Montag, 8. Juni 2015

Blick hinter die Kulissen


Blick hinter die Kulissen



Rus­s­lands ober­ster Nachrich­t­en-
­di­en­st­an­a­lyst tritt aus dem Schat­ten


Geschrieben von Alexan­der Mer­couris — http://​vine​yard​saker​.de
Haup­tkat­e­gorie: Aus­land
Kat­e­gorie:Rus­s­land
 Veröf­fentlicht: 08. Juni 2015
 Zugriffe: 325

Vorbe­merkung: ein Video mit Reschet­nikow hat­ten wir jüngst in dem Artikel Von Odessa nach Transnistrien.
Gen­er­alleut­nant Reschet­nikow vom Rus­sis­chen Insti­tut für Strate­gis­che Forschung gibt ein viel The­men streifendes Inter­view zu den Bedro­hun­gen, denen sich Rus­s­land aus dem Westen gegenüber sieht, zu mil­i­tan­ten islamis­chen Grup­pen bis zum Kon­flikt in der Ukraine

Let­ztes Jahr war das Jahr, in dem Rus­s­lands Chefs­pi­one aus dem Schat­ten traten.
Bild: Gen­er­alleut­nant a.D. Leonid Reschet­nikow – Direk­tor des Rus­sis­chen Insti­tuts für Strate­gis­che Forschungen
Im ver­gan­genen Jahr haben wir Auszüge eines Inter­views veröf­fentlicht, das Niko­lai Patr­uschew gegeben hat, der der ober­ste Kopf des ganzen nachrich­t­en­di­en­stlichen Appa­rates ist.

Vor eini­gen Wochen hat Gen­er­aloberst Igor Ser­gun, der Chef des Haupt­di­rek­torats des mil­itärischen Nachrich­t­en­di­en­stes (GRU) des Gen­er­al­stabs der rus­sis­chen Stre­itkräfte ein kurzes Inter­view gegeben, in dem er die USA öffentlich mit dem Jihadis­mus verknüpfte.

Jetzt ist Gen­er­alleut­nant Leonid Retschnikow an der Reihe, Direk­tor des Rus­sis­chen Insti­tuts für Strate­gis­che Forschung (RISR), dem wichtig­sten Zen­trum der rus­sis­chen Regierung für die aussen­poli­tis­che Analyse.
Dass Rus­s­land ein solches Zen­trum besitzt, das die aussen­poli­tis­che Analyse für die rus­sis­che Regierung vorn­immt, und dass dieses mit dem wichtig­sten Aus­land­snachrich­t­en­di­enst des Lan­des, dem SWR, ver­bun­den ist, wird nie­man­den überraschen.

Sowohl die USA als auch Großbri­tan­nien haben solche Zen­tren. In den USA ist es die RANDCor­po­ra­tion. In Großbri­tan­nien ist es das Königliche Insti­tut für Inter­na­tionale Angele­gen­heiten („Chatham House“). (AdÜ: In Deutsch­land ist es die Stiftung für Wis­senschaft und Poli­tik)
Das RISR scheint eine analoge Funk­tion zu erfüllen. Selbst seine Exis­tenz wurde jedoch bis vor kurzem geheim gehal­ten. Im Ergeb­nis wis­sen wir sehr wenig darüber obwohl es scheint, dass es erst jüngst, 1992, gegrün­det wurde, und einen Stab von 200 Ana­lysten beschäftigt.
Inter­es­san­ter­weise ist die Per­son in der rus­sis­chen Macht­struk­tur, an die Reschet­nikow berichtet, Sergej Iwanow, Putins Stab­schef, der eben­falls eine Hin­ter­grund als nachrich­t­en­di­en­stlicher Ana­lyst hat, und dessen Hin­ter­grund und Rolle wir jüngst disku­tiert haben.
Was der genaue Aus­löser dafür war, dass Reschnet­nikow jetzt beschloss, an die Öffentlichkeit zu treten wis­sen wir nicht. Ein nicht unvorstell­barer Aus­löser kön­nte ein Artikel sein, den die Neo­con– Insti­tu­tion Jamestown Foun­da­tion im Jan­uar 2015 veröf­fentlichte. Dieser behauptete, das RISRhabe bere­its vor dem Putsch des Maidan auf einen rus­sis­chen Ein­marsch in die Ukraine gedrängt, und würde nun Rus­s­land aufrufen, den Sturz des belorus­sis­chen Präsi­den­ten Lukaschenko vorzubereiten.

