Montag, 23. September 2013

Gefährliche Entpolitisierung


Leserbrief an „junge welt“ am 23.09.2013:

Gefährliche Entpolitisierung
Danke Stefan Huth für Deinen Beitrag. Die Wahl hat der Schäfchenhüterin Merkel recht gegeben: Die Entpolitisierung hat wieder einmal triumphiert. Sie schafft Ruhekissen für nahezu jedermann. Alles bleibt beim Alten. Mit ihrer lavierenden Art als Chamäleon-Dame wickelt sie vor allem jene ein, die sich dem Denken in Zusammenhängen bequem entziehen, weil sie es so tagtäglich erleben – von den Politikern, von den bürgerlichen Medien.

Entpolitisierung ist eine der wichtigsten Methoden, um das Volk in Hörigkeit zu halten. Der Brisanz dieser Feststellung begegnet man allemal: Da wird die Alternative zum Kapitalismus, die DDR, auf Diktatur und Stasi reduziert, da wird die Befreiung vom Faschismus auf „Kriegsende“ umgedeutet, da wird die Tatsache der zweiten Front durch die westlichen Allierten als der entscheidende Anteil des Sieges über Hitlerdeutschland hochstilisiert, da werden die Opfer des Faschismus auf die Judenverfolgung reduziert...

Gehen wir noch weiter zurück: In seinem wundervollen Büchlein „Herztöne“ schreibt der einstige bekannte DDR-Publizist Hajo Herbell auf den Seiten 147-149 folgendes: Selbst die Histiographie zeige sich „rechtslastig, national-konservativ“. Im „Lexikon der Weltgeschichte von 1999 lese sich das zum Beispiel so: „Unter dem Kommando (!) von Bauernführern wie Thomas Müntzer (…) kam es (…) zu zahlreichen Erhebungen. (…) Nach anfänglichen Erfolgen (…) schlug der Protest um in nackte Gewalt, es kam zu Plünderungen und Mordtaten“, (…) bis die armen Fürsten quasi gezwungenermaßen ihre überlegene Streitmacht aufboten. Im „Bildatlas Deutsche Geschichte“ von 1999 werde Thomas Müntzer als „irrlichtender Geist“ bezeichnet und Luther werde ebenso verkleinert und sein reformistisches Aufbegehren geschah aus „privater Gewissensnot“. Selbst die mutige Tat von Stauffenberg werde des Politischen beraubt und allein aufs Moralische reduziert, so Herbell. (S. 150) Da sind sie – die Reduzierungen auf Nebensächlichkeiten, die heute Hochkonjunktur haben.

Um jede Ursache gesellschaftlicher Fehlleistungen wird ein Umgehungsschild aufgestellt!!! Ja nicht in die Tiefe gehen. Politisches Nachdenken ist gefährlich uncool.

Harry Popow, Schöneiche b. Berlin