Sonntag, 16. November 2014

Disput zur "Toröffnung"


Disput zur „Toröffnung“

Das Jubelfest zum 25. Jahrestag des Mauerfalls ist vorüber, nicht aber die Gespräche und die Erinnerungen, warum und unter welchen Umständen diese starke Grenzziehung zwischen beiden deutschen Staaten überhaupt notwendig geworden war. Wer mit geistigem Tiefgang und zusammenhängender Sicht darauf eine Antwort sucht, wird von einigen Leuten als „Ewiggestriger“, als „Rückwärtsgewandter“ oder gar als vom Staat der DDR „Missbrauchter“ betitelt. Fragt man danach, welchen Inhalt denn Vorwärtsgewandte zu bieten haben, dann schlägt einem oft ein großes Schweigen entgegen. Prikärer wird die Frage, ob denn das deutsche Volk nicht missbräuchlich und verbrecherisch in den Krieg getrieben wurde, und ob jener Teil der Deutschen, die nach der Befreiung durch die Antihitlerkoalition in ihrem Staat gegen jeglichen Krieg und Faschismus antraten, auch „missbraucht“ wurden. Die Antworten dürften große Unterschiede im Bewusstseinsstand ans Tageslicht fördern. Hier einige Meinungen.



Hanna Fleiss


Lieber Harry Popow,

    ich bin Jahrgang 1941. Die ersten Jahre meines Lebens habe ich im Bunker verbringen müssen. Wir hatten einen in der Nähe, Reinickendorfer/Ecke Sellerstraße im Wedding, nicht weit entfernt von dem Ort, an dem sich später der Grenzübergang Chausseestraße befand und nicht weit entfernt vom neuerrichteten Protzbau der bundesdeutschen Geheimdienste auf dem Grund des Stadions der Weltjugend. 1949, im Dezember, kurz nach Gründung der DDR, sind meine Eltern nachts auf einem Pferdefuhrwerk vom Wedding nach Köpenick gezogen. Das war damals schon keine ganz einfache Sache, als es die „Mauer“ noch nicht gab, keiner durfte es wissen, dass wir in den Russensektor flüchten wollten. So gesehen, auch ein Flüchtlingsschicksal, wenn auch für heutige Propaganda-Bedürfnisse nicht relevant.

Ich hatte den Westen also bereits sehr jung erlebt und konnte mich 1989 noch ganz gut an diese Zeit erinnern, an die Hetze der Erwachsenen gegen die “Kommunistenschweine“ und die „scheiß Russen“, ich hatte erlebt, dass sich über Nacht die Schaufenster mit den traumhaftesten Dingen füllten, als die Westalliierten im Juni 1948 die separate Währungsreform einführten, die nicht nur Berlin, sondern ganz Deutschland spaltete. Damals wusste ich das natürlich noch nicht, ich freute mich über meinen ersten Vivil-Kaugummi, Stück einen Groschen. Die Erwachsenen aber redeten sich die Köpfe heiß, ein Riss ging durch die Familien. Schon damals sprach man vom „reichen Westen“ und vom „armen Osten“, es reichte ein Gang über die Sektorengrenze, um zu begreifen, dass Berlin gespalten war.

Im November 1989 wurden Tränen vergossen, als „die Mauer fiel“. Ich erlaube mir festzustellen, dass es diese Mauer auch ohne den August 1961 gegeben hatte. Und ich erlaube mir des weiteren festzustellen, dass die Spaltung Berlins und ganz Deutschlands im Interesse der Westalliierten lag, nicht dagegen im Interesse der DDR und schon gar nicht der Sowjetunion. Die USA wollten die BRD zur Speerspitze gegen die Sowjetunion ausbauen,
den ersten Staat der Arbeiter und Bauern vernichten, egal, was es kostete, und egal, wer die Kosten bezahlen musste. Dass es auch wir, die Deutschen in Ost und West, sein würden – wem war das klar?

