Samstag, 23. Juni 2018

Hinter die Fassade schauen - von Stephan Lessenich



Worum es geht. Für eine Politik gegen das Nicht-Wissen-Wollen

Von Stephan Lessenich

18.06.2018:
Ein Leben auf Kosten anderer...

Machen wir uns nichts vor. Hinter dem Wohlstand der „hochentwickelten“ industriekapitalistischen Gesellschaften verbirgt sich ein peinliches Geheimnis: Wir haben ihn von anderen nicht nur geliehen, sondern ihnen gewaltsam abgepresst – von anderen, denen wir eben solchen Wohlstand wirkungsvoll vorenthalten.

Ob es nun Platinminen in Südafrika sind, Textilfabriken in Südostasien oder die Plantagenwirtschaft in Lateinamerika: Es ist immer dasselbe. Anderswo sterben die Leute, damit hier so gelebt werden kann, wie es seit Menschengedenken getan wird.

Das wohlstandskapitalistische Modell wirtschaftlicher Wertschöpfung und – wie auch immer begrenzter und selektiver – sozialer Umverteilung der Wachstumserträge fußt wesentlich auf der hemmungslosen Ausbeutung von Arbeit und Natur in anderen Weltregionen. In Weltregionen, die damit zugleich die ökologischen und sozialen Kosten der hiesigen Produktions- und Konsumweise zu tragen haben. Die hierzulande herrschenden Lebensverhältnisse sind nur möglich geworden und lassen sich nur aufrechterhalten, weil Bevölkerungsmehrheiten in den „unterentwickelten“ Gesellschaften des globalen Kapitalismus unter uns unvorstellbaren Bedingungen arbeiten und leben.

Sicher, auch bei uns ist der Wohlstand äußerst ungleich verteilt, hat die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen zuletzt sogar weiter zugenommen. Doch müssen die hiesigen Ungleichheitsverhältnisse als in die Struktur und Dynamik globaler Ungleichheiten eingebettet verstanden werden. Global gesehen aber wird das, was uns als sozial allenfalls akzeptabel, angemessen und erträglich erscheint, durch gesellschaftliche Verhältnisse andernorts ermöglicht, die uns selbst als absolut inakzeptabel, unangemessen und unerträglich gelten würden. Und zwar zu Recht – weil sie genau dies nämlich sind.

Im Weltmaßstab betrachtet vollzieht sich unser Gesellschaftsleben zudem auf einem stofflichen und energetischen Verbrauchsniveau, das nicht nur nicht „nachhaltig“ ist, sondern als irrwitzig, ja nachgerade wahnsinnig gelten muss. Ein Niveau, das sich wiederum nur deswegen halten lässt, weil sich der Umweltverbrauch vieler Milliarden Menschen auf dieser Welt weit unterhalb des hiesigen bewegt.

Machen wir uns also nichts vor: Unser Leben geht auf Kosten anderer.

… und alle wissen es

Aber genau das tun wir: Wir machen uns etwas vor. Wir wissen zwar, was läuft. Aber wir wollen es eigentlich gar nicht wissen. Mehr noch: Wir müssen es auch gar nicht wissen wollen. Niemand zwingt uns dazu, es wissen zu müssen.

Und wir nehmen jedes Angebot, nicht wissen zu müssen, nur allzu gerne an.

Und die aus jeder seiner zyklischen Krisen,
die für andere die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen bedeuten
oder sie gar das Leben kosten,
mit noch mehr Macht und noch widerwärtigerem Hochmut hervorgehen.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Es geht nicht darum, im Allgemeinen und Ungefähren des „Wir“ die konkreten Verantwortlichkeiten verschwimmen oder gar verschwinden zu lassen. An ihnen kann ja auch nicht der Hauch eines Zweifels bestehen: Es sind selbstverständlich die großen, weltweit operierenden Konzerne und Kapitaleigner mit ihrer ökonomischen Macht und ihrem politischen Einfluss, die das globale Geschäft mit der Ausbeutung von Arbeit und Natur organisieren  und einen geradezu obszönen Profit daraus ziehen. Es sind natürlich die Wohlhabendsten dieser Welt, die Hyper- und Superreichen, die vom herrschenden kapitalistischen Überakkumulationsmodell wunderbar leben können. Und die aus jeder seiner zyklischen Krisen, die für andere die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen bedeuten oder sie gar das Leben kosten, mit noch mehr Macht und noch widerwärtigerem Hochmut hervorgehen. Zu Recht stehen sie daher im Fokus der öffentlichen Kritik, zu Recht zeigen kapitalismuskritische und globalisierungspolitische Aktivistinnen und Aktivisten genau auf sie, wenn es darum geht, Ross und Reiter zu benennen.

Aber Ross und Reiter – Amazon und Exxon, Monsanto und Rio Tinto, Kaeser und Schaeffler, Müller und Zetsche und wie sie sonst noch alle heißen mögen – galoppieren auf wohl bereitetem Gelände. Ihr falsches Spiel kann nur aufgehen, weil so viele dabei mitspielen. Und damit ist nicht die vermeintliche Macht der Konsumenten gemeint. Sondern die Entpolitisierung der Leute.

Der Kapitalismus schafft sich die Subjekte, derer er bedarf – und er bedarf vor allem anderen der Wachstumssubjektivität, des endlosen kollektivindividuellen Wollens nach Mehr.

Der Kapitalismus schafft sich die Subjekte, derer er bedarf –
und er bedarf vor allem anderen der Wachstumssubjektivität
Ein halbes Jahrhundert Wachstum und ein Vierteljahrhundert Neoliberalismus haben ihre Spuren hinterlassen in der wohlstandsgesellschaftlich herrschenden Subjektivität, in den Hirnen und Herzen der Menschen. Der Wille zum Mehr einerseits, die Sorge um sich selbst andererseits sind keine persönlichen Bösartigkeiten Einzelner, auch keine anthropologische Konstante im Sinne des berüchtigten „so ist halt der Mensch“. Keineswegs: Es sind dies die sozialen Prägungen, die gesellschaftliche Subjekte in den wohlstandskapitalistischen Gesellschaften des Westens über eine längere historische Zeit hinweg erfahren und nach und nach verinnerlicht haben.

Der Wille zum Mehr ist nicht einfach individuelle Maßlosigkeit oder triebhafte Gier. Vielmehr ist dieser Wille fundamentaler Bestandteil einer gesellschaftlichen Formung des Handelns, die das Mehr – die kapitalistische Akkumulation – zum ökonomischen Zwang und sozialen Prinzip erhoben hat. Prinzipiell muss im westlichen Wachstumskapitalismus jede und jeder immer mehr wollen – ganz gleich ob er bzw. sie will oder nicht. Der Kapitalismus, so wusste der frühe Soziologe Max Weber, schafft sich die Subjekte, derer er bedarf – und er bedarf vor allem anderen der Wachstumssubjektivität, des endlosen kollektiv-individuellen Wollens nach Mehr.

Ganz ähnlich verhält es sich mit der Sorge um sich selbst. Nicht der Mensch ist egoistisch, missgünstig und auf Konkurrenz gepolt. Das neoliberale Subjekt ist es – bzw. soll es sein. Seit Jahrzehnten ist uns immer und immer wieder eingetrichtert worden, von Wirtschaftsinstituten und Ökonomieprofessoren genauso wie von Parteioberen und Leitmedien, dass individuell vor kollektiv zu gehen habe, privat vor öffentlich, Eigentumsrechte vor Gemeingütern, überhaupt das Eigene vor den Anderen. Auch wenn man es sich nicht wünschen würde: Die entsprechende ideologische Indoktrination ist, in Verbindung mit den politisch institutionalisierten Marktzwängen, leider nicht spurlos an den Leuten vorbeigegangen.

So ist denn auch das ominöse, allgemein-ungefähre „Wir“ gemeint – niemand wird damit persönlich angefeindet, keiner soll moralisch gemaßregelt werden. Aber doch sind damit eben „alle“ angesprochen: Uns neoliberalen Wachstumssubjekten sind in unserem alltäglichen Handeln der Wille zum Mehr und die Sorge um uns selbst eingeschrieben. Und als neoliberale Wachstumssubjekte, die wir nun mal sind bzw. zu denen wir gemacht worden sind, lassen wir uns gerne etwas vormachen. Wir glauben gerne, dass der Strom aus der Steckdose kommt oder jedenfalls das E-Mobil „emissionsfrei“ fährt. Wir hören gerne, was die Konzerne alles unternehmen, um ihre Lieferketten „transparent“ zu gestalten. Wir lassen uns gerne von den Sozialzertifikaten und Nachhaltigkeitspreisen blenden, die noch die übelsten Gesellen des transkontinentalen Ausbeutungsgeschehens reihenweise einheimsen und sich stolz ans Revers heften dürfen. Damit wir alle uns in dem, was wir alltäglich so an Umweltvernichtendem und Lebenszerstörendem treiben bzw. treiben lassen, ein wenig besser fühlen können.

Wir glauben gerne an das Gute im globalen Kapitalismus, an grüne Lügen und bunte Hochglanzbroschüren. Wir wollen gar nicht wissen, was dahinter steckt. Dabei ist es nicht immer nur ein kluger Kopf. Sondern fast immer auch ein zerbrochener Körper und eine geschundene Seele, verwüstete Natur und beschädigtes Leben.

Was jetzt ansteht

Wenn alle darum wissen, aber tunlichst nichts wissen wollen, dann hat es doch vor allem um eines zu gehen bzw. um ein drittes: Nämlich darum, das eine wie das andere zum Politikum zu machen.

Das Unsichtbare sichtbar machen

Es geht darum, fundiert und pointiert, mutig und gekonnt die Akteure der Ausbeutung beim Namen zu nennen. Und es muss zudem darum gehen, die Potemkinsche Fassadenkommunikation, die um uns herum betrieben wird und an der wir irgendwie alle gemeinsam teilhaben, als solche sichtbar werden zu lassen: Die stillschweigende Übereinkunft zu durchbrechen, der zufolge uns ein schöner Schein präsentiert wird – weil zugleich gewusst wird, dass wir die Wahrheit gar nicht wissen wollen. Es gilt, den ganzen Wachstumskonkurrenzschwindel, in dem wir uns bewegen, auffliegen zu lassen, diesen Alternativenfurcht erregenden Etikettenschwindel, von dem wir uns beherrschen lassen.

Das ist leichter gesagt als getan. Und es ist auch leichter, diesen kritischen Appell an andere zu richten als an sich selbst. Zum Beispiel an die Adresse all jener nicht-staatlichen, zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich den Kampf gegen das Elend der Welt und die Hilfe für die global Schlechtestgestellten auf die Fahnen geschrieben haben: Tun sie wirklich das Richtige? Sind sie in ihren Forderungen und Schlussfolgerungen, in ihren Initiativen und Aktivitäten radikal genug? Politisieren sie das, was sie tun, und problematisieren sie das, was sie lassen, in einer ausreichenden, den gesellschaftlichen Verhältnissen unserer Zeit angemessenen Weise?

