Donnerstag, 26. Oktober 2017

Revolution mit Zukunft




Revolution mit Zukunft


Eine Konferenz in Berlin zu 100 Jahren Roter Oktober


Von Roman Stelzig  |    Ausgabe vom 27. Oktober 2017


Ge­lei­tet vom An­spruch, Wis­sen über Ge­schich­te als In­stru­ment zur Ge­stal­tung der Ge­gen­wart zu ge­brau­chen, ver­an­stal­te­ten die DKP, der Rot­fuchs För­der­ver­ein und die SDAJ am 21.10. im Kino Ba­by­lon in Ber­lin eine Kon­fe­renz zum Thema „100 Jahre Ok­to­ber­re­vo­lu­ti­on“ unter dem Motto: „Re­vo­lu­ti­on hat Zu­kunft“.


Und darin waren sich alle einig: Die Große So­zia­lis­ti­sche Ok­to­ber­re­vo­lu­ti­on ist nicht nur ein Er­eig­nis der Ge­schich­te, son­dern ein his­to­ri­scher Schritt in die Zu­kunft – ver­gleich­bar mit der Er­öff­nungs­sze­ne eines Schau­spiels, in dem die Masse der Aus­ge­beu­te­ten die Bühne als herr­schen­de Klas­se be­tritt, um alle öko­no­mi­schen, so­zia­len und po­li­ti­schen Ver­hält­nis­se um­zu­ge­stal­ten, und des­sen letz­ter Akt noch nicht vor­über ist. „In die­sem Sinne“, be­wahr­hei­tet sich das Ur­teil Rosa Lu­xem­burgs, „ge­hört die Zu­kunft über­all dem Bol­sche­wis­mus.“


Wel­che tra­gi­sche Rolle darin das Schei­tern der deut­schen Re­vo­lu­ti­on spiel­te, hob der His­to­ri­ker des Rot­fuchs För­der­ver­eins, Götz Dieck­mann, her­vor. Der mu­ti­ge Auf­bruch des rus­si­schen Pro­le­ta­ri­ats grün­de­te sich auf der Hoff­nung, dass die Ar­bei­ter Deutsch­lands ihm zu Hilfe kom­men wür­den. Dass das nicht ge­schah, be­ein­fluss­te nicht nur die Re­vo­lu­ti­on, son­dern die Ge­schich­te Eu­ro­pas, und Clara Zet­kin be­zeich­ne­te den Fa­schis­mus spä­ter als eine Stra­fe für das Aus­blei­ben der Re­vo­lu­ti­on in Deutsch­land. Bei­fall ern­te­te Götz Dieck­man für die Fest­stel­lung, dass deut­sche Kom­mu­nis­ten dem Ur­teil der Ge­schich­te nicht ehr­los aus­ge­setzt sind, wovon die Ja­nu­ar­kämp­fe 1919 oder der Ham­bur­ger Auf­stand zeu­gen.


Das Mit­glied des Äl­tes­ten­ra­tes der Par­tei „Die Linke“, Bruno Mahlow, ver­tei­dig­te die Be­deu­tung der Ok­to­ber­re­vo­lu­ti­on vor den An­grif­fen des An­ti­kom­mu­nis­mus. Ihre Leis­tun­gen müs­sen Linke wür­di­gen und ihren Ver­lauf nach ihren Her­aus­for­de­run­gen und Be­din­gun­gen be­ur­tei­len. Den Auf­bau des So­zia­lis­mus in der So­wjet­uni­on solle man ver­ste­hen als „Auf­bruch in ge­sell­schaft­li­ches Neu­land“, für den keine Kon­zep­te be­reit stan­den. Tra­gi­scher als Sta­lin sei der Zer­fall des So­zia­lis­mus. Auf ähn­li­che Weise stell­te der Autor Diet­mar Dath die Macht­fra­ge als Kern des Ur­teils über die Ok­to­ber­re­vo­lu­ti­on her­aus. Denn „So­zia­lis­mus ohne Macht macht nichts“. Seine Ge­schich­te habe be­wie­sen, dass sich die Herr­schaft des Ka­pi­ta­lis­mus und seine Nach­schub­we­ge nicht zer­bre­chen las­sen ohne po­li­ti­sche Ge­walt. Nicht nur als Er­geb­nis des Ers­ten Welt­krie­ges führe die Ok­to­ber­re­vo­lu­ti­on zu dem Grund­satz: Der Kampf für den Frie­den muss in den Kampf für den So­zia­lis­mus mün­den. Sonst bricht der Kampf für den Frie­den ab.