Du, Harry, führst in Deinem Beitrag all die politischen Ereignisse auf, die folgten bis 1961 und die meine Feststellung bekräftigen. Zu erinnern sei an die sogenannte Stalin-Note, die von Adenauer auf Drängen der USA abgelehnt wurde: Lieber ein halbes Deutschland ganz als ein ganzes Deutschland halb. Es hätte nicht zur Mauer kommen müssen – wenn der Westen sie nicht provoziert hätte. Ich kann mich an die erbärmlichen Hetzreden des damaligen Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt erinnern, als die Mauer dann stand, da hatten wir uns unseren ersten Fernseher gekauft. Ja, sie trennte Familienverbände, sie trennte den Osten vom Westen, aber auch den Westen vom Osten, die Westberliner konnten zum Beispiel nicht mehr für ein Taschengeld Großeinkäufe bei der HO tätigen, ja das tat weh, nicht alle Westberliner waren reiche Leute, sie traten in Ostberlin nur so auf. Berlin war vor der Mauer bekanntlich die größte Agentenzentrale der Welt. Noch ein Grund zum Trauern im Westen, dass da plötzlich eine Mauer stand. Was mich anging, so hielt sich mein Wunsch, noch einmal im Leben Westberliner Boden betreten zu wollen, übrigens in Grenzen. Und ehrlich gesagt, wäre ich ganz froh gewesen, wenn mir dieses Erlebnis erspart geblieben wäre. Und als sich Ost und West an der Bornholmer Brücke unter Schluchzen in die Arme fielen, als ich die Bilder im Fernsehen sah, taten mir die naiven Ostdeutschen einfach nur leid. Wer von ihnen ahnte, was uns erwartete?

Was wir am 9. November dieses Jahres erlebt haben, war ein Fest grenzenloser Heuchelei. Es traf sich, was Rang und Namen hatte, es trafen sich die sogenannten Bürgerrechtler, die uns mit ihren rührenden Geschichten, die in 25 Jahren zur Legende erstarrt waren, an die Hirne wollten, auch jene, die stillschweigend im Nachhinein beim DDR-Volk Ablass erbaten, es trafen sich die bekannten kalten Krieger, und es traf sich die Politprominenz jenes „neuen Deutschlands“, das sich in der „Verantwortung“ fühlt, wieder Kriege führen zu dürfen, dekorativ umrahmt von der „dankbaren Berliner Bevölkerung“. Das Fernsehen sendete pausenlos Lügenmärchen über die DDR, über den Sozialismus, und ich sehe noch die Bilder, wie unsere obersten Heuchler Kränze im Gedenken an die Mauertoten niederlegten – ohne jedes schlechte Gewissen. Eine reife Leistung.

Wer von all diesen „menschlich bewegten“ Gestalten dachte eigentlich an die Opfer des 9. November 1938? Man hörte beiläufig von einer Veranstaltung mit Kranzniederlegung. Schließlich erforderte dies die Merkelsche „Staatsräson“.

Dir, Harry Popow, möchte ich danken für diesen Beitrag, in dem du die Ereignisse benennst, die zum Bau der Mauer führten. Einiges hatte ich vergessen, nicht, weil es unwichtig war, sondern nur, weil es im Alltagsgeschehen unterging. Zu vieles gibt es, das man vergessen möchte, will man die geballte Heuchelei dieses 9. November 2014 ertragen können.

Eines möchte ich noch nachtragen: Ich bin der DDR dankbar, dass ich vierzig Jahre lang ein Leben in Würde führen konnte, eben als Mensch. Und ich wäre froh, könnte ich dies von den vergangenen 25 Jahren ebenfalls so uneingeschränkt behaupten.



Am Tag, als die Mauer fiel Von Hanna Fleiss
Ein großer Tag, als da die Mauer fiel.
Viel Tränen, ach, sie sind so heiß geflossen,
man fiel sich in die Arme, selbst Genossen
versuchten es mit Charme im neuen Stil.

Er war nichts wert, der andre deutsche Staat,
nun wollen wir ihn eins, zwei, fix vergessen,
von Bayern unten bis nach Oberhessen.
Der dient heut bestenfalls noch als Zitat.

