Freitag, 20. April 2018

Beunruhigung in Washington


Entnommen: https://linkezeitung.de/2018/04/20/dass-russland-und-china-die-usa-bei-der-entwicklung-von-raketen-mit-hyperschallgeschwindigkeit-abgehaengt-haben-scheint-washington-zu-beunruhigen/



Dass Russland und China die USA bei der Entwicklung von Raketen mit Hyperschallgeschwindigkeit abgehängt haben, scheint Washington zu beunruhigen



VERÖFFENTLICHT VON LZ ⋅ 20. APRIL 2018



Von Rebecca Kheel – http://thehill.com – http://luftpost-kl.de

Pentagon-Mitarbeiter und wichtige Senatoren warnen vor dem Vorsprung, den Russland und China bei der Technologie superschneller Raketen vor den USA erreicht haben.

Russland hat in diesem Monat über den erfolgreichen Test einer Rakete mit Hyperschallgeschwindigkeit (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Hyperschallgeschwindigkeit ) informiert (s. http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_16/LP02918_050318.pdf) , und eine chinesische Rakete mit ähnlichen Fähigkeiten, die bereits im letzten Jahr getestet wurde, soll bald in Dienst gestellt werden.

„Derzeit sind wir dagegen wehrlos,“ hat der in führender Stellung dem Verteidigungsausschuss des Senates angehörende republikanische Senator James Inhofe (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Jim_Inhofe) aus Oklahoma erklärt und höhere Ausgaben für die Entwicklung von Raketen mit Hyperschallgeschwindigkeit und die Raketenabwehr gefordert.

Raketen mit Hyperschallgeschwindigkeit können mindesten fünfmal schneller als der Schall fliegen (schneller als Mach 5).

General John Hyten (s. https://de.wikipedia.org/wiki/John_E._Hyten) , der Kommandeur des U.S. Strategic Command (dem alle Atomstreitkräfte der USA unterstehen, s.  Https:// de.wikipedia.org/wiki/United_States_Strategic_Command) , hat letzte Woche eine Rakete mit Hyperschallgeschwindigkeit wie folgt beschrieben: Eine Hyperschallrakete starte „wie eine ballistische Rakete“, schwenke danach aber in eine niedrigere Flugbahn ein und fliege wie ein Marschflugkörper oder ein Kampfjet weiter. Sie tauche nur kurz in den unteren luftleeren Raum ein, kehre dann in die Atmosphäre zurück und setze ihren Flug darin mit sehr hoher Geschwindigkeit fort.

Im November soll China zwei ballistische Raketen, die Gleiter mit Hyperschallgeschwindigkeit freisetzten, erfolgreich getestet haben; nach US-Schätzungen könnten sie ihre volle Einsatzfähigkeit bereits 2020 erreichen. China hat von 2014 bis 2016 bereits mindestens sieben Tests mit experimentellen Systemen durchgeführt.

Anfang März hat sich der russische Präsident Wladimir Putin in seiner Rede zur Lage der Nation damit gebrüstet, dass Russland jetzt über ganz neue Waffen – auch über Raketen mit Hyperschallgeschwindigkeit – verfüge, die sein Land „unbesiegbar“ machen würden, weil   sie   von   der   US-Raketenabwehr   nicht   aufgehalten   werden   könnten  (s. dazu auch http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_16/LP02918_050318.pdf ).   Eine knappe Woche später hat Russland behauptet, eine Rakete mit Hyperschallgeschwindigkeit erfolgreich getestet zu haben.

Nach Putins Rede erklärte das Pentagon, es sei durch die Ankündigungen „nicht überrascht“ worden und versicherte der Öffentlichkeit, es sei „durchaus darauf vorbereitet“, auf derartige Bedrohungen zu reagieren.

In einer Anhörung, die letzte Woche im Kongress stattfand, musste General Hyten allerdings zugeben, dass die US-Raketenabwehr mit Hyperschallgeschwindigkeit anfliegende Raketen nicht aufhalten kann. Die USA könnten sich aber auf ihre atomare Abschreckungsfähigkeit verlassen, die einen US-Vergeltungsschlag nach einem Angriff mit solchen Raketen sicherstelle.

„Wir können derzeit einen gegen die USA gerichteten Angriff mit solchen Waffen nicht verhindern, unsere Antwort, bei der die gesamte Triade unserer Atomwaffen (s.  http://ww-
w.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_16/LP13916_161016.pdf ) zum Einsatz käme, dürfte aber jeden potenziellen Angreifer abschrecken,“ erklärte Hyten vor dem Verteidigungsausschuss des Senates.