Zugegeben: Derartige Fragen sind hier aus den Innenwelten des großen Schwindels heraus geäußert. Von einer Position aus, die diesen Verhältnissen nicht äußerlich, sondern ihnen selbst verhaftet, in ihnen verfangen ist. Und ja: die von ihnen zehrt, ja von ihnen erst ermöglicht wird. Doch lässt diese Gefangennahme unserer selbst durch die herrschenden Verhältnisse das Richtige keineswegs falsch werden. Ganz im Gegenteil. Und auf eine Weise sollte es den Kampf gegen das Falsche nur umso selbstverständlicher, für uns selbst verständlicher werden lassen. Wenn wir uns nämlich gemeinsam darüber im Klaren würden, was hier eigentlich läuft.

Hinter die Fassaden schauen: Das steht an.

Nur so schreiten „wir“ voran.

Stephan Lessenich hat uns freundlicherweise seinen Artikel, der im Jubiläumsrundschreiben von medico international (Heft 1/18) erschienen ist, zur Verfügung gestellt.
Stephan Lessenich ist Doktor der Soziologie und leitet das Institut für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Letztes Jahr erschien von ihm „Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis“. Lessenich ist Ko-Vorsitzender der Partei mut.
mehr von Stephan Lessenich auf kommunisten.de








Donnerstag, 21. Juni 2018

US-Gehirnwäsche



NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung

Konfrontation der EU gegenüber Putins Russland



Hat die US-Gehirnwäsche die Europäer so paralysiert, dass sie es nicht wagen, ihre Beziehungen zu Russland zu verbessern?


Von Paul Craig Roberts / LUFTPOST

Die Erklärungen führender europäischer Politikerinnen und Politiker nach dem jüngsten G7-Gipfel belegen, dass sie immer noch die feindliche Einstellung Washingtons gegenüber Russland teilen; daran haben weder die Sanktionen, die Präsident Trump gegen Europa verhängt hat, noch die Tatsache, dass er die Interessen Europas und aller anderen Staaten missachtet und nur Israel hofiert, etwas ändern können. Die britische Premierministerin erklärte, die G7-Teilnehmer seien "sich einig darin, nötigenfalls neue restriktive Maßnahmen gegen Russland zu ergreifen". Die französische US-Marionette Macron warf Russland, dem einzigen Staat, der versucht, das Minsker Abkommen umzusetzen, zu Unrecht vor, es zu verletzen. Außerdem hat er Russland fälschlicherweise beschuldigt, in die Ukraine eingefallen und die Krim annektiert zu haben – ungeachtet der Tatsache, dass sich russische Soldaten aufgrund eines für die Dauer von 50 Jahren geschlossenen Pachtvertrages bereits in einem russischen Flottenstützpunkt auf der Krim aufhielten.

Der französische Präsident weiß sicher auch, dass Russland nur einem Votum der Krimbewohner Rechnung getragen hat, die mit überwältigender Mehrheit für einen Anschluss der Krim an Russland gestimmt haben. Die Krim hat nämlich vor der Eingliederung in die Ukraine drei Jahrhunderte lang – also länger als die USA existieren – zu Russland gehört. (Und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel hat Trumps einzigen vernünftigen Vorschlag, Russland wieder in den G7-Kreis aufzunehmen, mit einer fadenscheinigen Begründung zurückgewiesen.)

Putin für den Westen ein Problemfall, weil er auf der Souveränität Russlands besteht

Die europäischen G7-Teilnehmer warfen Putin außerdem vor, sein Verhalten sei "destabilisierend", er "unterminiere demokratische Systeme" und "unterstütze die syrische Regierung" (die Russland um Hilfe gebeten hat). Europa kuscht weiterhin vor Washington, obwohl Trump alles tut, um die europäischen Vasallen zu drangsalieren.

Putin hat die auf dem G7-Gipfel gegen Russland erhobenen Vorwürfe als "kreatives Gelaber" bezeichnet, und Europa eingeladen, in beiderseitigem Interesse mit Russland zusammenzuarbeiten. Es gibt gemeinsame Interessen, und Putin sieht sie; in den Erklärungen auf dem G7-Gipfel wurde aber deutlich, dass die Westeuropäer Russland nur als Feind betrachten.
Aus westlicher Sicht ist Putin ein Problemfall, weil er auf der Souveränität Russlands besteht. Mit dem westlichen Vorwurf, Russland verhalte sich "destabilisierend", ist eigentlich gemeint, dass ein unabhängiges Russland die von Washington bestimmte Weltordnung gefährdet. Putin wird als Störfaktor betrachtet, weil er sich dem Herrschaftsanspruch Washingtons widersetzt. Er kann die feindliche Einstellung des Westens gegenüber Russland auch nicht durch immer neue Zugeständnisse und vernünftiges Reagieren überwinden. Putin gäbe sich einer tödlichen Illusion hin, wenn er auf wohlklingende Versprechungen vertrauen und glauben würde, die USA verzichteten jemals auf ihr Streben nach Vorherrschaft.

Putin nimmt Beleidigungen hin, reagiert besonnen auf Provokationen und die Verfolgung von Russen in der Ukraine, lässt ungestraft israelische Luftangriffe auf Syrien zu, obwohl er Assad mit hohem Einsatz im Kampf gegen von den USA finanzierte "Rebellen" unterstützt – und all das nur, um den Europäern zu demonstrieren, dass Russland kein anderes Land bedroht. Nach ihren Erklärungen auf dem G7-Gipfel, der eigentlich ein G6-Gipfel war, wollen führende westliche Politikerinnen und Politiker einfach nicht zur Kenntnis nehmen, dass die Bedrohung eigentlich von Washington und nicht von Moskau ausgeht. Washington hat Europa die Marschrichtung gegen Russland vorgegeben, und Europa marschiert brav mit, unabhängig davon, wie sich Russland verhält, und wie Washington Europa behandelt. Aufkeimende Hoffnungen, dass die Opposition der Europäer gegen den Versuch Trumps, das Atomabkommen mit dem Iran scheitern zu lassen, Europa unabhängiger machen würde, haben sich durch die gemeinsam praktizierte Feindschaft gegenüber Russland schnell wieder zerschlagen.

Putins unerschütterliches wohlwollendes Entgegenkommen

Putins Strategie (des unerschütterlichen wohlwollenden Entgegenkommens) könnte aus zwei Gründen scheitern: Erstens hat Westeuropa vor rund 75 Jahren seine Unabhängigkeit verloren (mit dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg im Dezember 1941 und endgültig mit der Gründung der NATO am 4. April 1949). Die westeuropäischen Staaten scheinen nicht mehr zu wissen, was Souveränität bedeutet. Ohne Vorgaben aus Washington verlieren führende europäische Politiker jede Orientierung und versuchen krampfhaft, den von vorherigen US-Regierungen eingeschlagenen Kurs zu halten.

Zweitens hofft Putin immer noch, Russland in die Europäische Union integrieren zu können. Als Jelzin Präsident war, hat die US-Regierung diese Hoffnung genährt (weil sie glaubte, dann leichteren Zugang zu den russischen Ressourcen zu bekommen). Russische Wirtschaftswissenschaftler und die russische Zentralbank glauben immer noch, dass sich Russland nur mit Hilfe des Westens weiterentwickeln kann. Das macht Russland anfällig für Störmaßnahmen des westlichen Finanzimperiums. Der westliche Einfluss ermöglicht es Washington, den Wert des Rubels zu manipulieren und russische Handelsüberschüsse in Defizite zu verwandeln. Um die Globalisierung voranzutreiben, versucht Washington russische Politiker zu diskreditieren, die ein nationales Wirtschaftswachstum anstreben. Michael Hudson und ich haben schon früher darauf hingewiesen, dass neoliberale russische Wirtschaftswissenschaftler als fünfte Kolonne Washingtons in Russland agieren.

Staaten, die sich der vom Westen vorangetriebenen Globalisierung öffnen, verlieren schon bald die Kontrolle über die eigene Wirtschaftspolitik. Der Tauschwert ihrer Währungen, die Kurse ihrer Anleihen und die Preise ihrer Rohstoffe können durch Leerverkäufe bei Termingeschäften nach unten getrieben werden. In diesem Zusammenhang sei an George Soros erinnert, der das britische Pfund zum Absturz brachte. Durch koordiniertes Handeln der Fed (der US-Zentralbank), der Europäischen Zentralbank, der Bank of England und der Japanischen Zentralbank könnte Washington jede Währung ruinieren. Sogar große Staaten wie Russland und China können sich nicht gegen einen derartigen Generalangriff wehren. Es ist erstaunlich, dass Russland und China, die auch unabhängig vom westlichen Finanzsystem ihre Geschäfte abwickeln könnten, sich immer noch von ihren Feinden kontrollieren lassen.

Das Mayer Amschel Rothschild zugeschriebene Zitat trifft nämlich zu: "Wer das Geld eines Staates kontrolliert, braucht sich nicht darum zu kümmern, wer dessen Gesetze macht." Ein Professor aus Oxford hat mir die Kopie eines in der Franklin D. Roosevelt Presidential Library aufbewahrten Briefes geschickt, den Präsident Roosevelt am 21. November 1933 an Colonel House geschrieben hat. Darin steht:

"Wir kennen die Wahrheit, denn wir beide wissen, dass seit den Tagen des Präsidenten Andrew Jackson die Regierung immer von Geldinstituten abhängig war – und da möchte ich auch die Regierung von Woodrow Wilson nicht ganz ausnehmen. Unser Land erlebt gerade eine Wiederholung des Kampfes Jackson gegen die Bank of the United States – nur auf einer viel breiteren Basis."

Putin möchte als vernünftiger Mensch Konflikte vermeiden

Weil Wladimir Putin ein vernünftiger und humaner Mensch ist, möchte er Konflikte vermeiden. Er hat die nötige Geduld, um Beleidigungen und Drohungen aus militärisch schwachen Staaten wie Großbritannien (und der Bundesrepublik Deutschland) auszuhalten.

Geduld kann den Frieden bewahren, aber einen Krieg nicht verhindern (wenn sie von Gegnern überstrapaziert wird). Putins Geduld könnte den Europäern signalisieren, dass sie sich mit Anschuldigungen und feindlichen Aktivitäten gegen Russland nicht zurückhalten müssen, und die Neokonservativen (in den USA) könnten sich zu weiteren Provokationen und noch aggressiveren Handlungen ermutigt fühlen. Zu viel russische Geduld könnte dazu führen, dass Russland in eine Ecke gedrängt (und handlungsunfähig) wird.

Die Gefahr für Russland besteht darin, dass Putin, weil er möchte, dass sein Staat zu Europa gehört, zu große Zugeständnisse an den Westen macht, die noch mehr Provokationen auslösen, und dass der Sog der Globalisierung die Souveränität der russischen Wirtschaft untergräbt.

