Sonntag, 4. März 2012

"Politisieren" durch entpolitisieren?

Am 03.03.2012 schrieb Gerd Schumann in der Wochenendbeilage der „jungen welt“ einen Beitrag zum Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR in Eisenhüttenstadt. Er schreibt von einem gut gesponserten Kampf des Kapitalismus gegen die Geister der DDR. Ich zitiere: „(…) Von Pioniertaten, Idealen und den Mühen der Ebene handelt die Dauerausstellung »Alltag: DDR« wenig. Erst recht nicht von den in Ideen und Utopien schlummernden Antriebskräften, die bei Entdeckung zur materiellen Gewalt werden können. Oder gar von einer Gesellschaft, in der die Arbeit des einzelnen allen nützt. Nein, in der Ausstellung – sie ist auf eine Dauer von zehn Jahren ausgelegt– findet sich kaum ein Wort über Moral und Ethik eines stets propagierten, und auch tatsächlich vielfach gelebten Miteinanders, das Alltag, Arbeit, Bildung, Freizeit, Privates durchzog. Folglich also auch nichts dazu, warum der Versuch, ein besseres Deutschland aufzubauen, scheiterte und vielfach zur dahergeplapperten Worthülse verkam. Damit bleibt ein bedeutender Aspekt, vielleicht der wichtigste, weil aufschlußreich für die Zukunft, ausgeklammert. Malochen nicht nur des schnöden Mammons wegen, Stahl für den Frieden? Nicht vorhanden. (…)“

Dazu meine Bemerkung, am 04.März 2012 von „jw“ online veröffentlicht:

Dank an den Autor Herrn Schumann für seinen klarsichtigen Bericht. Mich  interessiert als zeitweiligen Mitbewohner von Stalinstadt und Arbeiter im Eisenhüttenkombinat-Ost (Frühjahr 1959), welches Bild Alltags-Gegenstände aus der DDR den Unbedarften, vor allem den Jüngeren, vermitteln können? Und dann diese fast erwartete Feststellung des Autors: Die Ausstellungsmacher repräsentieren einen die gesamte Gesellschaft durchwirkenden Repressionsapparat, reduzieren das sozialistische Projekt auf Unterdrückung und Gängelung.

Dieser verlogenen Machtstrategie begegnet man im Politischen allemal: Da wird die Alternative zum Kapitalismus, die DDR, auf Diktatur und Stasi reduziert, da wird die Befreiung vom Faschismus auf „Kriegsende“ umgedeutet, da wird die Tatsache der zweiten Front durch die westlichen Allierten als der entscheidende Anteil des Sieges über Hitlerdeutschland hochsterilisiert, da werden die Opfer des Faschismus auf die Judenverfolgung reduziert, da werden Dichter wie Bertholt Brecht auf allgemeine Aussagen reduziert, also entpolitisiert, da wird der Griff des Kapitals auf die Energiequellen in Südostasien und anderswo auf den Kampf gegen Terror und für „Menschlichkeit“ verkleinert, da werden die Ursachen des I. und II. Weltkrieges auf den Kaiser und auf Hitler reduziert. Und, und, und…

Und nun auch dies: BRD-Kulturminister Bernd Neumann (CDU) spendete 784000 Sponsoring-Euro für die »Neugestaltung«, schreibt der Autor. Das heißt, der Minister und die Ausstellungsmacher, sie wollen durch „Politisierung“ die Ausstellung entpolitisieren, indem sie die hohe Moral und Ethik unseres einstigen DDR-Staates, dem großartigen Versuch, ein friedfertiges und besseres Deutschland aufzubauen, einfach unter den Tisch fallen lassen? Aber was erwarten wir denn von einem BRD-Minister? Verständnis für Moral? Das Reduzieren auf nur Materielles entspringt doch bekannterweise dem geistig-politischen Niveau der derzeit Herrschenden. Möge dieses Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR (DOK) trotz der äußerlichen Täuschungen und Teilwahrheiten Nachdenklichkeiten herausfordern. So leicht lassen sich die Bürger nicht mehr verblenden.
Harry Popow