Mittwoch, 11. November 2015

Wider den Wahnsinn

NRhZ_Eroberung

„Die Eroberung Europas durch die USA. Zur Krise in der Ukraine“ - Wolfgang Bittner

Wortfeuer wider den Wahnsinn

Buchtipp von Harry Popow

Das politische und vor allem gesellschaftskritische polemisch geschriebene Sachbuch „Die Eroberung Europas durch die USA“, Autor Wolfgang Bittner, Oktober 2014 veröffentlicht, mag einigen Lesern noch in guter Erinnerung sein, und schon ist eine Neuauflage mit einem Nachtrag seit November 2015 auf dem Markt. Überarbeitet und erweitert von etwa 146 auf 191 Seiten. Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Es geht um eine erhebliche Nachladung in der Wortschlacht um die Zurückdrängung von Kriegsgelüsten durch die USA und deren Gefolgschaften, u.a. die Krise in der Ukraine betreffend. 

Stellte der Autor in der Erstauflage auf Seite 91 fest, es werde weiter an der Eskalationsschraube gedreht, so hält er am Anfang des Nachtrages resignierend fest, Kritiker der Aggressionen der westlichen Allianz gegen Russland, der Spionagetätigkeit der NSA, der Lügen von Politikern und ihrer hörigen Medien können schreiben, was sie wollen (so zum Beispiel Edward Snowden) - „es hat kaum Auswirkungen“ (S. 143). Ganz im Gegenteil: Alles bleibe, wie es war: Verschleierung, Lügen, Hetze, Provokationen, Kriegsgefahr, regionale Krisen und Kriege. „Das Vorrücken der von den USA dominierten NATO bis unmittelbar an die Grenzen Russlands hat zu einer Rüstungsspirale und permanenten Kriegsgefahr für Europa geführt“, resümiert der Autor auf Seite 183. Gründe genug, um entlarvende Polemik mit weiteren und aktuellen Fakten aufzuladen.

Der Nachtrag unterteilt sich inhaltlich in sieben Abschnitte. Eingangs führt Wolfgang Bittner Aussagen Brzezinskis, Kissingers oder George Friedmanns ins Feld, die belegen: Die Ukraine-Krise wurde durch die USA und die EU inszeniert, „um weiterhin gegen Russland vorgehen zu können“. Das Hauptinteresse der USA sei, ein Bündnis zwischen Deutschland und Russland zu verhindern. Die westliche Allianz wolle, so die Strategie, Russland als Machtfaktor in der internationalen Politik ausschalten, ruinieren und Osteuropa einschließlich  Russland den westlichen Kapitalinteressen aufschließen und den imperialen Zielen der USA unterordnen. In diesem Zusammenhang wendet er sich gegen den Täuschungsbegriff Antiamerikanismus, der „ein vom CIA geprägter Kampfbegriff“ sei. (S. 146)

Interessant sind meiner Ansicht nach die inhaltlich sehr unterschiedlichen Reden von Putin (siehe Waldai-Konferenz am 24.10.2014) und Obama (24.09.2014), die der Autor miteinander vergleicht und feststellt, während Putin zur humanitären Zusammenarbeit vom Atlantik bis zum Stillen Ozean aufruft, behauptete Obama, „Russland stelle die Ordnung der Nachkriegszeit infrage, während für die USA Recht vor Macht gehe...“ Man werde Russland die Kosten für sein aggressives Vorgehen aufbürden und Lügen die Wahrheit entgegensetzen. (S 151) In einer Rede vor der US-Militärakademie behauptete er selbstherrlich: „Von Europa bis Asien sind wir der Dreh- und Angelpunkt aller Allianzen...“

Die größtenteils Falsch- und Lügenmeldungen der bürgerlichen „Qualitätsmedien“ über den Ukraine-Konflikt ins Visier nehmend, stellt der Autor die Frage, was mit dieser extensiven Feindpropaganda bezweckt wird. Soll die deutsche Bevölkerung wirklich auf einen ´großen Krieg´ in Europa vorbereitet werden? (S. 157) Auf die Krim eingehend, verweist der Autor auf den gravierenden Unterschied zwischen Annexion und Sezession (lt. Internet - Loslösung einzelner Landesteile aus einem bestehenden Staat mit dem Ziel, einen neuen souveränen Staat zu bilden oder sich einem anderen Staat anzuschließen). Den Medien kreidet er weiter an, dass es an einer Aufklärung über die tatsächlichen Verhältnisse in der Westukraine fehlt, über Rechtsextremismus, Korruption und Mord. Außerdem: „Das Taktieren um die Kontrolle des Landwirtschaftssektors ist ein ausschlaggebender Faktor im größten Ost-West-Konflikt seit dem Kalten Krieg...“ (S. 165)