Wenn Putin immer noch hofft, sich im Krieg gegen den Terrorismus mit dem Westen verbünden zu können, übersieht er, dass der Westen die Terroristen finanziert und einsetzt, um unabhängige Staaten zu destabilisieren, die eine unipolare (von Washington beherrschte Welt) nicht hinnehmen wollen.

Russland wäre nicht so leicht in einen Krieg zu verwickeln, wenn es sich vom Westen lösen und mit dem Osten (also vor allem mit China) verbünden würde. Dann müssten die Westeuropäer Putin eher früher als später um bessere Beziehungen anbetteln.


Erstveröffentlichung der deutschen Übersetzung am 16.06.2018 bei LUFTPOST – Friedenspolitische Mitteilungen aus der US-Militärregion Kaiserslautern/Ramstein (dort mit zusätzlichen Hinweisen)
http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_16/LP08418_160618.pdf






Dienstag, 19. Juni 2018

Ein Russisches Sommermärchen - von Gert-Ewen Ungar



19. Juni 2018 um 8:25 Uhr | Verantwortlich: Redaktion

Ein Russisches Sommermärchen



Veröffentlicht in: Das kritische Tagebuch


Gert-Ewen Ungar


Es steht außer Frage, die Stimmung hier ist einzigartig. Wer sich an den Fußballsommer im Jahr 2006 in Deutschland erinnern kann, der hat in etwa eine Ahnung, was aktuell gerade in Russland passiert. Am Samstag bin ich aus Deutschland angereist. Man könnte es auch eine Flucht nennen. Eine Flucht vor einer erschreckend niederträchtigen Berichterstattung in den deutschen Medien gegenüber Russland. Noch in Deutschland habe ich mir am Tag der Eröffnung die Übertragung und das Rahmenprogramm in der ARD angeschaut. Ich war zutiefst erschrocken, zutiefst schockiert. Ein exklusiver Reisebericht aus Russland von Gert-Ewen Ungar[*].

Gert-Ewen Ungar ist während der Fußball-Weltmeisterschaft vor Ort in Russland und berichtet vor Ort für die NachDenkSeiten. Dies ist der erste Artikel unserer WM-Reihe.

Da stellte sich ARD-Moskau-Korrespondent Udo Lielischkies vor die Kamera und zeichnete das Bild einer Diktatur, sprach von Russen, die sich nicht trauen, vor der Kamera ihre Kritik an der Regierung zu äußern. Dabei, das müssten Udo Lielischkies und die Seinen selbst bei guter Abschirmung in ihrem Moskauer ARD-Studio inzwischen aufgefallen sein: die Breite des Sagbaren in Russland ist deutlich weiter als in Deutschland. Russland diskutiert deutlich freier als Deutschland. Es gibt dafür zahlreiche Gründe. Einer davon ist, dass es den deutschen Verlagen und Medienanstalten tatsächlich gelungen ist, in Deutschland die Meinungsvielfalt kaputt zu sparen.

Jedenfalls ist die deutsche Berichterstattung gegenüber Russland inzwischen eine absolute Unverschämtheit. Sie ist eine Unverschämtheit gegenüber Russland und den russischen Bürgern, aber sie ist auch eine Unverschämtheit gegenüber Deutschland und seinen Bürgern, da der einseitige und einfach grottenschlechte Journalismus sie über bedeutende Entwicklungen im größten Land Europas in Unkenntnis lässt, ja sogar absichtlich fehlinformiert.

So floh ich am Samstag vor all der Niedertracht und stellte bereits am Flughafen in Sankt Petersburg fest: Es gibt auch Fußballübertragungen ohne Propaganda. Eine bunte Menge versammelte sich in einem Restaurant vor einem Monitor und fieberte mit den kontrahierenden Mannschaften. Der Kommentator des russischen Fernsehens kommentierte ausschließlich das Spiel und nicht die Politik. Kein Seitenhieb, keine böswillige Unterstellung, keine Überheblichkeit. Es war wohltuend. Entgegen aller Vorwürfe scheint mir, dass es Deutschland ist, das die WM zur Agitation nutzt. Russland tut es nicht. 

Ich fliege weiter nach Moskau. Ich bin gern in dieser größten europäischen Metropole. Es mag in Propaganda geschundenen deutschen Ohren seltsam klingen, aber ich fühle mich dort freier. Das enge Deutsche, der Hang zum Totalitarismus, den wir offenbar haben und der sich aktuell ganz deutlich beispielsweise in der Makroökonomie auslebt, findet sich dort nicht. Es ist die große Gelassenheit gegenüber der Andersartigkeit, die mich beeindruckt. Wo wir als Deutsche missionieren und belehren, gibt Russland Raum zur Entfaltung und Erprobung. Das ist eine große Tugend, die uns völlig fehlt. 

Domodedovo ist einer der drei Moskauer Flughäfen und mein Zielflughafen. Er steht heute ganz im Zeichen der FIFA. Alles ist bunt, alles ist lebendig, alles noch ein bisschen quirliger als sonst. Für den nächsten Monat werde ich bei meinem Freund Pawel unterkommen.

Für den Abend verabreden wir uns mit Freunden. Wir treffen uns für einen Bummel durch die Innenstadt am Puschkin-Platz. Wir treffen Dima und seinen Partner Anton. Sie leben zusammen. Beide sind ganz angetan von der Atmosphäre, von der an diesem frühen Abend bereits Moskau getragen wird. Das letzte Vorrundenspiel ist noch nicht zu Ende, doch die Innenstadt Moskaus ist bereits sehr gut besucht. Überall sind Fans zugegen.

Dima spricht von Völkerverständigung, wie wichtig es ist, sich kennen zu lernen. Ich habe das Gefühl, nicht nur für ihn wird hier gerade eine große Idee Wirklichkeit. Es mag ein Erbe der Sowjetunion sein: Noch heute glauben Russen in einem ganz anderen Ausmaß als wir an die Notwendigkeit von Austausch und Begegnung zwischen den Nationen und Kulturen. Frieden ist Ergebnis der Begegnung von konkreten Menschen.

Wir besuchen ein Restaurant. Es gibt typisch russisches Essen, Pelmeni, Bortsch. Ganz dem Klischee entsprechend, stoßen wir mit Wodka an. Es gibt unglaublich viele Vorurteile über Russen und Russland, eins der wenigen, an dem etwas Wahres dran ist, ist das Vorurteil mit dem Wodka. Man kommt nicht um ihn herum. Das Restaurant ist nahe an seiner Grenze, es ist ein beständiges Kommen und Gehen. Mexikaner, Argentinier, Deutsche. Meine russischen Freunde genießen mit mir die Atmosphäre. Ich glaube, ich interpretiere, es ist Wertschätzung, was sie fühlen und was sie in diesem Moment erfüllt. In mir steigt Freude auf. Ich freue mich für Russland. Die Wertschätzung ist verdient.

Auch die Straße füllt sich, es wird gesungen und getanzt. So ausgelassen habe ich Moskau noch nie erlebt. Wir gehen auf die Straße, lassen uns vom Treiben mitreißen. Überall Landesflaggen. Eine zieht in besonderer Weise meine Aufmerksamkeit auf sich. Es ist die syrische Flagge. Ich frage die junge Frau, die die Flagge hält, ob sie aus Syrien sei. Sie bejaht. Woher ich sei, will sie wissen. Aus Deutschland. Ihr warmes Lächeln kühlt merklich ab. Wir haben uns durch unserer Positionierung offenkundig nicht nur Freunde gemacht.

Warum mit der russischen Flagge, frage ich. Russland hilft uns im Kampf gegen den Terrorismus. Hier eröffnet sich einem Satz eine ganz andere Sicht auf die Vorgänge in Syrien. Eine, von der wir in Deutschland durch die Verweigerung der deutschen Medien, echten Journalismus zu liefern, gut abgeschirmt sind. Doch die Position hat ihre Berechtigung hat. Unser Diskurs ist sehr verengt.

Ich würde das mit meiner syrischen, russischsprachigen Gesprächspartnerin gerne weiter vertiefen, aber es ist offenkundig weder der Ort noch die Zeit, das zu tun. Der Strom zieht uns weiter. Wir besuchen zunächst eine, dann eine weitere Gay-Bar in der Moskauer Innenstadt. Auch hier dreht sich alles um Fußball. Dima wird mit jeder Minute euphorischer.

Was die FIFA mit seiner Stadt machen würde, war ihm bisher nicht klar. Wer kann es auch wissen, ohne es erlebt zu haben? Doch auch andere wissen die FIFA zu nutzen. Zu Beginn der Weltmeisterschaft, ein bisschen verborgen im Schatten der Berichterstattung über Fußball, erhöht die Duma das Renteneintrittsalter für Männer auf 65 Jahre, für Frauen auf 63 sowie die Mehrwertsteuer deutlich. Es ist, als würde die Politik überall auf der Welt auf die Weltmeisterschaft warten, um unpopuläre Maßnahmen durchzusetzen. Auch wenn man das natürlich kritisieren muss, in Deutschland ist es nicht anders. Was wurde im Schatten der WM 2006 nicht alles durchgesetzt? 

Die Erhöhung des Renteneintrittsalters findet im Rahmen der von Putin nach seiner Wiederwahl ausgerufenen Entwicklungsoffensive statt, die unter anderem zum Ziel hat, die Armut in Russland zu halbieren, die Lebenserwartung weiter zu erhöhen, die Bildung und Infrastruktur auszubauen. Man kann darüber diskutieren, ob die Maßnahme zum Ziel führt, braucht dafür aber saubere Informationen. Diese zu liefern ist der deutsche Journalismus derzeit allerdings nicht in der Lage. Wir müssen uns daher ehrlicherweise aus der Diskussion heraushalten. Uns hat der deutsche Qualitätsjournalismus ja schon dahingehend informiert, dass Homosexualität in Russland verboten ist. Wer diesem Text bis hierher folgte, weiß, wie falsch das ist, und fragt sich hoffentlich, wie diese breite Streuung einer Fehlinformation passieren konnte.

In Bezug auf Russland jedenfalls ist den deutschen Medien nicht zu trauen. Das ist gefährlich. Denn wenn nachweislich die Informationen zu einem Thema falsch sind, sind sie es mutmaßlich zu anderen Themen auch und das Vertrauen erodiert massiv, vor allem aber berechtigt. Dies allerdings ist der aktuelle Zustand des deutschen Mainstreams. Er befindet sich in Erosion.

Doch er kann aus eigenem Antrieb die Fehlentwicklung nicht korrigieren. Die Berichterstattung über die Fußball-WM in Russland ist stehender Beweis. 

