Sonntag, 9. Oktober 2011

"Gefährliches" Erbe

(Geschrieben Herbst 2009, gekürzt veröffentlicht in RotFuchs Mai 2010)

Eine Laudatio auf ein unbezahlbares DDR-Kapital

Ehj, der macht einem wirklich Sorgen. Zum Beispiel der ehemalige Innenminister von Brandenburg, Jörg Schönbohm (CDU). Hatte der doch allen Ernstes behauptet, in den neuen Bundesländern gebe es „eine verbreitete Stillosigkeit – im Umgang wie bei der Kleidung“. Aufgrund der „Entchristlichung“ in der DDR fehle vielen Menschen außerdem „ein geistlicher Halt“. Ein Politiker kommentierte dazu treffend, dieser Mann könne seinen „Ekel vor Ostdeutschen nicht mehr verbergen“. („junge welt“, 23.11.2009)
Das läßt einem keine Ruhe. Der arme Mann. Wie muß er sich während seiner Amtszeit gequält haben. Lauter Ossis um ihn herum. Es muß wohl ein starkes Gegengift in ihm gewesen sein, so etwas auszuhalten. Ist dem Mann überhaupt zu helfen? Will er sich helfen lassen? Jedenfalls muß ein Virus in ihm stecken, der nicht totzukriegen ist. Also her mit einem Eimer … Für einen Hartgesottenen aus der Gilde der Unbelehrbaren.
Und diese Gilde ist riesengroß. Selbst wenn man die meisten Medien und die Reden der Politikergarde unter die Lupe nimmt, dann weiß man, wie miserabel es den heutigen Machtbeflissenen geht. Sie deckeln alles ab, was einmal der andere Teil Deutschlands war. Sie lassen auch nach zwanzig Jahren keinen grünen Zweig an der DDR. Was könnte denen - also auch dem einstigen General der Bundeswehr - in die Quere gekommen sein?
Dabei haben die Oberen aus der vollständigen Vereinnahmung Ostdeutschlands glänzend profitiert. Sämtliches Volkseigentum haben sie wieder an sich gerissen und mit dem Osten neue Absatzmärkte geschaffen. „Vom Volkseigentum der DDR profitierten zu 85 Prozent Westdeutsche, zu zehn Prozent internationale Konzerne und nur zu fünf Prozent DDR- Bürger. Das Eigentum der DDR wurde durch die Treuhand verschleudert. Das alles nenne ich nicht Revolution. Es ist die Restauration des Kapitalismus, was im Herbst keine Forderung des Volkes war.“ („junge welt“, 19.09.2009, Gespräch mit Egon Krenz. Über sein Buch »Herbst ’89«, den Untergang der DDR und über Legenden und Realität am 9. November vor 20 Jahren). Harry Nick dazu im ND vom 13.11.2009: „In den vom Zeitgeist so sehr bemühten Wende-Erinnerungen hätte auch an das Schicksal der ostdeutschen Industrie erinnert werden müssen. Deren Absturz in den Jahren 1990/92 ist schließlich der spektakulärste Vorgang in der Wirtschaftsgeschichte der Neuzeit: Mitten in Europa und mitten im Frieden wurden über zwei Drittel des Industriepotenzials brachgelegt. Das hatte es selbst im Gefolge der Weltkriege nicht gegeben.“
Die Inbesitznahme Ostdeutschlands nach der Implosion der DDR kann doch keinen Ekel erregen. Oder?
