Mittwoch, 1. Februar 2012

Transparenz von EINS & EINS


Offener Brief eines 75jährigen an die Piraten-Partei

Liebe Piraten-Partei,

   es bedarf wohl keiner Entschuldigung, wenn ein 75jähriger alter Mann Euch sympathisch findet und deshalb ein paar Wort loswerden möchte – in aller Offenheit, nachvollziehbar für andere, so wie Ihr es auf Eure Piratenfahne geschrieben habt. Kürzlich veröffentlichte ich online einen Beitrag zur Armut/Obdachlosigkeit in Deutschland. Darauf die Reaktion eines Users: Und was tust Du? Ich freute mich darüber, ist die Frage doch sehr berechtigt.

Meine Antwort an den User u.a.: Ich gehe zur Demo gegen Fluglärm. Ich bin 75, und es macht mir Spaß, mich noch zu rühren. Aber ich bin in keiner Partei mehr. Wäre ich jünger - dann die Linke oder die Piraten, aber die müssen erst so richtig Boden unter die Füße bekommen, philosophisch, politisch, gesellschaftlich. Das Gute bei denen: Sie gehen unvoreingenommen ran. Noch nicht korrumpiert!! Zu hoffen: Dass der Wind in deren Segeln nicht nachläßt. Das ist schwer genug, sehr sogar... Sie brauchen viel Kraft. Zu mir nochmals: Ich verteile auch Flugblätter, wenn es gegen den Fluglärm geht. (Weil Armut und Nur-Wirtschafts-Denken sowie marionettenhaftes Verhalten der Politik nur Symptome sind...)

Stunden später folgende Reaktion dieses Users: Ich verstehe nicht, was hat Obdachlosigkeit mit den Protesten gegen Fluglärm zu tun?

Muß ich das noch kommentieren? Obwohl – verstehen kann ich diese Frage. Nicht jeder zählt EINS plus EINS richtig zusammen. Dabei meine ich nicht die Mathematik… Es geht um mehr. Noch ein Beispiel: Ein Demonstrant auf dem Friedrichshagener Marktplatz erhob – ebenso wie tausende andere – seine Stimme gegen Profitmaximierung, der eigentlichen Ursache der Verarschung des Volkes hinsichtlich der Flugrouten vom Schönefelder Flugplatz. Tage später lese ich ein Interview mit ihm in einer Zeitung. Da verkündet er „lautstark“, er hasse den Kommunismus. Fluglärm und Jagd nach nur wirtschaftlichen Interessen – zwei unterschiedliche Symptome, die nicht zusammenpassen? Welch ein Spagat, ein politischer…!!

Hunderte Beispiele sind hier anzufügen: Symptome, Symptome – Erscheinungsformen einer absackenden Gesellschaft fügt man schnell aneinander. Welch ein Geschwafel oft. Und um die eigentlichen tieferen Gründe für die geistige Verwahrlosung, für jegliche Mißstände, da macht man einen großen Bogen. Da stehen Schilder: Vorsicht „Umgehungsstraße!“

Transparenz: Alles durchsichtig machen! Wird es nicht schon genug gemacht? Bei Politikern, bei Künstlern? In deren Privatsphäre? Aber es geht um mehr! Wer schaut hinter die Kulissen? Ihr wollt es tun. Schön und gut. Aber was tun, wenn man konkreter als bisher mitkriegt, wie Politik vom Kapital abhängt? Selbst wenn, wer sieht da überhaupt Zusammenhänge? Wer denkt darüber gründlich nach? Und was ist da zu tun, um die Gesellschaft zu verändern?

Vorgänge in der Regierung und in der Gesellschaft transparent zu machen dürfte wohl nach und nach gelingen, so schwer das auch sein wird. Die Widerstände kann man sich schon heute ausmalen. Noch wichtiger allerdings: Verbindungslinien zwischen Symptomen zu schaffen. Zusammenhänge verdeutlichen. Sichtbar machen. Offen legen. Durchscheinend machen, nachvollziehbar!

Mein User sollte also langsam darüber nachdenken, dass zum Beispiel Armut/Obdachlosigkeit und unzumutbarer Fluglärm nur zwei Seiten einer Medaille sind, einen einzigen, längst bekannten Ursprung haben. Eine Einsicht, die doch wohl nicht so schwer zu vermitteln ist, oder? Wenn Ihr als Piraten-partei solche Denk- und Handelsanstöße mit auf den Weg bringen könntet… Transparent machen heißt doch vor allem: Das EINS & EINS im politischen Bereich. Dafür Beifall schon jetzt! (Dann würde ich gerne noch einmal jung sein!)

Harry Popow