Donnerstag, 23. März 2017

Durchbruch durch acedia - kommentiert

Durchbruch durch acedia

Lotti & ALEX kommentieren
die an beide gerichtete Mail von User Kluge:


Lotti: Und nun zur Mail an ALEX und mich. Verzeih, lieber Kluge, wenn ich auch mal etwas anders sehe und bewerte, aber da wir beide die Spiegeldiskussion drauf haben, wenn es um die Beurteilung von gesellschaftlichen Phänomenen geht, hoffe ich von vornherein auf Dein Verständnis.

Zuerst hadere ich mit Deiner Überschrift "Glotzen und Labern". Labern ist für mich unterste Umgangssprache, viel besser fände ich "Durchbruch durch acedia?" Und nun zu den Freunden. Die Abhandlung zum Freundesbegriff ist ernsthaft und hintersinnig zugleich. Sie gefällt mir sehr gut, weil ich von meiner ersten Verwunderung, nachdem ich beigetreten worden war, über die Redewendungen "Das tu ich mir nicht an!" und "Das ist sein Problem" noch nicht weggekommen bin und diese beiden Aussagen immer im Hinterkopf habe, wenn ich das höre. Der Begriff Freundschaft, so wie wir ihn kennen, hat in dieser Gesellschaft einen Bedeutungswandel erfahren und wird in diesem Sinne nur noch von wenigen, vielleicht sogar Älteren, gelebt. In diesem System vieler Äußerlichkeiten, vom Liften und Botox zur modischen In-Bekleidung (Kästner wollte bei den sogenannten Klassefrauen, da sie verblöden, jede Öffnung einzeln zulöten - eines meiner Lieblingsgedichte), natürlich im Interesse der Mode-, Textil- und Medizin/Schönheitsindustrie zur Unterhaltung allergrößter Oberflächlichkeit, Gedanken- und Gefühllosigkeit. Ich sehe hierbei natürlich auch viele Zeitgenossen, die ehrlich helfen und verstehen/wissen wollen. Ich möchte in keiner Weise das Kind mit dem Bade ausschütten, nur die staatlich und von den finanziellen Hintermännern geförderte und hochgelobte, liebevoll in den Kommerz eingepackte gesellschaftliche Psychologie frönt der Rücksichtslosigkeit, Überheblichkeit und dem Streben nach materiellem Besitz, beim Streben nach geistigem Besitz ist man von hoher Stelle weniger anspruchsvoll und möchte fürs Volk möglichst geringe Fähigkeit und wenig Breitenwirkung des Geistes. Diese Feststellungen führen notwendigerweise zum Spiegel, in dem die Menschen ihren Marktwert erkennen sollen und sich hauptsächlich um die eigene Achse drehen und beim Drehen möglichst viele Mitbewerber wegschleudern müssen.

Letztlich hat das ICH eben eine menschenfeindliche Seite entwickelt. Und was Marx vom Kapitalisten sagt, dass dieser bei Strafe seines Untergangs Mehrwert produzieren muss, ist dieses Verhalten nun auch beim Individuum angekommen. Deshalb gefällt mir Dein Spiegelvergleich so gut, ich habe mir direkt beim Lesen die Hände gerieben. Der Spiegel ist für das Individuum eine Halterung, ein Festhaltegriff, um in der Gesellschaft zu bestehen. Ich beobachte schon länger in meiner Nachkommenschaft verschiedenster Couleur, dass wenig echte Freundschaften gepflegt werden. So wie wir einmal unsere Freundschaften auf 70 Jahre und jetzt schon länger ausgelegt haben, finde ich das nicht mehr. Mit jeder höheren Gesellschaftsstufe (oder was als solche angesehen wird) werden die Freunde gewechselt, oder man passt sich ihnen an, bis zum "Das ist sein Problem" etc. Wenn der Freund nicht mehr zum Image passt, wird er eliminiert. Du fragst, woher kommt so mancher Absturz? Er muss zwingend bei allen kommen, die mithalten oder auch nur sich halten wollen, beruflich und sozial, im Ansehen und der Darstellung der eigenen Bedeutung. Sinn und Inhalt bringen kein Geld, schließlich kann nicht jeder ein Nobelpreisträger werden, dem die Gesellschaft ein bisschen Respekt zollt, wobei die materielle Bedeutung immer das A und O in dieser Gesellschaft, auch bei der etablierte Menschengruppe, vergleichsweise bescheiden ist und sie auch oft nur noch Marionetten sind, besonders bei den gesellschaftlichen, literarischen und sozialen Auszeichnungen.