Unter der Zwischenüberschrift „Kriegsvorbereitungen“ wird nicht nur der berüchtigte Satz des Staatspräsidenten Petro Poroschenko vom 20. Mai 2015 erwähnt, man sei in einem Krieg mit Russland, sondern auch die des polnischen Verteidigungsministers, die Periode des Friedens in Europa sei Vergangenheit. (S. 166) Im Juli 2015 habe der US-General Joseph Dunford bei einer Anhörung im US-Kongress gewarnt, Putin sei die größte Bedrohung für die USA. Inzwischen schließen NATO-Strategen, so Wolfgang Bittner, „begrenzte taktische Atomschläge“ mit Russland nicht mehr aus. Unterwürfig freut sich da die deutsche Verteidigungsministerin, am Aufbau eines multinationalen Landstreitkräftekontingents von 5.000 Soldaten unter deutscher Führung beteiligt zu sein. (S. 175)

Und wie steht es mit Russland? Keinen Zweifel lässt der Autor daran, dass Russland seit Beginn des Ukraine-Konflikts ebenfalls aufrüstet, allerdings defensiv. (S. 173) Auf Seite 169 vermerkt er, dass der russische Präsident im Juni 2015 bekanntgab, dass aufgrund der Bedrohung durch die NATO „das Arsenal an Interkontinentalraketen, die mit Atomsprengköpfen bewaffnet werden können, aufgestockt“ werde. Auf Seite 174 findet der Leser überdies Angaben über fest installierte und mobile Interkontinentalraketen mit einer Reichweite von 11.000 Kilometern. Die sogenannten Topol-M-Raketen würden als Gegenstück zum amerikanischen Raketenabwehrschild gelten.

(Hierbei sei auf den aufschlussreichen Beitrag von Rainer Rupp in der „jungen Welt“ vom 20.10.2015 unter der Überschrift „Geostrategische Umwälzung. Russlands Intervention gegen den ´Islamischen Staat´ weist die USA in die Schranken“ aufmerksam gemacht. Link: https://www.jungewelt.de/2015/10-20/008.php?sstr=Rupp%7CGeostrategische%7CUmw%C3%A4lzung  )

Dick zu unterstreichen ist deshalb die Meinung des Autors, wenn kein Politikwechsel erfolge, wird Westeuropa zum absoluten Einflussgebiet der USA, vor allem auch deshalb, wenn TTIP nicht ausgebremst wird. Die Spaltung Europas von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer, das sich erneut „in einem Kalten Krieg mit Russland befindet, ist eine Jahrhunderttragödie“. (S. 184) Wie viele Wortgefechte, verbunden mit tatkräftiger Gegenwehr für die Zurückdrängung jeglichen Wahnsinns, sind noch nötig? (PK)


Wolfgang Bittner, geboren 1941 in Gleiwitz, lebt als Schriftsteller in Göttingen. Der promovierte Jurist war freier Mitarbeiter bei Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen. Er ist Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (1997-2001 im Bundesvorstand) und im PEN, erhielt mehrere Auszeichnungen und Preise und hat über 60 Bücher für Erwachsene, Jugendliche und Kinder veröffentlicht, darunter die Romane »Hellers allmähliche Heimkehr«, »Schattenriss oder Die Kur in Bad Schönenborn« und »Niemandsland« sowie das Sachbuch »Beruf: Schriftsteller« und hat gelegentlich auch für die NRhZ geschrieben.


Wolfgang Bittner: „Die Eroberung Europas durch die USA. Zur Krise in der Ukraine“, Taschenbuch: 192 Seiten, Westend-Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2015, Auflage: 1., Überarbeitete und aktualisierte Neuausgabe (9. November 2015), Sprache: Deutsch, ISBN-10: 3864891205, ISBN-13: 978-3864891205, 14,99 Euro.

Erstveröffentlichung dieser Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung.