Mittwoch, 12. September 2012

"In die Stille gerettet" / Textauszug - das war vor 23 Jahren...


Papa, Papa ...!


Der neunte September 1989. Ein Sonnabend. Cleo begleitet mich zum Flugplatz. Das ist allerhand, sie zittert vor innerer Aufregung, sie hat Tränen in den Augen, den schönen, aber sie vertraut mir. Ich bin sehr froh darüber. Wer wagt es, unser Glück zu zerstören? Am Terminal eine lange Schlange. Plötzlich höre ich hinter mir: „Dieser Scheißstaat!“ Ich drehe mich um. Da steht ein großer und schlanker junger Mann, kurze Haare, Lackaffengesicht. Sicher einer von der Sorte der bezahlten Provokateure. Man will, daß man darauf reagiert. So ein Idiot! Später steige ich die Gangway hoch und winke zu der Aussichtsplattform hin, schwenke ein orangefarbenes Frottèhandtuch, alle Passagiere winken mit Schals oder Tüchern. Cleo winkt zurück. Henry verschwindet im Bauch des Flugzeuges. Neben der startbereiten Interflug-Maschine steht eine „Finnair“. Cleo geht niedergeschlagen und heulend zurück ins Flughafengebäude. Plötzlich spricht sie ein finnischer Flugkapitän an: „Warum weinen sie? Haben sie Sorgen? Ausweis dabei? Ich nehme sie mit nach Helsinki!“ Verdattert schaut sie in ein sympathisches Gesicht. Keine Anmache, nur helfen wollen kommt da herüber. „Wieso, wäre denn das möglich?“ fragt sie den Fremden. „Ja, nur schnell junge Frau!“ Ein Bruchteil von Sekunden nur – und ihre Antwort: „Vielen Dank, es wird schon alles wieder. Ich bleibe bei meiner Familie. Sie sind ein mutiger Mann!“ Er geht, dreht sich noch einmal um und lächelt verständnisvoll ... So hätte Cleo eins-drei-fix in Finnland landen können – ohne Henry!

Der Flug nach Budapest. Henry hockt wie ein geprügelter Hund auf seinem Sitz. Er grübelt. Eine Idee reift heran. „Wie wäre es, wenn ich bei der DDR-Botschaft, bei der ich mich ja ohnehin melden soll, um eine offizielle Ausreisegenehmigung für Patricia und M. bitte.“ Das hieße, sie kommen mit nach Berlin, erhalten offiziell die Papiere und reisen ganz legal aus, und nicht über den illegalen Fluchtweg Ungarn, denn das fügt der DDR sehr großen Schaden zu. Etwa 13 oder 14.00 Uhr: Landung in Budapest, schreibt Henry später. War noch nie hier. Muß mich durchfragen. In der DDR-Botschaft sagt man mir, wie ich zum Malteser-Lager komme. Doch zu meinem „Vorschlag“ gibt es nur ein bedenkliches Kopfschütteln. Wieder einmal fehlgedacht. Auf zum besagten Lager. Kein Blick für die Stadt. Suche die Bushaltestelle. Im Bus nachdenkliche, ruhige und besoffene Leute. Einer sabbelt gebrochenes Deutsch: „Honni kommt und holt euch alle zurück!“ Ich fühle ringsumher Fremdheit, etwas, was ich weder gedanklich noch gefühlsmäßig voll begreifen kann, bin ein Spielball der schief gelaufenen Geschichte. Ich weiß nur, du mußt Patricia finden, ihr paar liebe Dinge sagen, und dann schnell wieder zurück zur Cleo, alles andere kann mir so ziemlich gestohlen bleiben. Am Tor des Malteser-Lagers: Man ist mißtrauisch, prüft und wendet meinen Paß und meinen Personalausweis hin und her. Verständlich, haben nach meiner Kenntnis schon andere versucht, hier Leute wieder herauszuholen, auf illegale Art natürlich. Ich versichere, nur meine Tochter sprechen zu wollen. Man zuckt die Schultern in der Aufnahme. Man fragt erstaunt, wieso ich so schnell einen Paß bekommen habe? Ich verweise auf die „Macht“ des Fernsehens. Das sehen die ein. Aber: Bei 2500 Leuten, wie meine Tochter finden? Man versichert, sie suchen zu lassen, inzwischen solle ich an der Anschlagtafel einen Zettel anheften. Die Suchzeilen sollen so abgefaßt werden, daß Patricia mich anhand des Inhalts ohne weiteres erkennen könne. 17.00 Uhr. Sitze auf einer Bank am Rande eines kleinen Platzes mit der besagten Wandtafel. Stiere unruhig in die Runde. Wer soll das alles begreifen? Mütter mit Kleinkindern, junge Leute - alles Feinde? Sie kehrten uns den Rücken. Warum nur? Warum machen wir eine so dumme Politik? Ich schäme mich für diese „Arbeiterpolitik“, möchte am liebsten im Boden versinken, bin einfach sprachlos und es schmerzt die Seele. Wo soll das alles hinführen? Und was soll ich tun? Hier auf gut Glück warten? Und wenn der Abend hereinbricht und nichts tut sich? Habe noch keine Übernachtung, morgen werde ich Patricia finden müssen.

