließ sich wohl nicht halten) und linke Gruppierungen, wie fein man sich da aus der Schlinge zog. Aber es war erreicht, erst einmal waren die Linken mit in den Dreck gezogen. Das ist erfolgreiche Meinungsmache im 21. Jahrhundert. Wohl dem, der sich nicht alles einreden lässt.




Richtfest am Trümmerfeld

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt


Vortrefflicher Schnappschuss vom 17.April 2017 in Schöneiche bei Berlin

Foto: Harry


                      Die Lerche steigt am Ostermorgen
                      empor ins klarste Luftgebiet
                      und schmettert, hoch im Blau verborgen,
                      ein freudig Auferstehungslied,
                      und wie sie schmettert, da klingen
                      es tausend Stimmen nach im Feld:
                      Wach auf, das Alte ist vergangen,
                      wach auf, du froh verjüngte Welt!
                                        Emanuel Geibel


Mit Dank von User Lotti übermittelt!!!

Der intelligenteste Kommentar:
"Tja, hier waren mal Vordenker am Werk."
Gruß von User Hanna

Dienstag, 18. April 2017

Abkehr vom Zug der Zeit?

Entnommen: https://www.neues-deutschland.de/artikel/1048217.der-zug-der-zeit.html

Von Hans-Dieter Schütt

18.04.2017

Kultur

Der Zug der Zeit



Ostermärsche, die Kraft der Masse und der Traum vom gewaltigen Protest
Die Ostermärsche waren immer eine Kraft, ein Zeichen. In diesem Jahr waren sie nicht ganz so eine Kraft. Ein Zeichen schon. Für Widerstand - aber auch für abgedämpfte Energien?

Ein prinzipieller Tatbestand drückt. Nach einem hochideologisierten 20. Jahrhundert und dessen hierarchischen Zusammenbrüchen geriet kollektiver Enthusiasmus beträchtlich ins Zwielicht. Einerseits heilsam - denn US-Soziologe Richard Sennett spricht vom Auftrag der Demokratie, »das Individuum aus den Lockungen jeder Vermassung herauszulösen«. Aber ist Masse nicht gerade jetzt nötig? Gegen ungehemmt betriebenen Kapitalismus? Gegen Trump? Gegen Assad? Gegen Assads Gegner? Gegen Putin? Gegen Fremdenhass? Von der »organisierten Verlassenheit« des Menschen sprach Hannah Arendt; sie meinte dies als Ausgangslage für totalitäre Herrschaft und konnte noch nicht im Sinn haben, dass es einen Totalitarismus der medial bestimmten und konsumistisch dirigierten Gesellschaftsstrukturen geben würde, der auch aufs politische Bewusstsein drückt. Indem er kritisches Weltverhalten abdämpft, Menschen vereinzelt, sie ins allgemein Mittige zurückwirft, wo dann zwar Watte wächst, aber nicht Wut. Und wenn Wut, dann großenteils nur, um den Kopf gegen die eigenen vier Wände zu schlagen.

(...)

usw., usw.

Leserbrief vom 18.04.2017:

Was soll man von einem Menschen halten, der sich Brandbekämpfern bewusst in den Weg stellt, Herr Hans-Dieter Schütt? Ihn ignorieren? Allein schon damit würde man einem Verbrechen Hilfestellung geben, würde man seine eigene Schuld an den Folgen nie loswerden, selbst nicht in nächtlichen Träumen! Altersschwäche? Irrsinn? Unheilbar...
Gruß von einem 80-jährigem, der noch kein Narr ist.
Harry Popow