In seinem Inter­view geht Reschet­nikow nicht geson­dert auf den Artikel der Jamestown Foun­da­tion ein.
Er weist ihn jedoch indi­rekt zurück, indem er deut­lich macht, dass er gegen ein rus­sis­ches mil­itärisches Ein­greifen in der Südos­tukraine steht, um dort den Milizen zu helfen.
Er sagt, das RISR habe vor dem Maidan-​Putsch dazu aufgerufen, pro-​russische NGOs aufzubauen, um der Ver­bre­itung rus­so­phober Ein­stel­lun­gen in der Ukraine entgegenzutreten.
Das ist ein klas­sis­cher „Soft Power“-Ansatz, offen von der US-​Praxis kopiert, und etwas ziem­lich Anderes als ein Einmarsch.

Während Reschet­nikow nicht spez­i­fisch auf die Behaup­tun­gen eingeht, das RISR strebe den Sturz Lukaschenkos an, sagt er sehr pointiert, dass die rus­sis­chen Nachrich­t­en­di­en­ste, anders als die CIA, klas­sis­che Nachrich­t­en­di­en­ste seien, die sich nicht mit Sub­ver­sion oder außerg­erichtlichen Mor­den befassen.
Der inter­es­san­teste Teil seines Inter­views sind jedoch seine Bemerkun­gen zur Ukraine.
Reschet­nikow gab klar zu ver­ste­hen, dass er den Maidan-​Putsch für ein geopoli­tis­ches Spiel derUSA hält, dessen Ziel Rus­s­land ist.
Er glaubt, es gäbe keine Möglichkeit, wie die zwei Volk­sre­pub­liken friedlich in die Ukraine rein­te­gri­ert wer­den kön­nten. Der Vorschlag der Föder­al­isierung sei, zumin­d­est in der Form, wie er im Früh­jahr 2014 in Blick genom­men wurde, unerr­e­ich­bar. Selbst die Lösung einer Kon­föder­a­tion, wie sie gegen­wär­tig vorgeschla­gen wird, könne nur eine vorüberge­hende sein, da die Men­schen der zwei Volk­sre­pub­liken „nicht länger Ukrainer sein wollen.“
Reschet­niko zieht hier den sel­ben Schluss, den Rus­sia Insider wieder­holt zog: Kiew wider­steht erbit­tert einer föderalen Lösung und ist nur an einem ein­heitlichen Staat inter­essiert, der der einzige Weg ist, auf dem es seine ide­ol­o­gis­chen Ziele erre­ichen kann.
Reschet­nikow sagt, dies sei eben­falls das Ziel der Hard­liner in Wash­ing­ton. Er malt in grellen Far­ben das Bild von gegen Rus­s­land gerichteten US Mil­itärstützpunk­ten an Orten wie Kharkow und Lugansk, soll­ten die Wash­ing­toner Hard­liner ihre Ziele erreichen.
Seine inter­es­san­teste Bemerkung ist seine Vorher­sage zur Zukunft der Ukraine. Er sagt ein Ansteigen des Wider­stands gegen die jet­zige Regierung im ganzen Land vorher – weit über den Don­bass hin­aus – und den wom­öglichen teil­weisen oder voll­ständi­gen Zer­fall des Landes.
Ein ehe­ma­liger Nachrich­t­en­di­en­stler sagte mir einma, es brauche min­destens ein Jahr, ehe sich gegen einen Besatzer oder eine autoritäre Regierung Wider­stand organ­isiert. Die Über­raschung bestand darin, dass sich der Wider­stand in der Ostukraine so schnell entwickelte.
Die Berichte aus der Ukraine kön­nten das bekräfti­gen und die Wahrheit dessen bestäti­gen, was Reschet­nikow sagt.
Es gibt Berichte über anwach­sende Wider­stand­sak­tiv­itäten an Orten wie Odessa und Kharkow. Die Infor­ma­tion ist jedoch bruch­stück­haft und das Niveau des Wider­stands scheint im Augen­blick niedrig zu sein.
Reschet­nikow hat jedoch Zugang zu den Infor­ma­tio­nen der rus­sis­chen Nachrich­t­en­di­en­ste, die extrem gut über die Lage in der Ukraine unter­richtet sind. Seine Vorher­sage sollte daher nicht bei­seite geschoben werden.
Reschet­nikow hat auch zu anderen The­men als der Ukraine viel Inter­es­santes zu sagen.
Er gibt eine sehr alarmierende Beschrei­bung der US-​Methoden, um Wes­teu­ropa im Griff zu hal­ten – ein­schließlich der Ermor­dung abwe­ichen­der poli­tis­cher Führer, auch wenn er kein Beispiel nennt. Er stellt klar, dass er keine Erwartun­gen hegt, Wes­teu­ropa könne sich in näherer Zukunft von den USA lösen.
Er teilt eben­falls die in Rus­s­land ver­bre­it­ete Sicht, die USA seien der Haupt­förderer des mil­i­tan­ten jihadis­tis­chen Terrorismus.
Er ist offen­sichtlich sehr besorgt über das Wach­s­tum mil­i­tan­ten Jihadis­mus im nördlichen Kaukausus und in Zentralasien.
Er hat jedoch eine opti­mistis­che Sicht auf Rus­s­lands Zukunft, erwartet, dass das Land in den näch­sten fünf bis sechs Jahren endlich aus dem post-​sowjetischen Über­gang her­vortreten wird. Er sagt vorher, die neue Iden­tität würde das Beste aus der zaris­tis­chen und der sow­jetis­chen Ver­gan­gen­heit entleihen.
Er sieht Rus­s­land auf der richti­gen Seite der Geschichte, es bilde einen Teil des wach­senden inter­na­tionalen Wider­stands gegen die west­lichen Ver­suche, ein unipo­lares Sys­tem rund um dieUSA zu errichten.
Er ver­mit­telt den Ein­druck eines Lan­des, das schwer ange­grif­fen wird, aber die Schläge abwehrt, dabei stärker und selb­st­be­wusster wird und im Stande ist, für sich selbst zu sor­gen und seinen Fre­un­den vertraut.
Diese Über­set­zung des Inter­views mit Gen­er­alleut­nant Reschet­nikow wurde erst­ma­lig auf dem Blog Colonel Cas­sad veröf­fentlicht.

