Sonntag, 1. November 2015

1989 - Hannas Erinnerung

1989 - Hannas Erinnerung


Lieber Harry,

...Dein Buch habe ich noch nicht gelesen, es lag so viel Aktuelles an. Mal in einer ruhigen Stunde. Versprochen. Aber der kurze Lese-Ausschnitt ist sehr interessant.

Schon komisch: Ich bin auch erst am 12. Dezember nach Westberlin gegangen, um mir meine alte Heimat anzusehen. Hätte mein Sohn nicht mit dem Auto auf mich gewartet, ich wäre wohl erst Jahre später nach Westberlin gefahren.

Die Straße habe ich nicht wiedererkannt, unser Haus, das als eines von zweien in der ganzen Straße die Bombardements des Krieges überlebt hatte, stand nicht mehr.  Wäre nicht das Straßenschild gewesen, ich hätte nicht gewusst, dass ich mich in der Straße meiner Kindheit befand. Ich schick dir mal einen kurzen Ausschnitt aus meinen Erinnerungen, die sind aber noch nicht fertig.
Wie ich den Klassenfeind
um 100 D-Mark schädigte

Es war kühl, mein Sohn blieb im Auto sitzen. Am Nordhafen, hinten im Park, ein Stück Mauer, buntbemalt, ein paar Worte Türkisch. Hinter der Mauer wusste ich die Scharnhorststraße mit dem DDR-Regierungskrankenhaus. Zwei Welten, dazwischen die Mauer. Gern hätte ich meinem Sohn unser Haus gezeigt, damit er begriff, in welches Paradies wir kamen, als wir 1949 nach Köpenick zogen. Aber es stand nicht mehr, lauter Bürogebäude, vielleicht von Schering.
Ein Schleppkahn auf dem Wasser. Langsam ging ich am Ufer lang, und plötzlich fielen mir meine Spielkameraden ein, der Peter, der Wolfgang, der Ingo, die Marlies, ich erinnerte mich an Situationen, die ich lange vergessen glaubte. Schon komisch, dachte ich, man wird alt wie ein Kamel, und plötzlich ist man wieder Kind.

Mein Sohn redete auf mich ein: "Hol dir die 100 Piepen! Wenn du sie nicht haben willst, gib sie mir, ich hab genug Verwendungsmöglichkeiten." Nein, ich wollte sie wirklich nicht haben. Es war mir peinlich, ich war doch keine Bettlerin, und was sollte ich mit Westgeld?

Der große Raum im Bezirksamt war fast leer. Die Frau hinter der erhöhten Balustrade blickte in meinen DDR-Ausweis, sah mich dann prüfend von oben herab an: Hatte sie die da unten schon mal gesehen, die aus dem Osten holen sich die 100 Mark doch drei- und viermal. Sie schob mir das Geld zu. Mein Sohn, als er mein Zögern bemerkte, griff zu: "Hab dich nicht so!"

"Also, ich könnte Ketschup gebrauchen", sagte ich, "in der Kaufhalle habe ich Sonnabend keinen mehr gekriegt." Mein Sohn sagte: "Ich staune. Na, dann hol ihn dir doch, kriegst drei ganze Kisten für die 100 Mark."

Er hielt vor einer Buchhandlung. "Hier kannst du deine 100 Mark ausgeben, ich weiß, womit ich dich glücklich machen kann." Er lachte.

Ja, eine Buchhandlung. Nicht sehr gepflegt, menschenleer, aber ein wirklich großes Buchangebot. Mein Blick fiel auf einen Titel "Die Blechtrommel". Schön, die hatte ich in meiner Stammbuchhandlung am Tierpark als DDR-Ausgabe nicht gekriegt. Der Buchhändler steckte das Buch in eine Plastetüte und reichte sie mir, ich ihm den 100-Mark-Schein. Hinterher überlegte ich mir, das hätte peinlich werden können, wenn er vielleicht nicht genug Wechselgeld in der Kasse hatte, viele Käufer hatte er bestimmt nicht.

Am U-Bahnhof Reinickendorfer Straße stand noch der Bunker, zu dem meine Mutter mit mir bei Fliegerangriff gerannt war. Das letzte Mal im Februar 1945. Ich weiß noch, der Himmel war blutrot, und am Straßenrand lag rosa Schnee.

"Sieh mal, der Bunker, nicht gesprengt." Mein Sohn nickte gelangweilt. Um ihn aufzumuntern, reichte ich ihm die 90 Westmark: "Für Sprit und treue Dienste."
"Und nun fahr mich noch in die Pflugstraße, dort war meine Schule."

"Im Ostsektor?"

"Tja, du kennst eben die Geheimnisse deiner Mutter nicht. Völlig richtig, im Ostsektor."

Nein, eine Schule war das wohl nicht mehr, vielleicht ein Kindergarten.
Vor meinem inneren Auge sah ich noch den zerbombten Seitenflügel, der vor dem Krieg das Hauptgebäude der Schule war. Unterricht hatten wir im Keller des Vorderhauses. Das war  in meiner Erinnerung aus rauchgeschwärztem rotem Backstein gewesen. Ich staunte: Es war gelber Backstein.
...

Eindrücke ordnen während der Fahrt. Es gelang mir nicht, es musste sich alles erst setzen, ich hatte ein Gefühl, das mir nicht gefiel. Was, um Gottes willen, hatte mich nach Westberlin getrieben?

"Jetzt bin ich ein reicher Mann", unterbrach mein Sohn die Grübelei.

"Auf Kosten des Klassenfeinds." Ich gab ihm einen Stubs in den Rücken.
Vor uns die bekannte Straße Richtung Heimat.