Samstag, 23. Juli 2016

(I) Ein Kessel ERLESENES (1-5)

(I) Ein Kessel ERLESENES (1-5)

Gehortete Zitate aus der schönen Literatur, die ich sehr mag, geschrieben von gerne gelesenen Autoren, sowohl aus der Belletristik als auch aus politischen Streitschriften. In loser Folge ab sofort in meinem Blog nachzulesen. Warum? Weil die Textauszüge oftmals Dinge benennen, die aktueller nicht sein können. Wer mag, leiste sich das geistige Vergnügen.


(5) Daniil Granin: „Das Gemälde“, Verlag Volk und Welt, Berlin, 2. Auflage 1983.



Profitstreben, Textauszug Seite 297:
Hauptsache, wir finden heraus, ob wir eine Seele haben. Deshalb möchte ich auch das Profitstreben aus dem Menschen auskochen, entfernen, um zu sehen, was übrigbleibt. Wenn nichts bleibt, dann ist es aus. Dann ist es mit jeder Hoffnung und Güte aus. Keinerlei Märchen. Nur noch Gewalt, List, Vorteil! Dann hat die heilige Lüge ein Ende, und der Mensch in seiner unverhüllten Habsucht bietet sich den Blicken dar.

Die Zeit nutzen, Text Seite 313:
Es gib keine gefüllte, unnütze Zeit. Die Anprobe einer Bluse ist keine Unterbrechung, keine Zukunftsvorbereitung. Auch sie ist wesentlich, denn Neuerwerbungen bedeuten Vergnügen, Erneuerung, sind Risiko, Hoffnung, Spiel. Das Leben besteht ganz aus solchen Wundern, man muß sie nur wahrnehmen. (…) Er begriff nicht, dass die bloße Kenntnis dieser Wahrheit dem Menschen nur wenig nützt.

Einfaltspinsel, Seite 313:
Worüber der Kluge sich den Kopf zerbricht, über das setzt sich der Einfaltspinsel mühelos hinweg.

(4) Eberhard Esche: „Der Hase im Rausch“, Eulenspiegel Verlag, 2000

Von der Kette..., Seite 314:
Jetzt, wo der Sozialismus tot ist, ist der Kapitalismus von der Kette. Und keiner scheint sich zu finden, der sie ihm wieder anlegt. Ich habe nichts gegen gezähmte Kapitalisten. Aber ungezähmte beißen sich tot. Von mir aus sollen sie, aber ich will nicht dabei sein. Aber ich bin dabei. Das ist ein Problem.

Lernfähigkeit, Seite 332:
Wenn einer gesiegt hat, freuen sich für gewöhnlich nicht die Unterlegenen. Aber wie lange freuen sich die Sieger? Wem die Lernfähigkeit abhanden kommt, dem bleibt die Zukunft verschlossen. Unbelehrbarkeit aber, die wurde den Siegern von heute, von den Überwundenen von gestern, stets geweissagt. So liegt die Überlegung nicht in utopischer Ferne, dass die Verlierer von gestern die Sieger der Geschichte bleiben.

Scheiße aushalten?, Seite 263:
Der beste Teil des Theaters, nach dem Dichter, ist das Publikum. Jedenfalls hatte ich bis vor kurzem noch den Glauben. Doch ist seine Leistungsfähikeit im Ertragen von Trallala enorm. Das ist der Nachteil von Wohlerzogenheit. Es ist, seiner Toleranz wegen, von mir schon oft stillschweigend verflucht worden: Wie oft bin ich aus schlechten Inszenierungen, von oben hinlänglich erwähnten Regisseuren in Szene gesetzt, aus dem Theater gelaufen, die Leute blieben sitzen. Manchmal frage ich mich, was mehr zu bewundern ist, ihr Kopf, der so viel Scheiße aushält, oder ihr Arsch, der so viel Scheiße aussitzt.


(3) Werner Mittenzwei: „Das Leben des Bertholt Brecht oder Der Umgang mit den Welträtseln“, Aufbau-Verlag Berlin 1986

Wahrheitsliebe, Textauszug Seite 398:
Der dem Marxismus innewohnenden Radikalität der Gesellschaftskritik konnten sich fortschrittliche bürgerliche Intellektuelle nur anschließen, wenn sie bereit waren, Brücken hinter sich abzubrechen. Sich zur gesellschaftlichen Wahrheit durchzuringen bedeutete dann, das Leben zu verändern. Je mehr Brecht und Benjamin dazu bereit waren, um so unduldsamer wurden sie gegenüber jenen Intellektuellen und Dichterkollegen, die nur allgemein fortschrittlich sein wollten. Brecht warf ihnen vor, daß ihre Wahrheitsliebe nur darin bestehe, zu sagen, was sie wissen, daß sie aber nicht bereit wären, den Dingen auf den Grund zu gehen.