Sie waren unter einem ganz anderen Dach – dem SWR. Warum soll­ten sie Sie plöt­zlich aus der Geheimhal­tung ent­lassen?


Wir waren tat­säch­lich ein geschlossenes Insti­tut des Aus­land­snachrich­t­en­di­en­stes, das vor allem auf die Analyse der ver­füg­baren Infor­ma­tio­nen aus dem fer­nen und nahen Aus­land spezial­isiert war. Das heisst, der Infor­ma­tio­nen, die nicht nur vom Nachrich­t­en­di­enst gebraucht wer­den, son­dern auch von den Struk­turen, die die Aussen­poli­tik des Lan­des bes­tim­men. Eige­nar­tiger­weise gab es keine entsprechen­den ana­lytis­chen Zen­tren in der Ver­wal­tung des rus­sis­chen Präsi­den­ten. Obwohl es eine Menge solcher „Insti­tu­tio­nen“ gab, in denen nur der Direk­tor, die Sekretärin und die Ehe­frau des Direk­tors sind, die als Ana­lystin arbeitet. Der Prä­sidi­alver­wal­tung fehlten wirk­liche Spezial­is­ten, also musste der Nachrich­t­en­di­enst teilen.
Heute ist unser Grün­der der Präsi­dent von Rus­s­land, und alle Regierungsan­fra­gen nach Unter­suchun­gen wer­den vom Stab­schef Sergej Iwanow gezeichnet.

Welche Nach­frage gibt es dort draussen für Ihre Analy­sen? Denn wir sind ein Land des Papiers: jeder schreibt, schreibt eine Menge – aber bee­in­flusst das am Ende die Ergeb­nisse?


Manch­mal sehen wir die Hand­lun­gen, die unsere ana­lytis­chen Papiere wider­spiegeln. Manch­mal ist es beein­druck­end, wenn man eine bes­timmte Idee artikuliert und sie ein Trend in der öffentlichen Mei­n­ung Rus­s­lands wird. Es ist klar, dass viele Anweisun­gen reif sind, umge­setzt zu werden.

In den USA wird etwas ähn­liches durch das Analy­sezen­trum Strat­for gemacht, und durch das strate­gis­che Forschungszen­trum RAND Cor­po­ra­tion. Welches von Euch ist „cooler“?