Schon immer hat der uns ins Fleisch gepiekt.
Nun ist er weg, als sei er nie gewesen,
ganz friedlich und ganz ohne Federlesen.
Was sind wir froh, jetzt haben wir gesiegt!

Dass da ein Menschheitstraum verlorenging,
wer will das heutzutage denn noch wissen.
Man passt sich an, sieht es nicht so verbissen,
auf den gibt man doch keinen Pfifferling.

Nostalgiker, die haben es jetzt schwer.
Die Masse jubelt, schwenkt die deutsche Fahne,
besoffen schier vom nationalen Wahne.
Mir stinkt das bloß wie alter Camenbert.

30.10.14

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Horst


Der Blärrkopf von damals hatte doch recht gehabt mit seinen blühenden Landschaften. Es grünt und blüht, vor allem auch den Dächern und in den Ruinen der einstigen Betriebe. Auf den Dächern wachsen bald Birkenwälder, bald kann man dort Pilze sammeln, auf den Geländen gibt es mehr oder weniger große Feuchtbiotope. Bei genauem Hinschauen findet man sogar noch Reste einer einstigen Zivilisation die dort einen Teil ihres Lebens verbrachten.
Auch kann man Reste einer damals modernen Technologie erkennen. Manche solcher Brachen sind gänzlich verschwunden und Heimat für Schafe und Rindviecher. Von den einstigen Vasallen, die dort werkelten, fehlt aber jede Spur. Die haben sich in alle vier Winde verstreut schuften heute für fremde Lehnsherren, ruhen sich auf dem Altenteil aus oder sind alle den Weg allen irdischen Dingen gegangen.

Gut, mit der damaligen Technologie ist heute kein Blumentopf mehr zu gewinnen und neue Betriebe entstanden bzw. entstehen. Aber zu welchem Preis für die jetzigen Vasallen? Heute gewinnt das Wort "Sklaverei" eine ganz neue Bedeutung. Wohl dem, der zur jetzigen Zeit in Rente ist oder kurz davor steht und sich hie und da etwas Zubrot noch erarbeiten kann. Ich will hier nicht wieder die "Ostalgie DDR" hochpushen, aber wir haben z.T. ruhiger gelebt, auch wenn wir nicht alles haben konnten. Die große Toröffnung hätte man viel ruhiger angehen sollen, erst mal das Für und Wider abklären. Ob dann der große Run auf die Mauer auch so gekommen wäre? Sozusagen sechs Monate Einarbeitungsfrist, vielleicht wäre schon eher die Kündigung seitens der DDR erfolgt.

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Wolfgang D.


Ich vermute mal, Kohl wollte sich ein Denkmal setzen. So dominant, wie Deutschland heute die EU kommandiert, hätte Westdeutschland damals eine überhastete Vereinigung zweier völlig gegensätzlicher Gesellschaftssysteme ablehnen müssen und auch können. Der berühmte Satz :
"Kommt die D-Mark, bleiben wir - kommt sie nicht, gehn wir zu ihr!" ist der dümmste Spruch, den ich im Leben gehört habe. Die Mehrzahl der DDR-Bürger waren nicht so dämlich, nicht zu begreifen, dass es nicht gut gehen kann. Man hat einfach einer demonstrierenden Minderheit "gehorcht", mehr nicht. Die große Masse ist ihrer Arbeit weiter nachgegangen, bis, ja bis die Firma platt gemacht wurde.
 
Dieses "der Minderheit gehorchen", nur weil es ins Konzept passt, erinnert ganz stark an die sogenannte Revolution in Kiew, mit den bekannten Folgen. Ich habe da nun mal meine eigene differenzierte Sichtweise zur ganzen Einheit, die ich zwar generell begrüße, die Verfahrensweise
jedoch kritisiere, denn das war keine Vereinigung, sondern eine Vergewaltigung ohne Verurteilung der Täter (Treuhand). Gut, wir werden´s nicht ändern können, dazu sind kommende Generationen gefragt. Ich habe mein Arbeitsleben hinter mir, kann nur für meine Kinder und Enkel hoffen, dass sie genug Kraft finden, ihr Leben so zu gestalten, dass es für sie zum Vorteil gelingt.