Die US-Raketenabwehr könne erst dann auch Raketen mit Hyperschallgschwindigkeit erfassen, wenn entsprechende Sensoren im Weltraum stationiert würden, ergänzte Hyten.

„Ich denke, dass wir die Fähigkeiten unserer Sensoren verbessern müssen, um auch solche Raketen aufspüren, verfolgen, identifizieren und angemessen darauf reagieren zu können, wo auch immer sie herkommen,“ fügte er hinzu. „Gegenwärtig reicht unsere Weltraumüberwachung und die begrenzte Anzahl unserer weltweit positionierten Radarstationen am Boden nicht dazu aus, diese Bedrohung rechtzeitig zu erkennen.   Darum meine ich,  dass wir  eine  neue Überwachungsarchitektur  im Weltraum brauchen.“

Auf die Frage, ob die USA bei den Raketen mit Hyperschallgeschwindigkeit Russland  und  China  hinterherhinken,   antworte Thomas  Karako  (s.  https://www.csis.org/ people/thomas-karako, der Direktor des Missile Defense Project im Center for Strategic   and   International   Studies  (s. https://www.csis.org/programs/international-security-
program/missile-defense-project ), unumwunden: „Ja.“

„Der Grund dafür ist, dass die USA weder genug für die Entwicklung eigener Raketen mit Hyperschallgeschwindigkeit noch für die Entwicklung von Sensoren zur  Erfassung  und
Vernichtung feindlicher Raketen mit dieser Fähigkeit getan haben,“ setzte er hinzu.

Weil am Boden befindliche Sensoren wegen der Erdkrümmung nur einen beschränkten Erfassungsradius hätten, sei die Stationierung einer ausreichenden Anzahl entsprechender Sensoren im Weltraum unverzichtbar.

Die letzten fünf US-Regierungen hätten zwar alle die Notwendigkeit von Weltraumsensoren erkannt, aber trotzdem keine stationiert, beklagte er.

„Einer der Gründe, warum wir uns nicht früher mit der Bedrohung durch Raketen mit Hyperschallgeschwindigkeit befasst haben, besteht darin, dass wir nicht nur Russland und China (als potenzielle Feinde), sondern auch ihre Fähigkeiten im Raketenbau unterschätzt haben,“ betonte Karako.

In diesem Zusammenhang lobte er die National Defense Strategy (s. https://www.defense.gov/Portals/1/Documents/pubs/2018-National-Defense-Strategy-Summary.pdf ) und die Nuclear Posture Review (s. dazu   auch  http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_16/LP02618_280218.pdf) , die beide im Frühjahr 2018 von der Trump-Regierung veröffentlicht wurden, weil die sich wieder auf mögliche Konflikte mit großen Mächten wie Russland.und China konzentrieren.

Auch die republikanische Senatorin Deb Fischer (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Deb_Fischer ) aus Nebraska, die Vorsitzende des Unterausschusses Strategic Forces (Atom-
streitkräfte) des Verteidigungsausschusses des Senates ist, sieht die in beiden Dokumenten entwickelten Vorschläge als gute Möglichkeit an, die USA auch bei den Raketen mit
Hyperschallgeschwindigkeit wieder nach vorne zu bringen.

„Ich denke, dass sowohl in der National Defense Strategy als auch in der Nuclear Posture Review genug über die Fähigkeiten unserer Gegner gesagt wird, um uns auf die davon ausgehenden Bedrohungen aufmerksam zu machen,“ äußerte sie.

Frau Fischer fügte hinzu, „wahrscheinlich“ werde ihr Unterausschuss dafür sorgen, dass im Entwurf für das nächste Budget des Pentagons mehr Mittel für die Entwicklung von Raketen mit Hyperschallgeschwindigkeit vorgesehen werden.

Die in der Nuclear Posture Review geforderte Entwicklung seegestützter Marschflugkörper mit Atomsprengkopf und atomarer Sprengköpfe mit geringer Sprengkraft für ballistische Raketen, die von U-Booten starten, hat Diskussionen ausgelöst. Für General Hyten sind diese Waffen ein wichtiger Teil der Abschreckung. Kritiker befürchten, dass damit ein neues Wettrüsten in Gang gesetzt wird.

