Samstag, 18. März 2017

Egon Krenz im Interview


Krenz warnt vor Geschichtslosigkeit im Umgang mit Russland



Der letzte Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und kurzzeitige Vorsitzende des Staatsrates, der heute bei Ribnitz-Damgarten lebt, räumt Missstände vor 1989 ein und kritisiert die aktuelle Politik des Westens gegenüber Russland.

Ribnitz-Damgarten. Der vorletzte Staatsratsvorsitzende der DDR, Egon Krenz, hat eine enge Beziehung zu Russland. Als führendes Mitglied der SED war er stets nahe am Kreml und verfolgte die Geschichte zunächst der Sowjetunion und später von Russland. Er kritisiert in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur die aktuelle deutsche Politik gegenüber dem östlichen Nachbarn.

Frage: Die Nato hat mit ihren Truppen, darunter auch der Bundeswehr, ihre Präsenz im Baltikum ausgeweitet. Wie beurteilen Sie das?

Antwort: Das ist eine provokative Machtdemonstration. Sie verschärft die ohnehin zugespitzte Situation auf unserem Kontinent und darüber hinaus. Bekanntlich wurde die Sowjetunion am 22. Juni 1941 von Hitler-Deutschland überfallen. Dieses Datum ist für die meisten Russen mit dem damals geleisteten Schwur verbunden, der bis heute gilt: „Nie wieder sollen fremde Truppen unserer Grenze so nahestehen wie an jenem 22. Juni 1941.“ Der Krieg kostete 27 Millionen Sowjetbürgern das Leben. Dieses Trauma ist bis heute in fast jeder russischen Familie präsent. Aber just zum 75. Jahrestag des Überfalls deutscher Truppen auf die Sowjetunion wurden 2016 an Russlands Grenzen Manöver der NATO abgehalten. Das nenne ich geschichtslos. Im Verhältnis zu Russland kann das verhängnisvoll werden.

Frage: Manche osteuropäischen Länder haben seit dem Konflikt um die Ost-Ukraine und der Annexion der Krim Angst vor Russland und fürchten um ihre Souveränität? Ist da das Verhalten der Nato nicht verständlich, die eigenen Nato-Partner zu unterstützen?

Antwort: Die Ereignisse in der Ost-Ukraine und auf der Krim sind unter anderem Folgeerscheinungen der Politik des Westens, der sich nicht an die internationalen Abmachungen hält, die im Zusammenhang mit der Herstellung der deutschen Einheit getroffen wurden. Die sowjetischen Soldaten sind in den neunziger Jahren aus Deutschland abgezogen, ohne dass auch nur ein Schuss fiel. Sie hätten dies bestimmt nicht getan, wenn sie gewusst hätten, dass ihnen NATO Streitkräfte, darunter deutsche, bis an ihre Staatsgrenze nachrücken. Die Auflösung des Warschauer Vertrages hätte ein Signal zur Schaffung einer gesamteuropäischen Friedensordnung sein müssen. Stattdessen wurde es der Auftakt zur Demütigung Russlands, wogegen die Russen sich zu Recht wehren.

Frage: Viele Menschen in Europa fragen sich, welche Intentionen der russische Präsident Wladimir Putin hat. Was denken Sie?

Antwort: Das hat Putin vor fast 15 Jahren in einer Rede vor dem Deutschen Bundestag in einwandfreiem Deutsch dargelegt. Keiner der Abgeordneten kann sagen, er habe es nicht verstanden. Er hat begründet: Ohne eine moderne, dauerhafte und standfeste internationale Sicherheitsarchitektur schaffen wir auf diesem Kontinent nie ein Vertrauensklima und ohne dieses Vertrauensklima ist kein einheitliches Europa möglich. Leider haben die Herrschenden in Deutschland diese Rede und berechtigte russische Interessen nicht ernst genommen. Das rächt sich jetzt.

Frage: Wie beurteilen sie die momentane Verbindung zwischen Deutschland und Russland?

Antwort: Leider hat Bundespräsident Gauck in seiner Amtszeit etwas für Deutschland Wesentliches unterlassen: Er ist seit Jahrzehnten der einzige Bundespräsident, der während seiner Amtszeit Moskau keinen Besuch abstattete. Ich erinnere mich, als 1988 die Beziehungen der Bundesrepublik zur Sowjetunion auf einem Tiefpunkt waren, weil Kanzler Kohl Gorbatschow mit Goebbels verglichen hatte, fuhr Bundespräsident Richard von Weizsäcker nach Moskau und brachte alles wieder ins Lot. Schade, dass Herr Gauck zu einer solchen Geste nicht fähig war. Für Deutschland war das nicht gut. Seit Otto von Bismarck wissen Realpolitiker, dass Frieden in Europa nur mit und nicht gegen Russland möglich ist.

Krenz fordert differenzierteres DDR-Geschichtsbild

Krenz, hat außerdem ein differenzierteres DDR-Geschichtsbild gefordert. „Es hat nicht nur Widerständler gegeben, sondern Millionen Menschen, die gerne in der DDR gelebt und das Land aufgebaut haben.“ Dabei bestritt er nicht, dass es Missstände in der DDR und viele Unzufriedene gegeben habe. Er betonte jedoch, dass die anderen Länder und Systeme nicht besser seien. „Ich erwarte keine Loblieder. Die Wahrheit aber schon.“