Montag, 11. Januar 2016

Medienlügen gehen weiter

Aus: Ausgabe vom 11.01.2016, Seite 8 / Ansichten

Mediale Beseitigung

»Berichte« über linke Aktivitäten

Von Arnold Schölzel

Die deutschen Mediengewerbler machen 2016 weiter wie schon immer. Wer eine Demonstration mit etwa 250.000 Teilnehmern gegen die Freihandelsabkommen TTIP und CETA wie am 10. Oktober 2015 in Berlin nicht zur Kenntnis nimmt und faktisch beschweigt, dem ist auch sonst egal, ob und was er über Leute schreibt, die sich gegen ­Reaktionäres ­engagieren. Er erhält seine Brötchen dafür, das für eine Vorstufe von Terror zu halten und entsprechende Brüllfloskeln zu finden. Außerdem müssen die öffentlich auftretenden Rassisten in Rundfunk, Presse und Internet einem breiteren Publikum bekanntgemacht werden, selbstverständlich mit begleitendem Empörungstremolo. Das spart sich der Berichterstatter, wenn er deutschnationale Hetze aus Regierungsparteien und »Qualitätszeitungen« wie der FAZ kolportiert. Leitlinie ist im übrigen der Spruch des CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder vom November 2011: »Jetzt auf einmal wird in Europa deutsch gesprochen«.

Wer dieser Volksgemeinschaft nicht zugehört, gilt nicht als Mensch. Wird sein Herkunftsland durch deren Militär bombardiert, ist sein Recht auf Anerkennung als Flüchtling gering. Wer es lebendig bis in die Bundesrepublik schafft, hat es mit einem öffentlichen Dienst zu tun, der kaputtgekürzt wurde, und mit jenen, die in Leitmedien oder auf Straßen von einer »Islamisierung« oder gleichsam angeborenem Antisemitismus faseln.

Krawall wird in Kriegs- und Krisenzeiten noch mehr politisches und publizistisches Geschäft als in »normalen« Zeiten, zumal wenn sich im mit »Europa« verwechselten EU-Laden gegen das »Deutschsprechen« Unmut regt. Kauder fand damit eine plastische Formel für nationale Unterdrückung als einer Kernaufgabe der imperialistischen Konstruktion. Die Behauptung von angeblich linkem Standpunkt aus, Nationen gebe es nicht bzw. die Berufung auf sie sei per se reaktionär, erfüllt das Pflichtprogramm der ideologischen Hilfestellung für die herrschende Klasse und ist bei der gern gesehen.

Wer dagegen die soziale Frage und die nach Frieden stellt, rechnet richtigerweise nicht auf mediale Resonanz beziehungsweise nur auf groteske. Beispiele vom Wochenende: Anders als in den Vorjahren verzichtete zwar der ARD-Sender RBB auf einen Bericht über die erneut einen Rekordbesuch verzeichnende Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin, dafür sprang Bild mit einer Schmonzette ein, in Fortsetzung von »Die Schöne und das Biest« aus der vergangenen Woche. Gemeint waren Sahra Wagenknecht und der Politkommissar einer kommunistischen Einheit im Donbass, Alexej Markow, von Bild notorisch falsch als »Kommandeur« bezeichnet. Passend dazu vermeldete dpa um 13.37 Uhr am Sonntag: »Hunderte Mitglieder und Anhänger der Partei Die Linke haben der Ermordung der Kommunistenführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht vor 97 Jahren gedacht.« Es waren weit mehr als 10.000 Teilnehmer, die medial beseitigt werden mussten.


Hannas Kommentar:
Der Ärger mit dem Zählen

Sie lügen selbst sich was in ihre Tasche.
Sie sind’s gewohnt, wann immer es nur passt -
die guterprobte, altbekannte Masche,
ihr Pflästerchen aus bestem Hansaplast.

Zu Liebknecht und zu Luxemburg zu gehen,
auch wenn es regnet oder Flocken schneit,
an ihren Gräbern in Gedenken stehen –
das wird vermerkt in aller Einzelheit.

Und jedes Jahr der Ärger mit dem Zählen
der Leute in dem Demonstrantenzug.
Wenn da mal ein paar tausend Köpfe fehlen,
das sei nur logisch und kein Amtsbetrug.

Höchst unbestechlich sei des Staates Auge.
Bei diesen Massen - wer verzählt sich nicht?
Als ob man sich was aus den Fingern sauge!
Wer das behauptet, landet vor Gericht!

Das weiß inzwischen schon ein kleines Kind,
dass deutsche Medien sich die Welt hinbiegen.
Wir wissen, was wir wollen, wer wir sind.
Sagt, stört es uns, wenn sie sich selbst belügen?