Montag, 26. September 2016

Antwort an einen Gleichgesinnten

Daumen hoch & Daumen runter

Antwort an einen, der als Ossi den Daumen auf der richtigen Stelle hat, und der dennoch manche Wunde nicht zu diagnostizieren vermag. Es geht um den Journalisten Frank Blenz aus Plauen i.V., der einen großen (und großartigen) Artikel zum Zusammenwachsen und Nichtzusammenkommen zwischen DDR und BRD in den NachDenkSeiten geschrieben hat. Mit freundlicher Genehmigung durch Albrecht Müller konnte ich den Blenz-Artikel in meinem Blog veröffentlichen.

Lieber Frank Blenz, ich antworte hiermit in einem offenen Brief auf Deinen Artikel „Mit der Vereinigung DDR/BRD zu den Konditionen der BRD war der schöne Aufbruch, der einer aller hätte werden können, vorbei“ in den NachDenkSeiten vom 22. September 2016.

Ich freue mich über Deinen Beitrag. Hatte ich mir bereits zur Zeit der sogenannten Zeitenwende innerlich gesagt, jetzt müssten nach und nach viele Zeitzeugen aus der DDR ihre Lebensläufe schildern, damit die Historiker aus dem bürgerlichen Lager nicht alles, was geschah, unter den Tisch fegen und damit Geschichte verhunzen können.

Ich selbst habe die letzten Kriegsjahre und Tage noch als Kind erlebt, machte begeistert mit bei den Pionieren und später in der FDJ. Voller Bewunderung bin ich heute vor den großen Leistungen derer, die unseren Staat aus dem Trümmerfeld holten und denen Mut zusprachen, die sich ebenso qualvoll bemühten, die geistigen Trümmern der Naziideologie loszuwerden.

Meine wichtigste Erkenntnis heute als 80-jähriger: Danke für den in Lektionen, Seminaren, im Fernstudium und in den Medien propagierten Tiefenblick in die gesellschaftlichen Zusammenhänge, vor allem in den engen Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Krieg. Die bürgerlichen Medien und Politiker nennen das ganze Indoktrinär. Mögen sie sich damit selber schützen, denn nichts anderes tun sie selber sehr ausgiebig, diesmal aber zur Verdummung der Massen. Uns damaligen, die sich bewusst ins Geschehen einbrachten, hat es gut getan, weil man schnell das Wofür und Wogegen lernte, wobei auch die Sinne für Unvolkommenes geschärft wurden. (Nachzulesen auch in meinen persönlichen Erinnerungen „In die Stille gerettet“).So ist es nicht verwunderlich, dass ich heute sämtliche Vorgänge in der kapitalistischen Gesellschaft als Ausdruck des allerschärfsten Klassenkampfes betrachte und keinerlei Illusionen habe über die wirklichen Absichten sowohl der USA als auch der EU mit Deutschland an der Spitze.

Nun ist es unter weitgehend Gleichgesinnten nicht angebracht, sich in einen nutzlosen politischen Streit zu begeben, aber um Klarheit sollten Gesinnungsfeunde schon bemüht sein. Klare Worte im immer stärker wirbelnden Klassenkampf tun bitter Not – im Interesse unserer zur Zeit so sehr gefährdeten Zukunft. Wenn ich einzelne Deiner Aussagen kritisch betrachte, dann sind das meine ganz persönlichen Sichten, die ich im Verlaufe meines Lebens gewonnen habe, und zu denen ich voller Überzeugung auch heute noch stehe.

Du schreibst

Zitat eins: Die vielleicht bisher beste, fortschrittlichste Variante der Umsetzung eines deutschen Staates haben wir im Osten erlebt, und dies in einer kurzen Phase, welche inzwischen vergessen scheint und doch so passiert ist zwischen dem Oktober 1989 und dem Frühsommer 1990. Damals hieß diese Gegend noch DDR. Das wird so gut wie nie besprochen; die DDR trägt bis heute bei den Meinungshoheiten stets das Gesicht der Diktatur und den Stempel Unrechtsstaat. Dass sich das Land, dieser Teil Deutschlands aber entwickelte, dass es eine Revolution gab, dass es mit einem Mal ein anderes Land war – Pustekuchen.