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Stefan Mehling

Hallo User X, dass Du Dich in (D)eine spirituelle Welt zurückziehen willst, ist völlig in Ordnung. Dass Du aber deshalb jede gesellschaftskritische Entwicklung bis zur Bedeutungslosigkeit zu relativieren suchst, ist kein guter Rat. Natürlich sollten wir uns das Leben nicht von Bedrohungen und Möglichkeiten verderben lassen. Sollen wir deshalb aber Wegsehen, wenn mächtige Geldfürsten unsere ohnehin immer schlechter werdenden Lebensbedingungen noch weiter ruinieren wollen? Wir befinden uns ohne Zweifel gerade wieder in der Phase, die früher immer in Kriege mündete, und unweit von hier wird er bereits geführt, wenn auch nicht offiziell erklärt. Sollen wir vielleicht auf das Prinzip Hoffnung setzen und auch die Feuerwehr abschaffen, während immer mehr Tankanlagen gebaut werden? Verdrängen und leugnen sind mögliche Strategien. Aber sind sie auch sinnvoll? Du bist einer, der den minimalistischen Weg gehen will und ich finde dies prinzipiell auch gut, so es denn wirklich zur eigenen Persönlichkeit passt. Begnügsamkeit ist für mich eine wichtige Tugend, die es zu fördern gilt.

Jetzt kommt das Aber. Und an dieser Stelle wird es für Dich als Psychologe dürftig, denn Du müsstest etwas besser wissen, wie Menschen funktionieren und wie sehr sie in aller Regel ihrer Gemeinschaft/Staatsform ausgeliefert sind. Es ist sehr schnell dahergesagt, wie sie sich klüger verhalten sollten, du weißt aber auch, dass sie immer der Masse hinterher laufen. Und deshalb sind wir, in Summe gesehen, so manipulierbar. Das haben Strategen längst erkannt, die eben nicht das Gesamtinteresse im Blick haben, sondern nur das eigene. Und sie kennen weder Maß, noch Ziel, sind bereit, ihrer persönlichen Vorteile wegen alles zu zerstören. Die Umwelt, die Infrastruktur, ja die Menschen, die sie als entbehrlich ansehen. Sie herrschen ihrer Skrupellosigkeit wegen, während dies für die allermeisten der Beherrschten nicht möglich ist, ihrer moralischen Fesseln im Normalzustand wegen. Sie müssen erst in den Zustand der Erregung gebracht werden, damit sie ihre „guten“ Grundsätze vergessen. Auch das wissen die Manipulateure, weshalb sie Zwietracht säen. So schaffen sie die Bereitschaft für Kriege. Kriege, in denen sie leiden und vielleicht sterben werden, während die Initiatoren sich in ihren Luxusbunkern die Hände reiben. Du willst zwar nur, dass es Deinen Klienten besser ergeht, was im Einzelfall auch gelingen mag, gleichzeitig aber stabilisierst Du das hinterhältige, verlogene System. Und wenn du die akute Kriegsgefahr leugnest, noch mehr. Unsere Regierungen vertreten nicht unsere vitalen Interessen, sondern sie vollstrecken gnadenlos und völlig vernagelt die Interessen dieser inzwischen recht gut bekannten Bande.

Mir ist auch bewusst, dass das Prinzip "dafür" psychologisch das bessere ist, also sollte es besser heißen "für Frieden". Dass er in Gefahr ist, können nur noch Dummköpfe leugnen. Amerikanische Idioten vertreten sogar das pervertierte Motto: "Frieden schaffen mit immer mehr Waffen". Dazu fällt mir nichts mehr ein.

All das wird zu einem Brei verrührt, in dem sich fast niemand mehr auskennt. Auch das ist so gewollt, denn umso leichter fällt es dann, die verwirrten, absichtlich überforderten Leute vor den eigenen Karren zu spannen und ihnen auch noch zu erzählen, es wäre ihr Wille gewesen. Die Frage, woraus er resultierte, soll dann wieder nicht gestellt werden.