Inzwischen ist es drei Uhr morgens. Dima ist auf den Geschmack gekommen und möchte mehr, ich dagegen kann nicht mehr. Pawel bestellt ein Taxi, wir fahren nach Hause, Dima zieht mit einer Freundin weiter in die Mono-Bar, eine Gay-Disco. Wir sitzen in einem Taxi und fahren durch Moskau. Ich schaue aus dem Fenster – ich liebe diese Stadt, ihre Vielfalt und ihr Potential. Ich wünsche Russland aus tiefem Herzen ein Fußball-Sommermärchen und die Erfüllung all seiner Träume, denn ich weiß: sie sind friedfertig.

[«*] Gert-Ewen Ungar: Ein Anagramm, das bei unserer Abifeier im Jahr 1988 entstand und das ich seitdem nutze, wenn ich Kreatives produziere. Mit meinem ersten Reisebericht über Russland wurde dieser Name einem breiteren Publikum bekannt.

Ich studierte Philosophie und Germanistik in Frankfurt am Main, lebe in Berlin und arbeite als Pädagoge in der Sozialpsychiatrie. Seit 2014 reise ich häufig nach Russland und berichte über meine Erfahrungen dort. Ich schreibe regelmäßig für RT Deutsch.



Montag, 18. Juni 2018

KRITISCHES zu DDR-Zeiten - Leseproben



Maßstäbe so oder so

Einst Kritisches in der Wochenzeitung „Volksarmee“

Leseproben aus dem Buch „WIR SONNENKINDER“

Von Harry Popow

1978. August. „Maßstäbe so oder so“. Eine Überschrift in der VA-Nr. 36/78. Wieder einmal auf der Spur von widerwärtigem Betrug in der Ausbildung. In einer Panzerkompanie stellt Harry auf recht kriminalistische Art fest, vor einem Gefechtsschießen wurden - entgegen den Richtlinien in der Schießvorschrift - alle Ziele vorher gründlich „aufgeklärt“ und alle Richtschützen damit vertraut gemacht. Außerdem „vergaß“ man, Zielvarianten aufzubauen, ebenfalls ein Beweis für risikofreies Schießen. Nach der Veröffentlichung, bei der der Chefredakteur möglicherweise Bauchschmerzen bekommen hat, sagte dem Reporter einer, den er von der Offiziersschule her kennt und der jetzt General ist, er habe gedacht, man hätte dem Oberstleutnant Popow wegen dieses offenen und kritischen Artikels die „Beine weggesäbelt“. Monate später wurde dieser kritische Bericht in einem Buch über Probleme der Gefechtsausbildung nachgedruckt.

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Dalai Lama soll gepredigt haben, achtjährigen Kindern möge man das Meditieren lehren. Nach drei Generationen gäbe es keine Gewalt mehr. So so!! Achtsamkeit, so sage ich mir, ist doch wohl eine der großen Verführungsmethoden zum Stillhalten, zum Innehalten, zum Schnauze halten zu dem, was die Politik zum Niederhalten von sozialen Protesten und für höhere Gewinne so treibt. Daniel Strassberg (Psychiater, Psychoanalytiker und Philosoph) meinte kritisch: Man fühlt sich fremdbestimmt und besinnt sich wieder auf sich. Doch letztlich haben auch solche Aussagen über den Zeitgeist etwas Triviales. Ein politischer Protest ist zudem nicht erkennbar, ebenso wenig eine gemeinsame Utopie, dafür wird Achtsamkeit zu selbstbezüglich ausgelegt. Und der Soziologe Hartmut Rosa kritisiert, die Achtsamkeitsbewegung sei unpolitisch und schiebe das Problem, sich in einem beschleunigten System der Arbeit zu behaupten, dem Einzelnen zu.

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Inzwischen ist es Mai geworden. Harry hat etwas mehr Zeit am neuen Arbeitsplatz zum Nachdenken, Grübeln, Ideen entwerfen für die Darstellung von Armeeproblemen. Doch die wiederum sind eingebettet in die politische Weltlage, in die Zusammenhänge auch philosophischer Art. Er liest u.a. in der Zeitschrift für Philosophie 1/87 zu aktuellen Problemen der philosophischen und soziologischen Forschung in der SU, Seite 6: Die Ursachen für das Zurückbleiben der Philosophie sehen die Autoren u.a. im „Fehlen von gründlichen Forschungen zu den dialektischen Prozessen unter den Bedingungen des Sozialismus und von Untersuchungen der Eigenart des Erscheinens allgemeiner dialektischer Gesetzmäßigkeiten unter qualitativ neuen Bedingungen. Sehr bezeichnend ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass die Kategorie Negation und das Gesetz der Negation der Negation, angewandt auf die Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft, faktisch nicht ausgearbeitet ist. (...) Die Folge des ‚Vergessens der Notwendigkeit, die Entwicklung (...) dialektisch und kritisch zu betrachten, ist eine vereinfachte, begrenzte, einseitige Vorstellung vom Inhalt selbst und dem Wesen der Produktionsverhältnisse im Sozialismus.“ Die Autoren zitieren die Klassiker ( M/E Werke, Bd. 23, S. 28): Karl Marx erklärte, dass die materialistische Dialektik „in dem positiven Verständnis des Bestehenden zugleich auch das Verständnis seiner Negation, seines notwendigen Untergangs einschließt, jede gewordene Form im Flusse der Bewegung, also auch nach ihrer vergänglichen Seite auffaßt, sich durch nichts imponieren lässt, ihrem Wesen nach kritisch und revolutionär ist.“ Harry merkt dazu an in seinem Tagebuch: Wenn etwas in Bewegung ist, gehört dazu – vom Subjekt aus gesehen - die Kritik und die Fähigkeit dazu! Einbringen bei nächsten Seminaren …

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Paroli bieten


Wer keine Fragen stellt, bleibt einseitig. Harry stellt einige Erscheinungen und Gewohnheiten in der Armee wiederholt in Frage. So das unsägliche Notendenken. Man flunkert sich etwas vor. Man will den Erfolg um fast jeden Preis, denn das bringt erst die wichtigen Pluspunkte im Wettbewerb, die Prämien und Auszeichnungen. Mit dem Abteilungsleiter ist man sich schnell einig: Da gehen wir ran. Harry wird in die Spur gesetzt. Das Ziel: Bad Frankenhausen, der Truppenteil „Robert Uhrig“. Dort beobachtet der Reporter wie ein Luchs die Vorbereitungen zum Schießen und die Munitionsausgabe. Und tatsächlich. Nur die besten Schützen werden mit ausreichender Munition (lt. Vorschrift) bedacht, die „Schlummschützen“ bekommen weniger. Der Artikel wird in der VA 16/78 gedruckt. Es macht Freude, den Notenjägern eins auszuwischen. Aber: Es fällt leicht, die Oberfläche mit der Feder zu kritisieren. Die Ursachen für „Schmuh“ liegen tiefer, sehr viel tiefer ... Doch darüber liegt – wie man so sagt - der Mantel des Schweigens. Hier ist weiterhin öffentliches und offensives Bohren vonnöten.

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Spiegelfechterei? Dienstreise nach Schwerin. Einige Soldaten hatten der Redaktion geschrieben. Sie seien nicht einverstanden mit der Methode „Ausgang streichen“ als Strafmaßnahme. Es reizt Harry, diesen vorschriftswidrigen Willkürakten auf den Grund zu gehen. Wie kann man auf eigene Faust Strafen verhängen, die in keiner Vorschrift stehen? Also auf zu den Absendern des Briefes. Dort fand der Reporter die Beschwerde der Soldaten bestätigt. Der Artikel wurde in der Nr. 16/65 der Militärbezirksseite veröffentlicht unter der Überschrift „Ausgang streichen - eine Privatsache?“ Tage darauf soll der Chef des Militärbezirkes getobt haben: „So eine Spiegelfechterei!!“ Na ja, wenigstens etwas, Harry freut sich ehrlich über diese Reaktion. Etwas Wirkung, und wenn es der Ärger einiger Vorgesetzter ist, muss sein. Mehr aber kann er nicht erwarten, er weiß inzwischen, sehr oft läuft man gegen Wände.

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Wieder in Berlin. Bin aufgeladen. Stehe noch unter Strom. Will einen Diskussionsbeitrag für die Parteiversammlung über Erlebnisse in Leipzig halten. Vor allem über den Widerspruch zwischen dem vom Politbüro hochgejubelten Mikroship-Film und der gar nicht rosigen Resonanz bei jungen und sehr kritischen Zuschauern. Man macht sich was vor!! Den Vorgesetzten fährt der Schreck in die Glieder, ich sehe in ablehnende, verständnislose Gesichter meiner Genossen: „Um Gottes willen, bleibe bei der Militärpolitik, willst du etwa gegen die Einschätzung von ganz oben wettern?“ Mir ist richtig unwohl. So offensichtliche Fehleinschätzungen, so ein hausgemachter „Erfolg“, so viel Mittelmäßigkeit, so drastisch und niederschmetternd.




Harry Popow: „WIR SONNENKINDER. AUTHENTISCHE LEBENSBILDER“, Texte: © Copyright by Harry Popow, Umschlaggestaltung: © Copyright by Harry Popow, Verlag: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin, ISBN: 978-3-746719-09-2, Seiten: 504, Preis: 26,99 Euro

Donnerstag, 14. Juni 2018

Satire: Dem Morgenrot entgegen...


DIE NEUE WENDE...

Dem Morgenrot entgegen?
Ein satirischer Blick auf die Wirklichkeit
Es ist nicht zu fassen, ja, es scheint, die Welt wird umgekrempelt. Nicht NEU GEORDNET, wie es offiziell heißt, mit „Neuer Verantwortung“ und so. Nein, es sieht nach einer neuen Wende aus? Die Erleuchtung kommt von ganz unten. Von einem Mann, der ganz unpolitisch sein wollte. Und nun hat er sich doch eingemischt. Mit einem Buch. Einem Protokoll, das ehrlicher nicht sein kann. Der Titel: „Stein auf Stein dem Himmel entgegen“. Und das Absonderliche: Es wurde gedruckt. Mehr noch, es wurde unter die Leute gebracht. Vorneweg in einigen online-Plattformen, so in der Linken Zeitung. Vor allem auch in der NRhZ. Dem schlossen sich nicht wenige der fortschrittlichsten Printmedien an. Und schließlich packte die ARD, das ZDF und auch der rbb in sensationellen Abendsendungen zu. Nur Anne Will rümpfte noch die Nase.


Das alles blieb nicht ohne Wirkung. Die SPD steht nicht mehr Kopf bei der Beurteilung der Arbeiterklasse, sondern räumt grundsätzlich mit der Anbiederung an das Kapital auf. Mit der rückwärts gewandten und nichtssagenden Tagespolitik zur Stärkung des Marktsystems soll Schluss sein. Die Linke klopft sich an den Kopf und bemüht verstärkt Marx, an den Diskussionen teilzunehmen. Die zahlreichen Autoren von kritischen Sachbüchern frohlocken: Endlich finden sie Gehör auch in den Printmedien. Es brodelt im Volk. Neue Rufe „Wir sind das Volk“ sind zu vernehmen.