Doch in diesen wenigen Monaten lebte es sich in der DDR so luftig frei und Revoluzzer erfrischend und freudig visionär wie naiv.

Wie kann ein kurzer Zeitabschnitt, in dem sowohl Ängste (vor allem vor Arbeitslosigkeit), Hoffnungen, politische Orientierungslosigkeit, Dummheit, Gier nach materiellen Werten, ja, Selbstmorde, Wankelmütigkeit, Wechsel der politischen Ansichten, unsichere menschliche Beziehungen, Frieden oder Krieg so dicht nebeneinander existierten, wie kann diese nach den Ergebnissen beurteilte Wende als Konterrevolution, wie kann das alles ein Ausdruck von „richtigem Sozialismus“ sein? Zumal gewisse führende Leute versucht haben, mit dem Besen alles über den Haufen zu fegen? Die wichtigste Umsetzung war wohl doch vorher geschehen: Vertreibung der Kriegsverbrecher, Enteignung des großen Privateigentums und die handfeste Politik „Nie wieder Krieg!“ „Nie wieder vom deutschen Boden aus.“ Und die Welt hatte das sehr wohl zur Kenntnis genommen, dieses großartige Signal aus dem fortschrittlichsten Deutschland, das es bisher gab, vor allem in außenpolitischer Hinsicht.

Zweites Zitat: Die jungen Leute fern von Konsumlust und voller Lust für eine bessere sozialistische Gesellschaft konnten sich gut vorstellen, die Ideen fern von Ausbeutung von Menschen, ein Miteinander, ein freies Leben, Solidarität und endlich auch ein Zusammenwirken von West mit Ost fern vom Kalten Krieg zu entwickeln. Gorbatschow war der Star.

Das es so viele Illusionen gab, ist auch einem jugendlichen Leichtsinn geschuldet und der Tatsache, dass kaum ein politisches Argument zur Entlarvung der westlichen Ideologie wirklich gezündet hat. Dazu kam noch die übermäßige Sucht, sich von bürgerlichen Medien beirren zu lassen, abgesehen von der Unfähigkeit in der politischen Arbeit, besonders auf die Interessen und Bedürfnisse der Jugend einzugehen, trotz Bemühungen.

Drittes Zitat: mit einem Mal war der Soldat Bürger und Mensch und der Ehrendienst einer.

Objektiv war der Ehrendienst tatsächlich einer, nämlich im Interesse des Friedens. Allerdings: Kann man sich einen „demokratischen Dienst vorstellen“, bei dem gefragt wird, ob wir heute über die Sturmbahn gehen oder lieber „Gesangsunterricht“ abhalten wollen?

Viertes Zitat: Doch richtig Sozialismus konnte man die Realität bis zur Wendezeit nicht nennen. Danach schon, in Ansätzen.

Siehe Antwort oben. Brecht sagte einst, ein schlechter Sozialismus ist besser als gar keiner. Ein schwerer Fehler in der Vergangenheit: Jegliche Fehlerdiskussionen aus „Angst vor dem Klassenfeind“ zu unterlassen, zu unterdrücken. Die Klassiker des Marxismus lehrten, jeden Schritt stets an der Praxis zu messen, um Fehler zu vermeiden.

Fünftes Zitat: Bei der Umsetzung zwischen 1949 und 1989 im Herbst, da standen welche dazwischen, die eine Realität durchzogen und zu verantworten haben, die bisweilen skurrile Züge trug. Sie gab es:
Die Gegner: Die Eliten der Parteikader, der Sicherheitsorgane, der Blockparteien und der Kirchenoberen, der Machthaber und Strippenzieher, der Mitläufer, die da alle mitmachten bei dem Nachplappern und Machtmissbrauchen, weil sie sich eingerichtet hatten.

