Samstag, 28. Oktober 2017

Leseprobe aus "EISZEIT-BLÜTEN"

Leseprobe aus „EISZEIT-BLÜTEN“

Helle, dem Morgendämmern vorauseilende Lichtflecke huschten über das ebene Land.“

Worte voller Poesie! Sie schrieb Tschingis Aitmatow in seiner wunderschönen Novelle „Dshamila“. (Nachzulesen in „Tschingis AITMATOW“, Verlag Volk und Welt, Berlin 1974, S. 102.)

Eingefrorene Menschlichkeit

Ein früher Morgen. Wie andere auch. Wir treten auf den Balkon. Dieser Duft. Frisches frühlingshaftes Grün. Wie es glänzt im Sonnenlicht nach nächtlichem Regen. Ich sage: Guten Morgen, du Schöne. Was der Wahrheit entspricht. Zärtlichkeit. Auch nach 60 Jahren. Wärme menschlicher Nähe. Tiefes Durchatmen. Frei sein. Im Alter. Die verrinnende Zeit. Kostbar, je älter du bist. Wie lange noch? An jedem Tag dieses Glücksgefühl. Ausnahmslos. Liebe! Aus dem tiefsten Innern. Man liebt nur einmal – dann aber richtig.

Überhaupt: Empfindet man etwas Schönes, liest man Geistvolles, erfährt man menschliche Wärme – muss man sich da vor innerer Freude zurückhalten? Ist es nicht im gleichen Atemzug genauso mit dem Zorn, dem Zweifel. Wie könnte man jeglichem Angriff auf´s Menschliche widerstehen, ohne im Herzen die Liebe zu spüren, die Kraft, die in einem ist? Die ins Umfeld wirkt – in eine weltweite Ungewissheit, die seit dem geschichtlichen Rückfall jegliche Erinnerung im Keime zu ersticken sucht, die neue Zukunftsträume zu Eis gefrieren lässt? Was gehört dazu, mutig zu protestieren, Widerstand zu leisten? Trillerpfeifen? Spruchbänder? Lichterketten? Teilnahme an Demonstrationen? Sich mit Gleichgesinnten zusammenschließen? Jeder muss tun, was er kann.

Ein Morgen hat viele Gesichter. Die zum Aufstehen wegen des Geldverdienens gezwungen sind, können sich glücklich schätzen. Sie mühen sich so gut es geht, auch wenn sie sich fragen müssen „wie lange noch?“ Und was ihnen entgegenpoltert: Stete Ungewissheiten. Wirkliche Anerkennung? Würde? Man misst dich wegen deiner Konsumkraft, nicht wegen deiner moralischen und politischen Einstellung. Politik ist nicht gefragt, nur wählen darfst du, auch demonstrieren, aber bitte im Rahmen. Und versuche keine Fragen zu stellen. Die Antworten werden dich niemals befriedigen. Hauptsache, du passt dich an. Maskiere dich. Falle auf. Du als dein eigenes ICH. Kleidung. Äußeres. Halte mit oder du machst dich lächerlich.

Und da sind andere Gesichter, die man nicht gerne sieht: Traurige. Sie halten dir die Zeitung „Straßenfeger“ hin. Du gibst ihnen eine Kleinigkeit, das Gesicht hellt sich auf, denn die Zeitung lässt du de, bettelnden Geschöpf. Große Augen machten anfangs DDR-Bürger in diesem ganz anders „aufgestelltem“ Deutschland: Schlafende unter Brücken – Obdachlose. Aber es gibt ja die Tafel, hin und wieder... Schamröte steigt in dir auf ob dieser fassungslosen Ungerechtigkeit, diese Ohnmacht des Kapitalismus, Soziales in den Griff zu bekommen.

Jeder Morgen verspricht den nahenden Tag. Ist er nicht auch ein Synonym für´s Zukünftige? Die meisten Feinsinnigen trauen dem nicht, da wenig Aussicht auf ein menschliches Dasein bestehe, sie sind zufrieden mit dem was sie haben oder nicht haben, einige haben sich abgewöhnt, darüber nachzudenken. Lohne es sich überhaupt? Sei doch alles für die Katz. Gehe lieber in dich, ziehe dich in dein ICH zurück und lebe in den Tag und, so eine andere Stimme: „Die Armen sind selber Schuld.“ Außerdem: „Gott wird es schon richten“.

Richtig leben? Fehlt da nicht das Vertrauen in Beständigkeit? Einst hatte es Ansätze gegeben, beim Übergang vom Feudalismus zum Frühkapitalismus. Da war zunächst Zukunftsträchtiges zu erwarten. Was folgte waren letztendlich weltweite Massenmorde. Zuletzt gebändigt durch eine gänzlich neue Gesellschaftsformation, bei dem die Eigentümer der Produktionsmittel das Volk wurde, wenigsten in Teilen der Welt. Bis dies alles – besonders durch äußeren Druck und durch Negierung innerer Widersprüche aus „krankhafter Zurückhaltung vor Angriffen des Klassengegners“ – zusammenbrach. Und nun sind sie wieder von der Kette, die Verursacher, die an Rüstung und Kriegen mächtig verdienenden. Und jedermann politisch beschlagene weiß, wer gemeint ist. Es ist halt so: Die nicht durch Mahnungen zu bremsende Profitgier der einen bedingt den geistig-kulturellen und sozialen Niedergang der anderen.