Übrigens, warum geht kein Aufschrei durch die Welt, wenn immer und immer wieder die Amerikaner Nobelpreisträger sind? Über eins grinse ich: Friedensnobelpreisträger können die Amerikaner beim besten Willen kaum hervorbringen, abgesehen vom Vaux pas mit Obama. Du beklagst, dass immer wieder Klischees, Sex, Morde... die kulturelle Szene bestimmen. Hier möchte ich Dir beipflichten, weil aus berufenem Mund schon vor über zweihundert Jahren gesagt wurde:

(…)
„Und was ist dein Beginnen? Hast du dirs
Auch redlich selbst bekannt? Du willst die Macht,
Die ruhig, sicher thronende erschüttern,
Die in verjährt geheiligtem Besitz,
In der Gewohnheit festgegründet ruht,
Die an der Völker frommem Kinderglauben
Mit tausend zähen Wurzeln sich befestigt.
Das wird kein Kampf der Kraft sein mit der Kraft,
Den fürcht ich nicht. Mit jedem Gegner wag ichs,
Den ich kann sehen und ins Auge fassen,
Der, selbst voll Mut, auch mir den Mut entflammt.
Ein unsichtbarer Feind ists, den ich fürchte,
Der in der Menschen Brust mir widersteht,[415]
Durch feige Furcht allein mir fürchterlich –
Nicht was lebendig, kraftvoll sich verkündigt,
Ist das gefährlich Furchtbare. Das ganz
Gemeine ists, das ewig Gestrige,
Was immer war und immer wiederkehrt,
Und morgen gilt, weils heute hat gegolten!
Denn aus Gemeinem ist der Mensch gemacht,
Und die Gewohnheit nennt er seine Amme.“

(...)
(Schiller im "Wallenstein" 3. Teil "Wallensteins Tod" )

Und nun noch einmal zu Sinn und Inhalten. Sinngebungen und Inhalte sind nur sogenannte S.. und Inhalte..., Worthülsen zu Dingen, die Menschen, kluge Menschen schon gar nicht befriedigen können. Die einen füllen die Worthülsen entsprechend Bildungsstand und Denkvermögen auf, denke Schiller, „das ganz Gemeine ists“ und die anderen suchen nach traditionellen (Religionen) oder sonstigem spirituellen Gedankengut, oder beides vermischt. Ich habe in meinem Bekanntenkreis sehr kluge Leute, die sehr wohl über den Anselm Grün oder Ludger Wolf oder acedia im Allgemeinen nachdenken, ich sage ihnen schon, dass ich das interessant finde, aber für mich nicht akzeptieren kann und diese Geisteshaltungen auch nicht für gesellschaftliche Probleme verändernd sehe. Aber ich weiß auch, dass sie sich wenigstens auf Sinnsuche begeben haben und gegenwärtige gesellschaftliche Zustände für sie deshalb auch missliebig sind. Nur, Harry, woher sollen sie Anderes wissen. Wir sind durch eine Schule und Geisteswelt gegangen, wo die Fragen wem nützt das und welche Kräfte bestimmen die gegenwärtigen Miseren, mit die wichtigsten waren. Dabei kann man sich ja nicht einmal aufschwingen und verlangen, dass Heutige es wissen müssten. Woher denn?

Hier setzt die Bedeutung Deines Essays ein, Deiner Bemühungen. Ich weiß nicht, ob ich es Dir schon geschrieben habe, der Essay war ein Aha-Erlebnis. Ich bin ein bisschen über die notwendige Freundlichkeit der Nachbarschaft hinaus bekannt mit einer hochklugen alten Dame im Haus, 96 Jahre, Zahnärztin und einigen Semestern Theologie als Nebenstudium. Wir unterhalten uns oftmals ein Stündchen bei einer Tasse Tee. Sie will immer etwas über mein Leben wissen, und ich erzähle auch vehement über meine gesellschaftlichen Beziehungen in der DDR. Einmal, da konnte sie nachts nicht schlafen, da haben wir bis früh halb sechs an ihrem Küchentisch gesessen und erzählt. Zum Abschluss sagte sie, wenn ihnen, also den Bundesrepublikanern, das erzählt worden wäre, was ich so erlebt habe, dann hätten sie ein ganz anderes Bild vom Osten gehabt. Du, das ging runter wie Honig, so habe ich mein Auftreten in der BRD immer gehalten. Und das machst Du auch, wenn wir auch keine massenhafte Aufklärungserfolge haben, aber ein paar Häkchen im Bewusstsein manches Konservativen haben wir platziert. Deine Frage nach den verschiedenen Kotzübelkeiten lässt sich ja grundsätzlich erst einmal nur aus der Grundfrage "Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein" beantworten und es so erläutern, wie Du die gesellschaftlichen Phänomene erklärst. Dieses gesellschaftliche Sein, indem wir uns befinden, lässt nichts anderes zu, als Verschleierung, Vernebelung letztlich Verdummung. Und es gibt kluge Köpfe, die beim Nachdenken, wenn sie nicht Apologeten werden wollen, beim Kampf ums Dasein depressiv, antriebslos bis zur Hilflosigkeit (Drogen, Alkohol, etc.) werden und nur wenige finden Kraft und Möglichkeit, sich aktiv dagegen zu stemmen.

