Samstag, 10. November 2012

Wer den Milchstrom bestimmt…


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Mein Leben mit Rindviechern … / Dr. Rolf Funda

Meine Meinung zu einem Buch der privaten Erinnerungen / Harry Popow

Hellwach ist der Mann. Aktiv ist der Mann. Will als über Siebzigjähriger eine feste Bleibe für Erinnerungsliteratur einstiger DDR-Bürger aus dem Boden stampfen. Kommt in die Zeitung. Wird interviewt. Dr. Rolf Funda heißt unser Mann. Ziemlich bekannt als Tierarzt im Norden der damaligen Republik. Nach der sogenannten Wende im Landtag von Sachsen-Anhalt tätig. Und als Bürgermeister in Löderburg. Und, und, und… Ein Tausensassa!

Und nun hat er sein Fühlen, Denken und Handeln zu Papier gebracht. Mit einem schwerwiegenden Buch, das immerhin  410 Seiten umfasst. Titel: „Mein Leben mit Rindviechern, Politikern und Menschen“. Das erste Schmunzeln beim Leser ist ihm damit schon sicher. Da steht er nun, blättert all seine Erlebnisse, Träume, Abenteuer, Erfahrungen und auch Missgeschicke hin, nimmt zur Genugtuung der Leser manche Ungerechtigkeiten und Borniertheiten aufs Korn. Das alles allerdings zu lesen nur für seine Kinder, Enkelkinder, nahe Verwandte und gute Bekannte.

Ein starker Charakter, der sein sinnerfülltes Leben, sein Wirken, seine erlebten Werte nicht unter Verschluss hält. Ich jedenfalls habe sein Buch mit zunehmender Atemlosigkeit verschlungen. Was für ein kraftvolles Menschenleben! Was für eine selbstlose Hingabe – nicht für sich selbst, für mehr, für die anderen, für die große Gemeinschaft!

Was für hörige BILD-Leser und andere leicht geistig vernebelte Kleingeister nahezu unmöglich erscheinen mag: Ein kleiner Junge im Osten Deutschlands, nach 1945 in der einstigen DDR als Kuhjunge in der bäuerlichen Landwirtschaft aufgewachsen, hatte alle Chancen, sich bis zum Tierarzt ohne Kostenbeteiligung hochzuarbeiten. Was besonders ins Auge sticht: Er hat ein gutes, ein nutzbringendes Leben hinter sich gebracht. Darauf kann er stolz sein, sehr sogar.

Ich, der gleichen Generation wie der Autor angehörend, habe selten eine so interessante und spannende Autobiographie gelesen wie diese. Allein der große Abschnitt seiner Kindheitserinnerungen spiegeln ein nicht leichtes aber vielseitiges und in sozialer Sicherheit vollbrachtes Dasein wider. Dies mag nicht einmalig sein, dafür aber hat der Autor aus dem Gedächtnis, wie er schreibt, so eine Menge an Details ans Licht befördert, dass allein schon deswegen Bewunderung angebracht ist.

Unser Mann hat etwas zu erzählen und er kann es auch - angefangen von der Kindheit, über Schule, Soldatsein, Universität, Kreistierarzttätigkeit, Landtagsabgeordneter (nach der Wende) bis zu den Mühen eines Bürgermeisters. Was zunächst aussehen mag nach einer etwas langweiligen Chronologie – sie ist es aber nicht. Im Gegenteil. Der Autor versteht es, in kurzweiligen - nahezu literarisch gestalteten – Episoden, sein Leben wie ein schönes Mosaik zusammenzusetzen. Es trägt dazu bei, den Text sehr anschaulich und bewegend zu gestalten. Auch läßt er die Leser nicht im Regen stehen,  wenn er mal gedanklich vorauseilt, mal zurückblickt und mal kurze Kommentare einfügt. Man weiß halt, wo man bei ihm dran ist.

Manch einer mag sich zunächst auch nicht so recht mit zahlreichen Fakten auf dem Gebiet z. B. der Veterinärmedizin anfreunden, sollte jedoch bedenken, daß gerade berufsspezifische Details dazu beitragen, die Anstrengungen und Erfolge der handelnden Personen richtig einzuschätzen.

Auf entscheidende Werte möchte der Rezensent aufmerksam machen: Das ist die Liebe des Dr. Funda zu den Menschen, zur Arbeit, zu einem ausgeprägten Verantwortungsbewußtsein für das, was er tut. Er formuliert das so: „Wenn ich irgendwo mitmache, mache ich das auch auch immer gründlich…“ Das ist sein hohes Engagement, ob im Kuhstall oder später als Tierarzt. Das ist nicht zuletzt seine Fähigkeit, sich bei Widrigkeiten durchzuboxen, dem Mittelmäßgen die Stirn zu bieten. Der Mann hat eben Charakter. Punkt.

