Dienstag, 7. August 2012

Der brave Soldat

Ich hätte mir als 75jähriger und einstiger NVA-Oberstleutnant nicht unbedingt träumen lassen, mit einem Bundeswehroffizier Aug in Aug zu diskutieren -  unserem damaligen Gegner. Seit ich die NVA verließ war ich gerade man fünfzig Jahre alt. Und den ich dieser Tage im Verteidigungsministerium sprechen und Vortrag halten hörte, ist wohl etwa 40 Jahre jünger. Kurz: Es handelte sich um eine Gruppenveranstaltung an einem sehr warmen Augusttag des Jahres 2012 mit einem Offizier für Öffentlichkeitsarbeit – also ein organierter Besuch beim Ministeriums mit anderen interessierten Leuten.

Was hatte sich wohl verändert im Wesen und Auftrag der Bundewehr seit der sogenannten Wende? Zumal der „Gegner“ nicht mehr existiert? Aus Zeitungen kann man viel lesen, aber so als Augenzeuge einen offiziellen Vertreter sprechen zu hören – das ist schon was Besonderes.

Nein, der junge Mann hatte kein „klassenfeindliches“ Äußere. Weder im Auftreten noch in seinen Worten. Ganz im Gegenteil: Forsch, jung, schlank, gekleidet in einer schicken weißen Uniformbluse, Schulterstücken und dunklen langen Hosen, frei redend, gleich zum Anfang durch witzige Bemerkungen zum Lachen herausfordernd. (Ich erinnere mich an einen Besuch im Bundestag. Die Beamten traten ähnlich auf gegenüber ihren gläubigen Zuhörern: Frisch, frei redend, wortgewandt, unschlagbar argumentativ.)

So auch der Öffentlichkeitsapostel. Zur Sprache kamen: Die Struktur der Bundeswehr, deren Einsatzgebiete, ob in Afghanistan oder am Horn von Afrika. Ich verglich mit Vorträgen in der NVA: Da wurde sehr oft zuerst die politische Lage analysiert. Das war der Ausgangspunkt jeglicher Diskussion. Nicht hier. Anfangs nur paar einführende Worte. Und schon schloß sich seine Aufforderung an, Fragen zu stellen.

Ich startete mit drei. Erstens, wie steht die Budeswehr zur USA-geplanten Raketenstationierung in Europa? Zweitens: Was hält der junge Mann von des Bundespräsidenten Rede zur Bundeswehr, in der er forderte, man müsse auch sein Leben lassen für die Freiheit? Drittens: Wie sieht er den einstigen Auftrag der NVA?

Klare Antworten: Ja, man erfülle strikt die Aufgaben im Rahmen der NATO zum Schutz von Freiheit und Staat. Die Rede des Herrn Gauck sei gut gewesen. Zur NVA habe er keine Meinung, einige NVA-Leute seien ja mit übernommen worden. Das sei nun Geschichte. Nun ja, eine andere Antwort hätte mich verblüfft.

Immer wieder fällt die Formulierung „vorausschauende Sicherheitsvorsorge“. Dazu trage die Führung der Bundeswehr, zusammen mit Parlament und Regierung, eine große Verantwortung. Er kommt auf den Verteidigungsminister zu sprechen. Das sei ein ziviles Amt.

Frage an den Offizier: Mancher Friseur maßt sich an, auf Mallorca Würste zu verkaufen. Warum hat der Verteidigungsminister keine militärische Ausbildung?

Antwort: Er habe ja genügend Berater im Ministeruium. Seine Aufgabe sei vor allem politischer Natur, um auch der Bundeskanzlerin beratend zur Seite zu stehen.

Bemerkung von mir: Unser Armeegeneral Heinz Hoffman hatte beides: eine hochqualifizierte militärische Ausbildung und eine hochgradige politische Bildung und Erfahrung. (Lacher in der mehrköpfigen Runde.)

Weiter der Buwe-Mann: Er veranschaulicht u.a. an Beispielen die Auslandseinsätze der Armee. Als sein nahezu spürbarer Stolz auf die „Verantwortung“ Deutschlands für Ruhe und Ordnung in der Welt einen gewissen Höhepunkt erreicht, wird ihm die Frage gestellt, welche Feinde denn die Bundewehr habe.

Er zählt auf: Terroristen, Schurkenstaaten, Unruhen, instabile Länder…

Frage an ihn: Angesichts der weiteren Krisenverschärfung könne es zu sozialen Unruhen weltweit kommen, auch dann?

Er nickt, ich glaube Verlegenheit in seinem Antlitz wahrzunehmen…

„Danke“, sage ich, „das reicht!“

Weitere interessante Fragen von den Zuhörern gab es konkret zu Afghanistan und zur Funktion von Drohnen. Der Offizier antwortete mit zahlreichen Fakten. Er stand wirklich im Stoff.

Zum Abschied reiche auch ich ihm die Hand. Danke für den gekonnten Vortrag. Er ist bestimmt ein guter Diener seines Staates. Ich sage: Ich war Oberstleutnant der NVA und bin stolz darauf. Das Nur-Befehlsempfänger-Dasein war bei uns allerdings verpönt. Wir strebten nach mehr, nach viel mehr…

Der junge und durchaus sympathische Repräsentant der Bundeswehr lächelt. Er ist der Sieger – der stramme und brave Soldat.

Und mir ist kalt geworden.