Als wir, nach dem Über­gang der Prä­sidi­alver­wal­tung im April 2009, die neue Satzung des Insti­tuts machten, wurde uns der Vorschlag gemacht, sie zum Vor­bild zu nehmen. Damals dachte ich, „wenn ihr uns finanziert, wie Strat­for oder die RAND Cor­po­ra­tion finanziert wer­den dann wer­den wir all diese aus­ländis­chen Analy­sege­sellschaften schla­gen.“ Denn die rus­sis­chen Ana­lysten sind die stärk­sten der Welt. Noch viel mehr die regionalen Spezial­is­ten die „frischere“, weniger ver­dor­bene Gehirne. Ich kann zuver­sichtlich davon sprechen, ins­ge­samt habe ich 33 Jahre Erfahrung in der ana­lytis­chen Arbeit. Zuerst im ersten Haupt­di­rek­torat des KGB der UdSSR, und dann im Auslandsnachrichtendienst.

Es ist wei­thin bekannt, dass die RAND Cor­po­ra­tion den Plan für die ATO im Südosten der Ukraine entwick­elt hat. Hat Ihr Insti­tut Infor­ma­tio­nen über die Ukraine geliefert – ins­beson­dere über die Krim?


Natür­lich. Im Grund­satz waren nur zwei Insti­tute mit der Ukraine befasst: das RISR und das Insti­tut der CIS-​Länder von Kon­stan­tin Sat­ulin. Seit Anfang unserer Tätigkeit haben wir ana­lytis­che Papiere geschrieben über das Wach­s­tum antirus­sis­cher Ein­stel­lun­gen in der Ukraine und über die Stärkung der pro-​russischen Ein­stel­lun­gen auf der Krim. Wir haben die Hand­lun­gen der ukrainis­chen Regierun­gen analysiert. Aber wir haben keine alarmistis­chen Daten geliefert – wie, alles ist ver­loren – wir haben vielmehr die Aufmerk­samkeit auf ein wach­sendes Prob­lem gelenkt.
Wir haben vorgeschla­gen, die Tätigkeit der pro-​russischen Nichtregierung­sor­gan­i­sa­tio­nen deut­lich zu ver­stärken, den Druck der, wie man heute sagt „Soft Power“-Politk zu erhöhen.

Mit einem Botschafter wie Surabow brauchen wir keine Feinde mehr!


Die Arbeit jeder Botschaft und jedes Botschafters ist Gegen­stand einer Reihe von Ein­schränkun­gen. Ein Tritt daneben – und es gibt einen Skan­dal. Ausser­dem gibt es ein enormes Prob­lem mit pro­fes­sionellem Per­sonal in dem Land. Und nicht nur auf dem Feld der Diplo­matie. Irgend­wie haben wir das Ange­bot erschöpft – sehr wenige starke Leute mit guten Grund­la­gen verbleiben im Dienst der Regierung.
Es ist schwer, die Rolle von NGOs zu über­schätzen. Die Far­brev­o­lu­tio­nen sind ein deut­liches Beispiel, die vor allem von den amerikanis­chen NGOs vorgewärmt wer­den. Das ist auch in der Ukraine passiert. Unglück­licher­weise wurde der Schaf­fung und Unter­stützung von entsprechen­den Organ­i­sa­tio­nen, die in unserem Inter­esse han­deln wür­den, nicht genug Aufmerk­samkeit geschenkt. Und wenn sie arbeiten wür­den, kön­nten sie zehn Botschaften und zehn Botschafter erset­zten, selbst sehr kluge. Jetzt fängt die Lage an, sich zu ändern, auf einen direk­ten Befehl des Präsi­den­ten hin. Es bleibt zu hof­fen, dass die zweite Reihe diese Entwick­lung nicht verwässert.

Wie, glauben Sie, wer­den sich die Ereignisse in Noworossija im Frü­jahr und Som­mer entwick­eln? Wird es einen neuen Feldzug geben?


Unglück­licher­weise ist die Wahrschein­lichkeit dafür sehr hoch. Noch vor einem Jahr war die Idee einer föder­al­isierten Ukraine real­isier­bar. Aber jetzt braucht Kiew nur den Krieg. Nur einen eini­gen Staat. Aus mehreren Grün­den. Der Haupt­grund ist, dass das Land jetzt von ide­ol­o­gisch anti-​russischen Leuten geführt wird, die nicht nur Wash­ing­ton unter­stellt sind, son­dern tat­säch­lich von den Kräften gekauft und bezahlt wer­den, die hin­ter der US-​Regierung stehen.

Und was braucht diese berüchtigte „Wel­tregierung“?