Es muß da etwas geben, was sie, die Haßprediger des politischen Tieffliegergeschwaders und mediengeschädigte Einfaltspinsel nicht vereinnahmen konnten, was sie nicht mit noch so großen Jubelfesten auch im Jahre 2010 totzuschweigen imstande sind: Das ist der ehrliche Gedanke zurück, der sich nicht nur mit Halbwahrheiten und Lügen abgibt, sondern dann der Wahrheit näherkommt, wenn er dabei den gesamten Entstehungsprozeß der DDR als einzigartige Alternative zum Kapitalismus ins Blickfeld holt. Sicher, die jetzigen Herrschenden mögen es gar nicht lustig finden, wenn nicht wenige der Älteren unter den einstigen DDR-Bürgern die Geschichte - mit zwei prüfenden Augen sehend – erzählen und so ihr Wissen und ihre Erfahrungen an Jüngere würdevoll übermitteln. Kann es nicht sein, dass dabei Wertvolles zutage kommt, das, was man heute nicht mehr wahrhaben will, was kaum noch zu finden ist? Kann es da nicht passieren, daß Kritik am Bestehenden aufkommt, am Marktgebaren? Könnte da nicht ein Dacapo am Himmel aufleuchten? Ein Wiederaufleben humanistischer Gesellschaftsideen? Herbert Willner hält in dem Buch „Kundschafter im Westen“, edition ost, S. 310, folgendes fest: Die Herren der Globalisierung, der Konzerne und Banken hätten längst entsorgt werden können. „Ihr Fazit: Das darf sich niemals wiederholen! Entsprechend müssen die Reste sozialistischen Aufbegehrens mit Stumpf und Stiel ausgemerzt werden. Selbst die Erinnerung muß so gründlich wie möglich getilgt werden. Die Menschen müssen entsozialisiert, entsolidarisiert und entpolitisiert werden, um sie – Teile und herrsche! – beherrschen und um jegliche gesellschaftsverändernden Aktivitäten ausbremsen oder verhindern zu können.“
Die Furcht davor wäre immerhin denkbar, jagt doch ein gewisses Gespenst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts den Geldmachtbeflissenen Angst und Schrecken ein. Und nun revanchieren sie sich: Nie wieder Sozialismus/Kommunismus! Der Abgesang des Sozialismus sei auch das Ende der Geschichte, sagen sie. Aber kann eine Idee so leicht untergehen? Sind die Gründe dafür denn zu Grabe getragen worden? Wer zählt die Vernunftbeganten, die dem widersprechen? Einer von vielen ist der Regisseur Wolfgang Kohlhaase. Er sagt in einem ND-Interview „Wie die Wende ins Kino kam“: „Das damals prognostizierte Ende der Geschichte ist ja nicht eingetreten, die Geschichte geht weiter, als großes unbekanntes Abenteuer. Und der östliche Gesellschaftsversuch ist ja nicht gescheitert, weil die Gründe für den sozialistischen Weltverbesserungs-Entwurf aus dem 19. Jahrhundert sich erledigt haben. Die Gründe sind noch da.“ Gar nicht nebenbei gesagt: Eine englische Studie, eine Befragung in 27 europäischen Ländern ergab, dass 87 Prozent der Menschen sich eine andere, humanere Gesellschaftsordnung vorstellen können.
Gerade heraus: Alte „Ossis“ haben manches in petto, was einfach unbezahlbar ist. So Generalmajor a.D. Heinz-Joachim Calvelage im „RotFuchs“ vom Dezember 2009. Das gefiel mir. Man kann sogar von einem Reichtum sprechen der inneren Werte, der Menschlichkeit, der Draufsicht auf ein Leben in Frieden und gegenseitiger Achtung, auf die angestrebte – aber nicht immer praktizierte - Würde gegenüber jedem Einzelnen. Nicht zuletzt auf die systembedingte Möglichkeit, sich nicht der Diktatur des Geldes unterwerfen zu müssen. So unsere Anfangsbestrebungen.
Und das sei zu vererben? So einfach liegen die Dinge nicht. Inge von Wangenheim schrieb in der Zeitschrift „neue deutsche literatur“ 3/81, Seite 99, dass sich die Kinder der ersten Generation, die die DDR aufgebaut haben, damals die Früchte dieses Sieges bereits genießen konnten, „ohne sich über sein Zustandekommen noch viel Gedanken zu machen. Warum auch sollten sie? Ständige Verbeugungen vor Eltern und Großeltern beschränken den Blick für die Weite des eigenen Horizonts.“ Wie aber kann man eine Hoffnung, eine Idee, eine Fackel weiterreichen? Wenigstens aber Antennen, sprich Neugier, für das, was da politisch gespielt wird. Wer will davon überhaupt noch etwas wissen?
Ich gehöre auch zu den Alten. 1936 geboren und in der KVP sowie in der NVA gedient von 1954 bis 1986. Im Oktober 1949 mit der Fackel in der Hand auf dem Lustgarten stehend, jubelte auch ich der gerade gegründeten DDR zu. Später bildete auch ich junge Männer militärisch aus und griff schließlich zum Kugelschreiber und schrieb über jene, wie sie sich plagen, wie sie das Notwendige meistern lernten, den ersten Arbeiter-und-Bauern-Staat zu schützen. Ja, ich habe als Offizier und Militärjournalist in der Nationalen Volksarmee zweiunddreißg Jahre mitgewirkt an einer Alternative zum Krieg, an einem Entwurf für ein großartiges Gesellschaftsgemälde. Das trägt der Oberstleutnant a.D. mit Würde. Schmerz aber erfüllte ihn und Millionen anderen Leuten, daß man im kleinen Land mit der Zeit vieles vermasselt hatte. Eine ganze geschichtliche Periode, ein Startversuch in ein menschenwürdigeres Dasein ist durch Unvermögen abgestürzt. Auf absehbare Zeit unwiderruflich. Verspielte Chancen!
