Montag, 5. September 2016

(VI) ERLESENES (Brecht)

(VI) ERLESENES (Brecht)

Gehortete Zitate aus der schönen Literatur, die ich sehr mag, geschrieben von gerne gelesenen Autoren, sowohl aus der Belletristik als auch aus politischen Streitschriften. In loser Folge ab sofort in meinem Blog nachzulesen. Warum? Weil die Textauszüge oftmals Dinge benennen, die aktueller nicht sein können. Wer mag, leiste sich das geistige Vergnügen.


Werner Mittenzwei: „Das Leben des Bertholt Brecht oder Der Umgang mit den Welträtseln“, Bd. 1,
Aufbau-Verlag Berlin 1986

Marktgängige Seichtheit, Seite 262:
Zu den literarischen Vertretern einer „erschöpften Bourgeoisie“ zählte Brecht nicht nur die Dichter der älteren Generation, (…). Das ganze Gesindel (…), korrupt bis zur Marktgängigkeit, hat mit uns nichts zu tun. Ihre demokratische Seichtheit, Geistesschwäche und Harmlosigkeit sind für uns keineswegs wie für einige unserere Freunde die folgen von Talentmangel, sondern von angeborener Bestechlichkeit, Trägheit und Willensschwäche.

Radikale Lösungen, Seite 347:
Auch die bevorzugte Form deutscher Intellektueller, sich in Manifesten, in Bekenntnissen und Warnschriften zu äußern, lag ihm nicht. Entsprechend seiner Vorstellung vom „Gang in die Tiefe“, zu wirklicher Erkenntnis, experimentierte er mit Verfahren, die dem Menschen alles abverlangen sollten, um ihn bereitzumachen, nicht die erste beste, sondern die radikale Lösung zu wählen. Zur richtigen Lösung sollten die Menschen nicht verführt, sondern vorbereitet werden. Dazu bot Brecht ihnen die Literatur als Trainingsfeld an.


Totes Theater, Seite 265:
Warum hielt er denn dieses Theater für tot, für gestorben? Weil es keine wirklichen Interessen mehr ansprach; weil es ein Publikum bediente, das gar keinen Appetit mehr zeigte, das mäklig war oder einfach hinunterwürgte, was es vorgesetzt bekam; weil dieses Theater nicht auf die Phantasie des Körpers und die Phantasie des Geistes baute, sondern nur Gefühl offerierte; weil es kein Interesse am Stoff mehr hatte, sondern nur noch an der Verpackung; weil es letztlich seinen Produzenten selber keinen Spaß mehr bereitete, der doch die Lebendigkeit des Theaters ausmacht.

Um Aufhellung und Veränderung, Seite 426:
Freuds Analyse verstand sich als Lebenshilfe, Aristoteles´ methodisches Verfahren lief auf Reinigung, auf Entlastung aufgestauter Spannung und Furcht hinaus. Beide Methoden dienten dazu, den Menschen in ihrem unerbittlichen Existenzkampf Erleichterung zu verschaffen. Brecht jedoch wollte nicht Milderung, sondern Aufhellung dessen, was die menschliche Existenz, das menschliche Zusammenleben bedrohte. (…) Im Unterschied zu den Linderungsmitteln, die die bisherige Kunst mit Einsichten verbinden, wie sie die materialistische Dialektik erschloß. Nicht Linderung, nicht Beistand, nicht Hilfe, sondern vielmehr Abhilfe sollte sie schaffen, auf Veränderung sollte sie aussein.

Willig dem Metzger folgen?, Seite 437:
Mit unbarmherzig satirischer Diktion schrieb er (Brecht, H.P.) dagegen die „Hitler-Choräle“. Hier wollte er die Dummheit, die korrupte Bereitwilligkeit des Kleinbürgers treffen, aber auch das Kleinbürgerliche, das selbst in der Arbeiterklasse steckte. Vor Augen hatte er dabei ein Verhalten, das vor jeder entschiedenen Maßnahme zurückschreckte, das keine Erkenntnis mehr scheute als die, daß es Ausgebeutete und Ausbeuter gibt. Ihm lag daran, jene Haltung anzuprangern, die immer nach den versöhnlichen, den bequemen, den im Grunde folgenlosen Lösungen verlangte und so mit einer gewissen Zwangsläufigkeit jeder gemeinen Lüge, jedem brutalen Betrug aufsaß. Dafür prägte Brecht die Metapher vom Kalb, das willig seinem Metzger folgt.

