Freitag, 9. Juni 2017

Der Friedensgeneral


Ausgabe vom 09.06.2017


Würdigung eines Friedensgenerals


Trauerfeier für Heinz Keßler in Berlin


Von Arnold Schölzel


(jW veröffentlicht am Mittwoch, dem 14. Juni, Auszüge aus der Rede von Egon Krenz)

Der Münzenberg-Saal im ND-Gebäude am Berliner Franz-Mehring-Platz war überfüllt: Mehr als 300 Gäste, darunter die Botschafter Russlands, Wladimir Grinin, und Kubas, Rene Mujica Cantelar, nahmen am Mittwoch an einer eindrucksvollen Trauerfeier für den am 2. Mai im Alter von 97 Jahren verstorbenen Kommunisten und Antifaschisten, Armeegeneral a. D. Heinz Keßler teil. Eingeladen hatte der »Verband zur Pflege der Traditionen der Nationalen Volksarmee und der Grenztruppen der DDR e. V.«, dessen langjähriger Vorsitzender, Admiral a. D. Theodor Hoffmann, die Veranstaltung eröffnete. Nach einer Darbietung von Liedern der revolutionären Arbeiterbewegung durch den Ernst-Busch-Chor, betonte er ebenso wie Egon Krenz, 1989 Staatsratsvorsitzender der DDR, Keßler habe den Sinn des Soldatseins im Sozialismus darin begriffen, Frieden zu schaffen – nicht nur für den eigenen Staat, sondern auch für die Nachbarn.

Krenz fand bewegende Worte für seinen langjährigen Freund und schilderte u. a. die letzte Begegnung einen Tag vor dessen Tod bei der Übergabe einer Schrift mit einem Beitrag Heinz Keßlers. Dessen Leben, führte er aus, habe die beiden grundlegenden Pole der gesellschaftlichen und politischen Strömungen des 20. Jahrhunderts widergespiegelt: »Die Wirkung der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution einerseits und die Gegenwehr der Reaktion, des Kapitals, die Politik von Krieg und Faschismus anderseits.« Keßler, in einer kommunistischen Familie in Chemnitz aufgewachsen, war 21 Jahre alt, als er am 15. Juli 1941 das faschistische Deutschland hinter sich ließ und zur Roten Armee übertrat. Dazu habe Todesmut gehört. Jetzt, im Alter, habe er mit Zorn zur Kenntnis nehmen müssen, dass NATO-Truppen, darunter deutsche Einheiten, wieder an der Grenze Russlands stünden.

Keßler gehörte 1943 zu den Mitbegründern des »Nationalkomitees Freies Deutschland« und nach dem 8. Mai 1945 zu denen der FDJ, war Teilnehmer am Vereinigungsparteitag von SPD und KPD und gehörte bis zu seinem Ausschluss aus der SED (Begründung: »schlechtes Verhältnis zur Sowjetunion«) ununterbrochen deren Parteiführung an.

Krenz nannte Keßler einen »Friedensgeneral«. Es sei nur logisch gewesen, »dass die Nationale Volksarmee der DDR, deren Minister er war, auch im Herbst 1989 alles tat, damit keine Waffen sprachen.« Den Regierenden der BRD habe er aber als »Krimineller« gegolten. Seine Verurteilung zu siebeneinhalb Jahren Haft bleibe wie die seiner Weggefährten »ein Rechtsbruch ersten Ranges«. Der Bundesgerichtshof bestätigte das Urteil in dem Gebäude, in dem ihn mehr als 50 Jahre zuvor das Reichskriegsgericht in Abwesenheit zum Tode verurteilt hatte.

Der Vorsitzende der DKP, Patrik Köbele, erinnerte in einer kurzen Ansprache daran, dass Heinz Keßler, der seit einigen Jahren dieser Partei angehörte, praktisch bis zum letzten Atemzug deren Kampf für den Frieden unterstützt habe, etwa den Protest gegen die im Standort Büchel gelagerten Atomwaffen im vergangenen Jahr.

Generalleutnant a. D. Manfred Grätz, der Vorsitzende des veranstaltenden Verbandes, erklärte abschließend, die Würdigung Heinz Keßlers habe Mut und Kraft vermittelt. Er traf offensichtlich das Empfinden der Teilnehmer.