Sonntag, 9. Oktober 2011

Es kriecht immer noch aus dem gleichen Schoß

(Nach dem 13. August 2011 ins Netz gestellt)

Noch haben wir im Ohr, was Herr Wowereit zum Fluglärm über dem Müggelsee vor wenigen Tagen von sich gab: Wenn das Umweltbundesamt (UBA) die Routen prüft und das mit Gosen nicht ginge, na dann müssen die Menschen eben die Belastungen hinnehmen (die „Wirtschaftlichkeit“ müsse beachtet werden). Stunden später stellt er sich – ebenso wie andere Politiker – am 13. August ans Rednerpult und heult den Leuten in heuchlerischerweise vor: Für Tote durch Mauer und Stacheldraht gäbe es keine Gründe. Das sagt also ausgerechnet einer, der von den Bürgern fordert, „Gedankenlosigkeit und auch Unkenntnis“ zu Teilung und Mauerbau zu überwinden.Welche Ursachen führten denn letztendlich zur Abriegelung zwischen den zwei größten und weltmächtigsten Militärblöcken? Und war das etwa eine „innerdeutsche Grenze“?
Mauertote? Und wenn sie nicht gebaut worden wäre? Es ist nicht auszudenken, mit welchem Zynismus über damalige neue Gefahren für den Weltfrieden hinweggegangen wird. Ist das nicht kriminell? Dazu noch volksverdummend? Gar nicht zu reden von dem, was die DDR-Bürger nach dem Mauerbau für Vorteile genießen konnten. So die „junge welt“ vom 13. August 2011 u.a.: 28 Jahre Friedenssicherung, keine Beteiligung an Kriegseinsätzen, ohne Guidoknoppgeschichten, keine Erwerbslosigkeit, keine Suppenküchen, keine Neonazis, keine Zwei-Klassen-Medizin, 28 Jahre Bildung für alle.
Hier nur mal ein Zitat aus Rotfuchs, Heft 138, Juli 2009: Der Kalte Krieg wurde mit allen Mitteln forciert, und man sah auch anderes vor: Am 9. Juli 1961 verlangte die „Bonner Rundschau“, der Westen müsse dazu in der Lage sein, „alle Mittel des Krieges, des Nervenkrieges, des Schießkrieges anzuwenden. Dazu gehören nicht nur herkömmliche Streitkräfte und Rüstungen , sondern auch die Unterwühlung, das Anheizen des inneren Widerstandes, die Arbeit im Untergrund, die Zersetzung der Ordnung, die Sabotage, die Störung von Verkehr und Wirtschaft, der Ungehorsam, der Aufruhr.“

Hat er das und anderes mehr vergessen? Oder gar nicht gewußt? Was ist denn das für eine Gedankenakrobatik? Wie ewig gestrig ist denn dieser Mann? Nähert sich diese Geisteshaltung – in Umgehung der geschichtlichen Ursachen - nicht BILD an? Herr Wowereit, Sie spielen mit den Emotionen der Menschen. Und was lese ich weiter? Über die deutsche Teilung und den Mauerbau solle mehr in den Familien gesprochen werden? Das tun wir ehemaligen DDR-Bürger ohnehin, je nach eigenen Erfahrungen. Und wahrlich nicht unbedingt in dem Sinne, wie ein Herr Wowereit das vorzugeben wünscht. Ihre Ratschläge, Herr Wowereit, brauchen wir wirklich nicht dazu.
Wieviel Tränen und Gedenkminuten gab es wegen der Millionen Opfer des von Deutschland angezettelten zweiten Weltkrieges? Eine Schande, wenn man daran denkt, wie im damaligen Westdeutschland Blutrichter wieder in Amt und Würden kamen. Wie die KPD verboten wurden, wie Antifaschisten verfolgt wurden. Wie die Spaltung forciert wurde durch die separate Währungsunion 1948 in den Westzonen und die Gründung der BRD. Alles vergessen? Das ist ja nicht zum Aushalten.
So einfach ist das. Alles wischt er vom Tisch: Den Kalten Krieg von Anbeginn seit 1945, die Hallstein-Doktrin, mit der der Osten wirtschaftlich ausgeblutet werden sollte, die kriegerischen Absichten, Ostdeutschland „befreien“ zu wollen.
Nicht zuletzt nochmals die Demos gegen Fluglärm und Nachtflügen betreffend: Wer immerfort Ämter, Kontrollmechanismen, Bürokratie und sonstige "Entscheidungsträger" den menschlichen und berechtigten Interessen der betroffenen Einwohner vorzieht, also Regeln, die für einige Leute „wirtschaftlich“ wichtiger sind als die Gesundheit der Bürger, der kann kein echter Volksvertreter sein, der ist ein Menschenverachter. Der steht unter dem Diktat des Geldes, das weiß doch jeder... Und: Es sind Ausflüchte, um sein Gesicht nicht zu verlieren.
Die Trauer der Maueropfer wegen – natürlich ist sie berechtigt und notwendig. Aber mit Augenmaß! Sie muß gleichzeitig Mahnung sein! Für echte Alternativen zum gegenwärtig krisenverursachenden Großkapital. Die Opfer des Kalten Krieges und die für die Anwohner unzumutbaren Flugrouten – die Ursachen, die giftigen Triebkräfte, sie kriechen aus dem gleichen Schoß.
Harry Popow, Schöneiche bei Berlin