Montag, 18. Juni 2018

KRITISCHES zu DDR-Zeiten - Leseproben



Maßstäbe so oder so

Einst Kritisches in der Wochenzeitung „Volksarmee“

Leseproben aus dem Buch „WIR SONNENKINDER“

Von Harry Popow

1978. August. „Maßstäbe so oder so“. Eine Überschrift in der VA-Nr. 36/78. Wieder einmal auf der Spur von widerwärtigem Betrug in der Ausbildung. In einer Panzerkompanie stellt Harry auf recht kriminalistische Art fest, vor einem Gefechtsschießen wurden - entgegen den Richtlinien in der Schießvorschrift - alle Ziele vorher gründlich „aufgeklärt“ und alle Richtschützen damit vertraut gemacht. Außerdem „vergaß“ man, Zielvarianten aufzubauen, ebenfalls ein Beweis für risikofreies Schießen. Nach der Veröffentlichung, bei der der Chefredakteur möglicherweise Bauchschmerzen bekommen hat, sagte dem Reporter einer, den er von der Offiziersschule her kennt und der jetzt General ist, er habe gedacht, man hätte dem Oberstleutnant Popow wegen dieses offenen und kritischen Artikels die „Beine weggesäbelt“. Monate später wurde dieser kritische Bericht in einem Buch über Probleme der Gefechtsausbildung nachgedruckt.

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Dalai Lama soll gepredigt haben, achtjährigen Kindern möge man das Meditieren lehren. Nach drei Generationen gäbe es keine Gewalt mehr. So so!! Achtsamkeit, so sage ich mir, ist doch wohl eine der großen Verführungsmethoden zum Stillhalten, zum Innehalten, zum Schnauze halten zu dem, was die Politik zum Niederhalten von sozialen Protesten und für höhere Gewinne so treibt. Daniel Strassberg (Psychiater, Psychoanalytiker und Philosoph) meinte kritisch: Man fühlt sich fremdbestimmt und besinnt sich wieder auf sich. Doch letztlich haben auch solche Aussagen über den Zeitgeist etwas Triviales. Ein politischer Protest ist zudem nicht erkennbar, ebenso wenig eine gemeinsame Utopie, dafür wird Achtsamkeit zu selbstbezüglich ausgelegt. Und der Soziologe Hartmut Rosa kritisiert, die Achtsamkeitsbewegung sei unpolitisch und schiebe das Problem, sich in einem beschleunigten System der Arbeit zu behaupten, dem Einzelnen zu.

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Inzwischen ist es Mai geworden. Harry hat etwas mehr Zeit am neuen Arbeitsplatz zum Nachdenken, Grübeln, Ideen entwerfen für die Darstellung von Armeeproblemen. Doch die wiederum sind eingebettet in die politische Weltlage, in die Zusammenhänge auch philosophischer Art. Er liest u.a. in der Zeitschrift für Philosophie 1/87 zu aktuellen Problemen der philosophischen und soziologischen Forschung in der SU, Seite 6: Die Ursachen für das Zurückbleiben der Philosophie sehen die Autoren u.a. im „Fehlen von gründlichen Forschungen zu den dialektischen Prozessen unter den Bedingungen des Sozialismus und von Untersuchungen der Eigenart des Erscheinens allgemeiner dialektischer Gesetzmäßigkeiten unter qualitativ neuen Bedingungen. Sehr bezeichnend ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass die Kategorie Negation und das Gesetz der Negation der Negation, angewandt auf die Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft, faktisch nicht ausgearbeitet ist. (...) Die Folge des ‚Vergessens der Notwendigkeit, die Entwicklung (...) dialektisch und kritisch zu betrachten, ist eine vereinfachte, begrenzte, einseitige Vorstellung vom Inhalt selbst und dem Wesen der Produktionsverhältnisse im Sozialismus.“ Die Autoren zitieren die Klassiker ( M/E Werke, Bd. 23, S. 28): Karl Marx erklärte, dass die materialistische Dialektik „in dem positiven Verständnis des Bestehenden zugleich auch das Verständnis seiner Negation, seines notwendigen Untergangs einschließt, jede gewordene Form im Flusse der Bewegung, also auch nach ihrer vergänglichen Seite auffaßt, sich durch nichts imponieren lässt, ihrem Wesen nach kritisch und revolutionär ist.“ Harry merkt dazu an in seinem Tagebuch: Wenn etwas in Bewegung ist, gehört dazu – vom Subjekt aus gesehen - die Kritik und die Fähigkeit dazu! Einbringen bei nächsten Seminaren …