Es ist ein­facher, zu sagen, was sie nicht braucht: sie braucht keine föderale Ukraine, ein solches Gebiet wäre schwer zu kon­trol­lieren. Es wäre unmöglich, ihre Mil­itärstützpunkte dor­thin zu ver­lagern, eine neue Staffelung eines Anti­raketen­schirms. Und es gibt solche Pläne. Aus Lugansk und Kharkow kön­nen tak­tis­che Cruise Mis­siles bis hin­ter den Ural reichen, wo sich der Haupt­teil unserer nuk­learen Abschreck­ungskräfte befindet. Und sie kön­nen silo­gestützte und mobile bal­lis­tis­che Raketen auf der auf­steigen­den Flug­bahn mit hun­dert­prozentiger Wahrschein­lichkeit tre­ff­fen. Augen­blick­lich kann diese Region nicht erre­icht wer­den, weder aus Polen noch aus der Türkei noch aus Südostasien. Das ist das Hauptziel. Also wer­den die USA bis zum let­zten Ukrainer um den Don­bass kämpfen.

Also geht es nicht um die Schiefer­gasvorkom­men, die in diesem Gebiet ent­deckt wur­den?


Ihr strate­gis­ches Hauptziel ist eine ein­heitliche Ukraine unter ihrer vollen Kon­trolle, um gegen Rus­s­land zu kämpfen. Und das Schiefer­gas oder das Ack­er­land – das ist nur ein angenehmer Bonus. Ein Kol­lat­er­al­gewinn. Und ein ern­sthafter Schlag gegen unseren militärisch-​industriellen Kom­plex, durch die Durchtren­nung der Verbindun­gen zwis­chen jenem in der Ukraine und jenem in Rus­s­land. Das wurde bere­its erreicht.

Wir wur­den übertrumpft: „Schweine­hund“ Janukow­itsch muste mit Hilfe der Set­snaz gerettet wer­den, und Wash­ing­ton hat seine eige­nen „Schweine­hunde“ platziert?


Aus mil­itärstrate­gis­cher Sicht wur­den wir sicher übertrumpft. Rus­s­land erhielt eine „Kom­pen­sa­tion“ – die Krim. Es gibt eine „Kom­pen­sa­tion“ – den Wider­stand der Ein­wohner des ukrainis­chen Südostens. Aber der Feind hat bere­its enorme Gebi­ete gewon­nen, die Teil der Sow­je­tu­nion und des rus­sis­chen Reiches waren.

Was wer­den wir dieses Jahr in der Ukraine sehen?


Den Prozess eines hal­ben oder gar eines völ­li­gen Zer­falls. Viele sind angesichts des wirk­lichen Nazis­mus noch still. Aber die Leute, die ver­ste­hen, dass die Ukraine und Rus­s­land stark miteinan­der ver­bun­den sind, haben noch nicht ihr let­ztes Wort gesprochen. Weder in Odessa, noch in Kharkow, noch in Saporoschje noch in Tsch­ernigow. Dieses Schweigen wird nicht ewig dauern. Und der Deckel auf diesem Kessel wird unver­mei­dlich wegge­blasen werden.

Und wie wer­den sich die Beziehun­gen zwis­chen Noworossija und dem Rest der Ukraine entwick­eln?


Es gibt eine geringe Wahrschein­lichkeit für ein transnistrisches Szenario. Aber ich glaube nicht daran – das Gebiet der DNR und LNR ist viel größer, Mil­lio­nen Men­schen wur­den schon in diesen Krieg hineinge­zo­gen. Bisher kann Rus­s­land die mil­itärische Führung noch davon überzeu­gen, eine vorüberge­hende Atem­pause und einen Waf­fen­still­stand zu stützen. Aber genau das – eine vorüberge­hende. Es ist nicht länger die Rede von einer Rück­kehr Noworossi­jas in die Ukraine. Die Leute des Südostens wollen keine Ukrainer sein.

Also wenn unser Land wegen der Wiedervere­ini­gung mit der Krim global isoliert wurde, warum steigen wir nicht ganz ein im Südosten? Wieviel Heuchelei ist möglich?


Ich denke, es ist noch zu früh, ganz einzusteigen. Wir unter­schätzen den Grad der Aufmerk­samkeit unseres Präsi­den­ten, der von bes­timmten Prozessen in Europa weiss, die für aussen­ste­hende Beobachter nicht deut­lich erkennbar sind. Diese Prozesse geben Grund zur Hoff­nung, dass wir unsere Inter­essen mit anderen Meth­o­den und Mit­teln schützen können.