Die Obdachlosen beschweren sich, keine Liegeplätze auf Vorbestellung mehr zu erhalten. Ihnen drohen Arbeit und zu bezahlende Mieten in extra gebauten Unterkünften. Die Miethaie demonstrieren erfolglos, da nahezu aller Privatbesitz an Wohnungen ab sofort wegen Menschenrechtsverletzungen untersagt ist. Auch wird der „Runde Tisch“ wieder eingeführt, um so die Quatschbude „bürgerliches Parlament“ zum Teufel zu jagen.

Wenn es bisher hieß, besonders für junge Leute, sie sollen sich in „Selbstverwirklichung“ üben, kommt rasant das neue Umdenken. Sie schließen sich zu Jugendbündnissen zusammen, zu sogenannten philosophischen Rundtischgesprächen und schwören den buddhistischen Kreisen, dem  Achtsamkeitsverein und anderen Fluchten aus der Wirklichkeit wie auch der sogenannten ENTSCHLEUNIGUNG ab. Mehr noch: Die Enkelkinderchen stellen Fragen an die Großeltern, wie es denn so war früher im Antikapitalismus. Es ist schon so, irgendetwas ist ihnen zu Kopf gestiegen, sie wollen – wie in den 65er Jahren - ,wieder ernst genommen werden.

Arme Kirche: Sie stellen wiederholt eine Abwesenheit von Querdenkern fest, die den Glauben verloren haben, dass sich alles mit Gottes Hilfe bessern ließe. Zu früh jubelten die Kirchenleute darüber, dass der Industrieschornsteinmaurer, der Mann von der Arbeiterklasse, bis in die Höhe des Himmels bauen wollte.

Auch wirbelt es die Leute so richtig im Politikbetrieb durcheinander. Die Regierungschefin erinnert sich an ihre Studienzeit in der DDR und gesteht, sich in westlichen Gefilden zu sehr verbiegen zu müssen. Die Verteidigungsministerin stoppt das Programm mit den Morddrohnen und beschäftigt sich mit der Auflösung der Bundeswehr, denn trotz mancher Unkenrufe sollen die Russen ja doch friedliche Absichten haben. Also wendet sich Deutschland von den Möchtegern - Weltbeherrschern USA ab und richtet den Blick immer mehr nach Osten, wo zur Zeit das sportliche Jubeln die Herrschaft inne hat. Dorthin, wo nach wie vor zum Schrecken des Abendlandes nun doch die Sonne aufgeht. Und das schönste Geschenk für den Schornsteinmaurer, der stets in die Höhe strebt: Marx hatte recht: Wenn die Idee die Massen ergreift, wird sie zur materiellen Gewalt... Auch hierzu hat der Arbeiter sein Ja gegeben: Die BRD erhält in einer Volksabstimmung den Namen AWG - ALLE WERDEN GLÜCKLICH.

Bevor es soweit kommt, klopft es noch zu nachtschlafender Zeit recht polternd an der Wohnungstür des Autors...



Das Morgenrot muß warten!
Harry Popow





Mittwoch, 13. Juni 2018

Lotti zu Manfred Ottos Buch


Lottis Gedanken, Mitautorin von „EISZEIT-BLÜTEN", zu Manfred Ottos Buch

Stein auf Stein dem Himmel entgegen“


Fest gemauert in der Erden“ oder „Schicksal eines Menschen mit Blick vom Fabrikschornstein auf sein Leben in drei deutschen Reichen“

Nimmt man Manfred Otto´s Buch in die Hand, glaubt man zuerst, eine ganz normale, zunehmend eine kritische, sehr sachliche Biografie als Lesestoff gewählt zu haben. Die Familiengeschichte, Kindheit und Jugend, im Hauptteil das eigene, vorrangig berufliche Leben, mit allen menschlichen Bindungen und Ereignissen, belegt mit vielen Fotozeugnissen, wird im Fortgang der Geschichte immer interessanter.

Anfangs hat man das Gefühl, auf eine Maurerlehre vorbereitet zu werden. Nur die vielen menschlichen Beziehungen, die auch immer der eigentliche Gegenstand von Literatur sind, schauen bald als interessante und bedenkenswerte Phänomene des Lebens von Manfred Otto aus allen geschilderten Erlebnissen hervor. Die zweite Schicht des Erzählten, die eigentliche Biografie, die Bedeutung, den Hintersinn, das „Warum wird bekanntgemacht“ drängt sich ins Blickfeld und macht aus der Biografie eines Einzelnen auch eine Gesellschaftsgeschichte. Seine Kindheit und Jugend im Kriegs– und Nachkriegsdeutschland, die schweren Lebensverhältnisse, die er mit seiner Familie durchstehen musste, haben ihn für sein ganzes Leben geprägt.

Er berichtet vom Fleiß und Leistungswillen vieler DDR – Bürger, dargestellt an seinem Leben als Maurer und seiner menschlichen Zufriedenheit, wenn die gestellten Aufgaben erfüllt worden sind. Immer wieder läuft die Schilderung des jeweiligen Arbeitsvorganges parallel mit der Darstellung der gemeinsam geschafften Leistung der Brigade. Das geht nicht ab ohne das Aufzeigen der Schwierigkeiten im gemeinsamen Arbeitsprozess mit seinen Kollegen. Eine nicht geringe Rolle spielen dabei die Schwierigkeiten in der DDR, zum Beispiel die Bereitstellung von Material. Hintersinnig und mit Ironie werden die subjektiven, nicht immer legalen Beschaffungswege der verschiedensten Baumaterialien durch die mit der Zeit entwickelten findigen Tricks der einzelnen Arbeiter dargestellt und man kommentiert sie heute mit einem Schmunzeln. Den Begriff des „Organisierens“, seinen eigentlichen Sinn, kennen wir heute alle noch. Wie „Ersatzlösungen“ gefunden wurden, Überstunden Produktionsstockungen überwanden und auch mal Arbeitsschutzanordnungen für die Zeit der Mängelbehebungen außer Kraft gesetzt wurden, ist noch sehr gut erinnerlich. Dabei steckt auch viel Humor dahinter.

Sehr kritisch setzt er sich auch mit den Kampfgruppen auseinander, die für ihn viel zu unproduktiv waren. Die Heilkur, zu der er gemeinsam mit anderen 120 Arbeitern nach Pomorije an die bulgarische Schwarzmeerküste geschickt wurde, ist in ihm noch lebendig. Ebenso denkt er immer wieder gern an die Gemeinsamkeiten mit seinen jeweiligen Arbeitskollegen nach der Arbeitszeit, wobei die Geschichte vom eingetauschten Spanferkel gegen ein paar Schamottesteine, die ein Bauer für Reparaturen an seinem Hauskamin brauchte, den Leser zum Lächeln bringt.

Ein einschneidendes Erlebnis in seinem Leben war die Wende. Er musste mit ansehen, dass die vielen Schornsteine, die er in seinem Leben gebaut hatte, auf die er sehr stolz war, verschwanden und so mancher blühende Industriestandort, wie Regis – Breitingen oder Zeitz, wurden deindustrialisiert und versanken in die Bedeutungslosigkeit. „Doch unsere gesamte Arbeit war für die Katz“…

Viele Bildbeigaben und eine interessante Tabelle der Arbeitsorte erhöhen die Authentizität des Berichtes. Er wird dadurch noch einprägsamer. Sein „unpolitischer Nachsatz“ gibt eine auch kritische Sicht auf seine gegenwärtigen Befindlichkeiten. Interessant auch die Frage, warum das Saarland nach seinem Beitritt keine niedrigeren Löhne und Renten aufgedrückt bekam. Aber er will kein “Jammer - Ossi“ sein. Er blickt auf sein erfülltes Arbeitsleben in seinem für ihn wunderbaren Beruf zurück.

Das Buch endet mit einem Blick auf den im Anfang beschriebenen, schlimmen „Kriech“ - den 2. Weltkrieg - mit dem Wunsch: „Meine Kinder und Enkel sollen nie einen Krieg erleben, denn ohne Frieden hat alles andere keinen Sinn“. Er wünscht sich, dass er, seine Kollegen und die Familie weiterhin im Frieden leben können.

Dienstag, 12. Juni 2018

Ein DDR-Arbeiter gibt zu Protokoll


Manfred Otto: Stein auf Stein dem Himmel entgegen. Aus dem Arbeitsleben eines Schornsteinmaurers / Zwischen Aufstieg & Abstieg / Zwischen Aufbruch & Abbruch


Ein DDR-Arbeiter gibt zu Protokoll:
Mit Presslufthammer
& Maurerkelle

Buchtipp von Harry Popow

Kaum zu glauben: Ein Mann erbaute 70 Schornsteine, reparierte 45 und riss 12 voller Schmerz nach der Wende 1989 wieder ab, genannt die Abbruchzeit. Von 1959 bis 1990 schuftete er im Schweiße seines Angesichts an 324 Baustellen in der DDR. Legte 527.020 laufende Meter im Steigegang zurück. War stolz auf seinen Beitrag, volkswirtschaftlich wichtige Betriebe mit in Gang zu halten. Und stellt nüchtern und ohne Gehabe am Schluss seiner arbeitsreichen Zeit, die keine Arbeitslosigkeit kannte, fest: „Ich habe mein ganzes Leben hart gearbeitet und mich nie um die große Politik gekümmert. Erst heute juckt es mich bisweilen, mich doch noch einzumischen.“ Er kann zum Beispiel nicht verstehen, weshalb es die 600 Bundestagsabgeordneten, die sich selbst so großzügig ihre eigenen Diäten erhöhen, in 30 Jahren nicht geschafft haben, eine gerechte Lohn- und Rentengleichheit für Ost- und Westdeutsche durchzusetzen. (S. 362)

Also mischt er sich ein, und wie! Das gibt der Autor Manfred Otto in seinem 370-seitigem Buch „Stein auf Stein dem Himmel entgegen“ auf Seite 362 zu Protokoll. Nach dem Lesen dieses großartigen Buches im Berichtsstil kann der Rezensent dies feststellen: Er ließ und lässt nicht mit sich spielen. Er behauptete sich in der Arbeit, im Kollektiv, bei Mängeln und gegenüber jenen, die stets alles besser wissen wollten. Er war ein Arbeiter von Schrot und Korn, er war ein Politiker in der Arbeitswelt.