Dialektische Denkkultur, Seite 640/641:
Über die materialistische Grundlage der neuen dialektischen Denkkultur notierte er in sein „Arbeitsjournal“: (…) ... es ist hohe zeit, daß die dialektik aus der wirklichkeit abgeleitet wird, anstatt daß man sie aus der geistesgeschichte ableitet und aus der wirklichen nur beispiele für die gesetze auswählt.“ In diesem Zusammenhang kam er ganz zwangsläufig auf die Demokratie zu sprechen. Er schlug vor,, eine formale Demokratie anzustreben, von der man aber schon vorher wisse, sie werde nur bestimmte Zwecke zu erfüllen haben. Erst die Diktatur des Proletariats könne als eine nichtformale Demokratie aufgefaßt werden, nur so habe die Menschheit eine Chance, zu verträglicheren Formen des Zusammenlebens zu gelangen.

Werner Mittenzwei: „Das Leben des Bertholt Brecht oder Der Umgang mit den Welträtseln“, Bd. 2,
Aufbau-Verlag Berlin 1986

Menschlich Allgemeines? Seite 303/304:
An die Stelle allgemeiner Wandlungsaufrufe – hier polemisierte er mit Johannes R. Becher – müsse die klare Erörterung der politischen Lage treten. Doch gerade hier vermißte er jeden Ansatz. Statt dessen beobachtete er eine Wendung ins menschlich Allgemeine, so, wenn Johannes R. Becher (…) erläuterte, daß demokratisch nur bedeuten könne, einfach menschlich zu sein, den anderen achten und als gleichberechtigt respektieren, daß ein tiefes Gefühl „der Zusammengehörigkeit und des Aufeinaderangewiesenseins aller menschlichen Kreatur“ die Basis einer menschlichen Haltung sei, ausgerichtet auf Menschenwürde, Gerechtigkeit und Frieden. In einer derartigen Wandlungsideologie fand Brecht zuviel marxistische Denkkultur preisgegeben.

Befohlener Sozialismus, Seite 306:
Er befürchtete eine neue deutsche Misere, weil das Proletariat auch im Osten Deutschlands nicht zu begreifen schien, daß, wie er formulierte, „ein befohlener sozialismus besser ist als gar keiner“. (…) Die so etablierte Diktatur des Proletariats betrachtete er jedoch als eine Möglichkeit, eine neue Gesellschaftsordnung aufzubauen.

Kritisches Verhalten, Seite 538/539:

Für unentbehrlich in jeder Zeit und jeder Lage hielt er kritisches Verhalten. Angewandter Marxismus galt ihm als kritische Einsicht in die jeweilige politische Situation. Für ihn ließen sich Berge nicht einfach durch Begeisterung und Elan versetzen, dann schon eher durch schoningslose Analyse. Im Unterschied dazu ging die politische Propaganda mehr davon aus, daß, wenn das Ziel gesetzt ist, alle zu zu ihm führenden Unternehmungen in ihren Mitteln und Methoden gleichfalls als uneingeschränkt positiv zu gelten haben. Fehler, Mißgriffe, Schädigungen wurden nicht als beträchtliche Spesen auf dem Weg des Fortschritts begriffen, sondern lediglich als Machenschaften des Gegners hingestellt. (…) Gegen diese pragmatische Politik setzte Brecht die harte These, die Hoffnung in den Widersprüchen zu suchen. (…) Marxistische Politik bestand für ihn darin, mit Hilfe der marxistischen Dialektik die Widersprüche so zu diagnostizieren, daß für die arbeitenden Menschen die gegenwärtig mögliche Lösungschance berechenbar wurde.