Über dem Infor­ma­tions­fluss, der aus der Ukraine strömt, vergessen wir das explo­sive Wach­s­tum religiösen Extremismus´in Zen­tralasien…


Das ist ein Trend, der für unser Land extrem gefährlich ist. Die Lage in Tad­schik­istan ist sehr schwierig. Die Lage in Kir­gis­tan ist insta­bil. Aber Turk­menistan kön­nte die Rich­tung sein, aus der der erste Schlag kommt, genau wie „AN“ geschrieben hat. Irgend­wie vergessen wir es ein wenig, weil Aschkhabad irgend­wie allein steht. Aber dieses „Haus“ kön­nte das erste sein, das fällt. Wer­den sie stark genug sein, das zurück­zuschla­gen? Oder wer­den wir in einem Land ein­greifen, das so lange so große Dis­tanz zu uns gehal­ten hat? Also, diese Rich­tung ist schwierig.
Und nicht nur durch den „Islamis­chen Staat“ sick­ern Mil­i­tante in die Region. Nach den let­zten Infor­ma­tio­nen wer­den die USA und die NATO Afghanistan nicht ver­lassen und ihre Stützpunkte dort behal­ten. Aus mil­itärischer Sicht kön­nen die fünf– oder zehn­tausend Sol­daten, die dort bleiben, inner­halb eines Monats auf eine Gruppe von 50 – 100 Tausend ver­stärkt werden.
Das ist ein Teil des Gesamt­plans, um Rus­s­land einzukreisen und unter Druck zu set­zen, der von den USA mit dem Ziel ver­folgt wird, Präsi­dent Wladimir Putin loszuw­er­den und das Land zu zerteilen. Ein typ­is­cher Laie mag das natür­lich nicht glauben, aber Leute, die Zugang zu einer großen Menge an Infor­ma­tion haben, wis­sen das ziem­lich gut.

Ent­lang welcher Gren­zen wird die Spal­tung ver­laufen?


Zuerst pla­nen sie schlicht, das abzuschnei­den was „ein­fach“ ist. Gle­ich, was davon abfällt: Kalin­ingrad, der Nord­kauka­sus oder der Ferne Osten. Das dient dann als Zün­der eines sich inten­sivieren­den Prozesses. Das ist kein Pro­pa­gan­daphan­tom – das ist eine echte Idee. Diese Art des Drucks aus dem Westen (Ukraine) und dem Süden (Zen­tralasien) wird weiter ansteigen. Sie ver­suchen, durch die west­lichen Tore zu sick­ern, aber sie wer­den auch die südlichen austesten.

Was ist für uns die gefährlich­ste strate­gis­che Rich­tung?


Die südliche Rich­tung ist sehr gefährlich. Aber bisher funk­tion­ieren die Puffer­staaten – die früheren zen­tralasi­atis­chen Sow­je­tre­pub­liken – noch. Und der Krieg im Westen findet bere­its an der Grenze statt. Tat­säch­lich auf unserem Gebiet.
Augen­blick­lich ist es dort kein Blut­bad zwis­chen Ukrain­ern und Russen, son­dern eher ein Krieg glob­aler Sys­teme. Manche denken, sie „seien Europa“, andere – sie seien Rus­s­land. Denn unser Land ist nicht nur ein Gebiet. Es ist eine getren­nte, riesige Zivil­i­sa­tion, die der ganzen Welt ihre eigene Sicht der glob­alen Ord­nung gebracht hat. Zuerst ist das natür­lich das rus­sis­che Reich als Beispiel der östlichen, ortho­doxen Zivil­i­sa­tion. Die Bolschewiki haben sie zer­stört, aber sie haben eine neue zivil­isatorische Idee errichtet. Eine dritte nähert sich. Und wir wer­den sie inner­halb von fünf, sechs Jahren sehen.

Was wird das sein?


Ich denke, es wird eine annehm­bare Sym­biose der vorher­gen­den sein. Und unsere „geschwore­nen Kol­le­gen“ ver­ste­hen das per­fekt. Darum begann der Angriff von allen Seiten.

Das heisst, der gemein­same russisch-​amerikanische Kampf gegen den Ter­ror, ins­beson­dere gegen ISIS – ist eine Fik­tion
?

