Montag, 26. August 2013

Von den Schönen in Neapel


 Impression von einer Filmpremiere

Das geladene Publikum im vollbesetzten Studiosaal des Kinos Babylon wird mir bestätigen: Die Premiere des Dokumentarfilms „DIE STADT DER FRAUEN – HEUTE“ von der italienischen Regisseurin Chiara Sambuchi am 25. August 2013 war, wie man so sagt, ein Event. Ein Aufschrei von schönen Frauen aus Neapel. Welch eine tolle Botschaft, die von dem Film ausging, sie ließ so manchen Zuschauer sicherlich bis spät in der Nacht nicht mehr los. Wann bekommt man so etwas schon geboten? Von Fernsehproduktionen mit geistvollen Beiträgen nicht gerade verwöhnt, war zunächst Skepsis angesagt. Frauenemanzipation? Ist dies Thema nicht weidlich genug schon durchgekaut worden? Zumal man in den Medien oft genug nur Flachheiten und entpolitisierte Zustandsberichte geboten bekommt. Nicht so in diesem äußerst gesellschaftskritischen 90minütigen Streifen. Sicher, da spielen zunächst schöne Hintern und Brüste eine Rolle, Fotomodelle, die sich vermarkten müssen, Sex- und geldgierige Zuhälter. Dann aber folgen O-Töne von klugen, schönen und selbstbewußten Frauen. Einige haben ihre Arbeitsplätze verloren, andere finden sie nicht. Und nun – wie seit Jahrhunderten – verkaufen sie sich, tragen ihr Äußeres zu Markte und das Innere bleibt zurück. Geht die Weiblichkeit in dieser „Scheiß-Welt“ gänzlich verloren? Die Regisseurin, selbst eine hochintelligente und schöne Frau, hat so hervorragend und gründlich recherchiert, dass die Schönen Neapels völlig ungezwungen und mit Witz und Charme von ihren Träumen erzählen, und sie doch nicht in diesem System des großen Geldes und des Scheins verwirklichen können. Wie auch, die Emanzipation der Frauen dieser Welt kann nur durch die Emanzipation des Menschengeschlechts so richtig in Fahrt kommen. Einzigartig auch die Kameraführung. Da sieht man sowohl winzige Details von menschlichen Handlungen als auch milieubeschreibende Straßenszenen und typische Landschaften des so herrlichen Panoramas Italiens. Dieser starke emotionale und auch spannende Dokumentarfilm - in Italien für die großen Kinos wegen des katholischen Glaubens, wie Frau Sambuchi in einer anschließenden Gesprächsrunde erklärte, gesperrt - wird voraussichtlich zunächst bei arte zu sehen sein. Den zu verpassen heißt, ein Kulturereignis erster Güte zu versäumen.

Harry Popow