Und die standen anfangs nicht schlecht. Was für einen Reichtum wir angehäuft hatten: Gerne zitiere ich an dieser Stelle noch einmal Egon Krenz („junge welt“, 19.09.2009), dem es vor allem zu verdanken ist, dass kein Schuß beim Systemwechsel gefallen war: „In der Erinnerung vieler wird bleiben, was Menschen heutzutage so schmerzlich vermissen: Eine solidarische Gemeinschaft, in der der Mensch des Menschen Freund und nicht sein Wolf ist, in der nicht das Geld diktiert und soziale Angst über den Tag hinaus regiert, in der es Arbeit für alle gibt und gleiche Bildungschancen unabhängig vom Geldbeutel der Eltern. Ohne Arbeit kann es keine wirkliche Freiheit geben. DDR-Bürger kannten ein hohes Maß an sozialer Gerechtigkeit, es gab gleichen Lohn für gleiche Arbeit, die Gleichberechtigung der Geschlechter und der Generationen war selbstverständlich. Solange es die DDR gab, kamen keine deutschen Soldaten aus Krieggebieten in Särgen nach Deutschland.“
Und man gibt dem einstigen Staatsratsvorsitzenden recht, wenn er Nachdenklichkeit über Deutschland – nicht nur auf die DDR reduziert - einfordert und die Frage stellt, was denn bewahrenswert aus den Erfahrungen der DDR ist? Wer soll den Enkeln und Urenkeln Rede und Antwort stehen, falls diese Fragen irgendwann einmal gestellt werden? Und tatsächlich, „wie lebt es sich in einem Land“, so Harry Nick (ND 16.10.2009), „ ohne Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit und Armut, ohne sehr Reiche, ohne soziale Ängste; in einem Land, in dem Minister und Generaldirektoren großer Konzerne höchstens das Vierfache und nicht wie manche Bosse im heutigen Deutschland das vielhundertfache Einkommen des Durchschnittsverdieners erhalten? Wie lebt es sich in einem Land ohne Bildungsprivilegien? Wie lebt es sich, wenn Gesundheitsleistungen kostenlos sind? Wie lebt es sich ohne organisierte Kriminalität, Drogenkriminalität, in einem Land, in welchem die Kriminalitätsrate nur ein Sechstel im Vergleich zum benachbarten kapitalistischen Staat beträgt? Gab es in der DDR nicht in der Tat mehr menschliche Wärme, wie vor der Wende selbst die »FAZ« äußerte; mehr Hilfsbereitschaft unter den Menschen, mehr Kinderfreundlichkeit?“
Ja, Herr Schönbohm, die Ekel-Ossis!
Da wagt es doch (siehe ND vom 30.10.2009) ein Kölner Institut den Ostdeutschen in die Seele zu blicken und entdeckt ganz menschliche Züge. Wolfgang Hübner schrieb dazu: Von den Ostdeutschen würden zwei Medienbilder existieren: „der Wendeheld und der Jammerossi.“ … „Die meisten Ossis bewegen sich zwischen den Stereotypen. Sie zeichnen sich durch »praktizierte Lebensbeherrschung« aus, weshalb sie auf Luxus verzichten, Obst preiswert kaufen und selbst kochen und backen. Sie sind bodenständig und naturverbunden, was sich etwa in ihrem Hang zum Wandern dokumentiert. Sie bevorzugen einen geregelten Tagesablauf mit festen Aufsteh-, Essen- und Schlafzeiten – im Gegensatz zum »überfrachteten und fragmentierten westlichen Multioptions-Alltag«. Sie basteln lieber mit ihren Kindern Kastanienmännchen und genießen dabei »das Gefühl, ein eigenes, konkretes Werk zu schaffen«.
Wohl niemand macht sich da etwas vor: Sowohl die vererbungswürdigen Schätze an DDR-Erfahrungen als auch die subjektiv-dummen, unverzeihlichen sowie teilweise größeren Zusammenhängen geschuldeten Fehler – sie sind unter einem Dach groß geworden. Widersprüche, die zu ernsten Konflikten zwischen oben und unten führten. Was einst als sozialistische Persönlichkeit aus der Taufe gehoben werden sollte, verdarb mitunter zur Deformation der Menschen im Denken und Verhalten. Was sollte man denn davon halten, dass in den letzten Jahren vor 1989 kaum heikle Fragen gestellt werden durften. Weder in den Schulen, noch in den Betrieben. Gespräche zu politischen Widersprüchen nur hinter der vorgehaltenen Hand? Das ist unwürdig. So erzieht man nur Ja-Sager und keine reifen, kritikfähigen Mitstreiter in einer Gesellschaft, die ja etwas ganz Neues in der deutschen Geschichte darstellen sollte. Das konnte, und vieles andere mehr, nicht gut gehen.