(2) Ernst Schumacher: „Mein Brecht. Erinnerungen“, 2006, Henschel Verlag in der Seemann Henschel GmbH & Co. KG
Terrorismus, Textauszug Seiten 500/501:
Historische Tatsache ist jedoch, dass es bisher nur eine wirklich wirksame, makaberer weise als „effektiv“ zu bewertende Gegenbewegung gegen den Weltherrschaftsanspruch des übriggebliebenen, real existierenden Kapitalismus gibt, nämlich den sogenannten internationalen Terrorismus. Er mag ideologisch seine Wurzeln in religiösem Fundamentalismus von Islam, auch Hinduismus haben, der die Kreuzzüge des Christentums gegen die „Ungläubigen“ konterkariert. Seine Ursachen hat er jedoch in der Ausbeutung der sogenannten dritten Welt durch den globalisierten Kapitalismus. Gegen die militärische Überlegenheit wie die wirtschaftliche und kulturelle Dominanz des Westens, am deutlichsten repräsentiert durch die USA (…), setzt er auf gewaltsame Zeichen, zu denen unübersehbarem Symbol die Zerstörung der Gebäude des World Trade Center in New York und des Pentagons in Washington am 11. September 2001 wurde. Die daraufhin im Namen von „Freiheit und Democracy“ (…) geführten präventiven Kriege gegen Schurkenstaaten (…) erwiesen sich freilich rasch als Camouflagen für die eigentlichen Ziele: Ausweitung und Festigung der angestrebten uneingeschränkten Verfügung des Westens über die Naturressourcen und strategischen Positionen der vorder- und mittelasiatischen Region. Daß damit dem „internationalen Terrorismus“ keine „Enthauptungsschläge“ zugefügt werden konnten, beweisen die seitdem erfolgten Anschläge auf Einrichtungen und Personen in Indonesien ebenso wie in Tunesien, Saudi-Arabien und Marokko, (…). Es wird immer klarer, daß, so wie dem Anarchismus des 19. Jahrhunderts nur durch soziale Reformen beizukommen war, auch dem heutigen Terrorismus nur durch eine neue Weltordnung beizukommen sein wird, die allen Menschen das Grundrecht zum Leben auf ihre Weise durch eine gerechte Verteilung der Güter dieser Erde gewährt, wie der Epilog in Brechts Kaukasischem Kreidekreis es vorgibt: „Daß da gehören soll, was da ist, denen, die für es gut sind ...“




(1) Zitiert aus dem Buch „DÄMMERZEIT“:

Das ist die große Freiheit – unter der Maske der Anpassung darfst du tun und lassen, was dir beliebt. Das stört die „Heilige Kuh“ nicht im Geringsten. Überschreitest du aber die Grenzen deines kleinen ICHS und kratzt am Üblen, dann bist du ein bornierter Ewiggestriger. Mehr noch: Du bist ein Störenfried auf dem großen Ball der Duckmäuser und Maskenträger. Sie sind nicht die Stützen dieser im Groß-Manns-Rausch befindlichen Kapital-Herrschafts-Clique. Das Beste – man radiert sie aus. Man übergeht sie, druckt sie nicht und lacht sich eins ins Fäustchen. Die Freiheit lässt grüßen! „Jedem das Seine?“ Im schlimmsten Fall eines neuen Widersachers greift der türkische Häuptling ein... Leute, haltet Eure Masken fest. (Henry)

"Die Unwissenheit lässt die Völker nicht nur in Schlaffheit versinken, sondern erstickt in ihnen selbst das Gefühl der Menschlichkeit." (Helvétius)

Der Philosoph Wolfgang Fritz Haug schrieb einst: „Individuen müssen die Grenzen ihres Berufes, ihrer fachlichen Spezialisierung und zugleich die der Privatheit überschreiten, um Intellektuelle zu werden. Intellektueller ist nicht bloß ein weiteres Steinchen im horizontalen Mosaik der Berufe.“ (siehe "junge Welt“ vom 2./3. Mai 2009, Seite 10, „Rückkehr kritischer Potenz“)

„Trägheit, lateinisch acedia, der wir alle unterliegen … Zustand, den schon die alten Buddhisten reflektierten, ob Versenkung und Meditation denn auch Tun sei, oder, wie man heute sagt, Lethargie, uneffektives Verhalten, Gleichgültigkeit, … Durchbruch durch acedia.“ („Mir scheint, der Kerl lasiert", Gerhard Wolf)

Wer sich ins Privatleben zurückzieht, ist deshalb kein Feigling, aber wer kämpft, ist kein Narr. (Michael Benjamin, „Das Vermächtnis“, Seite 67, edition ost)

Jutta Dittfurth: Hätte die Bastille 1789 mit einer Lichterkette erstürmt werden können? Ist die Oktoberrevolution von 1917 als gewaltfreie Sitzblockade denkbar? Die Befreiung vom Faschismus durch eine Love-Parade? (junge welt“, 29.04.2009)