Montag, 5. März 2018

Mit Marx: Wider der ENTPOLITISIERUNG



»Die Linke trägt bei zur Entpolitisierung«


Die von Marx geforderte umfassende Kritik der Verhältnisse steht immer noch aus. Ein Gespräch mit Klaus-Jürgen Bruder


Interview: Christa Schaffmann

Die »Neue Gesellschaft für Psychologie«, NGfP, hat ihrem diesjährigen Kongress im März den Titel »Paralyse der Kritik: Eine Gesellschaft ohne Opposition« gegeben. Ist die Wahl dieses von Marcuse stammenden Zitats eine bewusste Provokation aller, die sich selbst als Opposition bezeichnen würden – angefangen von der Partei Die Linke bis zu den Demonstranten beim G-20-Gipfel?

Der Titel geht vom Erleben des gegenwärtigen Zustands der Stagnation aus. Die Politik wird durch keine Opposition auch nur im geringsten gestört, behindert oder gar in eine etwas andere Richtung gedrängt. Dieser Zustand ist für jeden, der außerhalb dieser Zirkel steht, eine Beleidigung. »Paralyse der Kritik« diagnostiziert denselben Zustand mit Blick auf die theoretische Diskussion. Auch bei größter Anstrengung einzelner kritischer Geister und sich politisch engagierender Gruppen verlaufen ihre Aktionen des kritischen Gehalts entleert. Es geht mir also keineswegs darum, das ernsthafte Bemühen derer, die dieses als oppositionelles verstehen, zu schmähen.

Sie sehen in der Partei Die Linke nicht die Opposition, die dieses Land braucht?

Eine solche Frage verleitet zu unsolidarischen Antworten. Opposition will sie sein, ist sie aber nicht. Sie ist parlamentarisch kastriert, »Opposition Ihrer Majestät«. Die Linkspartei ist mehr Ausdruck des gegenwärtigen Zustands der politischen Verhältnisse als deren Spiegel.

Wie beurteilen Sie das Potential inner- und außerhalb der Linken?

Es gibt oppositionelles Bewusstsein innerhalb und außerhalb der Linken. Aber eine Partei in der Regierung – wie in Berlin – ist von der selbstgewählten Arbeitsplatzbeschreibung her keine Opposition. Es kann oppositionelle Aktionen nur außerhalb einer Regierungspartei geben, und da gibt es einiges. Denken Sie an die Hausbesetzungen in Berlin oder die Aktion in der Berliner Volksbühne, als engagierte Kunststudenten das Theater besetzten. Aber in solchen Situationen tritt die Linkspartei als Ordnungskraft auf. Damit signalisiert sie: »Bei der Linkspartei ist Opposition nicht gut aufgehoben. Wenn wir uns zur Wehr setzen, bekommen wir von denen eher eins aufs Dach.« So trägt sie zur Entpolitisierung bei.

Sie meinen, sie dämpft oder fesselt gar, wo es eigentlich darum ginge, die Akteure aus ihrer Hilf- und Ratlosigkeit zu befreien?

Ja, sie ergreift nicht einmal die wenigen Chancen, bei denen aus lokaler Unbotmäßigkeit ein Funke überspringen könnte. 1967 in Berlin oder später im Mai 1968 ist aus einem nicht vorhersehbaren Anlass ein gewaltiges »Nein« zu den herrschenden Verhältnissen geworden. Wenn das wieder geschehen soll, müssen progressive Kräfte sensibel dafür sein, wann und wo es unerlässlich ist, Protest zu ermutigen, zu begleiten und – nicht nur verbal – zu unterstützen. Aus vielen solchen Aktionen können Synergieeffekte entstehen; im Idealfall wird aus vielen Gruppen und ihrem Widerstand eine gemeinsame große Opposition.

Müssen also alle, die eine Veränderung der Verhältnisse wollen, auf unvorhersehbare Anlässe warten und dann auf den Zug aufspringen?

»Warten« ist ebenso ermüdend wie Hyperventilation, und »auf den Zug aufspringen« ist immer noch besser, als den Zug abfahren zu lassen, ohne aufgesprungen zu sein. Aber wir befinden uns ja in der Zeit vor der Einfahrt des Zuges. Und da gibt es genug »zu tun«. Von Marx haben wir da einen immer noch aktuellen Hinweis: In seiner »Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie« von 1844, wo er von dem »kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen« spricht, nennt er als Voraussetzung die »Kritik aller Verhältnisse, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist«. Diese Aufgabe ist noch lange nicht erledigt, solange die Verhältnisse so sind. Unser Kongress will dazu etwas beitragen.