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Paroli bieten


Wer keine Fragen stellt, bleibt einseitig. Harry stellt einige Erscheinungen und Gewohnheiten in der Armee wiederholt in Frage. So das unsägliche Notendenken. Man flunkert sich etwas vor. Man will den Erfolg um fast jeden Preis, denn das bringt erst die wichtigen Pluspunkte im Wettbewerb, die Prämien und Auszeichnungen. Mit dem Abteilungsleiter ist man sich schnell einig: Da gehen wir ran. Harry wird in die Spur gesetzt. Das Ziel: Bad Frankenhausen, der Truppenteil „Robert Uhrig“. Dort beobachtet der Reporter wie ein Luchs die Vorbereitungen zum Schießen und die Munitionsausgabe. Und tatsächlich. Nur die besten Schützen werden mit ausreichender Munition (lt. Vorschrift) bedacht, die „Schlummschützen“ bekommen weniger. Der Artikel wird in der VA 16/78 gedruckt. Es macht Freude, den Notenjägern eins auszuwischen. Aber: Es fällt leicht, die Oberfläche mit der Feder zu kritisieren. Die Ursachen für „Schmuh“ liegen tiefer, sehr viel tiefer ... Doch darüber liegt – wie man so sagt - der Mantel des Schweigens. Hier ist weiterhin öffentliches und offensives Bohren vonnöten.

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Spiegelfechterei? Dienstreise nach Schwerin. Einige Soldaten hatten der Redaktion geschrieben. Sie seien nicht einverstanden mit der Methode „Ausgang streichen“ als Strafmaßnahme. Es reizt Harry, diesen vorschriftswidrigen Willkürakten auf den Grund zu gehen. Wie kann man auf eigene Faust Strafen verhängen, die in keiner Vorschrift stehen? Also auf zu den Absendern des Briefes. Dort fand der Reporter die Beschwerde der Soldaten bestätigt. Der Artikel wurde in der Nr. 16/65 der Militärbezirksseite veröffentlicht unter der Überschrift „Ausgang streichen - eine Privatsache?“ Tage darauf soll der Chef des Militärbezirkes getobt haben: „So eine Spiegelfechterei!!“ Na ja, wenigstens etwas, Harry freut sich ehrlich über diese Reaktion. Etwas Wirkung, und wenn es der Ärger einiger Vorgesetzter ist, muss sein. Mehr aber kann er nicht erwarten, er weiß inzwischen, sehr oft läuft man gegen Wände.

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Wieder in Berlin. Bin aufgeladen. Stehe noch unter Strom. Will einen Diskussionsbeitrag für die Parteiversammlung über Erlebnisse in Leipzig halten. Vor allem über den Widerspruch zwischen dem vom Politbüro hochgejubelten Mikroship-Film und der gar nicht rosigen Resonanz bei jungen und sehr kritischen Zuschauern. Man macht sich was vor!! Den Vorgesetzten fährt der Schreck in die Glieder, ich sehe in ablehnende, verständnislose Gesichter meiner Genossen: „Um Gottes willen, bleibe bei der Militärpolitik, willst du etwa gegen die Einschätzung von ganz oben wettern?“ Mir ist richtig unwohl. So offensichtliche Fehleinschätzungen, so ein hausgemachter „Erfolg“, so viel Mittelmäßigkeit, so drastisch und niederschmetternd.




Harry Popow: „WIR SONNENKINDER. AUTHENTISCHE LEBENSBILDER“, Texte: © Copyright by Harry Popow, Umschlaggestaltung: © Copyright by Harry Popow, Verlag: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin, ISBN: 978-3-746719-09-2, Seiten: 504, Preis: 26,99 Euro