„Der Ruf nach neuen Waffen und Waffen mit neuen Fähigkeiten für unser Atomwaffenarsenal und die stärkere Rolle von Atomwaffen in der US-Sicherheitsstrategie führen zu einer erhöhten wirtschaftlichen Belastung der USA und untergraben jahrzehntelange Bemühungen früherer US-Regierungen, die Verbreitung von Atomwaffen und deren Einsatz zu verhindern,“ heißt es in einem Brief, den mehr als 40 demokratische Abgeordnete des Repräsentantenhauses unter Führung von Earl Blumenauer / Oregon (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Earl_Blumenauer) , Barbara Lee / Kalifornien (s.  https://de.wikipedia.org/wiki/Barbara_Lee ) und Mike Quigley / Illinois (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Quigley ) am Montag an Präsidenten Trump gerichtet haben.

„Wir widersprechen dieser Absicht und setzen uns für die Aufrechterhaltung der bisherigen, sehr wirksamen atomaren Abschreckung ein; damit wollen wir die Verschwendung
von Steuerzahler-Dollars und ein neues Wettrüsten verhindern sowie das Risiko eines atomaren Konfliktes mindern,“ steht auch in dem Brief.

Neben den Forderungen, die in der Nuclear Posture Review erhoben werden, will das Pentagon auch mehr Geld für die Entwicklung von Raketen mit Hyperschallgeschwindigkeit und den Ausbau der Raketenabwehr, um den Rückstand auf Russland und China aufholen zu können.

General Hyten sagte vor dem Verteidigungsausschuss des Senates, dass in der Budget-Forderung der U.S. Air Force und der Missile Defense Agency (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Missile_Defense_Agency) für das Haushaltsjahr 2019 auch 42 Millionen Dollar für die Entwicklung eines Prototyps für im Weltraum stationierte Sensoren enthalten sei.

Heather Wilson (s. ttps://de.wikipedia.org/wiki/Heather Wilson), die Air-Force-Ministerin, hat letzte Woche vor dem Verteidigungsausschuss des Repräsentantenhauses ausgesagt, im Budgetentwurf für 2019 seien auch 258 Millionen Dollar für die Entwicklung von Raketen mit Hyperschallgeschwindigkeit vorgesehen.

Steven Walker, der Direktor der Defense Advanced Research Projects Agency / DARPA (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Defense_Advanced_Research_Projects_Agency) , teilte am gleichen Tag, an dem Putin seine Pressekonferenz gab, mit, im Budgetentwurf für 2019 habe er 256,7 Millionen Dollar für die Entwicklung von Raketen mit Hyperschallgeschwindigkeit beantragt; die DARPA brauche noch mehr Geld für die Infrastruktur zum Testen der Raketen; die Tests müssten wegen Überlastung größtenteils außerhalb des vorhandenen Testgeländes stattfinden.

„Die für 2019 veranschlagte Summe ist zwar hoch, aber vor allem für Flugtests zur Verbesserung unserer Prototypen vorgesehen,“ erklärte er vor Journalisten, die sich mit Verteidigungsfragen befassen. „Wir brauchen wirklich noch mehr Dollars für eine neue Test-Infrastruktur.“

Senator Inhofe aus Oklahoma war äußerst besorgt darüber, dass es „keine Möglichkeit zum Abfangen von Raketen mit Hyperschallgeschwindigkeit“ zu geben scheine. Deshalb
müssten alle im Kongress vorgenommenen Kürzungen des Verteidigungsbudgets 2018 rückgängig gemacht werden.

„Wir müssen alle Kürzungen zurücknehmen, die unter der Obama-Regierung vorgenommen wurden, unsere Streitkräfte müssen wieder Vorrang haben,“ betonte er.

(Wir haben den Artikel aus der speziell für das politische US-Establishment auf dem Capitol Hill herausgegebenen Zeitung THE HILL komplett übersetzt und mit Ergänzungen und Links in Klammern und Hervorhebungen versehen. Wenn sogar der Chef aller US-Atomstreitkräfte vor dem Kongress erklärt, gegen russische und chinesische Raketen mit Hyperschallgeschwindigkeit sei der Raketenabwehrschild völlig nutzlos, dann muss das wohl stimmen. Das heißt aber auch, dass die Kriegstreiber in den USA und in der NATO, die Russland mit einem überraschenden atomaren Erstschlag ausschalten wollten, ihre Pläne aufschieben oder ganz aufgeben müssen, wenn sie nicht Selbstmord begehen wollen.)

http://thehill.com/policy/defense/380364-china-russia-eclipse-us-in-hypersonic-missiles-prompting-fears

http://luftpost-kl.de/lp-16.html