Natür­lich. Amerika schafft Ter­ror­is­ten, nährt sie, bildet sie aus und erteilt dem ganzen Rudel dann den Befehl: „Fasst!“ Vielle­icht erschiessen sie mal einen „toll­wüti­gen Hund“ aus dem Rudel, aber die anderen Hunde wer­den dann noch aktiver eingesetzt.

Leonid Petrow­itsch, Sie denken, dass die USA und die amerikanis­chen Präsi­den­ten nur Werkzeuge sind. Wer, glauben Sie, entschei­det über ihre Politik?


Es gibt Grup­pen von Leuten, die der Öffentlichkeit weit­ge­hend unbekannt sind, die nicht nur über die amerikanis­chen Präsi­den­ten bes­tim­men, son­dern ebenso über die Regeln des ganzen „großen Spiels“. Das sind ins­beson­dere die transna­tionalen Finanzge­sellschaften. Aber nicht nur sie.
Augen­blick­lich findet ein Prozess statt, in dem das finanzielle und wirtschaftliche Sys­tem der Welt neu aufge­setzt wer­den soll. Es gibt erkennbar einen Ver­such, die ganze Struk­tur des Kap­i­tal­is­mus neu zu denken, ohne ihn abzulehnen. Die Aussen­poli­tik ist Gegen­stand rascher Verän­derung. DieUSA haben plöt­zlich Israel im Stich gelassen – ihren Hauptver­bün­de­ten im Nahen Osten – im Inter­esse besserer Beziehun­gen mit dem Iran. Ist das, weil Teheran jetzt wichtiger und bedeu­ten­der ist als Tel Aviv? Weil es eines der Län­der um Rus­s­land herum ist. Diese verdeck­ten Kräfte set­zen das Ziel, unser Land als ern­sten Mit­spieler auf der glob­alen Bühne zu liq­ui­dieren. Weil Rus­s­land eine zivil­isatorische Alter­na­tive zum ganzen vere­in­ten Westen darstellt.
Mehr noch, es gibt ein sprung­haftes Wach­s­tum anti-​amerikanischer Ein­stel­lun­gen weltweit. Ungarn, wo kon­ser­v­a­tive Kräfte der Rechten an der Macht sind, und die Linken Griechen­lands – diame­tral ent­ge­genge­set­zte Kräfte – haben sich fak­tisch vere­int und ver­suchen, das US-​Diktat über Europa „abzuw­er­fen“. Auch in Ital­ien, Öster­re­ich, in Frankre­ich und so weiter gibt es solche, die es ver­suchen kön­nten. Wenn Rus­s­land jetzt seine Stel­lung hält, wer­den die Prozesse, die für jene Kräften, die ver­suchen, die glob­ale Herrschaft zu beanspruchen, nicht gün­stig sind, in Europa begin­nen. Und diese Kräfte ver­ste­hen das genau.

Einige europäis­che Führer kla­gen bere­its, die USA habe ihnen die Sank­tio­nen förm­lich aufgezwun­gen. Kön­nte Europa aus der „fre­undlichen“ amerikanis­chen Umar­mung aus­brechen?


Nie. Amerika hält es an zwei Ket­ten: den Druck­maschi­nen der Fed­eral Reserve, der Dro­hung mit Far­brev­o­lu­tio­nen und der mit der physis­chen Eli­m­inierung uner­wün­schter Politiker.

Übertreiben Sie nicht mit der physis­chen Eliminierung?


Ganz und gar nicht. Die Cen­tral Intel­li­gence Agency der USA ist nicht ein­mal ein Nachrichten dienst, wenn man die Art der Auf­gaben ansieht, die sie erfüllt. Die Aus­landsabteilung des KGBoder der SWR der rus­sis­chen Föder­a­tion sind klas­sis­che Nachrich­t­en­di­en­ste: sie sam­meln Infor­ma­tio­nen und berichten der Führung des Lan­des. In der CIA ste­hen diese tra­di­tionellen Merk­male eines Nachrich­t­en­di­en­stes am unteren Ende ihrer Auf­gaben­liste. Ihre Hauptziele sind: Eli­m­inierung, ein­schließlich physis­cher der Poli­tiker und die Organ­i­sa­tion von Putschen.
Und das tun sie in Echtzeit.
Nach dem Ver­lust des U-​Boots „Kursk“ besuchte uns der CIA-​Direktor George Tenet. Ich wurde gebeten, ihn am Flughafen zu tre­f­fen. Tenet brauchte lang, um aus dem Flugzeug zu kom­men, aber die Tür stand offen, also kon­nte ich ein Blick in seine „Her­cules“ wer­fen. Das war ein fliegen­des Haup­tquartier, eine com­put­er­isierte Kom­man­dozen­trale, voller Aus­rüs­tung und Kom­mu­nika­tion­ssys­teme, die die Lage auf der ganzen Welt ver­fol­gen und darstellen kön­nen. Die beglei­t­ende Del­e­ga­tion bestand aus zwanzig Leuten. Und wir – wir flo­gen und fliegen mit Lin­ien­flü­gen, in Grup­pen von zwei bis fünf Per­so­nen. Man kann den Unter­schied sozusagen fühlen.