Ich schäme mich für diese plumpe Generalwäsche. Anpasser, Karrieristen – ja, die gibt es stets und überall. Damals, um hochzuklettern, heute, um Geld zu machen, um den Arbeitsplatz zu behalten. Haufenweise sogar!! Aber die vielen, vielen engagierten Leute, die im vollen Bewusstsein, auf der richtigen Seite zu stehen und etwas für die Menschen zu tun, diese Leute generell in eine Ecke mit Mitläufern zu stellen, zeugt von kultureller Maßlosigkeit und von Verachtung gegenüber den „Aktivisten der ersten Jahre und danach“, wie oben beschrieben. Mehr noch: Viele jüngere Leute, die in der DDR eine gute Kindheit hatten, könnten ruhigen Gewissens denjenigen danken, die für so ein sinnerfülltes Leben gesorgt haben, einschließlich der Wehrbereitschaft zur Sicherung des Friedens.

Achtes Zitat: Regierung, Parlamente sitzen an den Hebeln, sie können, sie müssen verändern. Für alle Menschen. Sie können Sanktionspolitiken ändern, sie können aus einem Arbeitsmarkt eine Arbeitsgesellschaft machen. Sie können den Druck der Leistungsgesellschaft mildern, in dem neue Konzepte und Ideen des Zusammenlebens, der Solidarität, des Humanismus, der Ökologie installiert und ausprobiert werden. Warum müssen wir Bundesbürger uns immer über Geld, über was habe ich, was bin ich, woher komme ich definieren? Dabei sind wir alle und eben im Besonderen die Regierenden mit ihren Möglichkeiten zu entscheiden gefordert. Hierzulande, in Europa, weltweit. In Zusammenarbeit und Freundschaft und Koexistenz mit unseren Nachbarn. Und die Menschen aus dem Osten machen auch mit.

Welch ein heißer Wunsch kommt in diese letzten Zeilen des Autors Frank zum Ausdruck. Es bleiben leere Worte, Wunschträume, die sooo nicht erfüllt werden. Weil die Elite bei Strafe ihres eigenen Untergangs mit allen Mitteln jegliche Veränderung der Eigentums- und Machtverhältnisse zugunsten einer echten Volksdemokratie zu verhindern weiß. Da kann man noch so viel bei Demos mit Trillerpfeifen Lärm machen, Proteste an die Regierung schicken, das ist ja alles erlaubt und legitim. Nur eines darf man nicht: Die Geschichte wieder einmal umdrehen, diesmal wirklich im Sinne der ausgebeuteten Massen. Doch im Neoliberalismus, da sollst du dich um dich selbst kümmern, da sollst du stillhalten im Interesse des Kapitals. Hierzu passend ein Zitat aus einem Buch, das ich kürzlich rezensiert hatte:

Der neue Mensch

Zitat aus „Windflüchter“, Seite 62, Werner Rügemer, „Bis diese Freiheit die Welt erleuchtet“

Wie wurde der Marxismus gescholten, weil er einen „neuen Menschen“ wollte. Dieser „neue Mensch“ habe das Wesen des Menschen vergewaltigt und habe nur in einer Schreckensherrschaft enden können. Doch der Westen propagiert selbst seinen neuen Menschen: den Homo oeconomicus.
Der ist unfehlbar und steht jenseits von Gut und Böse. Je größer seine individuelle Profitgier, desto größer seine Effektivität und sein Ansehen. Er soll das realisieren, was dem Kommunismus vorgeworfen wurde: Der schuldlose Homo oeconomicus, Militär, Medienmacher und Geheimdienst bei Fuß, soll das Ende der Geschichte einleiten und die Menschheit in das endgültige Paradies führen.

Was bleibt? Insgesamt ein toller Zustandsbericht, schon dafür kann man sich wie bei jedem Arzt bedanken. Mehr aber auch nicht.

Lieber Journalist Frank Blenz, Daumen hoch für die kritische Analyse. Manche mögen schon dabei auf die Barrikaden gehen... Aber sollen sie jene um Veränderungen bitten, die Du in Deinem Artikel so arg mit Recht befeuerst? („Die Regierenden sind gefordert“) Sollen sie beten? In Stille verharren unter dem Motto „weiter so“??? Vielleicht findest Du im Namen des Pluralismus guten Rat im „demokratisch gewählten Soldatenrat“? Also dafür Daumen runter.


Beste Wünsche von Harry Popow