Und es ging nicht gut. Mit recht platzte tausenden Bürgern zu gegebener Zeit der Kragen. Kann man ihnen nicht verübeln. Wer wollte bezweifeln, dass die meisten von ihnen eine reformierte DDR wollten. Ob das 1989 noch möglich geworden wäre, sei dahingestellt. Die Implosion der DDR und des ganzen Sozialismus trieb die Mauerspechte allerdings nicht in ein vermeintliches Paradies, sondern in die gesellschaftliche Sackgasse.
Was dem Ostbürger nach der Maueröffnung drübergestülpt, ja zugemutet wurde, das war mehr als nur Deformation der Persönlichkeit. Er fand sich plötzlich im Konsumrausch, was natürlich Fröhlichkeit einschließt, er sah sich – bemerkbar oder nicht – in einem Labyrinth unzähliger verfluchter Fragen und neuen, nicht gekannten Ängsten. Mehr noch: Manche bemerkten gar nicht, dass die Gegenwart und auch die Zukunft von der Vergangenheit gefressen wurde. Gunnar Decker schrieb dazu am 23.05.2009 im „ND“: „Die eigentliche Frage dieses Mauerfall-Jubiläumsjahres wird in den Medien des Landes auffallend viel beschwiegen: Das Leben führt zum Tode, aber wohin führt die Geschichte? Wir kommen nicht darum herum, das Gestorbene am Gestern zu trennen von dem, was weiterlebt. Um diesen Prozess der Scheidung geht es. Im Wiedererinnern wird beides sichtbar: Das, was lebt und das, was tot ist.“ In dem Buch „Vertreibung ins Paradies“, stellte Daniela Dahn auf Seite 207 fest: „Die DDR war mein Problem, sie hat mich trotz allem betroffen und interessiert, ihre utopische Potenz bewahrte bis zuletzt einen Impuls von 'Verändern-wollen', sie war bis zum Schluß wenigsten noch wert, abgelehnt oder auch gehaßt zu werden. Die BRD ist nicht mein Problem, sie langweilt mich, weil sie nichts mit mir zu tun hat. Sie läßt mich gleichgültig, weil ich nicht daran glaube sie verändern zu können."
Beifall für sie: Das nach „außen“ leben wollen und müssen, sich zeigen, sich präsentieren, sich verkaufen müssen!! Die Genügsamkeit: Meine Arbeit, mein Haus und Garten, mein Mann, mein Glück!! Maßlose Gier- und Verschwendungssucht der Geldleute – nein, und nochmals nein, das kann nicht zukunftsbestimmend sein, erst recht nicht die Kriege, die im Interesse der Machterhaltung der globalisierten Marktanbeter geführt werden.
Mir gefiel, was Countertenor Jochen Kowalski in diesem Zusammenhang am 14.11.2009 gegenüber dem ND äußerte: „Für nichts ist mehr Ruhe, Zeit und die nötige Freiheit von Druck da. Man hat Angst, nicht mehr besetzt, gar entlassen zu werden, die Menschen sind in einem erbärmlichen Maße damit beschäftigt, sich wichtig und unentbehrlich zu machen. Das ist doch irre: Alle fühlen sich frei, und jeder geht zum Psychiater.“
Was will denn eigentlich der normale Bürger? Man denke an die Geschichte von Leo Tolstoi „Wieviel Erde braucht der Mensch?“ Darin ging es um die Gier eines Bauern, mehr Land haben zu wollen, als er eigentlich bearbeiten kann. Daran ging er zu Grunde. Heute sind die Läden zwar voll mit allem was das Herz begehrt, aber das, was ihn erst innerlich reifen läßt und seine Würde unterstreicht, das ist die Arbeit. Und eine bezahlbare Wohnung. Und eine kostenlose Gesundheitsversorgung. Und Liebe. Und das in einem Gesellschaftssystem, das dies durch eine andere Verteilung des Reichtums als Rahmenbedingung garantieren könnte. „Ich denke, ich bin kein gieriger Mensch. Deshalb ist es nicht mein System. Wie viele Menschen, die ich kenne, wünsche ich mir einen sicheren Arbeitsplatz, eine Wohnung, die ich bezahlen kann – alles andere richtet sich. Das kann und will mir das System nicht garantieren. Braucht es mich nicht mehr, stößt es mich ab. Ich und viele andere kriegen die Krise, wenn sie daran denken.“ So die Meinung von Christina Matte (ND, 28.05.2009).