Wie soll da Morgenstimmung aufkommen? Liebe. Frieden, der Ewige? Vergessen alles Vergangene? Als Blüten wirklich noch sprießten, weil die da unten frei waren, abgeschüttelt hatten, was Unmenschlichkeit im Namen der Menschlichkeit hieß. Winter adé ? So der Titel eines kritischen und hoffnungsvollen Dokumentarfilms von Helke Misselwitz im schon untergehenden Ländle mit den einst so blühenden und gutherzigen menschlichen Beziehungen? Zu spät! Zu spät! Zurück blieben verstörte und zum Teil verkrüppelte Seelen. Gefangen in marktbedingten Stricken - saure Gesichter oft, mittelfrohe Herzen, zum Teil hohle Köpfe, auch solche, die nie und erst recht nicht in der „neuen Zeit“ einen Arsch in der Hose hatten...

Doch da rauft sich Gegenwehr zusammen: Zu erinnern ist - um nur einige Beispiele zu nennen - an solche hervorragende aufklärerische Lektüre wie „No way out“ (Hrsg. Hermann L. Gremliza), „Euroland wird abgebrannt. Profiteure, Opfer, Alternativen“, (Lucas Zeise), „Wir sind der Staat“ (Daniela Dahn), „Lob des Kommunismus“ (Hrsg. Wolfgang Beutin, Hermann Klenner, Eckart Spoo), „Schwarzbuch Waffenhandel. Wie Deutschland am Krieg verdient“, (Jürgen Grässlin) oder Wolfgang Bittner mit „Die Eroberung Europas durch die USA“ in erweiterter Neuauflage. Widerstands- und Aufklärungsbemühungen auch von Vereinen, Organisationen, von außerparlamentarischen Aktionen, von Streiks, von Gewerkschaften... Und bei Parteien zwinkert manches linke Auge...

Warum sollte man die geistigen und politischen Blüten von Erfahrungen und Erkenntnissen für eine bessere Welt nicht aus der bürgerlichen Friedhofsruhe aufscheuchen, sie aus der Erde, aus der erstarrenden politischen Eiszeit wieder herauskratzen? Sie nicht bündeln? Für interessierte Leute. Für jene, die sich noch nicht – in Zeiten der politischen und kriegerischen Tumulte – satt zurücklehnen. Der Schrei nach „Etwas-Tun-Wollen“ ist - spätestens seit „Empört Euch!“ von Stéphane Hessel - zum Entsetzen der bürgerlichen Ewiggestrigen sehr lauter geworden. Mögen die ehrlichen Widerständler manchen Gegenwind bekommen, aber kaum einen persönlichen Feind, denn Ideen sind nicht totzukriegen.

Es freut mich, wenn solche Freunde wie Günther Ballentin, ALEX, Lotti, Hanna oder Judith mir voller Vertrauen erlaubten, ihre Gedanken, Motive und Erinnerungen an die so verheißungsvolle DDR-Aufbruchs- und Umbruchzeit in einem Büchlein, das eher einem Kaleidoskop gleicht als einem Sachbuch oder einer Biografie, zusammenzufassen. Sind es doch warmherzige Worte, richtige Blüten des sich nicht Abfindens mit der gegenwärtig kälter werdenden Gesellschaft. Wer will das bestreiten, ihre erkenntnisreichen Rückblicke und die sehr kritischen und offenen Anmerkungen im Heute sind zwar nur wenige Sandkörner auf dem Damm der Vernunft gegen weltweit überschwappendes Profit-Ungemach (siehe auch die weit über 900 Buchexemplare von Erinnerungen von DDR-Bürgern, die sich im Verein Erinnerungsbibliothek DDR zusammengefunden haben). Immerhin – vorauseilende Lichtzeichen in notwendig aufkommender Morgendämmerung...

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die „Neue Rheinische Zeitung“, die über 70 kritische Buchrezensionen des Autors Harry Popow veröffentlicht hat. Die NRhZ ist seit Jahren die Erbin jener Neuen Rheinischen Zeitung, die Karl Marx und Friedrich Engels vom 1. Juni 1848 bis zum 19. Mai 1849 in Köln als Nachfolgerin ihrer 1843 unter König Friedrich Wilhelm IV. verbotenen Rheinischen Zeitung produziert hatten.
Harry Popow: „EISZEIT-BLÜTEN. ROTE-NELKEN-GRÜßE AUS BLÜHENDEN LANDSCHAFTEN“, Taschenbuch: 508 Seiten, Verlag: Independently published, Brokatbook Verlag (17. September 2017), Sprache: Deutsch, ISBN-10: 1549766864, ISBN-13: 978-1549766862, Größe und/oder Gewicht: 14 x 3,2 x 21,6 cm, Preis: 12,50 Euro

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