Pa­trik Kö­be­le, der Vor­sit­zen­de der DKP, stell­te die Rolle der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei für den Kampf um den So­zia­lis­mus her­aus. Sie sei Trä­ge­rin einer Welt­an­schau­ung, aus der sich eine po­li­ti­sche Stra­te­gie und Tak­tik ab­lei­tet, ohne die kein Bruch mit dem Ka­pi­ta­lis­mus mög­lich ist. Ohne es aus­zu­spre­chen, mach­te er Be­zü­ge zu ak­tu­el­len De­bat­ten deut­lich und legte we­sent­li­che Ge­dan­ken der an­ti­mo­no­po­lis­ti­schen Stra­te­gie der DKP in der Ge­gen­wart dar.


Eine Gruß­bot­schaft sen­de­te der In­ter­na­tio­na­le Se­kre­tär der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Ve­ne­zue­las, Ca­ro­lus Wim­mer, und ging darin auf die Si­tua­ti­on in sei­ner Hei­mat ein. Denn die Pro­ble­me der Stra­te­gie und Tak­tik, die 1917 auf­tauch­ten, ste­hen dort auf der Ta­ges­ord­nung, und ihre Fra­gen nach Macht und Re­vo­lu­ti­on sind noch nicht ge­löst. Über den Ver­lauf der 19. Welt­fest­spie­le der Ju­gend in Sot­schi be­rich­te­ten Ge­nos­sen der SDAJ mit einer Bild­prä­sen­ta­ti­on und spar­ten darin nicht an deut­li­chen Wor­ten, um die wi­der­sprüch­li­che Rolle des rus­si­schen Staa­tes als Ver­an­stal­ter kri­tisch zu be­nen­nen.


Kul­tu­rell be­glei­tet wurde die Kon­fe­renz von Ellen Scher­nikau mit einer Le­sung aus dem Werk ihres Soh­nes Ro­nald M. Scher­nikau, der Rot­fuchs-Sin­ge­grup­pe sowie Achim Bigus und Erich Schaff­ner, die mit einem ge­mein­sa­men Auf­tritt für eine Pre­mie­re sorg­ten. Nicht nur die ehe­ma­li­gen Mit­glie­der des Ber­li­ner En­sem­bles „Ni­ko­lai Ber­s­a­rin“ wur­den im Pu­bli­kum beim Sin­gen be­ob­ach­tet und sorg­ten für eine frohe Stim­mung im Saal.


Auf einer Po­di­ums­dis­kus­si­on de­bat­tier­ten Ellen Brom­ba­cher von der Kom­mu­nis­ti­schen Platt­form der Par­tei Die Linke, Wolf­gang Dock­horn vom Rot­fuchs För­der­ver­ein, Flo­ri­an Hain­rich, Bun­des­ge­schäfts­füh­rung der SDAJ, Tors­ten Schö­witz, der Vor­sit­zen­de der KPD, Pa­trik Kö­be­le und Bruno Mahlow unter der Mo­dera­ti­on von Ste­fan Huth, Chef­re­dak­teur der „jun­gen Welt“, Fra­gen der ak­tu­el­len Po­li­tik und Bünd­nis­ar­beit. Der Wunsch nach ge­mein­sa­mem po­li­ti­schen Han­deln kam darin ge­nau­so zum Aus­druck wie Un­ter­schie­de in der Sicht auf­ein­an­der und der Wahr­neh­mung der po­li­ti­schen Rol­len ver­schie­de­ner Ak­teu­re.


Be­denkt man die schwe­ren Be­din­gun­gen und ge­rin­gen Kräf­te, unter denen der Ok­to­ber­re­vo­lu­ti­on an ihrem 100. Jah­res­tag ge­dacht wurde, ist die Kon­fe­renz, der un­ge­fähr 500 Gäste bei­wohn­ten, als gro­ßer Er­folg zu sehen, der nur mög­lich war durch die auf­op­fe­rungs­vol­le Ar­beit vie­ler Ge­nos­sen. Auch wenn sich kri­tisch be­mer­ken lässt, dass noch viele Wi­der­sprü­che und Pro­ble­me, die mit der Ge­schich­te der Gro­ßen So­zia­lis­ti­schen Ok­to­ber­re­vo­lu­ti­on ver­bun­den sind, nicht an­ge­spro­chen wor­den sind – in ihrer his­to­ri­schen Be­deu­tung, in der op­ti­mis­ti­schen Stim­mung aller Be­tei­lig­ten an der Kon­fe­renz und ihrem so­li­da­ri­schen Han­deln bei der Be­wäl­ti­gung prak­ti­scher Pro­ble­me liegt das Un­ter­pfand für die Zu­ver­sicht: „Wir sind das Bau­volk der kom­men­den Welt. Wir sind der Sä­mann, die Saat und das Feld. Wir sind die Schnit­ter der kom­men­den Mahd. Wir sind die Zu­kunft und wir sind die Tat.