Langsam stehe ich auf, nehme meinen kleinen schwarzen Koffer, bin tieftraurig, mutlos. Irgendwo muß der Ausgang aus diesem weitläufigen Lager sein, ich folge einfach einem Weg. Junge Leute stehen Schlange an einer Baracke, vielleicht das Abendessen, denke ich und schlurfe langsam weiter. Plötzlich höre ich hinter mir einen Ruf, der mir durch Mark und Bein geht: „Papa, Papa ...!“ Diese Stimme - es die Tochter. Schnurstracks drehe ich mich um. Natürlich, da kommt sie schon auf mich zugestürzt – unsere Patricia!!! Bei der Umarmung sagt sie, ich sei ein Abenteurer, hierher zu kommen. Ich begrüße auch M., ihren Freund, der wohl glaubte, ich würde ihm ernsthafte Vorwürfe machen. Wenig später sitzen wir am Rande eines Fußballplatzes, essen ein wenig, trinken, und sprechen über all die Probleme und Sorgen der jungen Leute. Ich versuche zu verstehen, begrüße zwar nicht den Weg über Ungarn, aber das ist nun kein Thema mehr. Inzwischen ist es 21.00 Uhr geworden. Patricia schreibt noch schnell ein paar Zeilen für Mama, dann verabschieden wir uns. Im halbleeren Flughafengebäude wartet ein zermarterter und im Kopf leicht wirrer Vater auf den Rückflug in den frühen Morgenstunden ...

Gegen 12.00 Uhr mittags ist Henry wieder bei Cleo. Sie ist aufgeregt. Rini sitzt im Wohnzimmer, heult, hat heute Geburtstag. Sohn Patrik kommt, seine Mama möge eine Urkunde ausstellen, er will den Eltern den Wartburg schenken. Wozu denn das? Eine Ahnung, eine Gewißheit: Ein weiterer Tiefschlag. Auch er geht! Henry ist müde und zerschlagen, kann nicht mehr kämpfen, fällt matt ins Bett. Mutter und Sohn beschließen, schnell noch alle Pflanzen aus seiner Wohnung zu holen, bevor die Polizei sie versiegelt. Zuviel Zeit vergeht. Cleo schaut sehr beunruhigt aus dem Fenster. Da sieht sie vor dem Haus sein Auto stehen. Mit Pflanzen beladen, aber ohne ihn. Hat ihn die Stasi schon geholt? Cleo faßt sich ans schmerzende Herz ... Hoffentlich kein Infarkt. Indessen trudeln Geburtstagsgäste für Rini ein. Was sie miterleben, ist nicht gerade ein jubelnder, sondern ein tränenreicher Haufen voller Unglücksraben. Da klingelt es stürmisch. Pati ist da! Er habe seine Freundin A. vor der Haustüre getroffen, die auf dem Weg zur Geburtstagsparty war. Wieder einmal habe es zwischen den beiden Streit gegeben. Diesmal mit erfreulichem Ausgang: Patrick läßt seinen Zug nach Ungarn sausen und bleibt hier ... Cleo, Henry, Irina und acht Geburtstagsgästen fällt ein riesengroßer Stein vom Herzen...
(Textauszüge: Harry Popow - „In die Stille gerettet“. Persönliche Lebensbilder. Engelsdorfer Verlag, Leipzig, 2010, 308 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-86268-060-3)