Ich habe bei all meinen Studien und Weiterbildungen den Begriff, „das Sein bestimmt das Bewusstsein“, nie so wirklichkeitsnah verstanden wie seit meinem Leben nach dem Beigetreten werden in dieser bundesrepublikanischen Wirklichkeit. Du beschreibst die Erscheinung der Achtsamkeit sehr gut, nur kann man den Wenigsten daraus einen Vorwurf machen, sie suchen und können entsprechend ihrer Ausbildung, ihres gesellschaftlichen Status gar nicht anderes erkennen. Und die Verbreiter dieser (Irr-)lehre bekommen nur Unterstützung, Druckkapazität, Presse und öffentliche Beachtung, wenn sie nicht zu tief schürfen. Irgendwo spricht Heine mal vom Einlullen. Also sind diese menschenfreundlichen Prediger Einluller ob der zunehmenden Schärfe der gesellschaftlichen Beziehungen. Ich meine diese Erscheinungen sind systemimmanent. Dieser Blick nach innen bringt tatsächlich Ruhe, letztlich Grabesruhe, für alle Veränderungsgedanken. Das gesellschaftliche System kann den Menschen keinen Weg, geschweige denn einen Ausweg bieten, weil neben dem Raffen, das vielleicht sogar leichter ist, noch das Vernebeln bewältigt werden muss. Und die Kriminalität geht ja sehr spektakulär bis in sogenannte höhere Kreise, wenn das auch nur Ventile zur Glaubensstärkung an die Demokratie sind. Ich sehe die Achtsamkeit als eine Zeiterscheinung, die sich überleben wird, als ein Gedankenkonstrukt, der von der Geschichte weggefegt wird. Das soll nicht heißen, die Stimme nicht schon jetzt gegen diese Hirn einseifende Erscheinung zu erheben. Danke jedenfalls für den Essay.



ALEX erste Reaktion:
Auf den Brief des lieben Herrn Kluge antworte ich noch. Soviel steht aber schon jetzt fest: Der Mann steht im Stoff. Er hat recht und jeden Satz kann ich unterschreiben. Auch das, lieber Harry: Dieser Essay von Dir, das ist einsame Spitze! Ich bewundere Dich.


Hier meine Antwort an Herrn Kluge:

Lieber Gesinnungsfreund Kluge, jede Deiner Aussagen kann ich nur bekräftigen. Noch nie hatte ich so viele "Freunde" und deren geistige Bedürfnisse kennengelernt. Es sind unter ihnen tatsächlich auch einige mir wirklich sehr nahestehende Freunde dabei. Und ich möchte sie auch als Freunde behalten. Aber um mich mit ihnen zu unterhalten, benötige ich das Facebook nicht. Ich ziehe es vor, mich mit meinen Freunden auf andere Art als in so einem "Sozialen Netzwerk" auszutauschen. Was ist denn daran schon sozial, an diesem Netzwerk zum Abfischen von Stimmungen und Meinungen, die zwar Befindlichkeiten ausdrücken, aber nichts bewegen? Günstigenfalls sind sie als Überdruckventile zum Dampf ablassen hinsichtlich sozialer oder anderweitiger Sorgen dienlich. Oder wie Du schon richtig schreibst, zur Selbstdarstellung mit wenig substanziellen Beiträgen. Labern. Eine Form geistiger Onanie.