Es ist eine Freude zu lesen, wie er seinen Vater beschreibt, der als Melker, als Rindernarr und Rinderfachmann in seinem Kuhstall beste, im ganzen Kreis bekannte, Ergebnisse erzielte. Dessen Leitspruch: „Der Mensch bestimmt den Milchstrom.“ Er hatte „während seines gesamten beruflichen Lebens Pünktlichkeit, Gewissenhaftigkeit und Sauberkeit zu seinen höchsten Maximen gemacht“, so sein Sohn Rolf und Autor dieses Buches. Die Arbeiter-und Bauern-Macht hätte ihn, der seit 1923 Mitglied der KPD war, gerne als Funktionär eingesetzt, doch er blieb bis zu seinem Tode seinem Kuhstall treu.

Was Wunder, wenn bereits der fünfjährige Sohn Rolf seine Liebe für den Kuhstall und für Rinder entdeckte. Er notiert: „Sehr frühzeitug habe ich das Melken erlernt. Manchmal habe ich unter einer Kuh gesessen und an den Zitzen genuckelt (…)“ Den Wert der Arbeit auf dem Bauernhof, die körperlichen Plagen und den notwendigen Fleiß besingt der Autor förmlich mit charakterisierenden Schilderungen:  Halb vier ging Vater in den Kuhstall. Er mußte die Einstreu erneuern, die Kuhfladen der Nacht nach hinten befördern, den Kühen Schrot und andere Konzentrate geben, melken, füttern, misten, Kühe putzen, Da auch noch die größeren Kälber, Jungrinder und Schweine zu versorgen waren, kam der Vater selten vor halb zehn Uhr nach Hause. Nach dem Frühstück Garten graben, Brennholz hacken, Ziegenstall ausmisten. Und er, der Autor? Er mußte als Fünfjähriger `Scheiße wegräumen´, das heißt mit der Mistgabel die Haufen der Kühe wegräumen, damit diese sich ins trockene Stroh legen konnten.

In späteren Jahren, da war er bereits Wachsoldat und im Personenschutz tätig, berichtet er von seiner beginnenden Liebe zu Anne, das ist so schön zu lesen und macht den Autor sympathisch, zumal er noch heute mit seiner Angebeteten zusammen und sehr glücklich ist. Schmunzelnd nimmt man auch seinen Witz, seinen draufgängerischen Humor zur Kenntnis. So, als er von einem Propusk (Ausweis) der Sowjetarmee berichtet, den er einst für Hilfeleistungen in einem Objekt der Waffenbrüder, das er sehr oft wegen kranker Tiere betreten musste, erhalten hat. Diesen Ausweis DDR-Behörden vorlegend, bekam er umgehend Zutritt. So hatte er seinen Spass…

Charakteristisch für den Bauernjungen und späteren Tierarzt: Seine Ungeduld gegenüber allzu gleichgültigen Leuten, Feiglingen, Angsthasen, Philistern, Schmarotzern, Wendehälsen… Er beschreibt seine Haltung so: Er sei immer ans Limit gegangen. Ohne Schonung, was er auch von anderen verlangte. „Ob es sich um Leute über mir, Partner neben mir oder mir Unterstellte handelte, war mir völlig egal. Wenn sie nur halbherzig, ohne Lust und Engagement an die Lösung einer Aufgabe gegangen sind, habe ich sie heftig und nachhaltig kritisiert“, schreibt der Autor. Sein Vater sei ja auch so unduldsam gewesen.

Die Arbeitsweise des Bürgermeisters Funda zum Beispiel: In einer wichtigen kommunalen Angelegenheit schrieb er nicht ellenlange Briefe, sondern klingelte bei den Bürgern und suchte das persönliche Gespräch. (S. 359) So handelt einer, dem die Menschen wichtig sind. Mit innerem Groll denkt er dabei auch an DDR-Zeiten zurück, da es mit einer der größten Fehler war, „den Bauern alles, aber auch alles vorzuschreiben und es dann mit aller Macht durchzusetzen“. (S. 260)