Hoffnungszeiten

Das Buch hat 115 Kapitel. Jedes beginnt mit der Ortsbestimmung und der Einordnung des jeweiligen Betriebes im Wirtschaftsgefüge der DDR. Auffallend der Stolz des Manfred Otto, dabei sein zu dürfen. Er, der aus einfachen Verhältnissen kam, Vater Tischler, gefallen im Zweiten Weltkrieg, Mutter Plätterin, er, der sich nach der Schulzeit für die Vielfalt des Berufes Maurer begeisterte. Ihn lockten Arbeitsabenteuer und wohl auch die Gewissheit, Arbeit zu finden, „denn Arbeitslose gab es wegen des verfassungsmäßig verbrieften Rechts auf Arbeit nicht“, wie auf Seite 74 zu lesen. Industrieschornsteinmaurer haben es dem jungen Mann besonders angetan. Und so wundert es nicht, wenn er stolz davon berichtet, am damals größten und modernsten Porzellanwerk Europas in Kahla und an anderen bedeutenden Industrieanlagen mitgewirkt zu haben. Was den DDR-Arbeiter auszeichnete? Auf Seite 86 heißt es: „Gute Arbeit zu leisten gehörte ohnehin von Anfang an zu meinen Grundsätzen. Das verdanke ich wohl meinem Opa Ptak, der immer streng zu mir war und keinerlei Schlampigkeit durchgehen ließ.“

Der Rezensent kann nicht die unzähligen Goldkörner von Fakten und Details aufzählen, die durch die berichtenden Zeilen dieses Schornsteinmaurers hindurch glänzen. Ob es um den mitunter selbstlosen geistigen und körperlichen Einsatz beim Schornsteinbau geht, um Vorschläge der Arbeiter, kostengünstiger zu produzieren, um die mutige Verteidigung eines Brigademitglieds, als Manfred Otto als Gesellschaftlicher Verteidiger fungieren musste. Wobei auch die Poesie des Schreibers nicht zu kurz kommt, wenn er von 100 Meter hohen Schornsteinen aus seine Augen über die Weite der Landschaften schweifen ließ...

Als geduldiger und neugieriger Leser wirst du Erkenntnisse gewinnen, die man sonst nirgends findest. Du wirst Spaß haben am Witz unseres Arbeitshelden, du wirst erfahren, wie sich unser Mann der herrschenden Klasse im guten kameradschaftlichen Arbeitsklima der gegenseitigen Hilfe wohlfühlt,wie er nicht nur wegen der Knete darum ringt, sein Tagewerk mit der Brigade stets ordnungsgemäß und oft genug mit der Note „sehr gut“ an die jeweilige Betriebsleitung zu übergeben.

Unduldsam geht er an gegen Diebe, zum Beispiel, als einmal ein Trabbi erwischt wurde, der mit volkseigenen Zementsäcken beladen war, gegen dogmatische Irrtümer, gegen Materialmangel oder auch gegen eine übertriebene „Überwachung“ durch „Horch und Guck“. Aber auch das gab es: Auf Seite 285 erzählt er von einem Mann, der um ein neuerbautes Kesselhaus schlich. Er suchte händeringend nach Schamottematerial für seinen Hauskamin. Dem Mann war zu helfen: Schamotte gegen ein 60-Kilo Spanferkel.

Alle Achtung vor den Arbeitern, die oft genug – auch in unzähligen freiwilligen Arbeitseinsätzen – sozusagen aus Scheiße Bonbons gemacht haben. An dieser Stelle nochmals Hut ab auch vor diesem Industrieschornsteinmaurer, der beispielsweise mit seinen Brigadeleuten dem Produktionsverlust, entstanden wegen des Erdölstopps durch die Sowjetunion, mit größter Mühe begegnen konnte.


Abbruchzeiten

Der sich bislang als unpolitisch bezeichnende Schornsteinmaurer äußert sich in seinem Protokoll über seinen Lebensweg etwa über ein viertel hundert Mal zu politischen Ereignissen, besonders – wie kann es anders sein, über die schmerzliche Deindustrialisierung in der DDR nach dem Mauerfall. Nein, er sei kein „Jammer - Ossi“, dazu sei er zu real denkend, mit beiden Beinen auf dem Boden stehend. Sein Rentnerleben genießt er mit seiner Münz- und Briefmarkensammlung, mit Gartenarbeit, an der Seite seiner Freundin mit Kuren in Marienbad oder an der polnischen Ostseeküste. Und er schrieb ein Minibuch mit dem Titel „INGO. Spaziergänge im Niemandsland“, in dem er gegen die seit der Wende durch die Medien geisternden schießwütigen Grenzer angeht.

Und dennoch. Nicht kalt lässt es ihn, was nach dem Mauerfall geschah. Bei einem traditionellen Treffen mit ehemaligen Kollegen im Jahre 2016 in Brandenburg/Havel, hält der Autor auf Seite 204 fest: „Von all den Industriebauten, in denen unsere Kraft, unser Herzblut und unser Schweiß steckten, fanden wir nichts mehr vor.“ Dem gestandenen Arbeiter wurde der Titel Meister der volkseigenen Bauindustrie aberkannt. Er denkt an Frankfurt/Oder, wo nach der Wende „wegen der massiven Deindustrialisierung“ die Einwohnerzahl auf die Hälfte schrumpfte, „sodass Tausende Wohnungen geschreddert wurden. Für einen Bauarbeiter ein sehr trauriger Vorfall“. (S. 144) Bei Verhandlungen mit einer Westfirma musste Arbeiter Otto resigniert feststellen, die brauchten nur ein paar spezialisierte Facharbeiter, „das unqualifizierte Fußvolk und unsere Technik nicht“. Hin und wieder bekam er Arbeit, vermittelt durch alte Freunde, doch auch Manfred Otto musste tippeln und betteln, was er und Millionen DDR-Bürger nicht erspart blieb: Tut uns leid – Sie sind zu alt und zu qualifiziert, also zu teuer.(S. 343)

Einmal war ein Chef mit der Tagesleistung unzufrieden. Manfred Otto schlug ihm deshalb vor, selbst hochzusteigen und einen Tag lang wie früher mitzuarbeiten. „Nach einem halben Tag“, so schreibt der Autor, „stieg Burkhardt geschafft ab und gab mir Recht“. (S. 361)
Diese Autobiografie - nennen wir sie mal Arbeitsprotokoll eines ehrlichen Schwerstarbeiters - dem kann man nicht den Stolz und Würde auf Geleistetes nehmen. Er ruft auf Seite 363 den Lesern entgegen: Einen Wunsch habe er noch: Seine Kinder und Enkel „sollen nie einen Krieg erleben, denn ohne Frieden ist alles andere ohne Sinn“. Danke für seine mit Herzblut geschriebenen Zeilen. Ihm, dem Mann mit Presslufthammer und Maurerkelle. Dem Mann mit Charakter. Dem Arbeiter mit politisch hellwachem Geist. Auf Seite 315 bekennt er: Lass dir nichts gefallen, denn in dieser Ellenbogen-Gesellschaft ist sich jeder selbst der Nächste.





Manfred Otto: Stein auf Stein dem Himmel entgegen. Aus dem Arbeitsleben eines Schornsteinmaurers/Zwischen Aufstieg & Abstieg / Zwischen Aufbruch & Abbruch, Edition Märkische Reisebilder, 1. Auflage 2018, 370 Seiten, Verlagsprogramm: www.carlotto.de, ISBN 978-3-934232-98-3, Telefon: 0331/270 17 87, Preis: 25 Euro






INGO. Spaziergänge im Niemandsland“, 232 Seiten, unter der oben genannten Adresse zu bestellen. Preis: 12 Euro

Erstveröffentlichung NRhZ: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24940



Auslaufmodell Nationalstaat?




12. Juni 2018 um 8:36 Uhr | Verantwortlich: Jens Berger

Nun stimmt auch noch Gregor Gysi in den Schwanengesang vom Auslaufmodell „Nationalstaat“ ein



Veröffentlicht in: DIE LINKE, einzelne Politiker, Globalisierung, Sozialstaat

Rhetorisch äußerst eloquent, aber inhaltlich erstaunlich schwach präsentierte sich Gregor Gysi auf dem Parteitag der Linken in Leipzig. Seine befremdliche Rede hatte vordergründig die angebliche Spaltung der Linken in die Befürworter nationaler und die Befürworter internationaler Antworten auf die politischen Fragen unserer Zeit zum Inhalt. Und Gysi bezieht hierbei auch klar Position und stimmt fröhlich in den allgemeinen Schwanengesang ein, nach dem die Globalisierung den Nationalstaat überflüssig gemacht habe und die Fragen der Gegenwart und Zukunft nun nur noch auf multi- oder gar internationaler Ebene angegangen werden könnten. Ein grandioser Denkfehler, der schlussendlich die Linke in eine politische Sackgasse führen würde. Von Jens Berger.

Gregor Gysi ist voll am Puls der Zeit. Von „Pulse of Europe“ über den SPIEGEL bis hin zu „Vordenkern“ wie Ulrike Guérot ist man heute im liberalen Lager der Meinung, der Nationalstaat sei vor allem ein „Hindernis“ für ein gemeinsames Europa und in Zeiten der Globalisierung ohnehin überholt. Doch anders als Gysi geben die üblichen Apologeten des neuen „Internationalismus“ nicht vor, politisch dem linken Lager zuzugehören. Links und rechts werden von den liberalen Nationalstaatsgegnern eher als eine Art ewiggestrige Querfront wahrgenommen – „Populisten“, die sich rückwärtsgewandt der besseren Zukunft verschließen. Gysi will die Linke zum Mitglied eines Clubs machen, der sich selbst in der politischen Mitte verortet.

Gregor Gysi sei ohnehin einmal ein Blick ins Parteiprogramm empfohlen. Gefühlte 90% der sozial-, bildungs-, gesundheits-, wirtschafts- oder auch innenpolitischen Forderungen der Linkspartei sind keine Forderung auf EU- oder gar UN-Ebene, sondern Forderungen, die sich an die Landes- und Bundespolitik richten. Dies ist ja auch kaum überraschend, da im föderalen System der Bundesrepublik die allermeisten Themen eben nicht an internationale Gremien ausgegliedert wurden.

Die Hartz-Gesetze sind kein internationales, sondern ein nationales Thema. Über die Rentenpolitik wird nicht in Brüssel, sondern in Berlin entschieden. Bildungspolitik und Polizei sind gar Ländersache. Und wie sieht es mit den Themenfeldern aus, auf denen die Linkspartei in den kommenden Wahlkämpfen besonders punkten will? Die hohen Mieten in urbanen Lagen sind zwar ein internationales Phänomen, man wird aber nicht über die UN oder die EU hier zu Lösungen finden, sondern über die Bundes- und Länderpolitik. Das Mietrecht ist ein nationalstaatliches Gesetz und gemeinnütziger Wohnungsbau ist ein nationalstaatliches Thema. Und wie sieht es mit dem Pflegenotstand aus, der von der Linken – vollkommen zu Recht – zum neuen Kernthema auserkoren wurde? Die Schaffung neuer Stellen im Pflegebereich, die Einführung verbindlicher Personalschlüssel oder die Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Kranken- und Altenpfleger sind doch keine Themen, die die Linke „internationalistisch“ lösen will.