Neben­bei, was Nachrich­t­en­di­en­ste angeht. Es gibt wieder ein­mal Gerede um die Idee, durch eine Vere­ini­gung von SWR und FSB wieder einen ein­heitlichen rus­sis­chen Nachrich­t­en­di­enst herzustellen. Wie denken sie darüber?


Ich sehe das sehr neg­a­tiv. Wenn wir die zwei beson­deren Dien­ste – den Aus­land­snachrich­t­en­di­enst und die Gegen­s­pi­onage – zusam­men­brin­gen, schaf­fen wir eine einzige Infor­ma­tion­squelle für die höch­ste Führung des Lan­des anstatt zweien. Dann wird die Per­son, die an diesem „Quell der Infor­ma­tion“ sitzt, zum Monop­o­lis­ten. Und sei kann das zur Erre­ichung irgen­deines Ziels manip­ulieren. Im KGB waren solche Manip­u­la­tio­nen der Infor­ma­tion selbst für den Haupt­mann Reschet­nikow erkennbar. Für einen Präsi­den­ten, einen Zaren, einen Pre­mier­min­is­ter – gle­ich, wie der ober­ste Regierungschef genannt wird – ist es vorteil­halft mehrere unter­schiedliche, unab­hängige geheim­di­en­stliche Quellen zu haben. Im andern Fall wird er zur Geisel eines bes­timmten Führers der Struk­tur oder der Struk­tur selbst. Das ist sehr gefährlich.
Die Autoren dieser Idee denken, eine solche Vere­ini­gung würde uns stärken. Statt dessen schüfen wir eine Bedro­hung für uns selbst.

Und jetzt gehen wir von glob­alen Ver­schwörungs­the­o­rien zu unseren örtlichen Prob­le­men. Wie kön­nen sie einen Amt­sträger, der nicht weiss, was er tut, von einem ein­flussre­ichen Agen­ten, der weiss, was er tut, unter­schei­den?


Es gibt nicht so viele ein­flussre­iche Agen­ten auf ern­stzunehmen­dem Niveau in der Welt wie viele denken. Ern­ste strate­gis­che Entschei­dun­gen gegen die Inter­essen des eige­nen Lan­des zu tre­f­fen oder nicht zu tre­f­fen, wird üblicher­weise von, so kön­nte man sagen, ide­ol­o­gis­chen Agen­ten ini­ti­iert. Das sind jene unter unseren Funk­tionären, die auf eine hochrangige Stel­lung im Inland ger­aten sind, deren Seele aber im Westen lebt. Es ist nicht nötig, sie anzuwer­ben oder ihnen Befehle zu erteilen. Für diese Leute ist alles, was „dort“ getan wird, die höch­ste Errun­gen­schaft der Zivil­i­sa­tion. Und hier ist – das „unge­wasch­ene“ Rus­s­land. Sie verbinden die Zukunft ihrer Kinder, die sie ins Aus­land geschickt haben, nicht mit dem Land. Und das ist ein weit deut­licherer Hin­weis als Kon­ten bei aus­ländis­chen Banken. Solche „Kam­er­aden“ mögen Rus­s­land zutiefst nicht, dessen „Entwick­lung“ sie überwachen.

Sie haben ger­ade ein ziem­lich gutes Por­trait einiger unserer Min­is­ter geze­ich­net. Wie wer­den wir es mit ihnen durch das Jahr 2015 schaf­fen?


Dieses Jahr wird schwierig, mit ihnen oder ohne sie. Näch­stes Jahr dürfte ver­mut­lich auch nicht leichter wer­den. Aber danach ist das neue Rus­s­land zuver­sichtlich auf dem Weg.
Russia’s Chief Intel­li­gence Ana­lyst Comes Out of the Shad­ows auf Rus­sia Insider
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