Beeindruckend, wie der Tierarzt die Tierseuchenbekämpfung in der DDR beschreibt. Da mußte unter der Zeitangabe „X plus zwei Stunden“ nach Feststellung einer Seuche oder eines begründeten Verdachts das Seuchenobjekt hermetisch abgeriegelt sein. Der betroffene Landkreis erhielt dann mit Unterstützung des Bezirkstierarztes und seinen Leuten sehr schnelle Hilfe. „Wenn ich mir heute die Tierseuchenbekämpfung in diesem Land anschaue, kriege ich das kalte Gruseln“, so Rolf Funda. Schließlich hatte er zu DDR-Zeiten als Kreistierarzt und damit im Kreis als oberster Tierseuchenbekämpfer eine zwanzigjährige Erfahrung. So schreibt er weiter: „Und deshalb kann ich den Dilletantismus der Gegenwart gut beurteilen. Tritt eine Seuche auf, hüpfen –zig Journalisten zwischen Bauern, Feuerwehr und THW-Leuten , Beamten und anderen angeblich wichtigen Personen herum.“

Ob zu DDR-Zeiten oder dann im Landrat oder als Bürgermeister – Rolf Funda hält nicht still, wenn er auf Borniertheit und Arroganz trifft, wenn klug durchdachte Vorschläge im Interesse der Menschen in den Wind geschlagen werden. Da kann er mitunter mit der Faust auf den Tisch hauen, auch in Form von Protestbriefen wegen des Sputnikverbotes vor der Wende. Auf Seite 302 schreibt Dr. Funda: „Erst angesichts des drohenden Zusammenbruchs gab ich mein Schweigen auf und wurde aktiv.“ Am 9. Oktober 1989 schrieb er einen Brief an den 1. Sekretär der Bezirksleitung Magdeburg, Politbüromitglied Werner Eberlein. Er forderte dringende Veränderungen, kritisierte scharf die Stagnation in der SED. Doch „Antwort bekam ich nicht.“ Ein weiterer Brief folgte. An die Kreisleitung der SED. Auch hier Sendepause! Nach der Wende protestierte er gegen Berufsverbote (kletterte sogar über eine Absperrung) und gegen Diskriminierungen gegenüber DDR-Bürgern. Mit Widerwillen registrierte er vor allem diejenigen ehemaligen SED-Leute, die schnell ihre Fahnen nach dem neuen Wind drehten, den Schleimern, wie er schreibt.

Er macht keinen Hehl daraus, als Wachsoldat dem MfS gedient zu haben. Gleichermaßen ehrlich gesteht er die Fehler ein, die u.a. auch durch die „flächendeckende Überwachungstätigkeit“ durch das MfS als einen wesentlichen Grund für den Zusammenbruch der DDR sieht. Nicht ohne Wehmut stellt auch er – wie zahlreiche ehrlich gebliebene einstige DDR-Bürger -  fest, dass mit „dem traurigen Ende dieser versuchten Alternative (…) der Kapitalismus seine Tarnmaske vom Gesicht genommen (hat), zeigt er sich so unersättlich, wie ihn Marx schon beschrieben hat.“

Bleibt nur hinzuzufügen: Der lebendige Lebensbericht des Dr. Rolf Funda erhält sein besonderes Gewicht durch die kostbaren Erfahrungen, die der Autor auch nach der Wende in den verschiedensten Funktionen ausgeübt hat, da er so Vergleiche anstellen konnte und immer öfter bestätigt bekam – wie kann es anders sein - , dass dieses kapitalistische System keine Perspektive hat, keine, die für die Menschen vor allem in sozialer Hinsicht bitter notwendig wäre. Das Buch des Dr. Funda - es ist der aufrechte Gang einer starken Persönlichkeit, die den Sinn des Lebens in einer zukünftigen Zivilgesellschaft, frei von Ausbeutung und Krieg, sieht. Wie lautete der Spruch seines Vaters? Der Mensch ist es, der den „Milchstrom bestimmt“. Eben…

Deshalb der uneingeschränkte Dank an den Trutz-Bauer mit Doktorhut mit guten Wünschen für seine Bemühungen um eine Erinnerungsbibliothek zur DDR-Geschichte.
(„Mein Leben mit Rindviechern, Politikern und Menschen, Dr. Rolf Funda, Selbstverlag, 410 Seiten)

 
(„Wer sich ins Privatleben zurückzieht, ist deshalb kein Feigling, aber wer kämpft, ist kein Narr.“ Das schrieb Michael Benjamin in seinem Buch „Das Vermächtnis“ auf  Seite 67, edition ost)

PS.: Wer sich mit der Erinnerungsbibliothek näher vertraut machen möchte, der wähle folgende E-Mail-Adresse: http://www.erinnerungsbibliothek-ddr.de/