Und nichts Bewegendes liegt auch im Wesen von Achtsamkeit. Achtsamkeit entwickelt natürlich sehr löbliche und ansprechende Initiativen für viele Interessierte. Aber ich lebe hier in der Hauptstadt eines der reichsten Länder der Welt. Und gehe ich aus dem Haus, dann stolpere ich von einem Bettler, Obdachlosen, Asylsuchenden, HIV-Kranken, um Almosen bittenden Menschen zum nächsten. Es ist sehr schlimm. Und weder diese noch ich kommen je nach Osterloh in´s Glutenfreie Haus Achtsamkeit. Die pennen zum Beispiel auf den Bänken im Park im U-Bahnhof Schillingstrasse oder bei uns in den Treppenhäusern und Kellergängen an der Karl-Marx-Allee. Am Morgen findest du dann ihre Hinterlassenschaften, Kippen, nach Urin stinkende Pfützen. Schmutz. Und da unsere sterile Gesellschaft und damit auch wir selbst ihnen kaum jemals ein Bett, Bad oder eine Toilette anbieten würden, bleibt Unrat gesellschaftliches Strandgut. Menschen, die in dieser Gesellschaft wie Unrat an den Rand gedrängt werden.Von Bettel- Euro-Cents lebend. Und wenn du solchen Armen begegnest, dann ist verschämtes Wegschauen angesagt.

Oft kommt auch die Frage auf, ob sie nicht selbst an ihrem Unglück schuld wären. Da sollte man sich mal sachkundig machen. Da hilft es, die Obdachlosenzeitungen Strassenfeger und Motz zu kaufen und zu lesen, wie diese im Abseits vegetierenden Menschen ihr Schicksal meistern müssen. Bei dieser Gelegenheit schreit es danach, ihnen einen Obulus zu entrichten. Das tun nur Wenige. Ich erlebe das täglich. Und es schmerzt.

Seit einigen Wochen treffe ich IHN, einen jungen Obdachlosen. Beinahe immer dann , wenn ich in der Schillingstrasse in die U5 steige. Als ich ihn das erste mal sah, war ich erstaunt. Er ist jung, ca 22-25 Jahre. Sauber, adrett. Gepflegt. Schüchtern, beinahe verschämt, ging er mit seiner spärlichen Habe durch den Wagen. Den Pappbecher zaghaft haltend, sich den Menschen wortlos bittend leicht zuwendend. Bevor ich ihm etwas in den Becher geben konnte, stiegen wir aus. Inzwischen konnte ich an meine Geldbörse. Er lief an mir bereits vorbei. Ich rief ihn an und er bekam seinen Euro, bedankte sich höflich und ging weiter. Seitdem begegne ich ihm öfters. Ein EURO ist immer drin. Aber eben nicht von jedem. Die Leute lesen in der Bahn lieber ihre Zeitung, trinken ihren Caf to go oder Datteln auf ihren Smartphones herum. Nur nicht hinsehen müssen in die bittenden Augen.

In den kalten Nächten schlief der Junge immer auf einer Bank im U-Bahnhof Schillingstrasse. Ohne Unterlage. Ohne Schlafsack. Wie andere dort übernachtende Obdachlose besitzt er das noch nicht. Immer mit einem Auge die vorbeigehenden Fahrgäste beobachtend, ein Schild neben sich, das ihm das Ansprechen um Almosen erspart. So dämmert er im Halbschlaf dem Morgen entgegen. Dann steht er auf, beginnt seine Tour im U-Bahnhof am ALEX schon gezielter, immer den Kontrolleuren der BVG ausweichend, nicht mehr bittend. Er bettelt. Und der zunehmende Verfall, das tiefere Abgleiten dieses Jungen wird sichtbar.

Ich denke an unsere Söhne. In der DDR geboren und so etwas nie gekannt haben zu müssen , so wuchsen sie auf. Unsere sechs Enkel ebenfalls. Unsere sieben Urenkel wachsen in gut versorgten Familien auf und müssen so etwas noch nicht kennenlernen. Hoffentlich nie!


Ja , und dann lieber Kluge, schlagen die fleißigen Facebook - Nutzer ihre Zeit in diesem SOZIALEN NETZWERK tot. Man sollte sie lieber Nutzloswerke nennen. Die Masse an bedeutungslosen Benachrichtigungen, Anfragen, Kommentaren, die ich in letzter Zeit erhielt und die an all diesen Erscheinungen nichts zu ändern vermögen, die Dir aber gestatten ´gefällt mir`, oder eben auch nichts anzuklicken, wandern erbarmungslos in den Datenmüll. Ab in den Papierkorb. Gelöscht. Also , lieber Herr Kluge, bei Facebook auszusteigen, das halte ich eben für eine (K)luge Entscheidung. Machts besser - ALEX