Auf der anderen Seite gibt es selbstverständlich auch Themen, die man nur auf internationaler Ebene lösen kann. Die Klimapolitik und die Friedenspolitik sind da gute Beispiele. Aber auch hierbei sind internationale Abkommen doch nur ein Teil der Aufgaben. Ansonsten müsste sich die Linke keine Gedanken mehr darum machen, wie man konkret aus der Kohle aussteigt oder eine Abrüstungspolitik anstrebt. Denn all dies ist nationalstaatliche Politik, die sich in diesem Fall freilich an internationalen Vorgaben orientiert. Die künstliche Trennung von Nationalstaat und internationaler Politik ist nicht zielführend. Auf allen Ebenen werden Teile der Politik umgesetzt, auf allen Ebenen muss man daher auch progressive Forderungen stellen. Das ist doch keine Frage des „Entweder-Oder“. Und vor allem: Wer den faktisch vorhandenen nationalstaatlichen Rahmen ohne Not ausblendet oder als „rückwärtsgewandt“ wegwischt, der beschneidet sich doch letztlich ebenfalls ohne Not um seine Handlungsmöglichkeiten.

Gregor Gysi behauptet nun, dass „die soziale Frage durch die Globalisierung zu einer Menschheitsfrage geworden“ sei. Das ist freilich ziemlicher Unsinn. Die soziale Frage war schon immer eine Menschheitsfrage. Das hat doch nichts mit der Globalisierung zu tun. Die Antworten auf die „soziale Frage“ wurden und werden jedoch zuallererst auf nationalstaatlicher Ebene gegeben. In einigen Ländern, wie zum Beispiel den skandinavischen, klappt dies – auch und vor allem dank guter sozialdemokratischer und linker Politik – eher gut, in anderen Ländern, wie zum Beispiel Großbritannien und seit einigen Jahren auch Deutschland, klappt dies – auch und vor allem dank schlechter sozialdemokratischer und linker Politik – eher schlecht.

Auch hier gibt es aber doch eigentlich gar keinen Widerspruch zwischen nationalstaatlicher und internationaler Regulationsebene. Die meisten Teilbereiche und Gesetze, die man zur „sozialen Frage“ zusammenfassen kann, sind nationalstaatliche Gesetze, die von nationalen Parteien in nationalen Parlamenten beschlossen und von nationalen Regierungen umgesetzt werden. Übergeordnete Regulationsmechanismen werden in internationalen Gremien und Parlamenten beschlossen. Aber man sollte doch bitte nun nicht so tun, als habe das Europaparlament mehr Entscheidungsmacht in sozialen Bereichen als der Bundestag.

Zentraler noch ist hierbei die Problematik, dass die EU in ihrer realexistierenden Form äußerst undemokratisch ist und vor allem die politische Linke auf EU-Ebene kaum etwas umsetzen kann. Aber das weiß Gysi, der in Leipzig stolz als „Präsident der Europäischen Linken“ vorgestellt wurde, ja selbst nur all zu genau. Diese „Europäische Linke“, der er vorsteht, besteht außer der deutschen Linkspartei doch nur noch aus der griechischen Syriza, die artig exekutiert, was aus Brüssel vorgegeben wird, und einigen Kleinstparteien. Die starken neuen linken Strömungen, wie Podemos in Spanien, La France insoumise in Frankreich, die Fünf Sterne aus Italien oder Jeremy Corbyns Labour Party aus Großbritannien werden doch allesamt gar nicht von Gregor Gysi auf europäischer Ebene vertreten. Bei ihm heißt es dann: Es gäbe eine „Spaltung in jene, die vornehmlich nationale und jene, die vornehmlich internationale Antworten suchen“. Ja, die neuen starken linken Parteien und die namhaften internationalen linken Politiker der Gegenwart haben in der Tat sehr unterschiedliche Positionen in dieser Frage. Jeremy Corbyn, Jean-Luc Mélenchon, aber auch Bernie Sanders vertreten hier explizit nicht die Position eines Gregor Gysi – sondern eher die Position von Gysis parteiinternen Gegnern Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht.

„Kann man überhaupt von Chancengleichheit sprechen, wenn sie nur in einem Land gilt?“, fragte Gregor Gysi in seiner Leipziger Rede und dies ist nur ein Beispiel der seltsamen Rabulistik, die dem geübten Rhetoriker natürlich nicht fremd ist. Die Antwort wäre: Es kommt auf den Bezugsrahmen an. Aber auch das hilft nicht weiter. Politisch viel interessanter wäre daher doch die Frage: Kann man die Chancengleichheit in verschiedenen Ländern eher dann verbessern, wenn man koordiniert in jedem dieser Länder auf nationaler Ebene tätig wird und das Ganze über internationale Regelwerke flankiert oder sollte man sich lieber auf die internationale Ebene beschränken, da der Nationalstaat ja in Zeiten der Globalisierung ein Auslaufmodell sei? Die Antwort sollte nicht allzu schwer sein.

Gysi macht es sich viel zu leicht, wenn er sagt, der „Internationalismus“ sei eine „zwingende Voraussetzung für die soziale Frage und Chancengleichheit“. Denn wenn eine vor allem national vertretene Partei ihre Optionen auf eine höhere Ebene verschiebt, auf der sie aber überhaupt keine Handlungsmöglichkeiten hat, ist dies ein Betrug an ihren Wählern. Gysis „Europäische Linke“ stellt zurzeit 21 der 751 Abgeordneten des Europaparlaments. Der Einfluss auf parlamentarischer Ebene ist damit marginal, der Einfluss auf EU-Kommissionsebene ist sogar de facto überhaupt nicht vorhanden und daran wird sich auch auf absehbare Zeit nichts ändern. Wer also Politik auf einer internationalen Ebene betreiben will, auf der er selbst fast überhaupt nicht präsent ist, betreibt Augenwischerei und verweigert sich dem Wählerauftrag. Mehr noch: Wer seinen Wählern sagt, dass die Lösungen für die anstehenden Probleme nur auf einer Ebene zu lösen seien, auf der man selbst gar keinen Einfluss hat, der zieht sich aus der Realpolitik zurück. Politiker – gleich welcher Partei – werden aber nicht gewählt, um schöngeistige Phantomdebatten zu führen, sondern um ihre Wähler und deren Interessen aktiv zu vertreten. Warum sollte man dann aber jemanden wählen, der mit dem Amt gar nichts anfangen kann?

Es ist daher auch fraglich, ob Gregor Gysi seine oberflächliche inhaltliche Analyse überhaupt ernst meint. Wahrscheinlicher ist, dass er sich in Leipzig schlicht innerparteilich positionieren wollte und zugunsten von Katja Kipping und Bernd Riexinger in den offenen Konflikt mit dem Flügel rund um Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht eingreifen wollte. Kipping vertritt schließlich schon längere Zeit die abstruse These, dass Sozialpolitik nicht mehr national, sondern nur noch international gelöst werden könne. Und auch in der unseligen „Migrationsdebatte“ argumentiert die Kipping-Fraktion ja, dass offene Grenzen für alle ja auch deshalb geboten seien, da Grenzen ein Element des überkommenen Nationalstaats seien.

Es wäre nicht das erste Mal, dass Gregor Gysi, der sich gerne als Übervater der Linken inszeniert, gänzlich profan und unter der Gürtellinie in einen Flügelkampf der Partei eingreift. 2012 nahm er auf dem Göttinger Parteitag in infamer Art und Weise Oskar Lafontaine ins Visier. Wir erinnern uns: In Göttingen wurden dann als „Kompromiss“ zwischen dem „Bartsch-Flügel“ und dem „Lafontaine-/Wagenknecht-Flügel“ der damals noch weitestgehend unbekannte Bernd Riexinger und die junge Katja Kipping als neues Führungsduo gewählt. Heute ist es Kipping selbst, die offen gegen Bartsch und Wagenknecht intrigiert und abermals Schützenhilfe von Gysi bekommt. Zynisch könnte man sagen: Wenn sich die Partei durch derlei Intrigen selbst in Aus manövriert, muss sie sich zumindest keine Gedanken mehr machen, ob sie ihre Inhalte national oder international nicht mehr durchsetzen kann. Denn beides geht nur dann, wenn man die Menschen überzeugt und gewählt wird.





Montag, 11. Juni 2018

WER SCHWEIGT VERLIERT - neue Bücher


Der Mensch schreit nach Widerstand gegen das Schweigen. Hiermit zur Orientierung drei Bücher, kürzlich von Harry Popow veröffentlicht:


WIR SONNENKINDER“, Der wahre Reichtum, Rezension von Lotti M. zu „WIR SONNENKINDER“

Die Verzauberung, Leseprobe aus „WIR SONNENKINDER“

STICH-PROBEN, alle bisher über 80 veröffentlichten Buchrezensionen:

DIE CLEO-IKONE, Taschenbuch,


Hier die Meinung eines Users zu „Die Verzauberung“
Ich fand`s bis dato beim Spontanbesuch in Museen bei bestimmten Werken irgendwie schade, nicht auf Knopfdruck an der Gedankenwelt des betreffenden Malers bei deren Entstehung teilhaben zu können. Und bin daher begeistert - sowohl vom Bild, das mich in Stil, Farbgebung und Symbolik ohne Umschweife ungemein anspricht - als auch vom informativen Begleittext, welcher mit (zum Unterschied zu mir ) überwiegend kurzen Sätzen so ziemlich alles vermittelt, was ein interessiert Betrachter auf die Schnelle wissen möchte. Und wegen dem nun dank dieses Beitrages vorhanden Background natürlich s Verlangen weckt, beizeiten intensiver in besagtem Buch zu stöbern ... herzlichen Dank für die vorzüglich gelungene Kostprobe. R.

Donnerstag, 7. Juni 2018

Weltkrieg verhindern



Aus: Ausgabe vom 08.06.2018, Seite 1/ Titel

Weltkrieg verhindern



Der russische Präsident im traditionellen Call-in-Marathon mit Bürgerfragen. Zurückhaltung bei antirussischen Sanktionen


Von Reinhard Lauterbach

In Russland hat am Donnerstag zum 16. Mal die traditionelle Bürgerfragestunde »Direkter Draht zu Wladimir Putin« stattgefunden. Vier Stunden lang übertrugen die größten Fernsehsender des Landes die Veranstaltung. Rund zwei Millionen Bürger hatten per E-Mail oder Videoschaltung Fragen an den Präsidenten eingesandt, weitere Beiträge gingen während der Sendung ein.

In seinem Eingangsstatement antwortete Putin auf die Frage aus einer früheren Sendung, ob Russland eher im »weißen«, »schwarzen« oder »grauen« Bereich liege. Selbst in der Arktis gebe es »graue Einsprengsel«, so der russische Präsident, aber alles in allem sei das Land »auf dem absolut richtigen Weg«. Als Beleg nannte er positive makroökonomische Daten: Die Inflation sei auf einem historischen Tiefststand, die Auslandsverschuldung gering, das Wirtschaftswachstum sei bescheiden, aber immerhin gebe es ein Plus.