Wohin führen Deformationsprozesse, wenn Leute nicht gefragt sind, wenn es nur ums Geld geht, wenn Nachdenken über Visionen nur ein abfälliges Lächeln erzeugen? Ein bemerkenswertes Eingeständnis von Maxim Leo, eines einstigen DDR-Bürgers, in seinem Buch „Haltet euer Herz bereit“ (Seite 15): „Ich habe einen gut bezahlten Job in einer Zeitung, und meine Hauptsorge besteht gerade darin, ob wir in unserer Küche Dielen- oder Steinfußboden haben sollten. Ich brauche keine Haltung mehr zu zeigen, muß mich nicht engagieren, benötige keinen Standpunkt. Politik kann ein Gesprächsthema sein, wenn einem sonst nichts einfällt. Nicht die Gesellschaft, ich selbst bin zum Hauptthema meines Lebens geworden. Mein Glück, mein Job, meine Projekte, meine Träume.“
Ohne Kommentar!
Spätestens hier sei die Frage angebracht: Bräuchte nicht ein einstiges Siebzehnmillionen-Volk angesichts fehlender Zukunftsvisionen sehr viele Eimer?
Ist das nicht grotesk: Zur Zeit der Jubelfeiern zum „Mauerfall“ um den neunten und zehnten November 2009 herum, bei der auch der letzte Ruf nach einer Debatte über
grundsätzliche gesellschaftliche Alternativen zu Grabe getragen werden sollte, versammelten sich Historiker, Politologen, Schriftsteller und Informatiker zu einer Podiumsdiskussion an der FU Berlin. Sie diskutierten über den Sozialismus, über die Aktualität einer Utopie. „Wir wollen darüber reden,“ so heißt es, „wie eine Gesellschaft aussehen könnte, in der nicht Profit und Markt, sondern gesellschaftliche Bedürfnisse die Produktion bestimmen, in der die Verteilung von Arbeit und Ressourcen demokratisch geplant wird. Eine Gesellschaft ohne selbst produzierte Sachzwänge, eine Gesellschaft, die willens und fähig ist, der ökologischen Katastrophe zu entgehen. Eine historische Analyse des sogenannten »real existierenden Sozialismus« ist dabei unverzichtbar.“
Unter diesen – nun erst recht wieder erstrebenswerten – Bedingungen lassen sich leichter jene Werte ansteuern, die ansonsten immer mehr ins Hintertreffen geraten könnten. Der Schriftsteller K.H. Roehricht stellte dazu in seinem Buch „Großstadtmittag“ S. 206 fest: „Es sind immer die Zuverlässigkeit und die Bescheidenheit, der Fleiß und die Güte, die einen Menschen seinen wahren Wert auch außerhalb der Bildung geben.“ Und Christa Wolf fragt sich, „was will der Mensch. … Der Mensch will starke Gefühle erleben, und er will geliebt werden. Punktum.“
Sicher, Liebe, verbunden mit andauernder herzlicher Kameradschaft, verändert nicht die Welt – aber sie gibt Halt und Kraft, im Leben zu bestehen und manchmal mehr zu tun, als verlangt wird. Dann erst wächst einer über sich selbst hinaus. Nicht die Funktion, der Besitz materieller Dinge, das Getue – dieses ganze Blendwerk der Macht und Ehrgeizgierigkeit – nicht dies ist es, was die Reife eines Menschen zeigt, seine Seele aufdeckt, ihn zum Menschen macht. In ihrem sehr bemerkenswertem Buch „Meine ersten drei Leben“ entwirft Ingeborg Rapoport ein sehr schönes Bild vom Menschen (Seite 36): „Aber ist nicht jeder besonders, und leuchtet nicht jeder in der Berührung mit einem anderen auf, vielleicht nur für kurze Zeit – wie das Laub draußen im Garten, wenn die Sonnenstrahlen hindurchgehen? Und hat nicht jeder das Recht, mit Liebe aus der Erinnerung geholt zu werden für eine kleine flüchtige Wiederkehr ins Leben?“
Kulturgeschwätz? Hirngespinste der Alten? Wer winkt da ab? Klarsicht und Vernunft stünden den Deutschen besser zu Gesicht… Eimer ade also... Und das auf beiden Seiten der noch existierenden „Mauern in den Köpfen“, wie man zu sagen pflegt.
Harry Popow, Schöneiche b. Berlin