Freitag, 21. August 2020

Vorkriegskrise - Arnold Schölzel

 

Entnommen: https://www.jungewelt.de/artikel/384743.eigene-hand.html


Kommentar



Eigene Hand


Belarus und deutsche Außenpolitik


Von Arnold Schölzel


EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Mittwoch: Mehr als 50 Millionen Euro für die Nichteinmischung in Belarus
So sieht es also aus, wenn »wir unser Schicksal wirklich in die eigene Hand nehmen müssen« (Angela Merkel 2017). Das heißt ja: Washington lässt »uns« etwas von der Leine. Entsprechend sieht es dort, wo die eigene Hand waltet, aus: Krieg, Chaos, Instabilität, Nationalisten und Faschisten auf dem Vormarsch und wirtschaftlich ein einziger Reibach fürs Kapital. Man nennt das Imperialismus.

Ergebnisse: Die Balten sind zumindest fast wieder »unser«, nachdem sie schon dabei waren, US-Exklave zu werden. Litauen und Polen erfüllen ihre Pflicht, »westliche Werte« in Belarus einzuführen, wobei von Wahlen geredet wird, nicht von Privatisierungen. Die sind aber der Opposition dort und Banken hier besonders wichtig.

Auch außerhalb des eigenen Hinterhofs sind »wir« wieder wer, schaut auf den Außenminister: Macht in Moskau auf dicke Hose und droht mit neuen »Reaktionen«. Das mörderische Regime im Libanon hat sich selbst weggesprengt, »wir« besorgen, dass sich nichts ändert. Außerdem ist der Regime-Change im Nachbarland Syrien noch nicht vollzogen, obwohl die Bundesluftwaffe seit Jahren dort illegal fliegt. Und fegt in Mali ein Volksaufstand eine Marionette Macrons und Merkels weg, dann sind »wir« nicht amüsiert. Mit echten Aufständen konnten »wir« noch nie etwas anfangen. Die Malier sind einfach zu weit gegangen.

Da ist Belarus anders. Dort wurden »wir« gefragt und sagen daher: Die Wahlen sind ungültig. Und: Das ist keine Einmischung in innere Angelegenheiten. Die einmischende Nichteinmischung finanziert Frau von der Leyen gleich noch mit mehr als 50 Millionen Euro.

Die Herrschaften haben also Appetit bekommen, zögern aber, weil sie sich an Belarus die Finger verbrennen können. Doch, das wiegt schwerer, der Osten lohnt sich einfach – zum Enteignen. Das fing 1990 mit dem Verschlucken der DDR gut an. Es brachte den größten und schnellsten Wohlstandsschub für Westdeutschland seit 1945. Und auch sonst ist es ein guter Schnitt. Der polnische Ministerpräsident rechnete gelegentlich der EU-Budget-Beratungen im Februar in der Welt vor: »Jeder Euro, der für Kohäsionspolitik in den Ländern der Visegrad-Gruppe, also in Polen, Ungarn, Tschechien und der Slowakei, ausgegeben wurde, brachte Österreich 3,31 Euro, Deutschland 1,50 Euro und den Niederlanden 1,45 Euro.« Deutscher Wohlstand kommt nicht von allein, da müssen Hunderte Milliarden Euro Jahr für Jahr abgesogen werden. Die Ukraine wurde so in sechs Jahren zu einer Industriewüste, dasselbe droht nun Belarus. Mit NATO-Waffen ist die Region bereits vollgestopft, deutsche Soldaten sind vor Ort – es ist fast wie in »unseren« Kolonien Afghanistan, Kosovo oder Mali. Könnte ja sein, auch in Osteuropa bricht ein echter Aufstand aus. Diese Krise findet jedenfalls an einem Pulverfass, das die NATO gefüllt hat, statt. Es ist eine Vorkriegskrise.



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