Zu den antirussischen Sanktionen äußerte sich Putin zurückhaltend. Sie würden erst aufgehoben, wenn der Westen selbst verstanden habe, dass sie kontraproduktiv seien. Bis dahin müsse das Land sich in Geduld üben. Auch als in einer Einsendung Sanktionen gegen Lettland verlangt wurden, weil der baltische Staat eine antirussische Sprachpolitik betreibe, riet der Präsident zur Mäßigung: Lettland werde sich irgendwann dieser Benachteiligung eines Teils seiner Einwohner »schämen«. Hauptaufgabe sei es weiterhin, den dritten Weltkrieg zu verhindern.

Auch die hohen Benzinpreise, das aktuelle Aufregerthema in Russland, wurden angesprochen. Der unmittelbar verantwortliche Energieminister wurde zugeschaltet und erklärte, die Preise seien seit Ende Mai immerhin nicht mehr gestiegen. Das Problem sei kompliziert. Die Bürger seien zwar daran interessiert, dass die Benzinpreise niedrig blieben, aber die »Neftjaniki« – also die Ölarbeiter – müssten ja auch leben.

Auf die Beschwerde eines Schriftstellers, der Extremismusbegriff werde in Russland so extensiv ausgelegt, dass selbst der Freigeist Alexander Puschkin darunter gefallen wäre, sicherte Putin zu, niemand wolle in Russland Bücher verbrennen. Ebenso sei nicht geplant, Internetdienste und -plattformen zu verbieten. Verbote seien »der einfachste Weg«, um Probleme zu lösen, aber nicht der beste.

Bei Fragen aus Russlands Fernem Osten intervenierte der russische Präsident persönlich. Unter anderem bei der Frage, warum die Flugtickets so teuer seien. Putin sagte, er habe bereits angeordnet, diese Langstreckenverbindungen von der Mehrwertsteuer zu befreien. Oder warum Familien erst ab vier Kindern kostenloses Land bekämen. Das fragte eine Mutter dreier Kinder aus Sibirien. Er gebe zu, das sei ein wenig ungerecht, so Putin, und reichte die Frage an den Omsker Gouverneur weiter. Der sagte zu, die Frau zu empfangen. Das wird ihr wahrscheinlich an den Vorschriften vorbei doch ein Stück Land verschaffen, verstärkt aber letztlich eben das Gemisch aus Ad-hoc-Entscheidungen bei gleichzeitiger Rechtsunsicherheit, dem Putin vorne auf der Bühne den Kampf ansagte.

Bekannt wurde dabei auch, dass die Verteilung je eines Hektars staatlichen Landes an Ansiedlungswillige im Osten Russlands nicht richtig funktioniert: Teils würden Grundstücke ohne Anbindung an die Infrastruktur vergeben, teils zu kleine, teils solche in Naturschutzgebieten. Putin kündigte eine Prüfung an, ob nicht regionale Beamte sich das beste Land vorab angeeignet hätten.

Die Übertragung dauerte bei Redaktionsschluss noch an.





Mittwoch, 6. Juni 2018

DIE CLEO-IKONE, Leseprobe


DIE CLEO-IKONE

Leseprobe

Gefrierende Träume oder

Guten Morgen, Du Schöne

Über dem Regenbogen. Ein zartes Lied. Melodisch. Gedankenreich. Eines, das unter die Haut geht. Frühlingstag. Sonne. Balkon. Das Grün. Die Wärme. Sie – Tränen in den Augen. Bald kommt der ewige Abschied. Er nimmt sie in seine Arme. Sie tanzen im Wohnzimmer. Nach dem Frühstück. Ihr Kopf liegt fest an seiner Schulter. Er streicht ihr leicht mit den Fingern hinter den Ohren. Ganz fest halten sie sich. Das Schöne und Liebe ist bei beiden zu Hause. Über ihnen der vielfarbige Regenbogen. Seit über einem halben Jahrhundert.




Auf dem Balkon. Beide blicken in die vor ihnen gelegenen Gärten und Parkanlagen. Sie erfreuen sich an den roten Blüten des Oleander, den sie neu gepflanzt haben und die im morgendlichen Sonnenlicht glänzen. Über den Gärten, im Wald in der Nähe, den unter Linden und Eichen hervorlugenden Einfamilienhäuschen – da liegt eine unglaubliche sonntägliche Stille. Nur eine Amsel, vielleicht auch eine Lerche, sie zwitschern drauflos. Und viermal rufen die Tauben. Es duftet nach frischem Grün. Im Unterholz flitzen Füchse mit ihren Jungen.

Wärme menschlicher Nähe. Tiefes Durchatmen. Frei sein. Im Alter. Die verrinnende Zeit. Kostbar, je älter du bist. Wie lange noch? An jedem Tag dieses Glücksgefühl. Ausnahmslos. Liebe! Aus dem tiefsten Innern. Man liebt nur einmal – dann aber richtig. Zärtlichkeit. Auch nach 60 Jahren.

Empfindet man etwas Schönes, liest man Geistvolles, erfährt man menschliche Wärme – muss man sich da vor innerer Freude zurückhalten? Ist es nicht im gleichen Atemzug genauso mit dem Zorn, dem Zweifel. Wie könnte man jeglichem Angriff auf´s Menschliche widerstehen, ohne im Herzen die Liebe zu spüren, die Kraft, die in einem ist? Die ins Umfeld wirkt – in eine weltweite Ungewissheit, die seit dem geschichtlichen Rückfall jegliche Erinnerung im Keime zu ersticken sucht, die neue Zukunftsträume zu Eis gefrieren lässt? Was gehört dazu, mutig zu protestieren, Widerstand zu leisten? Trillerpfeifen? Spruchbänder? Lichterketten? Teilnahme an Demonstrationen? Sich mit Gleichgesinnten zusammenschließen? Jeder muss tun, was er kann.

Harry Popow: DIE CLEO-IKONE, Texte: © Copyright by Harry Popow, Umschlaggestaltung: © Copyright by Harry Popow, Verlag: epubli, Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Erscheinungsdatum: 06.06.2018, ISBN: 9783746730790, Format: DIN A5 hoch, Seiten: 224, Preis: 19,99 Euro,,




Sonntag, 3. Juni 2018

Abrüsten statt aufrüsten - Arnold Schölzel



Abrüsten statt aufrüsten!

Im 20. Jahrhundert begann das imperialistische Deutschland zwei Kriege gegen Rußland bzw. die Sowjetunion, die zu Weltkriegen führten. Im 21. Jahrhundert hat die jetzt Bundesrepublik Deutschland heißende imperialistische Macht zusammen mit den USA und anderen Verbündeten einen militärischen Aufmarsch gegen Rußland begonnen. Das Land soll erneut zu hohen Rüstungsausgaben gezwungen werden, Sanktionen sollen es schwächen, subversive Aktionen häufen sich. Die NATO ist 2016 mit den Warschauer Beschlüssen auch formal wieder zur Politik der Stärke und der atomaren Abschreckung zurückgekehrt. Der US-Raketenabwehrschirm in Europa wird in diesem Jahr mit der Stationierung entsprechender Systeme im polnischen Redzikowo vollendet.

Und die deutsche Bevölkerung? Oft wird auch unter Kommunisten und Sozialisten beklagt, daß die Friedensbewegung schwach sei. Ist das die Realität? Jedenfalls nicht die ganze. Richtig ist vielmehr: Das Ergebnis des jahrelangen neuen propagandistischen Trommelfeuers gegen Rußland, das den NATO-Aufmarsch in Osteuropa, die Sanktionen und Geheimdienstaktionen begleitet, ist sehr bescheiden. Ein Musterfall ist das Verpuffen der Hysterie, die westliche Politiker und Medien im Fall Skripal nach dem angeblichen Ausbringen eines Nervengifts am 4. März im britischen Salisbury erzeugen wollten. Das Meinungsforschungsinstitut Forsa berichtete am 19. März, es habe ermittelt, daß 91 Prozent der Befragten in der Bundesrepublik keine Angst vor Rußland haben, in der Altersgruppe der 18- bis 29jährigen seien es sogar 98 Prozent. Forsa Chef Manfred Güllner erklärte, daran habe der Ukraine-Konflikt nichts geändert. Etwa 74 Prozent sind zwar der Meinung, daß die deutsch-russischen Beziehungen in einem schlechten Zustand sind. Noch etwas mehr, nämlich 76 Prozent, finden aber, daß auch die Beziehungen zu den USA „weniger gut oder schlecht“ sind. 2010 meinten noch 81 Prozent, diese seien gut. Sie geben Donald Trump für ihre Meinungsänderung die Schuld.

Und die Friedensbewegung? Ja, sie bringt gegenwärtig nicht Hunderttausende auf die Straße, solche Zahlen waren schon immer eine Ausnahme. An den Ostermärschen dieses Jahres beteiligten sich jedoch Zehntausende, erheblich mehr als im vergangenen Jahr, aber immer noch viel zu wenige. Wer in Berlin am Ostersonnabend bei naßkaltem Wetter erlebte, welch beachtliche Zahl von Menschen sich durch Moabit bewegte, wer sah, wie sie die Polizeischikanen gelassen und fröhlich ertrugen, wer die große Rede des katholischen Theologen Eugen Drewermann gehört hat, der wird immer noch einräumen, daß es mehr Demonstranten geben muß. Aber zu sagen, bei der Friedensbewegung passiere nichts, ist falsch und bedient bewußt oder unbewußt diejenigen, die an Aufrüstung gegen Rußland, an dessen Einkreisung und auch an einem Krieg Interesse haben.

Deren Beauftragte in den Redaktionen haben es jedenfalls nicht geschafft, in der Mehrheit der Bevölkerung so etwas wie eine Kriegsstimmung zu erzeugen. Das Gegenteil ist der Fall. Das ist ein gewaltiger Unterschied zu dem, was sich am 1. August 1914 vor dem Berliner Schloß zutrug. Wenig später waren Postkarten mit Aufschriften wie „Jeder Schuß ein Ruß, jeder Stoß ein Franzos, jeder Tritt ein Britt, jeder Klaps ein Japs“ zu haben, und die deutsche Professorenschaft faselte fast geschlossen von einem „Verteidigungskrieg“.

Es ist allerdings kein so großer Unterschied zu 1939. Damals bedurfte es einer gigantischen antipolnischen Lügenproduktion und des Täuschungsmanövers mit dem Sender Gleiwitz, um die Bevölkerung auf Krieg einzustimmen. Den Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 begleiteten bereits sehr viele mit Unbehagen.

Der Westen bietet heute wieder Aufrüstung, Sanktionen, Subversion und Propaganda gegen Rußland auf. Ein „Gleiwitz“ oder eine militärische Konfrontation sind jederzeit möglich. Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung konnte bisher für ein neues Abenteuer imperialistischen Größenwahns nicht gewonnen werden. Gewollt ist daher Abstumpfung. Helfen wir in der Friedensbewegung mit, das zu verhindern. Unterstützen wir den Aufruf „Abrüsten statt aufrüsten“! Arnold Schölzel